Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.2014

Predigt zu Jesaja 42:1-4, verfasst von Hans-Hermann Jantzen

  1. Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine

  2. Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

  3. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

  4. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

  5. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

 

Liebe Gemeinde,

„Verstehst du auch, was du da liest?" so fragt Philippus den Kämmerer aus Äthiopien, als er zu ihm in die Kutsche steigt. Der antwortet ein wenig ratlos: „Wie kann ich, wenn mich niemand anleitet?" Mancher von Ihnen wird diese Szene aus der
Apostelgeschichte des Lukas kennen. Der Äthiopier war in die Schriftrolle des Propheten Jesaja vertieft und hatte sich an den sog. Liedern vom Gottesknecht festgebissen, zu denen auch unser Predigttext gehört. So kam ihm der fremde Anhalter auf der Landstraße gerade recht, und er sagt zu Philippus: „Ich bitte dich, vom wem redet der Prophet das?"

„Verstehst du auch, was du da liest?" So mögen Sie eben auch gedacht haben, als Sie die alttestamentliche Lesung gehört haben: „Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Völker bringen." Und vielleicht ist die Frage des Kämmerers auch die Ihre: „Von wem redet der Prophet das?"

Diese Frage beschäftigt die Bibelforscher bis heute. Und bis heute gibt es keine restlos befriedigende Antwort. Immerhin haben wir im Umgang mit der Hebräischen Bibel, unserem Alten Testament, gelernt, die Texte nicht vorschnell durch die christliche Brille zu lesen. Bleiben wir also zunächst bei dem Text und seinem historischen Hintergrund.

Die Kapitel 40-55 des Jesajabuches werden dem so genannten 2. Jesaja, Deuterojesaja, zugeschrieben. Er lebte im 6. vorchristlichen Jahrhundert und wurde mit der Oberschicht des Volkes Israel in die Babylonische Gefangenschaft verschleppt. Im Laufe der Jahrzehnte hatten die Israeliten fast alle Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat aufgegeben. Deuterojesajas Botschaft ist davon geprägt, sie zu trösten und aufzurichten. Am geschichtlichen Horizont taucht bereits der persische König Kyros auf, der in Kürze die Babylonier besiegen wird. Daher ist die Hoffnung auf Heimkehr durchaus realistisch und politisch begründet.

Auf diesem Hintergrund ist eine mögliche Deutung, dass der Prophet selber der Knecht Gottes ist, der hier mit feierlichen Worten proklamiert, eingeführt wird. Das hebräische Wort ebed, das Luther mit „Knecht" übersetzt hat, bezeichnet eine besondere Vertrauensstellung. Die griechische Bibel hat darum ebed mit pais, Kind, wiedergegeben. Das trifft es eigentlich besser. Der ebed genießt das volle Vertrauen Gottes. Er hat Gott auf seiner Seite. Er ist von Gott auserwählt. Er ist mit Gottes Geist begabt. Seine Botschaft „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." würde dann unmittelbar dem verzagten Volk Israel gelten.

Nun wird aber schon in diesen wenigen Versen deutlich, dass der Auftrag des Gottesknechts weit über das hin­ausgeht, was ein einzelner Mensch, was eine einzige historische Person zu leisten vermag. Bis an die Enden der Welt, dahin, wo die Erdscheibe am Rand zu bröckeln beginnt und sich Inseln bilden, soll er das Recht Gottes tragen. Damit bekommt die Gestalt des Gottesknechts eine endzeitliche, eine eschatologische Bedeutung: er soll die Königsherrschaft Gottes unter allen Völkern aufrichten. Religionsgeschichtlich ist dies ein wichtiger Wendepunkt: aus dem Gott Israels, einem Provinz- oder Nationalgott, wird der universale Gott und Schöpfer der ganzen Welt.

Genau an diesem Punkt möchte ich die Deutung des Gottesknechts nach vorn erweitern und auf Jesus ausdehnen. Aus christlicher Sicht ist das durchaus nahe liegend. Vielleicht sind Ihnen die Parallelen zum heutigen Evangelium, der Geschichte von der Taufe Jesu, schon aufgefallen. Mit der Taufe beginnt Jesu öffentliche Wirksamkeit. Gerade erst der Krippe und den Windeln entwachsen, wird er bald landauf landab verkündigen: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen." Wie der Gottesknecht, wird Jesus bei der Taufe mit dem Geist Gottes ausgestattet. Und ähnlich wie beim Gottesknecht bekundet eine Stimme vom Himmel: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Kein Wunder, dass die ersten Christen, selbst aufgewachsen im jüdischen Glauben, auf ihre ureigene religiöse Tradition zurückgreifen und das Wirken Jesu mit dem Auftreten des Gottesknechts deuten. Besonders das vierte Lied vom stellvertretenden Leiden des Gottesknechts spielt später in der Kreuzestheologie eine große Rolle.

So wirft das alttestamentliche Gottesknechtslied ein bezeichnendes Licht auf das Leben und Wirken Jesu. Er hat Teil an dem zentralen Auftrag des Gottesknechts, das Recht Gottes unter die Menschen zu bringen. Allen Völkern soll er es bringen, nicht nur dem Volk Israel, bis an die Enden der Erde. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erde," lässt Matthäus den Auferstandenen am Schluss seines Evangeliums sagen. „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Das Recht Gottes ist in der Bibel weit mehr als nur ein starres Gesetz, in Stein gemeißelt. Es beansprucht keinen Wert an sich. Gottes Recht zielt auf das Wohl der Menschen. Es klärt ihr Verhältnis zu Gott und zueinander. Es ist ein Orientierungsrahmen für das Zusammenleben, ein Schutzraum für das Leben.

