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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Epiphanias / Tag der Darstellung des Herrn, 02.02.2014

Es gibt ein Leben nach der Katastrophe
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:1-12, verfasst von Dieter Splinter

 

Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen und die Wasser fielen. Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt. Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen. Am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat. Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor. Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte, und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.

 

I.

Liebe Gemeinde!

„Da gedachte Gott an Noah...und ließ Wind aufkommen und die Wasser fielen."

Die Katastrophe ist vorbei. Die Wasser fallen. Die Sintflut ist vorüber. Gott sei Dank. Es war schrecklich gewesen. „Vierzig Tage und vierzig Nächte" (1. Mose 7,12) hatte es geregnet, ununterbrochen. Schließlich Wasserwüste überall: „Und die Wasser wuchsen gewaltig auf Erden hundertfünzig Tage." (!. Mose 7,24) Die Folgen waren verheerend: „Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb." (1. Mose 7,22)

Nur Noah und die Seinen kommen davon. Bevor die Wasser kamen, hatte Gott Noah und den Seinen schon einmal gedacht. „Da sprach Gott zu Noah: Das Ende allen Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde. Mache dir einen Kasten..."(1. Mose 6, 13f). Noah tut wie ihm geheißen. Er baut eine Arche. Und am Tag als der große Regen kommt ... „An eben diesem Tage ging Noah in die Arche mit Sem, Ham und Jafet, seinen Söhnen und seiner Frau und den drei Frauen seiner Söhne; dazu alles wilde Getier nach seiner Art...". (!. Mose 7,13f). „Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden und die Arche fuhr auf den Wassern." (1. Mose 7,18).

Erst das Rauschen der Regengüsse, das Steigen der Flut, dann das Treiben in der Arche auf den Wassermassen. In der Arche ist es eng. Es stinkt nach den Ausscheidungen von Mensch und Tier. Den Menschen ist angst und bange. Sie sprechen darüber: „Wie lange noch? Wann hört das endlich auf? Hält die Arche stand?" Furcht in den Augen. Verzweiflung in der Stimme. Auch die Tiere schweigen nicht. Sie brüllen, wiehern, bellen, gackern, krächzen, gurren und schnattern ihre Angst in das Dunkel der Arche hinein.

Dann ist es endlich vorbei. Gott sei Dank. „Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf die Erde kommen und die Wasser fielen." (1. Mose 8, 1)


II.

Nach 150 Tagen ist das Wüten der Wellen also endlich vorüber. Doch noch weiß keiner, wie es weitergeht. Noch ist die Angst da bei Mensch und Tier. Wohl fällt das Wasser, doch kein Land ist in Sicht. Wo und wann können Mensch und Tier endlich ihren Fuß wieder auf's Trockene setzen? Wo und wann können sie wieder festen Boden unter die Füße bekommen, die schwankende Arche verlassen? „Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte...". (1. Mose 8,6)

Endlich kommt wieder etwas Luft und Licht in die stickige Arche. Alles scheint ruhig. Kann Noah dem Frieden trauen? Er geht auf Nummer sicher. Er schickt einen Raben los. Die fliegen eher kürzere Strecken. Dann schickt Noah eine Taube los. Tauben können sehr weit fliegen. Über 500 km. Die Taube kommt zurück. Sie hatte nichts gefunden, „wo ihr Fuß ruhen konnte." (1. Mose 8,9) Noah braucht Geduld, viel Geduld sogar. Er wartet sieben Tage. Die zweite Taube kommt ebenfalls zurück. Es ist in der Abendstunde. Die Sonne geht unter. Ihre letzten Strahlen spenden ein freundliches und friedliches Licht. Ist nun endlich Frieden nach der Katastrophe? Gibt es Hoffnung auf einen Neuanfang? Die zweite Taube hat das grüne Blatt eines Olivenbaums im Schnabel. Das Leben geht weiter. Grün grüßt es aus dem Schnabel einer Taube. Noah geht nun ganz auf Nummer sicher. Er wartet noch einmal sieben Tage, dann lässt er erneut eine Taube fliegen. Die kommt nicht zurück. Und das heißt: Die Flut ist endgültig vorbei. Das Leben kann wieder beginnen. Noah, die Seinen „und alles Vieh, das mit ihm in der Arche war", können den schützenden, aber beengenden Kasten verlassen. Endlich. Gott sei Dank.

