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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli, 23.03.2014

Schlafen und Essen und Laufen
Predigt zu 1. Könige 19:1-16, verfasst von Angela Rinn

 

Elia am Horeb

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.

Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.
Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia? Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen.

Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner Statt. Amen.

 

Gott ist ein guter Seelsorger. Und: Menschen, die noch Lust aufs und am Essen haben, die haben auch noch Lust am Leben. Um beides geht es in dieser Geschichte. Dabei sieht es erst mal gar nicht nach Lust am Leben aus. Elia hat sich nach blutigen Kämpfen verbittert und enttäuscht in die Wüste zurückgezogen und will sterben - so behauptet er jedenfalls. So ganz nehme ich ihm seine Todessehnsucht nicht ab. Wer sterben will, legt sich in der Wüste in die pralle Sonne und nicht unter einen Ginster, der auch in der glühenden Wüste noch ausreichend Schatten spenden kann. Die langen Ginsterwurzeln reichen selbst in den trockensten Monaten bis zum Grundwasser. Das klingt nach trotzigem pflanzlichen Überlebenswillen unter lebensfeindlichen Bedingungen und ist wie ein Symbol für diesen trotzigen Propheten. Der auch leben will. Aber das muss er erst entdecken.

Und dazu hilft ihm sein Gott, der, feinfühlig, seinem Prophetenkind erst einmal Schlaf gönnt. Es hätte auch anders laufen können. Denn immerhin hat sich der Prophet mit seinem Rückzug in die Wüste dem Auftrag Gottes entzogen. Doch Gott macht Elia keine moralischen Vorhaltungen. Er diskutiert auch nichts aus mit ihm. Er lässt ihn schlafen. Ich stelle mir vor, dass es ein ganz tiefer Schlaf ist, erschöpft, wie traumlos. Dann kommt ein Engel und weckt ihn. Mit geröstetem Brot und frischem Wasser. Frisches Wasser in der Wüste, geröstetes Brot nach einem anstrengenden Lauf ums eigene Leben und einer Tagesreise in der Wüste: Da kann selbst ein trotziger Prophet nicht widerstehen. Elia isst und trinkt. Gott handelt seelsorglich durch seine Taten, er weckt seinen Appetit auf das Leben. Ganz buchstäblich.

Ich bin eine große Freundin der Sprache und liebe Worte, aber manchmal braucht es anderes als Worte. Manchmal braucht es den Schlaf, in den ich mich träumend zurückziehen kann, manchmal muss ich schweigend durch den Wald laufen oder Wüstenzeiten durchstehen, manchmal ist es ein Glas Wein am Rheinufer, das mir die Lebenslust zurückgibt und die Tränen trocknen lässt. Und manchmal ist es sehr schön, das spüren besonders ganz aktive Menschen, die zupackend sind und schnell in ihren Entscheidungen, wenn es ein anderer Mensch ist, der das Glas Wein reicht und ich es mir nicht selbst holen muss. Manchmal ist es schön, wenn jemand für mich sorgt und mich einfach ins Bett packt, am besten mit einer Wärmflasche. Manchmal ist es schön, wenn ich Zeit geschenkt bekomme, schlafend meine Wunden zu lecken und jemand anders behütet meinen Schlaf. Gott schickt seinem Propheten einen Engel. Und: er lässt ihn auch noch ein zweites Mal schlafen.

Der zweite Schlaf scheint mir eine andere Qualität als der erste zu haben. Im ersten Schlaf zieht sich Elia zurück aus der bedrohlichen Realität, flüchtet sich vor der Königin Isebel und ihren Truppen in die Welt der Träume. Im zweiten Schlaf sammelt er seine Kräfte und erholt sich für die kommenden Aufgaben. Die können dann auch ausgesprochen werden. „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir."

Nach diesem zweiten Schlaf ist Elia bereit für neue Wege. Hochsymbolisch sind die 40 Tage und Nächte. 40 ist die Zahl der Prüfung und Bewährung, aber auch des Todes. Sie symbolisiert die Vollkommenheit. Vierzig Tage dauerte die Sintflut, vierzig Jahre waren die Israeliten in der Wüste unterwegs, Christus wird vierzig Tage in der Wüste sein und fasten, bevor er sich dem Versucher stellt. Elia stellt sich nicht dem Versucher, sondern Gott. Auch dafür muss ein Mensch sich vorbereiten, wenn ein Mensch sich denn überhaupt auf eine solche Begegnung adäquat vorbereiten kann. Christus fastet, Elia hat zweimal geschlafen. Und sich mit Engelsspeise stärkt. Dann läuft er. Es ist bemerkenswert, dass er sich nicht völlig in den Schlaf zurückzieht. Diese Sehnsucht gibt´s ja auch, Decke über den Kopf und weiterschlafen, die Welt soll mich in Ruhe lassen, ich bau mir ´ne Höhle und bleib darin. Elia wird tatsächlich noch in eine Höhle kommen, doch ist es nicht mehr die Höhle des Schlafs, der Regression. Elia steht auf, isst und trinkt und macht sich auf den Weg durch die Wüste.

