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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Aschermittwoch, 05.03.2014

Goldene Kälber
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 32:1-6.15-20, verfasst von Güntzel Schmidt

 

Als das Volk sah, dass Mose seine Rückkehr vom Berg hinauszögerte, versammelte es sich vor Aaron und sprach zu ihm: "Auf, mach uns einen Gott, der vor uns her geht! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Moses geschah, der uns heraufgeführt hat aus dem Land Ägypten." Aaron antwortete ihnen: "Reißt ab die goldenen Ringe von den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und Töchter, und bringt sie mir." Da riss sich das ganze Volk die goldenen Ringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie aus ihren Händen und formte sie mit einem Werkzeug und machte aus ihnen ein gegossenes Stierbild. Da sprachen sie: "Das ist dein Gott, Israel, der dich vom Land Ägypten heraufgeführt hat." Als Aaron das sah, baute er einen Altar vor dem Stierbild. Und Aaron rief aus: "Morgen ist ein Fest für den Herrn!" Früh am folgenden Tag machten sie sich auf und ließen Brandopfer verbrennen und brachten Dankopfer dar, und das Volk setzte sich, um zu essen und zu trinken. Dann standen sie auf, um sich zu amüsieren.

Mose wandte sich zum Gehen und stieg herab vom Berg, die zwei Gebotstafeln in seiner Hand. Die Tafeln waren auf zwei Seiten beschrieben, beidseitig beschriftet. Die Tafeln hatte Gott gemacht, und die Schrift auf ihnen war Gottes Schrift, eingegraben auf die Tafeln. Josua aber hörte den Lärm des Volkes, den es machte, und sprach zu Mose: "Es ist Kriegslärm im Lager!" Er aber antwortete:

          "Das ist kein Johlen wie beim Sieg
          und kein Heulen wie bei einer Niederlage;
          ich höre ganz andere Klänge."

Als er sich dem Lager näherte, sah er Stierkalb und Reigentanz. Da entbrannte der Zorn Moses', er warf die Tafeln aus seiner Hand und zerbrach sie am Fuß des Berges. Dann nahm er das Stierkalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer, zerrieb es zu Staub, den streute er auf das Wasser und ließ die Israeliten trinken.   (Eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde,

am Aschermittwoch ist alles vorbei. Vorbei sind die tollen Tage, das närrische Treiben, die fröhliche, ausgelassene Stimmung. Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Da werden die Gürtel enger geschnallt - heutzutage eher im übertragenen Sinn: der Alltag mit seinen Sorgen, Lasten, Pflichten hat uns wieder. Für eine kurze Weile konnte man ihn ausblenden; vergessen, was sich ab heute wieder aufdrängt, bedacht und erledigt sein will.

Den Gürtel enger schnallen bedeutet aber auch, dass die Fastenzeit uns noch etwas mehr abverlangt, als uns "nur" unserem Alltag erneut zu stellen - was oft genug schwer genug ist. "Fasten" bedeutet für manche Verzicht, für andere Besinnung und ist irgendwie beides: bewusster Verzicht auf etwas, das uns davon ablenkt, uns auf Gott zu besinnen.

Für die Israeliten ist in der Geschichte vom Goldenen Kalb auch eine Art Aschermittwoch angebrochen - im wörtlichen Sinn sogar. Moses verlangt von ihnen, dass sie die Asche ihres Goldenen Kalbes trinken sollen. Was war nur in die Israeliten gefahren, dass sie sich von Aaron ein Kalb als Gottesbild anfertigen ließen? Und was war daran so schlimm, dass Moses derartig "ausrastete", die von Gott persönlich beschriebenen Tafeln zerschlug und auch noch das Kalb zerstörte, das sein Bruder Aaron gerade erst fertig gestellt hatte? Diese beiden Fragen möchte ich mit Ihnen heute bedenken. Fangen wir der Reihe nach an mit der ersten Frage: Was wollten die Israeliten mit dem Goldenen Kalb?

I

Das Verhältnis der Israeliten zu ihrem Gott war, gelinde gesagt, nicht unkompliziert. Gott musste sich immer wieder über sein Volk ärgern, und die Israeliten sahen oft nicht ein, warum sie tun sollten, was Gott von ihnen verlangte. Erschwerend kam hinzu, dass Gott nicht persönlich mit ihnen sprach, sondern vermittelt durch diesen Mann Moses. Der war per Du mit Gott, sozusagen, redete mit ihm wie mit einem Freund. Aber wenn er Botschaft von Gott überbrachte, hatte er stets nur Aufträge und Gebote im Gepäck.

