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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Epiphanias / Tag der Darstellung des Herrn, 02.02.2014

Unsere Welt bewahrt durch Gott, durch menschliche Verantwortung gefördert
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:1-5.13-19, verfasst von Rainer Stahl


 

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!"

 

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Schwestern und Brüder,

„Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen,

und die Wasser fielen. Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt. Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen.

Am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat.

Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor. [...]

Im sechshundertsten Lebensjahr Noahs am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden.

Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war.

Am sechsundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken.

Da redete Gott mit Noah uns sprach: »Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.«

So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen" (Genesis 8,1-5.13-19).

 

I.

 

Es ist der 9. August 2007. Nachdem wir um 2.00 Uhr aufgestanden und um 2.40 Uhr vom Lager aufgebrochen waren, stehen wir früh 8.00 Uhr auf 5.165 Metern Höhe - auf dem Gipfel des Berges Ararat. Wir - das ist eine Gruppe von Wanderern und Bergsteigerinnen, die dieses große Ziel erreicht haben. Ich habe damals für diesen Moment die zitierten Verse aus der Bibel herauskopiert gehabt und auf dem Gipfel vorgelesen. Deshalb habe ich auch für heute den Ausschnitt des Bibeltextes verändert - einerseits verkürzt, andererseits verlängert. Die anderen in der Gruppe hatten von der Fluterzählung schon gehört. Aber keiner hätte sie in der Bibel gefunden - und keiner hatte sich eben im Vorfeld darauf vorbereitet.

Zwei Tage später haben wir dann gegenüber dem Berg Ararat auf etwa 1.900 m Höhe eine geologische Formation gezeigt bekommen, die manche als Hinweis auf versteinerte Reste der Arche deuten. Wir haben sie aber nur von ferne gesehen, von einem kleinen Hügel gegenüber, direkt auf dieser Formation haben wir nicht gestanden.

Ich bin auch der Meinung, dass man die Arche nie finden kann. Denn die biblische Fluterzählung will keine historische Information über ein vergangenes Ereignis geben. Sondern durch sie beschreiben ihre judäischen Verfasser des 6. Jahrhunderts vor Christus die Bedingungen der eigenen Lebenswelt zu beschreiben - die auch die Bedingungen unserer Lebenswelt sind:

Wir leben in einer gefährdeten Welt, der Gott als Schöpfer aber doch Bestand zugesagt hat.

Wir leben in einer gefährdeten Welt, deren Bestand wir nur durch die Einhaltung von Verhaltensregeln sichern können.

Aus der Flut geht eine Welt hervor, die Mängel aufweist, die gebrochen und nicht ideal ist. Aber doch sagt Gott uneingeschränkt „Ja" zu ihr.

Für uns Menschen ergibt sich daraus die Folge, dass wir eine hohe Verantwortung für die Welt und alles Leben auf ihr haben und dieser Verantwortung entsprechend leben sollen.

 

II.

 

Diese beiden Brennpunkte greife ich auf, die damals am Abschluss eines kleinen Vortrages standen, den ich am Abend des 11. August 2007 vor unsere Bergsteigergruppe gehalten hatte:

+ Gottes „Ja" zur unvollkommenen Welt,

+ der Menschen - unsere - Verantwortung im Rahmen ihrer / unserer Möglichkeiten.

 

II.1.

Auch wenn uns das - liebe Schwestern und Brüder - angesichts von Naturkatastrophen und Wetterunbilden schwer fällt zu glauben, gilt doch: Diese alte Geschichte fordert uns auf, Vertrauen aufzubringen. Sie lehrt uns: Gott bewahrt und schützt die Erde und das Leben auf ihr, nicht gefährdet er es oder zerstört es gar.

Das sollen wir glauben. Auch gegen andersartige Erfahrungen daran festhalten. Das ist die erste Herausforderung dieses Bibelwortes!

 

II.2.

Und die zweite - liebe Schwestern und Brüder - ist die Erinnerung an unsere Verantwortung, an unsere Handlungsmöglichkeiten. In unserer biblischen Erzählung wird dies mit einem Opfergottesdienst dargestellt - Noah baut einen Altar und opfert Tiere.

