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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 02.03.2014

Brot für die Zukunft
Predigt zu Jesaja 58:1-12, verfasst von Wolfgang Petrak

Liebe Gemeinde,

zugegeben:

Ziemlich lang ist dieser Predigttext gewesen, der von der Gerechtigkeit und dem Glauben und dem Leben im Licht handelt. Und ziemlich lang, nein: sehr lang ist das Wochenlied gewesen: Ein wahrer Glaube Gott’s Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt (EG 413) - am liebsten hätte ich die Konfirmanden da hinten in der letzten Reihe gefragt, was sie dabei gedacht haben; wahrscheinlich hätte mir dann jemand von den Erwachsenen stattdessen gesagt, so wie früher, als ich noch Konfirmandenunterricht gegeben hatte: „Was soll’s. Hauptsache, sie sind leise gewesen“. Auch eben, beim Singen, sind wir alle immer leiser geworden. Wie es ja in der Kirche ohnehin leise  zuzugehen pflegt. Statt der Posaune: leise Register auf der Orgel, also Rohrflöte und vox humana, lieblich gedackt 8’. Und statt mit Jesaja 58,Vers 3 laut zu sagen, was Sache ist, fange ich an, leise zu erzählen, was früher war.

Zugegeben:

Jetzt, wo das Licht heller geworden ist und die Sonne ihrer Zeit voraus zu sein scheint, jetzt, wo die Erde ihren Frost verloren hat und nach Aufbruch duftet -jetzt also denke ich zurück. Weil in dieser Jahreszeit immer die Konfirmandenfreizeiten waren. Habe den Geruch des Waschraumes und des Haarsprays der Jungenzimmer noch in der Nase, sehe die Teller abmessenden Blicke, wenn es Schnitzel gab. Es hatte auch mal die Frage gegeben: „Was hältst du vom Fasten?“, und ich hatte was mit „Freiheit“ gemurmelt. Nach dem Essen spielten wir Fußball, oder, damit auch die Mädchen mitmachen konnten, Rubgy, Und dann natürlich, im staubigen Tagesraum die Arbeitseinheiten, natürlich, wie es damals so war über Außenseiter und Vorurteil und Zachäus, und den ‚Verlorenen Sohn’. Über Schuld und Vergebung; aber auch: „Was ist mir heilig? “. Und dann die Abendmahlsfeier, im gleichen Tagesraum. Der festlich gedeckte Tisch. Manchmal hatten wir selbstgebackenes Brot. Und Traubensaft. Und die Worte aus der Bibel und die Texte der Konfirmanden. Sie berührten. Stille, die ausgehalten wurde. Was klar war: nach der Feier die Fete. Und da ging es dann richtig laut zu. Zugegeben. Aber später dann, wenn der Vorstellungsgottesdienst, der zu meiner Jugend noch Prüfung hieß, aber noch schlimmer war,- wenn das drann war, etwas darzustellen und was am Glauben drann ist, dann kam der Druck auf und verteilte sich gleichermaßen auf die Konfirmanden und auf  alle hauptamtlichen Mitarbeiter. Nicht nur von Seiten der Eltern. Es sollte modern sein und authentisch, es sollte tiefsinnig sein und es müsste was rüberkommen und hätte vor allem rauskommen müssen, was gelernt worden ist. „Die Inszenierung muss stimmen, Herr Pastor“. „Das war aber ein schöner Gottesdienst“. Oh ja. Gottesdienst als Inszenierung? Oh ne, da ist was drann.

