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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.2014

Predigt zu Jesaja 42:1-4, verfasst von Christian Anders Winter

Gnade sei mit euch von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

das war es dann wieder mit Weihnachten. Ich vermute, so langsam wird auch der letzte Weihnachtsbaum aus der Stube verschwunden sein und hat seinen Weg zum Sammelplatz gefunden, um am 21. Februar zum Biikefeuer [Anm. d. Verf.: nordfriesische Tradition – mit einem großen Feuer – vergleichbar dem Osterfeuer – soll der Winter vertrieben werden] beizutragen. Wir können also wieder zum Alltag übergehen, den Blick nach vorne richten, dabei  – „nach dem Fest ist vor dem Fest“, um ein bekanntes Fußballsprichwort abzuwandeln; es sind ja auch nur noch 346 Tage, und dann ist wieder Weihnachten – Zeit also, sich schon jetzt darauf vorzubereiten und sich Gedanken über die Gestaltung des Festes zu machen…

Zugegeben, ich vermute, die meisten von Ihnen werden sich jetzt fragen: was soll das denn nun? Dass Weihnachten gewesen ist, das wissen wir ja nun wirklich alle, und das auch 2014 wieder Weihnachten sein wird, ist ja auch nichts Neues. Aber davon zu reden, dass man sich am 12. Januar schon wieder auf Weihnachten vorbereiten soll, das ist ja nun wirklich etwas absurd, oder? Klagen wir nicht gerade sonst immer davon, dass vieles an Weihnachts- und Adventsbrauchtum wie z. B. Lebkuchen und Marzipan schon ab spätestens September in den Läden auftaucht, dass alles irgendwie immer früher beginnt? Und doch – wenn man es einmal ganz genau nimmt, dann leben wir Christen ja eigentlich immer in einer Art „Adventssituation“. Auch wir warten auf die Wiederkehr Christi; damit leben wir gewissermaßen in einem beständigen „Schon jetzt und doch noch nicht“.

In genau so eine Situation des „Schon jetzt und doch noch nicht“ hinein sind auch die Worte unseres heutigen Predigttextes aus dem Jesajabuch gesprochen; dort heißt es im 42. Kapitel: So spricht der Herr: „1 Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. 2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. 3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. 4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zer­brechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.“           Jesaja 42, 1-4

Diese Verse gehören zu den sogenannten Gottesknechtsliedern; der uns unbekannte Verfasser – es handelt sich übrigens nicht um den eigentlichen Propheten Jesaja, sondern um jemanden anderen, der aber bewusst in seinem Namen etwas eine Generation später im Exil in Babylon schreibt – umschreibt in ihnen jemanden, der durch sein stellvertretendes Leiden, durch die Übernahme aller Schuld vor Gott, die endgültige Erlösung für das Volk bewirken wird. Bis heute ist nicht ganz eindeutig geklärt, auf wen sich diese Worte beziehen sollen; in der Forschung umstritten ist, ob dieser leidende Gottesknecht nun eine einzelne Person oder aber ein Bild für das Gottesvolk als Ganzes sein soll. Für uns Christen aber verweisen die Gottesknechtslieder direkt auf Jesus Christus. Für uns hat er ja durch seinen freiwilligen Tod am Kreuz alle menschliche Schuld und Sünde vor Gott getilgt.

Für mich ist spannend, wie in unserem Predigttext das Auftreten dieses besonderen Menschen beschrieben wird. Eher unauffällig, leise wird der in Erscheinung treten, auf dessen Schultern alle Hoffnung ruht: Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen – liegt da die Parallele zur Geburt im Stall nicht nahe? Auch Jesus, der König der Welt, der, mit dem sich für uns so viel an Hoffnung verbindet, ist ja eben nicht in einem königlichen Palast geboren worden. Er hat zwar in seinem Stammbaum so illustre Vorfahren wie Abraham und David aufzuweisen, aber dennoch findet seine Geburt unter armseligen Bedingungen statt, geschieht – trotz aller heilsverheißender Zeichen wie dem Stern am Himmel oder der Ankündigung durch die Engel – doch eher so, dass sie – von den Hirten und den Weisen aus dem Morgenland einmal abgesehen – vom Rest der Welt fast unbemerkt bleibt.