Jetzt war er schon länger im Gespräch mit Gott, als er es angekündigt hatte. Gefiel es ihm so gut auf dem Berg, dass er sich dort oben häuslich niedergelassen und das Volk vergessen hatte? Oder war ihm Gottes Nähe nicht bekommen, war er zu weit gegangen und dabei umgekommen?

Irgendwann ist das Volk des Wartens auf Moses müde. Und es ist offenbar auch eines Gottes müde, den es nicht zu sehen bekommt und nur vom Hörensagen kennt. Es möchte einen Gott, den man sehen und anfassen kann, etwas Handfestes, Belastbares, das man nicht nur glauben muss. Deshalb lässt es Aaron ein Stierbild anfertigen: das soll der Gott sein, der sie dahin gebracht hat, wo sie jetzt sind. Wohl nicht zum Geringsten steckt in diesem selbst gemachten Gottesbild die Überzeugung, dass die Israeliten selber ihres Glückes Schmied waren und ihr Schicksal selbst in der Hand haben.

II

Der Wunsch der Israeliten nach einem greifbaren Gott ist verständlich. Auch wir kennen den Wunsch, Gott möchte irgendwie "realer", "handfester" sein, nicht nur ein Märchen aus uralten Zeiten. Auch wir kennen Gott nur vom Hörensagen - durch unsere Eltern und Großeltern, durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche, durch die Bibel. Auch wir kennen den Zweifel, ob es wirklich real ist, an was wir da glauben, oder nur ein Hirngespinst, eine Ausflucht, "Opium für's Volk".

Und auch wir haben unsere Goldenen Kälber, die wir an Gottes statt aufgestellt haben, damit sie uns als Orientierung dienen in einem Leben, für das man Fakten, Handfestes braucht und in dem Träume und Märchen keinen Platz haben.

Eines dieser Goldenen Kälber ist z.B. das Wachstum: Die Wirtschaft, heißt es, muss immer weiter wachsen, damit es uns gut geht. Wie ein Luftballon muss sie sich immer weiter und weiter ausdehnen. Und wir müssen mit der Wirtschaft Schritt halten, müssen mitwachsen: mehr Leistung bringen. Mehr lernen. Mobiler, flexibler, effizienter sein. Mehr Geld verdienen und mehr Geld ausgeben. Denn nur so geht's der Wirtschaft gut. Und dann geht es auch uns gut, dann haben wir Arbeit, dann geht es voran in eine sichere Zukunft.

Ein anderes Goldenes Kalb ist z.B. die Gesundheit: Wo wären wir, und was wären wir, wenn wir nicht gesund wären? Dabei meint Gesundheit nicht bloß die Abwesenheit körperlicher Gebrechen. Nein, wer gesund sein will, muss etwas für seinen Körper tun, muss fit sein und sich fit halten, die Figur halten und das Gewicht. Muss sich cremen und pflegen und richtig ernähren. Denn wer nicht fit ist, kann im Wettbewerb nicht mithalten, und wer nicht gut aussieht, hat schlechte Karten.

III

Das sind nur zwei der vielen Goldenen Kälber, die wir aufgestellt haben. Allen diesen Goldenen Kälbern gemeinsam ist: sie sind greifbare, handfeste Regeln, wie wir unser Leben, unsere Zukunft, unsere Welt in den Griff bekommen. Befolgen wir sie, wird alles gut gehen. Wir brauchen etwas, an das wir uns halten können; auf so etwas Unsicherem und Schwammigem wie auf Gott kann man keine Zukunft bauen.

Etwas Handfestes, Greifbares bringt auch Moses vom Berg mit: zwei Tafeln, die von Gott persönlich beschrieben wurden. Na, wenn das kein Beweis ist, dass Gott existiert! Wenn Moses sie nicht zerschlagen hätte, würden diese Tafeln noch den letzten Zweifler überzeugen, dass es Gott tatsächlich gibt. Aber Moses hatte ja nichts Besseres zu tun, als diesen unwiderlegbaren Beweis unwiederbringlich zu zerstören!

Damit kommen wir zur zweiten Frage: Was ist so schlimm daran, dass die Israeliten, dass wir Gott gern etwas "handgreiflicher", "wirklicher" hätten? Wir sind ja in einer ganz ähnlichen Situation wie die Israeliten damals: auch wir hatten einen Anführer, der für uns mit Gott geredet und uns gesagt hat, was Gott von uns will - ja, mehr noch: er war selbst Gottes Sohn. Aber dann ging er weg, wie Mose auf den Gottesberg stieg. Anders als die Israeliten bei Mose wissen wir, was aus ihm geworden ist: Er wurde ans Kreuz geschlagen, starb und ist nach drei Tagen auferstanden. Aber dennoch ist er nicht mehr da, dennoch fehlt er uns, fehlt uns etwas Handfestes, Handgreifliches, an das wir uns halten könnten. Alles, was wir haben, ist der Glaube.

