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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Epiphanias / Tag der Darstellung des Herrn, 02.02.2014

L - wie loben, lieben, leben / Jugendgottesdienst (Oberstufen)
Predigt zu Psalter 103:1-13, verfasst von Uwe Vetter

Lobe (segne) den HERRN, meine Seele,

und alles, was in mir ist, den Namen Seiner Heiligkeit !

Lobe (segne) den HERRN, meine Seele,

und du wirst nicht vergessen alle Seine Wohltaten :

 der dir alles vergibt, was deine Schuld ist,

 der alle deine Gebrechen heilt,

 der dich aus der Grube (die du dir selber gräbst) erlöst,

 der deinem Leben einen Kranz aus Gnade und Erbarmen aufs Haupt setzt,

 der dich mit Gutem sättigt, wenn du reifer wirst,

 dass deine Jugend sich erneuert wie beim Adler (in der Mauser).

Gerechtigkeiten bewirkt der HERR,

und für Recht sorgt Er für alle Bedrückten.

Er ließ Mose Seine Wege wissen

und die Kinder Jisrael Seine Taten.

Barmherzigkeit und Zuneigung ist der HERR,

langmütig und reich an Huld.

Nicht immerzu hadert Er

und nicht immerfort trägt Er nach.

Er behandelt uns nicht unseren Sünden gemäß,

und nicht wie unsere Vergehen geht Er mit uns um.

Denn so prächtig wie die Himmel über der Erde sind,

so mächtig ist Seine Huld über denen, die Ihn ehren.

So fern wie der Sonnenaufgang vom Sonnenuntergang ist,

so weit entfernt Er unsere Grenzüberschreitungen von uns.

Wie sich ein Vater über seine (Söhne) Kinder (weich wird) erbarmt,

so erbarmt sich der HERR über Seine Verehrer.

 

Es gibt Tage, an denen möchte man morgens das Bett nicht verlassen. Lausige-Laune-Tage, Kommt-mir-bloß-nicht-zu-nahe-Tage, die eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Man starrt die Welt lustlos an, und sie funkelt lieblos zurück. Selbst leblose Sachen scheinen sich verschworen zu haben, und man fühlt sich umlagert von der Tücke des Objekts. Schlüssel sind unauffindbar, Wecker klingeln nicht, die Lieblingskleidung ist sämtlich in der Wäsche, der Computer hängt sich auf, wie abgesprochen. Natürlich ist man irgendwie selbst schuld, aber es lockt doch sehr, dem Zufall Absicht zu unterstellen.

Alle Menschen in Hörweite nehmen Reißaus. Mit dem Rest verkracht man sich. Wer zu beschwichtigen versucht, ist ein Einmischer, wer Abstand hält, ist er treulos und gemein. Man weiß, man gräbt sich nur selber eine Grube, na und ! Es gibt eine Stimmung, die macht keine Gefangenen.

Es gibt Tage, da tut einem alles weh. Man fühlt sich elend und gebrechlich. Im Kopf hämmerts, der Bauch ist uneinziehbar, die Arme irgendwie länger als sonst. Im Spiegel blickt man in ein leichenblasses Gesicht, die Augen verquollen. Man fühlt sich dem Tode nah, jedenfalls deutlich näher als am Tag zuvor.

Und wenn sowieso alles egal ist, versündigt man sich lustvoll noch gegen alles, was eigentlich gar nicht so übel ist, und stürzt sich hinab ins pure Selbstmitleid : Was hab ich denn, was bleibt mir noch! Nie hab ich Glück. Ich bin allein.

Was ist zu tun ? Es gibt drei Möglichkeiten. Die erste: Sei konsequent. Bleib dir treu. Zieh das durch. Brenne eine Spur der Verwüstung durch dein Leben, richte den größtmöglichen Schaden an. Wenn schon, denn schon. - Die zweitre Möglichkeit: Tauche ab. Zieh den Stecker. Sag um Himmelswillen kein weiteres Wort. Zieh die Decke über den Kopf. Stell dich tot. Keine Telefonate, keine SMS, keine emails beantworten. Hör dir selbst nicht zu. Ignoriere dich. Vermeide jeden Umgang mit dir selbst. Warte, bis der Tag verstrichen ist. Setz morgen neu an. – Die dritte Möglichkeit empfiehlt Psalm 103.

Wir wissen aus Erfahrung: Ärger muss reifen. Ärger braucht Zeit. Irgendwann, kurz vor dem Platzen, ist es soweit. Da ist´s an der Zeit für ein ernstes Gespräch mit der eigenen Seele. Es gibt einen Leitfaden für dieses Gespräch mit der eigenen Seele. Es ist ein uraltes Gebet, ein Gebet speziell für lasst-mich-bloß-in-Ruhe-Tage. Es steht in der Bibel, Psalm 103.

Es beginnt, folgt man dem Wortlaut der alten hebräischen Sprache, mit einer Atemübung. Seele, das hebräische Wort in der Bibel bedeutet soviel wie ´Kehle`, ´Atemweg`, durch den wir zischen und keuchen, pressen, husten und nach Luft ringen. Dort sitzt bei entsprechender Stimmung der Kloß, der macht, dass das Sprechen schwerfällt. Die Kehle, durch die wir atmen, nennt  die Bibel Ne-phesch, eine Lautmalerei: „Ne“ ist der Ton des Einatmens durch die Nase, und „phesch“ das Ausatmen durch den Mund. Die Seele atmet, sagt der Glaube. Sie macht sich Luft, sie lacht, sie seufzt, sie formt den Klang unseres Sprechens, sie gibt den Worten Kraft und und Ausdruck, sie singt. So beginnt das Gebet mit einer Atemübung : Beruhige dich, meine Seele, hör auf zu hyperventilieren. Gib deinem Odem einen Rhythmus und einen ruhigen Takt.

