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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli, 23.03.2014

Eine Geschichte für Resignierte
Predigt zu 1. Könige 19:1-8, verfasst von Eberhard Busch

 

Wie schwankend ist des Menschen Herz! Ist es denn aus dem Gedächtnis ausgelöscht, dass Elia noch gestern tröstlich erquickt worden ist? „Gott hat mich bei guten Tagen / oft ergötzt; / sollt ich jetzt / nicht auch etwas tragen" heißt es im Kirchenlied. Aber unser Herz vermag es nicht: es behalten, was Gott uns Gutes getan hat. Darum ist es gleich verzagt, wenn Gott uns eine Last auferlegt. Auch Elia ist an dem Punkt angelangt, wo ihm das Schwere allzu schwer ist. Nun seufzt er nur noch: „Es ist genug". Ich kann nicht mehr. Wie oft haben wir das vernommen! Von Menschen, die im Krankenbett um den Lebensatem rangen - von Menschen in einer Bedrängnis, die sie schier nicht aushielten - von Menschen im Stress der Anforderungen. „Ich kann nicht mehr!" Wie oft haben wir auch selber derart geseufzt. Für solche steht diese Geschichte in der Bibel. Sie ist ein Wort für Verzagte.

Die Verzagtheit des Elia hatte allerdings einen besonderen Grund. Er hat kurz vorher auf dem Berg Karmel einen Gottessieg sehen dürfen. Dort hat Gott gezeigt, dass er lebt und regiert. Dort hat er aufgedeckt, dass es nichts ist mit dem Götzenglauben. Dort hat sich Gott erwiesen als „der Siegesheld, der all seine Feind besieget." Doch auf einmal dies: „Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Bist du Elia, so bin ich Isebel! Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich dich nicht morgen um diese Zeit töte."

Und plötzlich ist das Volk wie umgewandelt. Gerade noch ist es vor Gott auf die Knie gefallen und hat ihn gepriesen: Der HERR ist Gott! Unversehens verstummt der Jauchzer. Elia ist allein übrig geblieben und muss um sein nacktes Leben bangen. Es ist, wie wenn keine Entscheidung stattgefunden hätte. Eben noch ausgeschaltet, meldet sich das gottlose Unwesen wieder und sucht umgekehrt Gott und sein Wort auszuschalten. Es ist da so wie eine Zecke, die sich in unserer Haut festgebissen hat und die man dann wohl ausgerissen zu haben meint; aber plötzlich schmarotzt sie weiter, weil der Kopf noch in der Haut steckengeblieben ist. Ja, plötzlich erheben die Gottlosigkeit und der Götzendienst erneut frech das Haupt.

Solche Bedrängnis kennt man überall da, wo sich christliche Gemeinde versammelt. Sie kommt von einer Entscheidungsschlacht sondergleichen her. Wie darf sie singen an Weihnachten, an Karfreitag, an Ostern! Da darf sie den Mund ganz voll nehmen: „Tod, Teufel, Sünd und Hölle, / die han den Sieg verlorn. / Das Kindlein tut sie fällen, / nicht viel gilt mehr ihr Zorn. / Wir fürchten nicht ihr Pochen, / ihr Macht ist abgetan. / Christus hat sie zerbrochen. / Da ist kein Zweifel dran." Kein Zweifel dran? Mit einem Schlag sieht es so aus, als hätten wir allen Anlass, das Anklopfen der finsteren Mächte zu fürchten. Die Christen sind wie allen anderen dem Sensenschlag des Todes ausgesetzt. Sie gehen auch selber allerlei Teufeleien auf dem Leim. Dunkelheiten fechten sie viele Male an, und dabei sehen sie nicht wie Gewinner aus. Man kann es sich nach Karfreitag und Ostern nicht erklären, warum all die Schrecknisse immer noch ihr Unwesen treiben.

In solche verwirrende Bedrängnis ist auch der Prophet Elia geraten. Und hier ist ja nicht nur Elia bedrängt. Der Gegenschlag des gottlos-götzendienerischen Unwesens richtet sich zuhöchst auf Gott. Gott soll für immer „ins Jenseits befördert" werden. Daraufhin das Rätselhafte, dass Gott sich das gefallen lässt. Diese Widerspenstige zähmt er nicht. Er setzt sich selber der Finsternis aus, die von Isebel ausgeht. Gott leidet unter dem Widerspruch, der immer noch da ist in der Welt gegen ihn und gegen seinen Einsatz zugunsten der Menschen. Dass sogar nach Karfreitag und Ostern sich höllischen Mächte gebärden, als hätten sie den Sieg nicht verloren, darunter leidet Gott selber.

