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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 02.03.2014

Predigt zu Jesaja 58:1-11, verfasst von Erika Reischle-Schedler

 

Liebe Gemeinde! Wir müssen, wenn wir den eben gehörten Text betrachten wollen, bei Jesus anfangen: Er kam in diese Welt, um Gottes Liebe den Menschen zu bringen, nicht in Worten allein, sondern "Mit der Tat und mit der Wahrheit", wie es das Neue Testament ausdrückt: Sein ganzes Leben, sein ganzes Sein, war Liebe. Aber das hieß keineswegs, dass das Leben spannungsfrei abgelaufen wäre: Im Gegenteil: Jesus war eine anstößige Persön-lichkeit, an der Menschen Ärgernis nahmen, ein Mensch, mit dem sie in Streit gerieten, den sie schließlich beseitigten auf schnellstem Wege. Wirkliche Liebe hat also offenbar nichts zu tun mit Konfliktscheu oder einer Friede-Freude-Eierkuchen-Harmonie, die wir uns alle, ach so sehr wünschten, und die es in dieser Welt nicht gibt.

Damit nähern wir uns dem Spannungsfeld, das unser Text umreißt: Dem Spannungsfeld, das neulich einmal jemand mir gegenüber in ganz einfachen Worten so beschrieben hat: "Ach wissen Sie, die, die nicht jeden Sonntag zur Kirche laufen, das sind meistens die besseren Christen als die häufigen Kirchgänger!" Was diese Person sagen wollte, war nichts Grundsätz- liches gegen Kirche, auch nichts Grundsätzliches gegen bestimmte Menschen, sondern eine Beobachtung, die wir alle auf unterschiedliche Weise immer wieder machen können: dass da Differenzen bestehen zwischen der Frömmigkeit, die mit vielen Worten und Gesten nach außen tritt, und dem, was im praktischen Leben von dieser Frömmigkeit sichtbar wird. Was nützt es, sagt der Prophet, wenn Ihr ganz viel Zeit und Kraft auf Eure Frömmigkeit verwendet, und in Eurer Mitte wird das Recht mit Füßen getreten! Wer arm ist, bleibt weiter arm, und Ihr habt die Menschen vor Eurer Haustür und schaut zu, wie sie immer weniger mit dem Leben zurecht kommen. Ihr entzieht Euch Eurem eigenen Fleisch und Blut. Ihr seid so alteingesessen, daß Ihr Euch überhaupt nicht mehr hineindenken könnt in Menschen, die heimatlos geworden sind, die alles haben verlassen müssen, die zurechtkommen müssen, ob sie wollen oder nicht, in einer ihnen völlig fremden Kultur. Ihr lebt von Kindheit an im Wohlstand - Ihr könnt Euch gar nicht hineindenken in Menschen, denen buchstäblich das Allernötigste zum Leben fehlt. Ihr steckt bis über beide Ohren in Arbeit - Ihr könnt Euch gar nicht mehr hineindenken in Menschen, denen es langweilig ist, die nicht wissen, wie sie ihre Zeit sinnvoll einteilen können, die dazu Anleitung brauchen. Ihr seid so umgeben von mannigfachen menschlichen Kontakten, dass Ihr Euch gar nicht mehr hineindenken könnt in Menschen, die einsam geworden sind, die sich nicht mehr getrauen, dem anderen zur Last zu fallen, die verzweifeln in einem Leben voller Beziehungslosigkeit. Wenn ihr selber gelitten habt, dann habt ihr es schnell vergessen, schnell verdrängt, weil Ihr sagt: Ach ja, wir denken lieber an Schöneres und Fröhlicheres als die Zeit unseres Leidens, unserer Krankheit, unserer Hungerjahre, unserer Flucht, der Zeit, da wir selber völlig neu anfangen mußten, der Zeit, da alles in der Schwebe war mit unserer Arbeitsstelle. Ein anderes Lebensideal ist uns näher: Leben, ohne zu leiden, und, wenn es denn unvermeidlich ist, sich mit Leiden auseinandersetzen zu müssen, dann eben so wenig wie möglich, und so schnell wie möglich hinübergehen zu erfreulicheren Dingen. Was geht mich die Not des anderen an? Der ist nicht ich. Laßt mich in Frieden damit. Alles soll so bleiben, möglichst, wie es immer war, ein sanft dahinschaukelndes Lebensschiff, und natürlich soll auch irgendwo noch Gott zu seinem Recht kommen und seinen Platz haben in diesem Leben. Aber bitte nicht zu viel, und außerdem sind das, bitteschön, zwei paar Stiefel: Das, was ich in der Kirche und für die Kirche, in meinem stillen Kämmerlein für Gott tue und das, was mein Leben ausmacht.