Und unser Predigttext fährt fort und beschreibt, wie dieser Gottesknecht handeln wird.  Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen – viel deutlicher kann man wohl nicht gegen alle Phantasien eines machtvollen, mit militärischer Stärke handelnden Helden sprechen, an den das Volk im Exil wohl eher seine Hoffnungen geknüpft hätte. Die Stärke des  Gottesknechtes ist eben nicht auf politische Bündnisse oder unbesiegbare Heere oder persönliche Höchstleistungen gestützt, sondern sie ist behutsam, ja, fast schwach. Erinnern wir uns: wir haben eben als Evangeliums Lesung die Schilderung der Taufe Jesu im Jordan gehört, und auch nach seiner Taufe – so beschreiben es zumindest die Evangelien – beginnt Jesus nicht gleich zu predigen, sondern wird sich zuerst für 40 Tage und 40 Nächte in die Wüste zurückziehen, wohl, um sich darüber klar zu werden, was für eine Art von Messias er denn nun sein will. Und während dieser Wüstenzeit wird er drei Mal vom Teufel versucht werden. Macht, Herrschaft, Reichtum – all dies wird ihm angeboten im Tausch dafür, dass er den Teufel als seinen Herren anerkennt. In bildhafter Sprache werden ihm die scheinbaren guten Seiten der Macht vor Augen geführt, all das, was Könige, Herrscher, Mächtige eben wie selbstverständlich erwarten dürfen. Jesus aber wird diese Versuchung von sich weisen, entscheidet sich ganz bewusst für einen Weg, der sich den Schwachen zuwendet, der eben das geknickte Rohr … nicht zerbrechen, den glimmenden Docht … nicht auslöschen [wird].

Der leidende Gottesknecht, der, der stellvertretend alle Schuld auf sich nimmt – ist das ein Bild, ein Vor-Bild, mit dem wir uns eigentlich wohlfühlen? Immer einmal wieder wird – auch von Kirchenvertretern – der Gedanke laut geäußert, dass das Kreuz als Symbol für das Christentum doch eigentlich viel zu grausam und abschreckend sei, und dass man ja vielleicht viel mehr Menschen vom Christentum würde begeistern können, wenn man stattdessen z.B. die Krippe und den Stall mehr in den Vordergrund rücken würde, die Menschenfreundlichkeit Gottes damit also betonen würde. Ja, vielleicht ist da tatsächlich etwas dran, vielleicht ist es für uns wirklich nur schwer auszuhalten, dass sich der, den wir als das Vorbild unseres Glaubens ansehen, der in Jesus Christus menschgewordene und uns damit ganz nah gekommene Gott, für uns leidet, sich für unsere Schuld freiwillig in den Tod begibt.  Nur: wer Jesus auf die Krippe reduziert, lässt ihn nicht erwachsen werden. Vielleicht ist es darum ja auch nicht zufällig, dass nur zwei von vier Evangelien überhaupt eine Weihnachtsgeschichte kennen, dass uns von der Kindheit Jesu – abgesehen von der einen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel – nichts weiter berichtet wird. Der, der für uns, für unseren Glauben so wichtig, entscheidend ist, das ist eben vor allem der erwachsene, der irdische Jesus und der auferstandene Christus. Es ist der, der sich den Armen und Ausgestoßenen zuwendet, der heilt, lehrt, den Menschen vom Reich Gottes erzählt. Zugleich ist es aber eben auch der Jesus, der seinen Weg konsequent bis zum Tod am Kreuz weitergeht. Aber – und das darf eben auch nie aus dem Blick geraten: sein Weg endet nicht am Kreuz, endet nicht im Tod, sondern auf Karfreitag folgt Ostern, folgt die Auferstehung, die Himmelfahrt und schließlich auch die Wiederkehr Jesu. Unser Predigttext schließt mit dem Satz: Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zer­brechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung – ein Wort der Hoffnung für das Volk im Exil, das Versprechen: auch das Leiden des Gottesknechtes ist nicht das Ende von allem. Dieser Satz ist aber auch eine Verheißung an uns und für uns. Er will uns sagen: mit Weihnachten, ja, selbst mit Ostern ist nicht alles zu Ende, sondern es wird wahr werden, was Christus uns immer wieder verheißen hat; das Gottesreich wird kommen, wird in seiner ganzen Fülle Wirklichkeit werden, und Christus wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten und zu unserem Heil. Wann das sein wird, das können wir nicht vorhersagen, und wir sollen auch nicht über einen möglichen Termin spekulieren – das wird uns nicht wirklich weiterbringen. Aber wir dürfen fest darauf vertrauen: es wird sein, denn Gott selber hat es uns versprochen! Und das ist doch etwas, was uns alle beruhigt und vertrauensvoll auch in dieses noch neue Jahr gehen lassen kann, oder? Möge Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist uns in dieser festen Hoffnung segnen und behüten und stärken – heute, morgen und an jedem Tag unseres Lebens. Amen.

 

 



Pfarrer Dr. Christian Anders Winter
Niebüll
E-Mail: christian.winter@disanet.de

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