Weil hier Gott angegriffen ist, darum ist es auch sein Diener, der Eine, der Gott treu ist. Das ist für ihn eine harte Zumutung. Aber so ist es. Je mehr einer in die Nähe Gottes gezogen wird, desto mehr mutet Gott es ihm zu, teilzunehmen an seiner Bedrängnis. Die übrigen Leute im Gottesvolk haben davon nichts abbekommen. Wie gesagt, als der Wind sich umdrehte und es unschicklich wurde, sich zu Gott zu bekennen, da war ihnen ihre Haut näher als ihr Hemd. In dieser Stunde haben sie das vermeintlich sinkende Schiff schnell verlassen und sich in Sicherheit gebracht. Nur, dass sie in ihrer Sicherheit nicht mehr in Gottes Nähe waren. Sie haben ihn nicht geradezu geleugnet, vielleicht haben sie bloß einige Abstriche am Gehorsam gegen ihn gemacht; und die mögen sie für unwesentlich gehalten haben. Aber es war doch nicht weniger als ihr Abfall von ihm. Damit haben sie wie Gott, so auch seinen Boten im Stich gelassen. Der muss jetzt die Bedrängnis ganz allein durchstehen, ohne Brüder und Schwestern zur Seite zu haben. Wenn er nicht nachgerade ein rechthaberischer Mensch ist, so muss er sich doch selber sagen: Einer allein kann unmöglich recht haben gegen alle anderen! Sei nicht dumm, beuge dich der Mehrheit! Das gehört mit zu der Zumutung Gottes an ihn: er muss die Anfechtung allein durchstehen, im Stich gelassen von den anderen Gläubigen.

In diesem Augenblick ist es, wie wenn der Himmel den Atem anhielte und fragte: Wird er es durchstehen? oder wird er zusammenbrechen? Darauf vernehmen wir: Nein, ich kann nicht. „Es ist genug, so nimm nun, HERR, mein Leben hin; denn ich bin nicht besser als meine Väter." Er, der Eine, der Gott treu geblieben ist, mag nicht mehr. „Nimm mein Leben hin." Nimm mir weg die Last! Erspar mir den bitteren Kelch des Leidens! Ich mag ihn nicht trinken. Es ist mir zu bitter. Entlasse mich aus deinem Dienst. Lass mich ein Mensch sein, so wie alle anderen auch, und lass mich im allgemeinen Strom mitschwimmen.

Felix Mendelssohn-Bartholdy lässt in seinem Oratorium „Elia" an dieser Stelle Engel die Worte aus Psalm 121 singen: „Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt. Deine Hilfe kommt von dem HERRN. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht." Aus eigener Kraft kommt Elia nicht mehr hoch. Aber in dieser Tiefe steht Gott ihm bei. In ihr ist er ein Vorläufer von dem, der ebenso in solche Tiefe gestoßen wurde: Gottes lieber Sohn, unser Bruder Jesus. Das war auch für ihn eine furchtbar schwere Last. Da hat der Himmel auch gleichsam den Atem angehalten: Wird er es aushalten? Dort in dem dunklen Garten Gethsemane war er ganz nah bei Elia. Dort hat auch er geschwankt: Lass den bitteren Kelch an mir vorübergehen! (Matthäus 26,39) Aber dann hat er hinzugefügt: „nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Daraufhin hat er den bitteren Kelch getrunken. Damit ist er ins Kreuzfeuer der dunklen Mächte geraten. Sie haben dort am Kreuz all ihre Auflehnung gegen Gott gegen den einen treuen Diener Gottes auf Erden gerichtet. Elia hat bereits das Dunkel von Gethsemane zu spüren bekommen hat.

Jedoch, Gott sei Dank, Jesus Christus ist nicht im Tod versunken. Er ist durch Gottes Macht auferstanden von den Toten. Seine Auferstehung war ein Aufstand gegen die Mächte des Verderbens. Sie haben ihn wohl besiegt, aber sie haben sich an ihm zu Tode gesiegt. Sie haben nicht damit gerechnet, dass Gott gewiss leidet unter dem Widerspruch gegen ihn, dass er sich aber dadurch nicht widerlegen lässt, dass er auch, wenn er leidet, dennoch „im Regimente" bleibt und „führet alles wohl". Darum haben sie ihre Rechnung ohne Gott gemacht. Sie haben nicht gesiegt. Sie haben verloren.

