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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 02.03.2014

Predigt zu Jesaja 58:1-9, verfasst von Uland Spahlinger

 

Vorbemerkung:

Von dem Herausgeber der Göttinger Predigten im Internet bin ich gebeten worden, eine Predigt aus der Ukraine zu schreiben. Ich tue dies während meiner letzten Tage im Dienst der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine. Einige erklärende Bemerkungen halte ich in dieser Situation für notwendig. Den Predigttext für den kommenden Sonntag lege ich der Predigt als Inspiration zugrunde; die Klage des Propheten gegen das Volk verstehe ich als Klage gegen die Mächtigen im Volk.

Meine Predigt versucht, die Entwicklungen der letzten Monate in Kiew und im Land atmosphärisch nachzuzeichnen. Die Situation ist angespannt, die Meinungslage ist gespalten. Die Ratlosigkeit ist so groß wie der Wille, die Entwicklungen in eigener Souveränität zu gestalten. Jeden Tag kann die Lage sich ändern, insofern ist das Folgende eine Momentaufnahme für heute, den 27. Februar 2014.

 

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Gnade und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus sei mit Euch allen. Wir hören den Predigttext für den Sonntag Estomihi:

Jesaja 58,1-9:

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!

2 Sie suchen mich täglich und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, daß Gott sich nahe.

3 »Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst's nicht wissen?« - Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.

4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen läßt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

9a Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Das Volk ist es müde. Es ist müde, die immer gleichen Beschwörungen zu hören: Unsere Helden, unsere Veteranen, unser großer vaterländischer Krieg! Das Volk ist es müde, große Worte über eine vermeintlich große Vergangenheit zu hören – die für viele ja nicht einmal die eigene, sondern eine fremdbeherrschte Vergangenheit ist – aber in einer erbärmlichen Gegenwart zu leben und einer noch trostloseren Zukunft entgegenzuwanken. Das Volk ist es müde zuzuschauen, wie eine Handvoll Oligarchen und korrupter Beamter sich schamlos bereichern, und gleichzeitig muss die Oma nebenan darum bangen, ob sie ihre 80 Euro Rente auch wirklich bekommt. So viel Monat am Ende des Geldes! Weißt du, sagt mir einer, da ist schon wieder ein Junge im Klinikfoyer verblutet, weil seine Eltern den Pförtner nicht schmieren konnten.

Das Volk ist es müde.

Und als die Chance auf Veränderung der Verhältnisse von den Spielern der Macht der Mästung der eigenen Konten geopfert wird, als ein „ja“ ein „vielleicht“ ein „ja“ ein „nein“ ein „ja“ ein „vielleicht“ und schließlich ein „jetzt nicht“ wird, da macht es sich auf, das Volk, denn es ist müde. Aber es hat keine Ruhestatt, denn darin liegen sie, die Herren, fett und gefräßig und skrupellos.

Und so kommt es zusammen, das Volk, viele kommen zusammen: von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, vor allem aber von Westen: weil sie auch ihren Platz am Tisch wollen. Weil sie ihre Chance haben wollen auf Veränderung, auf Verbesserung, auf den Lichtstreifen am Ende dieses ewig langen Tunnels.

Und weil sie keine Ruhestatt haben, bauen sie Zelte auf, und weil es bitter kalt ist, stellen sie Feuertonnen auf, und weil sie Hunger haben, bauen sie Feldküchen auf.

Und sie kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die Unterstützer – vor allem aber von Westen: und sie bringen Holz und Lebensmittel und warme Kleidung für die, die da ausharren am Freiheitsplatz in Kiew. Und sie singen und tanzen und hören Reden und diskutieren und bauen eine kleine provisorische Stadt der Hoffnung und des Protestes – dort auf dem Platz der Unabhängigkeit. Und zu ihren Hütten und Zelten stellen sie kleine Kapellen mit Priestern und Pastoren, die für den Frieden beten. Und sie richten Lazarette ein, wo sie Hilfe leisten für Verletze und Verwundete. Und sie teilen die Lebensmittel mit allen, die kommen.

Und was tun die Herren? Die Herren, die so gern während der Fernsehübertragung der Osterliturgie demütig gesenkten Hauptes in der Kathedrale stehen, damit das Volk an den Bildschirmen sie sehen kann in ihrer Demut und Gottesfurcht? Die Herren schicken ihre Spezialeinheiten, junge, ahnungslose aber gut trainierte Schläger, die Angst und Terror verbreiten sollen.