Ja, aber wenn das so ist, dann meint Ihr wirklich allen Ernstes, Gott könnte Eure Gebete erhören, Gott könnte Gefallen finden an den Gesten Eurer Frömmigkeit? Ein eindrucksvolles Beispiel aus der Literatur, das ein solches Leben nachzeichnet, ein Leben im Zwiespalt zwischen Frömmigkeit und Leben, ist Stefan Andres' Roman: Die Dumme. Ein Mann, reich, angesehen, ganz oben auf der Sprossenleiter beruflicher Karriere, sehr wohl wissend, welche großen Summen er der Diakonie spendet - es kostet ihn ja nichts, er hat als Bankdirektor jede menge Geld - der wird mit Glanz und Gloria und Pomp und großem Fest mit dem Verdienstkreuz der Diakonie geehrt. Ausgerechnet der, der das Leben einer jungen Frau zerstört hat, indem er sie zu einem völlig unprofessionell durchgeführten Schwangerschafts- abbruch zwang und damit für immer zum Krüppel machte. Aber eben diese Frau stand unerwartet am Abend dieses seines größten Festes vor der Tür - er konnte eben doch nicht mit noch so frommem Schein an der Wahrheit seines Lebens vorbei, dass er mit schönem Getue nach außen nichts anderes tat als seinen Egoismus, seine Gemeinheit, seine     Menschenverachtung zu tarnen.

Und Gott soll Gebete von Menschen erhöhren können, die sich auszeichnen durch menschen- verachtendes Tun und Leben? Nein! Nur im Einklang mit dem Leben kann Frömmigkeit Segen bringen. Die Taten der Liebe, die das Gebet begleiten, die rechtfertigen das Gebet.           

Elie Wiesel hat einmal geschrieben: "Wenn Ihr nicht wißt, ob Euer Tun richtig ist, dann fragt Euch, ob Ihr dadurch den Menschen näher kommt. Ist das nicht der Fall, dann wechselt schleunigst die Richtung! Denn was Euch den Menschen nicht näher bringt, entfernt Euch von Gott!" Sind wir, einen Augenblick wenigstens, ganz ehrlich mit uns selbst: Nur im Kämmerlein unseres Herzens: Gibt es etwas Beglückenderes im Leben, als miterleben zu dürfen, wie andere Menschen durch uns glücklich werden? Wie wir dazu haben mithelfen können auf irgendeine Weise, dass ein anderer Mensch ein Stück Freude, Erleichterung, Beglückung in seinem Leben erfährt? Ich glaube nicht, dass es für uns selber etwas Schöneres gibt als dies erleben zu dürfen.

Eigentlich wissen wir das. Eigentlich wissen wir von Martin Bubers Übersetzung: "Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du!"
Wir sind Menschengeschwister, uns trifft alle die gleiche Verletzbarkeit für Leiden, für Entbehrungen, für Nackenschläge. Deshalb wäre es eigentlich selbstverständlich, dass wir mitfühlen und mittragen und hilfreich zur seite stehen! Und trotzdem wissen wir alle, dass es selbstverständlich nicht ist! Wir leben alle ohne Ausnahme mit unseren Blockaden, mit unseren eigenen Verwundungen, die uns unfähig zur Liebe werden lassen. Wir können uns Mühe geben, wir können angehen gegen die schleichende Resignation: So viele Menschen, die Hilfe brauchen, wo soll ich da anfangen - oder: unsere Zeit bringt so viele Probleme mit sich, die Dampfwalze rollt, wie soll ich als einzelner sie aufhalten - Wir können uns Mühe geben, immer wieder aufs Neue eine Bresche zu schlagen durch das Gestrüpp von Egoismus und Resignation um uns und in uns. Und wir können, wenn wir den Predigttext aufmerksam lesen, wissen, dass immer da, wo wir uns auf solche Weise mühen, Gott auf unserer Seite sein wird.