 

III.

„Da gedachte Gott an Noah...und ließ Wind aufkommen und die Wasser fielen." Wir kennen diese Geschichte von klein auf. Sie ist eine Geschichte von Bedrohung und Bewahrung. Diese Geschichte berichtet von einer schrecklichen Katastrophe, aber auch davon wie die Rettung daraus erfolgt. Und sie berichtet davon, wie nach der Katastrophe wieder die Hoffnung auf ein neues Leben aufkeimt. In einer einfachen und doch ganz poetischen Geschichte werden Erfahrungen zur Sprache gebracht, die die ganze Menschheit kennt. Eine Urgeschichte eben.

Geschichten wie diese, Geschichten von der großen Flut, werden rund um den Erdball erzählt. Etwa dreihundert Schilderungen dieser Art hat man gefunden. In den Früh- und Hochkulturen haben sie ihren Ort. Zumeist sind sie unabhängig voneinander entstanden. Auffällig sind jedoch ihre Übereinstimmungen. Immer geht es dabei um die Bedrohung durch Wassermassen, durch Wind und Wetter. Wir können diese Geschichten nachempfinden. Sie können noch heute zu einer grausige Realität werden: Tsunami in Thailand, Überschwemmungen in Ostdeutschland wie im letzten Jahr, ein verheerender Wirbelsturm über den Philippinen wie gegen Ende des letzten Jahres. Naturkatastrophen, die Abertausenden das Leben gekostet haben. Menschen und Tieren. Dazu aber auch immer wieder Geschichten von wundersamen Rettungen: Ein Verschütteter wird nach Tagen gefunden. Menschen können nach dem plötzlichen Einbruch von Wassermassen auf ein Hausdach flüchten und von dort gerettet werden. Tiere werden in letzter Sekunde aus dem Stall heraus geholt, bevor sie im Wasser ertrunken wären.

Neben diesen Naturkatastrophen gibt es jene, die von Menschen gemacht werden. Das 20. Jahrhundert mit seinen Weltkriegen und seiner Massenvernichtung ist voll mit solchen Katastrophen. Aber auch hier immer wieder Rettung, Bewahrung und der Beginn neuen Lebens. Wahrscheinlich sind einige unter uns, die am eigenen Leib erlebt haben, was Krieg, Flucht und Vertreibung bedeuten. Für uns Nachgeborenen gilt: Wir sind alle Nachkommen derer, die noch einmal davon gekommen sind. Und: Wir kennen alle aus eigenem Erleben, was es heißt, noch einmal davon gekommen zu sein. Kleine und große Katastrophen gibt es im Leben eines jeden und einer jeden - die Erfahrung eben: das Wasser steht mir bis zum Hals und Land ist nicht in Sicht.


IV.

„Da gedachte Gott an Noah...und ließ Wind aufkommen und die Wasser fielen." Es gibt ein Leben nach der Katastrophe. Wenn man mittendrin steckt, hält man das aber oft nicht oder kaum für möglich. Dann ist die Angst da. Bange Fragen treiben einen um: „Werde ich das überstehen? Und wenn ja, wie geht es dann weiter?" Was einen rettet, kann wenig großartig daher kommen. Die Arche ist kein Kreuzfahrtschiff. Sie ist eng, dunkel und stickig. Die Tiere teilen darin die Angst der Menschen. Aber immerhin. In und durch die Arche wird Leben gerettet.