Die erste Arbeit ist also keine Arbeit für uns Menschen, für unser Wohlergehen, für unseren Luxus, für unsere Wertsteigerung. Verantwortliches Handeln wird seither darin deutlich, dass wir fragen: Was mache ich für andere? Für Gott? Für Flüchtlinge? Für Obdachlose? Für Bedürftige? Für die Natur? Für Tiere, die Fütterung und Zuwendung brauchen?

 

III.

 

Liebe Schwestern und Brüder: In unserem Gottesdienst hier in Möhrendorf verbinden wir die beiden heute möglichen Themen:

Ein Sonntag der Epiphaniaszeit und das Fest der Darstellung des Kindes Jesus im Tempel.

Deshalb feiern wir auch miteinander Abendmahl. Dabei erfahren wir direkt:

 

III.1.

Jesus aus Nazaret ist das Menschgewordene „Ja" Gottes zu seiner Welt, zu uns, zu allen Menschen, zu den Tieren, zur ganzen Schöpfung. Simeon sagt:

„... denn meinen Augen haben den Heiland gesehen,

den du bereitet hast vor allen Völkern."

 

III.2.

Und die Eltern Jesu handeln in Verantwortung vor Gott: Sie bringen ihren Sohn in den Tempel. Sie vermitteln uns den grundlegenden Zug gelingenden Lebens: Das Eigene nicht zu wichtig zu nehmen, die Interessen anderer wahrzunehmen und ihnen wenigstens in Ansätzen zu entsprechen versuchen.

So immer wieder gewinnt die nachflutliche Welt gute Gestalt:

 

IV.

 

Das also ist der Ertrag, dem wir uns stellen, das ist die Konsequenz, die wir ziehen sollen: Einen schier unvernünftigen Glauben wagen und ganz aufmerksam, wenn auch noch so klein, unsere Verantwortung wahrnehmen.

 

IV.1.

Glauben, Vertrauen in die Bewahrung unserer Welt durch Gott wagen. Trotz aller Unsicherheiten und Zweifel dieses Vertrauen, diesen Glaube nicht aufgeben.

Im Lutherjahr 1983 sind in der DDR Kirchentage unter dem Thema, unter dem Motto „Vertrauen wagen" durchgeführt worden. Dieses Motto hatte zwei Zielrichtungen: An die Christen, dass sie trotz aller Enttäuschungen im Alltag voll Vertrauen Aktivität und Einsatz aufbringen; an die damals politisch Verantwortlichen, dass sie nicht nur reglementieren, anordnen, befehlen, sondern dass sie Initiativen aus der Bevölkerung, auch aus der Kirche, zulassen und Veränderungen in der Gesellschaft ermöglichen. Im Wort des Kirchentages in Erfurt vom 12. bis 15. Mai 1983 hieß es zum Beispiel:

„Wagt Vertrauen für eine Welt, deren Zukunft wir gefährden. Wir erfahren den ungeheuren Missbrauch menschlicher Macht gegenüber der Natur und zugleich unsere Ohnmacht, das zu ändern. Gott aber gibt uns den Mut, Weichen neu zu stellen."

 

IV.2.

Obwohl wir heute unter ganz veränderten und viel besseren Bedingungen leben als wir damals 1983 in der DDR, sind doch Worte und Ermutigungen, die damals gefunden worden sind, immer noch aktuell. Es lohnt - so finde ich -, sie in Erinnerung zu rufen.

Jenes Wort des Kirchentages in Erfurt fährt fort:

„Ihr Christen, geht auch die kleinen Schritt zur Bewahrung der Natur. Lebt einfacher und prüft, ob ihr wirklich alles braucht, was ihr haben wollt.
Ihr Gemeinden, sprecht über euren Lebensstil und unterstützt Gruppen, die neue Lebens- weisen wagen."1

Daran können wir uns auch heute machen - heute erst recht. Nehmen wir das als „Stachel" mit aus diesem Gottesdienst: Dass wir prüfen, ob wir wirklich alles brauchen, was wir wollen. Und dies prüfen mit dem großen Gottvertrauen, dass Gott seine Schöpfung bewahren wird.

Amen.

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne
in Christus Jesus, unserem Herrn." Amen.

 



Pfarrer Dr. Rainer Stahl
91054 Erlangen
E-Mail: rs@martin-luther-bund.de

Bemerkung:
Dr. Stahl ist Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes


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