Aber es gibt in dem Zusammenhang Dinge zu sagen über diesen Text hinaus:
"Lieber Gott", möchte ich sagen, "Lieber Gott, ich weiß, wie ich Tag für Tag hinter dem zurückbleibe, was Du von mir erwartest! Lieber Gott, ich weiß es, und ich stehe dazu." Das ist aufrichtig, so zu sagen. Der Text wendet sich ja vor allem gegen die Scheinheiligkeit: Der Liebe Gott wird's schon nicht so genau merken, dass ich nach außen hin etwas ganz anderes mache als in Wirklichkeit. Das aufrichtige Zugeständnis: "Ich schaffe das nicht, Gott, was Du da forderst, ich schaffe es in Ansätzen, ich schaffe es manchmal ganz gut, und manchmal überhaupt nicht, mich dünkt das Leben und seine Anforderungen von Tag zu Tag schwerer - ich bin ja selbst Opfer von solchen Untaten, die Du, Gott, hier anprangerst - ich kann mich vor Dir nicht entschuldigen - ich will es auch gar nicht - ich kann und will nur versuchen, in Aufrichtig- keit vor Dir und den Menschen zu leben - und wenn es mir denn gelingt, etwas von dem in die Tat umzusetzen, was Du erwartest, dann danke ich Dir dafür!"

Das ist das Eine. Das andere, über den Text Hinausgehende, ist, was wir im Leben Jesu ablesen können und von dem wir anfangs ausgegangen sind: Dass das Tun der Liebe nicht bedeutet, in konfliktfreier Harmonie zu leben. Im Gegenteil: Das Tun der Liebe bedeutet, je länger je mehr sich Konflikten stellen zu müssen, unbequem die Wahrheit ans Licht bringen zu müssen - unbequem danach zu fragen, wie Menschen z. B. mit ihrem Geld umgehen, wie Kirchengemeinden mit ihrem Geld umgehen .....
Ob ihnen im Bewusstsein ist, dass wir, verglichen mit den Kirchen der Welt, eine der allerreichsten Kirchen sind, die es überhaupt gibt. Ein Konfliktfeld, das es um der Liebe Willen gilt, zu betreten.

Ringen werden wir müssen um die Wahrheit. Gegenseitig hinterfragen werden wir uns müssen: Was hast Du heute getan, damit es einem Menschen in Deiner Umgebung besser geht als vorher? Wieviel Zeit hast Du heute verwendet, um Menschen glücklich zu machen? Was trägst Du dazu bei, dass Gottes gute Schöpfung geschont bleibt von menschlicher Gier? Ein bequemes Leben ist das wahrlich nicht. Und ich kann am Schluß nur bitten: "Lieber Gott, wende Dich nicht ab von uns, mache Deine Zusage an uns wahr, weil unser Eigener Vorsatz schneller als wir ahnen, am Ende ist: Führe uns durch dieses Leben! Mache aus uns, was wir so gerne werden wollen: Einen fruchtbaren Garten, der nicht verdorrt in der Hitze einer allzu glühend sengenden unbarmherzigen Sonne! Laß Dein Licht über uns erstrahlen, wie Du über Christus die österliche Sonne nach dem Grabesdunkel hast aufgehen lassen. Laß uns seinen Weg mitgehen, in aller Unvollkommenheit, in allem ach so oft vergeblichen Mühen, aber doch ohne Resignation: Den Weg, die Liebe zu leben, den Konflikt nicht zu scheuen, in Aufrichtig- keit und Wahrhaftigkeit vor Dir und vor Menschen zu leben, auch und gerade, wenn das für uns selber und für die anderen unbequem ist - und laß uns dabei immer wieder Strahlen deiner Sonne spüren, ohne die unser Leben verloren wäre!" Amen.

 



Erika Reischle-Schedler
Göttingen
E-Mail: e.reischle-schedler@t-online.de

Bemerkung:
Liedvorschläge:
EG 384 Lasset uns mit Jesus ziehen
EG 418Brich dem Hungrigen dein Brot


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