Das Erste, was man seiner Seele sagen soll ist: Schau mal woanders hin. Bring deine Gedanken in eine neue Richtung. Wende dich ab von den immergleichen schwarzen Bildern, die dein Kopf produziert. Schau mal, wer vor dir steht. Vor dir steht Gott. Sag was. Sag was zu Ihm. Sag Ihm etwas Gutes. Lobe Ihn. Dreh dich zu Gott und sag etwas Gutes.

Lobe (segne) den HERRN, meine Seele,

und alles, was in mir ist, den Namen Seiner Heiligkeit !

Lobe (segne) den HERRN, meine Seele…

Loben – ein gutes Haar am andern entdecken, irgendetwas Schönes, Liebenswertes ansprechen – das hat eine verblüffende Wirkung. Es verleiht dem Leben ein Lächeln. Es ist seltsam, aber einem andern etwas Gutes sagen tut einem selber gut. Loben macht lieben, und lieben lässt aufleben. Wer kennt das nicht : Wir streiten uns mit Donner und Blitz, werfen uns alles Erdenkliche an den Kopf, bis einem die Worte ausgehen; irgendwann halten die Streithähne schwer atmend inne; der letzte Satz hängt in der Luft, und beide merken, wie überzogen, wie grenzüberschreitend blödsinnig der Vorwurf klingt. Und dann – obwohl man´s gar nicht will – muss man plötzlich lachen. Das Lachen ist ansteckend. Es befällt den andern, und für ein paar Minuten weiß keiner mehr, worum es noch mal gegangen ist. Loben macht lachen[1] macht lieben macht leben. Lobe (segne) den HERRN, meine Seele, und du wirst nicht vergessen alle Seine Wohltaten.

Zugegeben, so ein echter Ärger kann richtig langlebig und ledrig-zäh sein. Wenn das Lachen verebbt, blafft er uns an: Wohltaten des HERRN - das wüsste ich aber. Für was sollte ich Gott loben !? Was macht Er denn schon?! – Aber darauf hat das alte Gebet nur gewartet, und dann zählt es auf, was Gott wohl tut. Sag deiner Seele,

° da ist Jemand, der dir alles vergibt, was deine Schuld ist. Der Himmel ist gerade dabei, den Schaden zu regulieren, den deine Laune angerichtet hat. Gott fängt deine Dummheiten wieder ein, macht Schiefes wieder gerade. Lässt wüste Emails in Spamfiltern verschwinden und sendet dir Wellen von unbefangenen Menschen entgegen, die - Gott sei Dank - nicht Zeuge deiner Szenen waren.

° Siehst du die Hand, die dich dich aus der Grube  erlöst, die deine Kurzschlusshandlungen gegraben haben ? Freunde, die nicht nachtragen, kehren zurück. Freundinnen zerreißen deine Abschiedsbriefe. Und dein Chef zwinkert: ´Kündigung`? Hat meinen Tisch nie erreicht. 

° Der HERR schaut, was dir gut steht. Er nimmt dir die Dornenkrone des Selbstmitleids vom Kopf und setzt deinem Leben einen Kranz aus Gnade und Erbarmen aufs Haupt.

° Und nun gib´s auf. Heut ist kein guter Tag zum Sterben. Der Himmel hat noch einiges vor mit dir. Es päppelt dich auf, der dich mit Gutem sättigt, wenn du reifer wirst, dass deine Jugend sich erneuert wie beim Adler in der Mauser.

° Wie sich ein Vater über seine (Söhne) Kinder erbarmt, wie Mütter „weich werden“[2], wenn sie eigentlich streng sein wollten, so wird Gott der HERR weich, wenn wir Ihn sehen und Ihn loben und ehren.

 

*

Psalm 103 ist ein Gebet für L-Tage, launenhaft lustlos lamentierend. Wenn man ihn betet, wandelt Last sich in Lust und Lebensfreude. Das Loben ist eine Brücke von der Schattenseite auf die Sonnenseite des Tags. Eine Garantie gibt es nicht. Aber einen Versuch ist es wert, sagt der Glaube.

Amén. 



[1] Martin Luthers Übersetzung hat dieses Lächeln benannt. Wo es in Vers 5 wörtlich heißt „der dich mit Gutem sättigt“, schrieb Luther in poetischer Wiedergabe „der deinen Mund fröhlich macht“. Das Lachen ist eine Gotteswirkung, die Fröhlichkeit ein Geschenk des Himmels, spürte der Reformator.

[2] Nach W.J.Gerber ist das die Grundbedeutung des Wortes RaCHaM, das mit ´zärtlich lieben` und ´Mitleid haben`übersetzt wird. Das Substantiv RäCHäM ist der Mutterleib, der Uterus, in dem Leben rundumversorgt heranwächst. Erst auf der Abstraktionsebene heißt es ´Erbarmen`.



Pfarrer Dr. Uwe Vetter
Düsseldorf
E-Mail: Uwe.Vetter@evdus.de

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