Es ist ja so:

Wenn wir in die Kirche gehen, sind wir mit allen unseren Sinnen beteiligt. Wir hören die Glocken und wissen, dass es Zeit ist. Wir gehen oder fahren: wir bewegen uns. Wir betreten jenen Raum und sehen, dass er sich von allen anderen Räumen, die wir kennen, unterscheidet. Mit seinem Licht. In seiner Höhe. Mit jenen Bänken, die wir miteinander teilen. Und jenem, leicht abgegrenzten Raum vorn, den wir als Besucher nicht betreten. Wir hören die Musik, die Liturgie, die biblischen Texte aus ferner Zeit. Wir nehmen sie auf und antworten mit unseren Stimmen durch Gesang und Gebet. Wir sehen, wie sich die Lektoren und der Pastor/die Pastorin sich bewegen und wie ihr Körper den Ausdruck Sprache interpretiert. Wir sehen die liturgischen Bewegungen: durch den Altarraum schreitend, als würden wir selbst aus unserem Alltag heraus den Weg zum Heiligen durchmessen. Der uns zugewandte Rücken: Ausdruck des gemeinsamen Tragens im Gebet. Das zugewandte Gesicht: da ist einer, der sich uns zuwendet und seinen Segen schenkt. Das Zeichen des Kreuzes: unsichtbar und deshalb flüchtig und doch zugleich stark, deutlich und präsent. Haben als hätten wir nicht. Und wir riechen, auch als Protestanten, die Nähe anderer und den weiten Raum, der so anders ist. Wir riechen Brot und Wein, schmecken das Gegebene und sehen, wie freundlich der Herr ist. Und können nach dem Hinausgehen sagen: „Das war aber gut“. Wir meinen damit dankbar, was es uns gegeben hat; auch: wie wir selbst mit unserer Wahrnehmung, mit unserem Fühlen und Denken beteiligt gewesen sind. Oder auch nur, wie wir es fanden und wie alles unseren Geschmack getroffen hat (oder auch nicht). Die mimetische Beteiligung kann unmittelbar in die ästhetische Beurteilung übergehen und den, der von sich aus für uns da sein will, zu unserem Objekt machen, meistens ohne es zu wollen. „Wir fasten nicht. Wir konsumieren. Auch Gott.“[i]

 

Es war ja so,

dass sie damals alle Hände voll zu tun gehabt hatten. Auch mit dem Fasten. Damals in Jerusalem nach 539 v. Chr. Wie es genau gewesen ist, nach dem die Exulanten aus Babylonien zurückgekehrt waren, deuten die Schriften zwar nur an. Jedenfalls war es so, dass die Stadt und ihr Tempel voller Trümmer waren und zum Aufbau jede Hand gebraucht wurde. Und es war auch so, dass sich eine besitzende Oberschicht herausgebildet hatte, der verarmte, mittellose Menschen gegenüberstanden. Sehe also zugleich meine Kindheit in der Nachkriegszeit, sehe Trümmerfrauen, die mit Steinen beladene Loren schoben, sehe auch durch das Stahlgerippe der zerbombten Kirche, weiß noch wie die Erwachsenen sagten: „Es geht aufwärts“. Und: „Jeder muss sehen, dass er zu was kommt“, kann mich an die volle Kirche sonntags erinnern und auch daran, wie der Gerichtsvollzieher gekommen war, der den Kuckuck geklebt und später das Sofa mitgenommen hatte. Wie es morgens Brot mit Marmelade und abends Brot mit Schmalz gegeben hatte. Einmal jedoch war ein Care-Paket gekommen, Gott sei Dank. Kann mir also vorstellen, wie sich damals die Dankbarkeit in Jerusalem verteilt hatte, vor allem, wie es wichtig gewesen war, die inneren Werte angesichts erfahrener Entsagungen zu sichern, indem man zu unterscheiden wusste zwischen dem Alltag mit seinen Sorgen und Verpflichtungen und den Gottesdiensten, die je zu ihrer Zeit wahrzunehmen waren,  auf deren pflichtgemäßen Besuch auf das Sorgfältigste geachtet wurde, allein schon wegen der Nachbarn, aber auch wegen der inneren Angst und Ungewissheit, der Höchste könnte seine schützende Hand wieder von einem abziehen, käme man nicht den Verpflichtungen nach, die von alters her galten. Auch mochten hier wiederum Nachbarn, diesmal die von Gegenüber, ein warnendes Beispiel abgegeben haben. Sie hatten Haus und Hof verloren, weil sie für ihre Schulden nicht einstehen konnten. „Tut uns ja Leid. Aber wenn das das jeder täte, dann ginge alles in Dutten. Außerdem: uns schenkt ja auch keiner was“. Wir kennen das, denn Inkassodienste gehen durch die Zeiten.  Und desgleichen jene Frömmigkeit, die durch das Gesetz der eigenen Aktivität die Selbstsicherung fortschreiben will bis hin zur Inszenierung des immerwährenden Schönen und Guten. Gegen diese Mauern des Selbstschutzes erhebt der Prophet seine Stimme. Laut:

3).Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen? Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.4)Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.6) Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7)Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Es soll ja so werden,

dass 8) dein Licht hervorbrechen wird wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Zum Beispiel ihr Konfirmanden dahinter in der letzten Reihe. Ihr habt am Dienstag vielleicht gepostet bekommen, dass Shakira in der kolumbianischen Stadt  Cartagena de Indias eine Schule für 1700 Kinder gestiftet hat. Es ist Klasse, dass die Rocksängerin sich so in ihrem Heimatland einsetzt. Ihr wisst, dass es dort ziemlich finster aussieht. Kaffeekonzerne, die immer mehr Land brauchen und Kleinbauern nötigen, in die Städte zu ziehen. Drogenkartelle,  die ihre Ansprüche mit Waffengewalt ausüben. Jugendliche, die in Slums aufwachsen, ohne Chance, etwas zu lernen. Auch Ihr könnt etwas tun für die Zukunft von jungen Leuten in Kolumbien und später vielleicht später sogar erzählen. Also googelt mal, muss ja nicht gleich sein, aber Hauptsache ist, wie gesagt, dass es ruhig ist, also gebt ein: www.5000-Brote.de . Ihr seht: Bildungsprojekte von Brot für die Welt. Darunter das Bild mit dem Bäcker und dem Kind, das Teig ausrollt. Brot für die Welt hilft mit der Stiftung gemeinsames Wachsen  bietet ihnen eine Schule mit Nachhilfeunterricht; es gibt Freizeitangebote und Möglichkeiten für eine Ausbildung. Zum Beispiel als Bäcker.  Und ihr könnt hier denen in Bogota dadurch gehen, dass ihr mit eurer Konfi-Gruppe zum Bäcker geht und dort Brot backt. Nicht gleich- was Zukunft geben soll, will vorbereitet und organisiert sein. Also: die Aktion 5000 Brote beginnt am Erntedankfest, dann wenn der lange Bibeltext von heute noch einmal vorgelesen werden wird. Und dann geht ihr zu der Bäckerei, die sich bereit erklärt hat, bei der Aktion mitzumachen. Unter Anleitung backt ihr dort ein Brot. Ihr bekommt so einen Einblick in die Abläufe eines handwerklichen Betriebes, den man sonst nicht hat - eine neue Erfahrung, die was bringt: Euch eine Menge Spaß und den Jugendlichen in Kolumbien eine wichtige Hilfe, denn das Geld, das beim Verkauf rauskommt, geht direkt in dieses Projekt, beziehungsweise in das Bildungsprojekt in Bangladesh und in Ghana. Und vielleicht backt ihr hinterher im Konfirmandenunterricht für Euch alle eine Pizza (nicht aus der Tüte, sondern richtig, mit Hefe und Mehl!), esst und redet mit Vergnügen, mit vollem Mund und vollem Herzen und versteht mit einem Mal, was der Prophet vor langer Zeit uns heute sagt: die Gerechtigkeit so voran gehen, sodass es hell wird für die Menschen. Gott stellt sich übrigens am Ende selbst ein.

Amen.


[i] Manfred Josuttis, Wir sind Bettler“, in: ders., Offene Geheimnisse. Predigten 1999, S.147.

Das Info-Material kann unter www.5000-Brote.de herunter geladen werden. Dort auch weitere Hinweise zur Aktion in den jeweiligen Landeskirchen.

 



Pfarrer i.R. Wolfgang Petrak
Göttingen
E-Mail: w.petrak@gmx.de

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