Es ist der Lauf seines Lebens. Doch anders, als er, auf der Flucht vor dem Tod, dem Zorn der Königin, in die Wüste um sein Leben gelaufen war. Es ist ein Lauf des Lebens. Am Ziel seines Weges wird er Gott begegnen. Zum Glauben gehört der Leib dazu. Wir glauben nicht nur mit dem Gehirn und der Rest unseres Körpers ist unwichtig. Zu Gebetsübungen gehört es dazu, den Körper vorzubereiten auf die Stille. In den Exerzitien, die ich im letzten Jahr absolviert habe, spielten Körperübungen sogar eine ganz zentrale Rolle. Ich bekam die Aufgabe, schweigend zu gehen und dabei nur auf meine Füße zu achten. Alle anderen Gedanken beiseite zu lassen, nur auf die Füße achten. Machen Sie das mal, Sie werden Ihrem Körper ganz neu begegnen. Sich gehend neu kennenlernen. Es ist spannend zu erleben, wie anders ein Gebet nach einem solchen Spaziergang ist. Ich habe oft erlebt, dass ich mich bei einem Lauf durch den Wald neu sortiert habe. Aber auch ein gemeinsames Gespräch wird - buchstäblich - anders verlaufen, je nachdem ob Menschen sich gegenüber sitzen oder gemeinsam eine Wegstrecke zurücklegen. Wer gemeinsam läuft spricht anders miteinander.

Zu der Begegnung mit Gott gehört für Elia der lange Lauf durch die Wüste dazu.

Gott wird dann am Horeb anders sein, als er es sich vorgestellt hat. Doch dank der Vorbereitung, dank Schlaf und Engel und dem Lauf durch die Wüste, wird er ihn dennoch erkennen.

Am Ziel seines Laufs hört er zweimal die selbe Frage: Was tust du hier, Elia. Jedesmal antwortet er mit den selben Worten. Doch seine zweite Antwort wird nach der Gottesbegegnung einen anderen Klang haben. Gott ist nicht im Wind, der die Berge zerreißt und die Felsen zerbricht, er ist nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Nach dem Feuer kommt das Geräusch eines leisen Säuselns. Das hebräische Wort für dieses Geräusch kann auch Stimme bedeuten, die Stimme, an der man einen Menschen erkennt. Oder die Stimme, an der man Gott erkennt. Elia erkennt die Stimme seines Gottes, die Stimme seines Schöpfers, der ihm den Atem eingehaucht hat. Nach dem Lauf, bei dem er seinen Atem spürte und sich von ihm erfüllen ließ, hört er den Atem Gottes. Was tust du hier? Elia wird dann bereit sein für seine Aufgabe. Es gibt Leute, die erkennen sehr schnell, was Gottes Wille für sie ist. Ich will das den Betreffenden nicht absprechen. Zumindest der Prophet Elia hat jedoch einige Vorbereitung gebraucht, Kämpfe, Wüstenläufe, Schlaf und Naturgewalten, bevor er tatsächlich hörte, was Gott von ihm will. Bevor er wirklich klar hören konnte, was er tun soll.

Manchmal ist Gott ganz anders, als man ihn sich vorstellt. Bei einem so gewaltbereiten, aktiven und machtvollen Propheten hätten Sturm, Erdbeben und Feuer doch nahegelegen als Zeichen der Gottesnähe. Bei ihm war es der Hauch, der Klang der Stimme. Vielleicht wäre es bei einem stillen Propheten ganz anders gewesen? Auch der Prophet Elia war nach Wüstenlauf und Ruhe ein anderer als zuvor.

Zuletzt läuft Elia wieder durch die Wüste. Er wird zwei Könige salben und seinen Nachfolger berufen. „Ich bin allein übriggeblieben" hatte er geklagt. Das war ein Irrtum. Wir sind nie allein. Und wir sind, in unseren Aufgaben, alle ersetzbar, niemand ist der Mittelpunkt der Welt.

Doch der Mittelpunkt der Welt möchte uns nahekommen. Schlafend, laufend und hörend können wir uns darauf vorbereiten. Er ist ein guter Seelsorger. Manchmal lässt er uns einfach schlafen. Und manchmal schickt er uns einen Engel. der uns stärkt mit Brot und erfrischendem Wasser.

Amen.



Pfarrerin Dr. Angela Rinn
55124 Mainz
E-Mail: ngelaRinn@t-online.de

Bemerkung:
Vorbemerkung: In der Lutherübersetzung steht „Wacholder“, es handelt sich aber um einen Ginster.



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