Menschen haben das immer wieder erlebt: Rettung in engsten Verhältnissen. Marcel Reich-Ranicki etwa. Mit 93 Jahren verstarb er im letzten Jahr. Lange Jahre war er ein geachteter und zugleich gefürchteter Literaturkritiker. In seiner Autobiographie „Mein Leben" beschreibt er, wie er und seine Frau Tosia als Juden das Warschauer Ghetto überstehen. Es gelingt ihnen von dort zu entkommen. Sie finden Unterschlupf in einem kleinen Häuschen am Rande Warschaus. Dort kommen sie bei einem Mann namens Bolek und seiner Familie unter. Wie er und seine Frau dort überleben, beschreibt Marcel Reich-Ranicki so:

„Tagsüber waren wir in einem Keller, einem Erdloch oder auf dem Dachboden versteckt, nachts haben wir für Bolek gearbeitet: Wir fertigten mit den primitivsten Mitteln Zigaretten an - Tausende, Zehntausende. Er verkaufte sie, machte jedoch nur geringen Gewinn. So lebten Bolek und seine Familie in Armut. Unser Elend indes war noch viel schlimmer: Wir hungerten. ... Aber schrecklicher als der Hunger war die Todesangst ...". (Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben. Stuttgart 1999, S. 284f)

Nach 15 Monaten ist es vorbei. Die Russen kommen und befreien Warschau. Marcel Reich-Ranicki und seine Frau verabschieden sich von Bolek und seiner Familie und tasten sich in ein neues Leben nach der Katastrophe hinein. Sie sind noch einmal davon gekommen.


V.

„Da gedachte Gott an Noah...und ließ Wind aufkommen und die Wasser fielen." Anders als bei jenen von Menschen gemachten Katastrophen ist Gott selber der Urheber der Sintflut: „Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn ... und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde..." (1. Mose 6, 5-7).

Doch auch das ist nun vorbei. Auch die von Gott verursachte Katastrophe findet ein Ende. Sie dauert keine 15 Monate, aber immerhin 150 Tage. Lange genug. Jetzt ist sie vorüber. Das hat Gott uns Menschen voraus. Die Katastrophen, die wir Menschen anrichten, dauern in der Regel sehr viel länger als jene, die Noah, die Seinen und die Tiere in der Arche zu überstehen haben. Und: Gott bereitet hier der Katastrophe, die er ausgelöst hat, selber ein Ende. Meist sind wir Menschen nicht dazu in der Lage die Katastrophen, die wir anrichten, selber aus der Welt zu schaffen. Das müssen dann andere für uns tun. Oder unsere Kinder und Kindeskinder. (Die letzte Rate der Reparationsleistungen, die Deutschland nach dem 1. Weltkrieg (!) auferlegt wurden, hat die Bundesrepublik 2010 bezahlt !!)

„Da gedachte Gott an Noah...und ließ Wind aufkommen und die Wasser fielen." Gott verbindet sein Denken mit Handeln. Immer wieder berichtet die Bibel davon, dass Gott rettend eingreift. Die Arche war das eine, das Ende der Flut ist das andere Eingreifen Gottes. Nun brauchen Noah und die Seinen Geduld. Viel Geduld. Die Wasser fallen. Langsam. Aber immerhin. Vorsichtig tastet sich Noah in ein Leben nach der Katastrophe zurück. Er sendet Vögel aus. Einen Raben, drei Tauben. Die letzte kehrt nicht zurück.

Wir wissen wie die Geschichte ausgeht. Noah, die Seinen und alle Tiere betreten wieder trockenes Land. Neues Leben kann beginnen, Leben nach der Katastrophe. Und wir erfahren, dass Gott einen Entschluss fasst. Auf die Katastrophen, die Menschen anrichten, will Gott nicht mehr selber mit einer Katastrophe reagieren. „Und der Herr ... sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen ... Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (1. Mose 8, 21 und 22)

Das Leben kann jederzeit neu beginnen. Auch nach einer Katastrophe. „Da gedachte Gott an Noah...und ließ Wind aufkommen und die Wasser fielen."

Amen.



Pfarrer Dr. Dieter Splinter
7249 Merzhausen
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

Bemerkung:
Dr. Splinter ist Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst an der Evangelischen Hochschule Freiburg


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