Und sie kommen, die Spezialisten. Und sie schlagen mit ihren Gummiknüppeln ein auf die waffenlosen Studenten, auf die Schüler.

Und ein Aufschrei geht durch das Land: sie schlagen Kinder. Und so kommen statt der Zehntausende über eine Million zusammen, zu Beginn des Advents im Jahre 2013. Und die kleine provisorische Stadt des Widerstands wird voll, es wächst die Zahl der Bewohner, es wächst die Hilfe, es wächst die Sehnsucht nach Würde und Recht. Denn schon lange geht es nicht mehr nur um die Frage, schreiben wir unseren Vertrag nach Osten oder nach Westen?

Und dann verprügeln sie eine Journalistin, die Schergen der Korruption, nur weil sie die Wahrheit schreibt über Terror, über Korruption, über den millionenschweren Diebstahl der Regierenden am eigenen Volk.

Und es kommt das neue Jahr, und es kommen zurück die Bewohner der provisorischen Stadt am Platz der Freiheit. Sie geben nicht auf, sie stehen und widerstehen. Sie stehen gegen die Spezialisten des Terrors. Viele werden verletzt. Manche werden aus den Krankenhäusern entführt, gefoltert, verhört, und dann irgendwo auf einem Acker dem Kältetod preisgegeben. Aber sie geben nicht auf, die bürger der provisorischen Stadt. Nicht mehr.

Und es kommen andere dazu, Zornige, Ungeduldige, die bereit sind zurückzuschlagen.

Und wieder andere kommen, von der Kette gelassen von den Herren – auf dass sie Unruhe stiften, provozieren, Gewalt entfachen: damit die Herren einen Vorwand haben, mit der ganzen Härte der Staatsmacht „zurück“ zu schlagen – das gab es schon früher, „seit 5.45 Uhr wird „zurück“­geschossen“. Und sie sperren die U-Bahn, damit sie auf diesem Weg ihre Truppen besser in Stellung bringen können.

Und im Land? In den anderen Städten, in den Dörfern? Da sind die im Westen – sie und die vor ihnen waren, hatten schon immer zu leiden unter dem Zwang der Herren anderer Sprache. Auch sie sind es müde. Denn wieder fürchten sie, unterdrückt zu werden und nicht sie selber sein zu dürfen. Und da sind die im Osten – ihnen ging es nicht schlecht unter den Herren anderer Sprache, jedenfalls konnten sie leicht dessen Lied singen, dessen Brot sie aßen. Und heute fürchten sie um die Fleischtöpfe Ägyptens. Und die im Süden: sie fühlen sich eher fehl am Platz im neuen Land, und sie wollen zurück ins alte. Und sie alle streuen Gerüchte und glauben Gerüchte – die sind doch bezahlt für ihren Protest, die anderen... die sind doch Söldner und Terroristen und Banditen, die anderen.... die rauben das letzte bisschen Stabilität, die anderen....

Aber die, die wirklich rauben, Stabilität und Geld und Zukunft: sie wollen spielen, ausspielen den einen gegen den anderen, den Westen gegen den Osten im Land und darüber hinaus, sie machen Gesetze, die alles unter Strafe stellen, und lockern sie wieder – und das verkaufen sie dann als ein Zugeständnis an die in der provisorischen Stadt.

Inzwischen brennen Autos. Inzwischen brennen Häuser. Und immer noch werden die im Widerstand von Entführung und Folter und Tod bedroht. Aber es kommt noch schlimmer. Die frommen Herren aus dem Osternachtsgottesdienst schicken Scharfschützen gegen das eigene Volk. An einem Tag, in einer Nacht sterben über 80, Demonstranten wie Milizionäre, über tausend werden verwundet, denn die Scharfschützen sind raffiniert, sie können in beide Richtungen zielen, und das tun sie auch: sie morden wahllos, um die Wut zu schüren, sie schießen der Gewalt eine Gasse, auf der dann das Militär vorrücken soll: um sie einzukesseln, um sie auszulöschen, um sie endgültig zu verjagen aus ihrer provisorischen Stadt am Platz des Friedens.