Der Glaube ist allerdings beileibe nicht das einzige, worauf wir auf Treu und Glauben angewiesen sind. In der Liebe ist es ebenso. Man kann nie wirklich sicher sein, dass die Partnerin, der Partner mich liebt. Er, sie behauptet es zwar, zeigt es auch - aber wir alle haben schon erleben müssen, dass die Liebe abhanden kommen, dass der andere, die andere uns im Stich lassen kann. Nicht anders ist es beim Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern, der Großeltern zu ihren Enkeln: Man kann nicht sicher wissen, ob die Liebe, die sie verbindet, wirklich und wahrhaftig ist. Man kann es nur glauben. Und, eigenartig: je fester und unbedingter man an die Liebe glaubt und darauf vertraut, desto größer wird sie - auch wenn das nicht vor Verletzungen und Enttäuschungen schützt.

IV

Auch mit Gott sind wir durch die Liebe verbunden. Der Glaube an Gott ist eine Form der Liebe. Liebe kann man nicht beweisen, man kann sie nicht dingfest machen und auch nicht hieb- und stichfest. Das ist kein Manko der Liebe, das ist nun mal ihre Eigenschaft, man kann es nicht ändern. Es ist die Art, wie Liebe "funktioniert", etwa so, wie Strom nur durch einen elektrischen Leiter fließt und - zum Glück! - nicht durch Kunststoff, Holz oder Glas.

Moses zerstört die heiligen Tafeln, die Gottes Existenz unwiderlegbar beweisen, im Affekt, in einem Wutausbruch. Aber sie mussten auch zerstört werden, damit wir Gott lieben - das heißt: an Gott glauben - können. Weil die Liebe die Art ist, wie wir zu Gott in Beziehung treten. Nicht durch einen Vertrag, nicht in technischer Weise, wie man z.B. einen Fernseher in die Steckdose stöpselt. Sondern als Liebende, die sich gegenseitig vertrauen, sich verletzlich machen, sich ausliefern aneinander. Nur dadurch gewinnen sie sich. Erst, wenn man alle Sicherheiten aufgeben kann, hat man sich zur Liebe durchgerungen, die den anderen, die andere um ihrer selbst willen liebt. Dann erfährt man, wie reich und glücklich die Liebe macht. Und merkt mit einem Mal, dass es das ist, worauf es ankommt im Leben: zu lieben. Die Liebste, den Liebsten. Die Mitmenschen. Die wunderbare Schöpfung Gottes, unsere Erde, auf der wir alle miteinander leben.

V

Moses gibt am Ende den Israeliten die Asche, die vom Goldenen Kalb übrig geblieben ist, zu trinken. Die Suppe, die sie sich einbrockten, müssen sie nun auch noch selbst auslöffeln, sozusagen. Gleichzeitig zeigt ihnen Moses dadurch aber auch, worauf es ankommt: Gemeinsam die Suppe auszulöffeln, die man sich eingebrockt hat. Zusammen zu stehen und zusammen zu halten.

Mich erinnert diese Szene an eine ähnliche Mahlzeit, die wir zusammen einnehmen. Im Abendmahl trinken wir gemeinsam aus einem Kelch. Nur, dass wir nicht auslöffeln müssen, was wir uns eingebrockt haben. Das hat ein anderer für uns getan. Er ist dafür am Kreuz gestorben, aus Liebe zu Gott und aus Liebe zu uns. Wir trinken gemeinsam aus einem Kelch, um uns an ihn zu erinnern, und weil er dann bei uns ist.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Ein bisschen Katzenjammer ist vielleicht auch dabei. Aber die Gemeinschaft, das Verbindende, die - sagen wir ruhig: Liebe, die wir in den tollen Tagen erlebt haben, die nehmen wir mit in die Fastenzeit. Vielleicht finden wir in diesen sieben Wochen vor Ostern Zeit, oder nehmen sie uns, um zu ermessen, was das ist, die Liebe. Wie viel sie uns bedeutet. Wie sie uns mit Gott verbindet. Und wie glücklich wir sind, dass wir sie haben.

Amen.




Pfarrer Güntzel Schmidt
98617 Meiningen
E-Mail: guentzel.schmidt@gmx.de

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