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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 02.03.2014

Predigt zu Jesaja 58:1-9, verfasst von Paul Kluge

Jes 58, 1 – 9a

Liebe Geschwister, die Verschleppten waren wieder zu Hause - und waren es doch nicht. Die Jüngeren waren in dem anderen Land aufgewachsen. Ihre jetzige Umgebung kannten sie nur aus den Erzählungen der Alten, und oft genug hatten sie gar nicht zugehört. Die Älteren erkannten kaum wieder, woran sie im Exil ihre Erinnerung wach gehalten hatten. Denn woran sie sich erinnert hatten, gab es nicht mehr. Jung wie Alt empfanden vor allem eins: Enttäuschung.

Aber sie waren nun wieder hier, und hier mussten sie sich wieder einrichten: Zerstörtes wieder herstellen, Braches wieder urbar machen, Neues aufbauen. Und einstiges Eigentum zurückbekommen. Das alles forderte alle Kräfte, alle Zeit. Sie wahrten die Form ihrer Tradition, lebten sie aber nicht. Dafür hatten sie keine Zeit, keine Kraft, keinen Platz in ihrem neuen Leben, das erst ein Leben werden musste.

In dieser Zeit nach der Katastrophe ging ein junger Prophet durch die Stadt. Suchte Orte auf, an denen Menschen zusammenkamen, Märkte etwa. Lauschte auf das, was die Leute miteinander sprachen. Setzte sich zu den Alten im Schatten der Tore und hörte ihnen zu. Nahm auf, was Kinder beim Spielen redeten. Er hörte mehr, als dass er sprach. Und wenn er sprach, dann antwortete er auf das Gehörte. Doch vieles verstand er nicht, denn er hatte die Zeit der Gefangenschaft nicht erlebt.

Was er jedoch zu hören bekam, bedrückte ihn. Füllte ihn mit Sorge um die Zukunft der Stadt und ihrer Menschen. Rücksichtslos waren die Menschen geworden und egoistisch. Auf eigenen Vorteil bedacht und mit Scheuklappen für die Nöte der Mitmenschen. So aber würden sie kein gemeinsames Leben entwickeln, würde die Stadt nie wieder zur Heimat werden können. Heimat ist Gemeinschaft von Menschen, nicht irgendein bestimmter Ort.

Die Sonne stand auf halber Höhe, der Prophet schlug den Heimweg ein. Unterwegs sah er einen alten Rabbi auf einem Stein sitzen. Er kannte ihn gut, betrachtete ihn als väterlichen Freund. Freunde waren etwas Seltenes in dieser harten Zeit, die die Menschen verhärtete. Der Prophet ging auf den Rabbi zu, der sich zur Begrüßung erhob. Als sie sich setzten, stöhnte der Rabbi leise. „Die Knochen?“ fragte der Prophet. „Sorgen!“ antwortete der Rabbi. „Erzähl!“ ermunterte der Prophet. Doch der Rabbi schwieg, er musste erst einmal seine Gedanken sortieren. Geduldig wartete der Prophet.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll“, sagte der Rabbi schließlich, „immer wieder fallen Gottesdienste aus, weil keine zehn Männer anwesend sind. Die Leute vermissen den Tempel, in die Bethäuser kommen sie nicht. In Babylon war das ganz anders!“ – „Willst du dahin zurück?“ fragte der Prophet und knuffte den Rabbi freundschaftlich.

Natürlich wollte der das nicht, obwohl es die Rabbis erst seit der Gefangenschaft gab. Dort wurden Männer gebraucht, die die religiöse Tradition so gut wie möglich aufrechterhielten. Und die zugleich den Menschen die heiligen Überelieferungen auslegten. Die die Aufgaben von Priestern und von Propheten zugleich wahrnahmen. Allerdings waren die Rituale während der babylonischen Zeit erstarrt, hatten sich nicht weiter entwickelt. Dadurch hatten sie ihren Bezug zum Leben verloren – und waren doch für die Gefangenen ein Stück Heimat gewesen. Hatten eine eigene Bedeutung bekommen.