Und da endlich – im Angesicht des größten Schreckens, als die Macht ihre lebenverachtende Fratze zeigt: da endlich wird ernsthaft gesprochen, verhandelt, gerungen um einen Weg weg vom Rand des Vulkans, auf dem der Totentanz schon begonnen hat. Ein hartes Ringen, denn sie begreifen schnell, die alten Herren: das Spiel geht zu Ende für sie. Die Fäden der Macht, die Telefonleitungen in die Kommandostellen – sie werden ihnen aus den Händen gezogen. Aber sie müssen unterschreiben, dem Druck von außen können sie sich nicht mehr widersetzen.

Und so setzen sie sich ab, oder sie setzen sich um, wechseln die Plätze oder wenden die Hälse. Geschmeidig sind sie – wie sind wir doch getäuscht worden, sagen sie. Und beflissen nehmen sie die Säge und sägen die Äste ab, auf denen sie es sich bequem gemacht hatten, beflissen heben sie die Hände und setzen ihren Fürsten ab: Besser auf dem Boden sitzen als in der Luft hängen. Während unten, in der provisorischen Stadt – die immer noch steht, trotzig und stolz – die Särge mit den Toten durch die weinende Menge getragen werden und die Menschen begreifen: hier ist etwas passiert, das alles – alles – verändert hat.

Und der Präsident macht sich davon. Und der große Bruder im Norden ist verstimmt. Die Menschen sind ratlos – staunend und ungläubig stehen sie vor dem Wandel, vor dem, was erstem Erfolg nahekommen will. Sie haben Sorgen, um den Frieden, um die Einheit im Land, um die Zukunft. Wer kann helfen? Wer ist bereit zu helfen? Wem kann man trauen? Ich dir? Du mir? Wir dem da drüben? Oder ist der nette Kerl da auf dem Hocker vielleicht gestern noch ein Scharfschütze gewesen? Oder der alte Herr da hinten: könnte nicht er der gewesen sein, der scharfe Munition austeilen ließ?

Und dann finden sie die Residenzen: Zeugnisse der Hemmungslosigkeit, Denkmäler der Verachtung der Herren für das eigene Volk. Sie gehen und staunen und sind erschüttert. Aber sie plündern nicht: wieso sollen wir stehlen, was uns sowieso gehört? Hier passiert etwas, das alles – alles verändert.

In diesen Tagen begehen die orthodoxen Christen in der Ukraine die Maslinitsa, die „fetten Tage“ vor der Fastenzeit. Sie bereiten sich auf ein ernstes Fasten vor, das von vielen gehalten wird. Insofern passen die Worte des Propheten Jesaja tatsächlich auf diese Tage in der Ukraine. Mein letzter Tag in der Ukraine vor der Rückkehr nach Deutschland.

Es ist ein großer Ernst auf dem Maidan, heute, am 27. Februar, als ich über den Platz gehe, immer noch wohnen dort die, die dem Frieden nicht trauen, die sich vor den Seilschaften der alten Macht fürchten, die nicht wollen, dass der Kuchen zwar neu verteilt wird, aber am Tisch die alten Gestalten sitzen. Sie sind es müde, und deshalb sind sie hellwach. Und mittags um 12 treten auf die Bühne Priester und Pastoren, Mönche und Nonnen und singen und beten um Erbarmen, um Vergebung, um Versöhnung und Frieden.

Tut es ihnen gleich, Leute: betet für die Menschen in der Ukraine. Unterstützt die Initiativen für Freiheit und Bürgersinn. Gebt von Eurem Geld an die, die Verwundete pflegen, Hungernden zu essen geben, Notleidenden Hilfe leisten und mithelfen, eine gerechtere und freiere Ukraine aufzubauen. Denn die Zukunft ist ungewiss. Es ist noch früh am Morgen, das Morgenrot bricht erst an. Der Weg ist weit. Es lauern viele Gefahren. Vielen fehlt es an der Energie und am Mut, sich aufzumachen. Und immer noch gibt es die, die zurückschielen: Nach den Fleischtöpfen Ägyptens, nach den alten Zeiten.

Betet für die Menschen in der Ukraine und für alle, die für ihre Freiheit und ihre Menschenwürde eintreten. Betet für Gerechtigkeit und Frieden.

Amen.



Ökumenischen Mittagsgebet auf der Bühne am Maidan, Kiew, Ukraine, 27.02.2014
© Uhland Spahlinger, Kiew, Ukraine



Pfarrer Uland Spahlinger
z.Zt. Kiew
E-Mail: spahlinger.uland@gmx.de

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