Zugleich schwingt in dem Begriff auch die Bedeutung „Urteil" mit. Das zeigen vor allem die beiden Bilder vom geknickten Rohr und vom glimmenden Docht. Sie stammen aus der Gerichtssprache. In einer rituellen Handlung wurde über dem Verurteilten der Stab gebrochen. Sein Lebenslicht wurde ausgelöscht. Wenn von Gottes Recht zu reden ist, beinhaltet das also zugleich ein „Rechtsurteil" über uns Menschen. Da wir uns nicht an Gottes Weisungen halten, werden wir vor ihm schuldig. Wir verdienen das Todesurteil. Aber Gottes Urteil ist kein Vernichtungsurteil! Er will, dass wir leben. Er will unser Leben und das der anderen schützen. Darum ist Gottes Gerechtigkeit nicht ohne den komplementären Begriff der Barmherzigkeit zu denken. Der liebende und versöhnende Gott ruft die schuldig Gewordenen auf den Weg des Lebens zurück. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, heißt das später bei Paulus.

Viele Texte des Neuen Testaments zeigen, dass Jesus seine Sendung genau so verstanden hat. Er bürgt mit seiner ganzen Person für die Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Denken Sie an sein Gleichnis vom verlorenen Sohn oder daran, dass er sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzt, um ihnen zu zeigen: Ihr seid für Gott kein hoffnungsloser Fall. Jesus hat die Menschen durchaus mit ihrem Fehlverhalten konfrontiert und hat sie zur Umkehr gerufen, aber er hat ihnen das Recht Gottes nicht um die Ohren geschlagen. Er hat für Gottes lebensdienliches Recht geworben, aber er hat es nicht zum starren Buchstaben gemacht. Er will die Menschen in den Schutzraum des Lebens locken.

Wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Die Sendung des Gottesknechts und die Sendung Jesu sind nicht abgeschlossen. „Die Inseln warten auf seine Weisung," heißt es im Schlussvers unseres Predigtabschnitts. Es steht noch etwas aus. Der Gottesknecht in der jüdischen Tradition wie auch Jesus Christus in unserm christlichen Glauben sind erst ein „Angeld" auf das Reich Gottes, auf seine weltweite Königsherrschaft. „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden," beten wir darum an jedem Sonntag.

Wie geht die Geschichte weiter? Es gibt noch eine weitere Nuance in der Deutung des Gottesknechts, die sog. „kollektive Deutung". Der Auftrag ist so gewaltig, dass ein einzelner ihn nicht bewältigen kann. Das ganze Volk Gottes ist aufgerufen, das Recht Gottes in die Welt zu tragen. Das Volk des Alten Bundes genau so wie das des Neuen Bundes.

Jetzt kommen wir also ins Spiel, alle, die wir in unserer Taufe Anteil an der Sendung Jesu haben. Nach unseren Kräften und Möglichkeiten sollen wir für das Recht Gottes eintreten, sollen den Schutzraum des Lebens achten, indem wir Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Einklang bringen. Wir sollen das Leben in der Natur schützen, die Artenvielfalt der Tiere und Pflanzen bewahren und vor allem das Leben der Menschen, aller Menschen, wie einen Augapfel hüten. So wie Jesus sich besonders zu denen gesandt wusste, die dem geknickten Rohr und dem glimmenden Docht gleichen, so sind uns besonders die Notleiden, die Verfolgen und Geschundenen auf die Seele und vor die Füße gelegt.

Die neue Jahreslosung weist uns in diese Richtung: „Gott nahe zu sein ist mein Glück." Glück im Sinne Jesu ist immer auch das Glück der Anderen. Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, betont darum in seiner Neujahrsansprache: „Die Frage, wie wir in unserem reichen Land mit Menschen umgehen, die Not leiden, bleibt eine zentrale Frage des Neuen Jahres. Die Bibel ermahnt uns, die Mitmenschen im Blick zu behalten, besonders diejenigen, die Hilfe brauchen. Deshalb sollen wir auch im nächsten Jahr nicht nachlassen, auf die Wunden dieser Welt zu schauen."

Der Gottesknecht erfüllt auch eine politische Mission, wenn er die Welt mit Gottes Recht konfrontiert. Allerdings nicht im rechthaberischen, gewalttätigen Sinn, sondern leise, behutsam, werbend, menschenfreundlich. So wie der große Gott im Kind von Bethlehem zu uns gekommen ist. Wenn wir seinen Weg nachgehen, werden wir keine Eigeninteressen verfolgen. Wir werden unser Handeln an Gottes Willen ausrichten und unsere politischen und wirtschaftlichen, auch die kirchlichen Entscheidungen vor ihm und den Menschen verantworten. Betätigungsfelder, an denen wir gebraucht werden, gibt es mehr als genug.

„Verstehst du auch, was du da liest?" Ich hoffe, unser Nachdenken über den Gottesknecht lässt uns besser verstehen, wie wir alle in die große Sendung Jesu mit eingebunden sind. Bei der Taufe haben wir Gottes Geist empfangen. Er hat uns seine Zusage gegeben: Ich halte dich, ich bleibe bei dir. Ich will das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Mit diesem Rückhalt können wir getrost durch das neue Jahr gehen.

Amen.



Landessuperintendent i.R. Hans-Hermann Jantzen
21335 Lüneburg
E-Mail: hans-hermann.jantzen@evlka.de

(zurück zum Seitenanfang)