Von daher fällt ein helles Licht auch auf den verzagten Elia. Er hat etwas vom Dunkel des Karfreitags zu spüren bekommen. Aber mitten in das Dunkel dringt wie aus heiterem Himmel das Licht der Auferstehungsbotschaft: „Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: „Steh auf und iss!" Steh auf! - von selber kann er das nicht, wo er derart am Boden liegt. Und nun kann er es doch! Weil Gott es ihm sagt - durch seinen Boten, so wie er es dann in Jesus Christus zu dem toten Kind gesagt hat: „Steh auf!" (Markus 5,41) Weil Gott es ihm sagt, kann er das, was er sonst nicht kann: aufstehen. Darum, weil der Erlöser dem Müden Kraft gibt, muss der Erschöpfte nicht am Boden liegen bleiben. Darum, weil Gott schon vorher aufgestanden ist und sich erhoben hat gegen die gottwidrigen Mächte, darum darf auch er aufstehen - und muss sich nicht mehr beirren lassen durch all das Niederdrückende.

Wiederum wird er jetzt nicht mehr vorwärts gehen können, wenn Gott ihn nicht dazu stärkt. Aber Gott tut es. Er reicht ihm sein Brot und seinen Trank. Er gibt ihm Brot des Lebens. Und so kann Elia nun nicht nur stehen, sondern auch gehen und kann in Gottes Namen tapfere Schritte tun. Er scheint freilich schwer von Begriff. Er stärkt sich, aber dann legt er sich hin und will weiterschlafen. Wir kennen das ja auch. Wir hören Gottes aufrichtendes Wort - und dann lassen wir uns wieder fallen. Wir werden gestärkt - und dann sind wir erneut mutlos. Aber wie gütig ist Gott: er sagt es ihm noch einmal - durch seinen Boten: „Steh auf und iss! denn du hast einen weiten Weg vor dir." Er sagt es ihm nicht bloß, er stärkt ihn auch.

Doch was Gott jetzt nicht tut: Er erfüllt ihm nicht seinen Wunsch. Er entlässt ihn nicht aus seinem Dienst. Und er entlässt ihn auch nicht aus dem Schatten des Kreuzes. Er beseitigt nicht die Isebel mit ihren gottlosen Umtrieben. Er beseitigt nicht die tödliche Gefahr, die von ihr ausgeht. Er beseitigt nicht den Augenschein, dass Gott dem Bösen unterlegen ist, und nicht den Augenschein, einsam dazustehen. Was Gott tut, ist nur dies, dass er seinen Diener aufrichtet. Er beseitigt nicht die Anfechtung, aber er ist bei ihm in seiner Anfechtung.

Aber was heißt da „nur"! Denn wen Gott stärkt, dem gibt er nicht bloß ein bisschen Proviant, um das elende Dasein etwas zu verlängern. Wen Gott stärkt, dem gibt er die Hoffnung auf ein Ende alles Elends. Wenn Gott uns stärkt, so stärkt er uns vor allem den Glauben, nämlich daran, dass er es gut meint mit all seinen Menschen. Den Glauben daran stärkt er seinem Diener Elia. Denn sehen kann er davon noch nichts. Noch spricht der Augenschein dagegen. Noch erhebt Isebel ihr Haupt, so als seien nicht längst ihre 450 Götzenpriester beseitigt worden. Noch tun finsteren Gewalten ungeniert so, als hätten sie den Sieg nicht längst verloren. Noch gebärden sie sich so, als könnten sie - Gott zum Trotz - schalten und walten, wie es ihnen beliebt. Noch sind wir nicht am Ziel, wo wir keinen Zweifel mehr daran haben werden, dass Gott im Regiment sitzt und führet alles wohl. Noch „hast du einen weiten Weg vor dir", ist dem Elia gesagt ist. Noch ist die Zeit des Glaubens und nicht die des Schauens.

Aber diesen Glauben macht Gott uns leicht. Denn in solchem Glauben stärkt er uns - durch das Wort seiner Boten und durch seine heilsame Speise. Von alleine können wir nicht aufstehen und können nicht glauben gegen den Augenschein. Aber dazu gibt es die Verkündigung und dazu das Herrenmahl, dass wir es dennoch können. Wir können im Glauben schon jetzt gegen unser verzagtes Herz ansingen: „Tod, Teufel, Sünd und Hölle / die han den Sieg verlorn. ..." Dabei denken wir auch an die Vielen, die in ihrer Weise wie Elia seufzen müssen: „ich kann nicht mehr". Wir denken an die Leidenden, Einsamen, Geknechteten, Bedrängten, Überforderten, die auch sagen: „es ist mir zuviel". Ihnen sollen wir beistehen, mindestens einigen. Und dabei dürfen wir gewiss sein, dass unser Gott zu uns und zu ihnen spricht: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch." (Jesaja 41.10)

 



Prof. Dr. Eberhard Busch
37133 Friedland
E-Mail: ebusch@gwdg

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