Jetzt waren sie wieder in ihrem Land, in ihrer Stadt, und wollten alles so haben, wie es früher einmal war. Doch wie das genau war, wusste niemand mehr so recht. Umso strenger hielten sie an dem fest, was die Alten ihnen überliefert hatten. Die Form war ihnen wichtig, war zum Gesetz geworden. Die Riten aber waren ursprünglich an den Tempel gebunden, und den gab es nicht mehr. Oder, wie viele hofften, noch nicht wieder. So wurde Religion zur Privatsache und die Riten verlagerten sich in die Häuser. Jeder bastelte sich etwas zusammen, wie es ihm gefiel.

Dass Religion auch etwas mit der Gestaltung des Lebens im Alltag zu tun hatte, dass sie helfen konnte und wollte, Krisen zu überwinden, dass sie das Leben von der Geburt bis zum Tod nicht mit Riten, sondern durch Menschen begleiten wollte, geriet aus dem Blick. War es schon ganz vergessen?

Dies alles erzählte der alte Rabbi mit zahlreichen erlebten Beispielen dem jungen Propheten. Dem wurde nun einiges verständlich, was ihm bisher rätselhaft erschienen war. „Aber man kann doch nicht auf der einen Seite sich an die Formen der Religion halten und auf der anderen Seite nicht an deren Normen!“ wunderte sich der Prophet. „Du nicht und ich auch nicht“, bestätigte der Rabbi, „aber viele, wenn nicht die meisten, können das. Ziehen die Rituale durch und meinen, das sei genug. Und gebärden sich im Alltag wie Heuschrecken. Fressen alles weg und lassen andere hungern, lassen sie verhungern. Hauptsache, sie haben genug und mehr als genug für sich selber.“

„Meinst du nicht“, wand der Prophet ein, „dass die Leute jetzt zu viel andere Dinge um die Ohren haben, andere Sorgen?“ – Gerade in Zeiten wie den gegenwärtigen, reagierte der Rabbi, müsse man die Menschen bei der Stange halten. Denn: seien sie erst einmal entwöhnt, kämen sie nicht mehr zurück. Das sähe er an dem geringen Zulauf zu den Gebetshäusern. Grimmig setzte er hinzu: „Und glaub nur nicht, dass ein neuer Tempel das ändern würde!“

Das glaubte der Prophet auch nicht. Vielmehr glaubte er, dass die Bethäuser nicht die richtigen Orte seien, um die Menschen mit der Botschaft Gottes zu erreichen. Und die, glaubte er, hätten die Menschen dringend nötig. Die um sich greifende Rücksichtslosigkeit, der verbreitete Egoismus waren ihm schon lange ein Dorn im Auge, ein Stachel im Herzen. Was sein väterlicher Freund, der Rabbi, ihm erzählt hatte, machte ihm die Entwicklung verständlich. Dadurch wurde es ihm leichter, Wege zu den Menschen zu finden, zu ihrem Herzen und nicht minder zu ihrem Verstand. Nur beide zusammen können Gottes Wort annehmen und erfassen. Und dann auch umsetzen.  

„Wie die Sonne steht, müssten noch viele Menschen auf dem Markt sein“, sagte der Prophet, „ich will zu den Menschen reden. Kommst du mit?“ – „Was soll’s!“ bemerkte der Rabbi müde, „Sie hören Gottes Wort einfach nicht, weil anderes ihnen vorgeht.“ Aber er stand doch auf und begleitete den Propheten.

Auf dem Markt zog der Prophet eine Flöte aus seinem Gewand, blies eine fröhliche Melodie und tanzte dazu. Lud die Leute zum Mittanzen ein, und sie tanzten mit. Luden andere ein, sich ebenfalls anzuschließen, und sie schlossen sich an. Als der Prophet schließlich auf einen Eselskarren sprang, scharten sie sich um ihn und hörten:

Jes 58, 1 – 9a*

Der Rabbi beobachtete, dass etliche empört davon gingen. Und er sah andere, die mit jedem Satz des Propheten nachdenklicher wurden. Das gab dem Alten junge Hoffnung. Amen

*Anm: Wenn der Text schon vor der Predigt verlesen wurde, empfiehlt sich hier eine andere Übersetzung.

 

 



Landespfarrer i.R. Paul Kluge
Leer (Ostfriesland)
E-Mail: Paul-Kluge@t-online.de

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