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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 30.03.2014

Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Reinhard Gaede

 

Liebe Gemeinde!

Worte, ins Leid gesprochen, tun gut wie die Frühlingssonne nach einem kalten Winter, wie das Lächeln beim Wiedersehen nach langer Trennung. Worte können trösten wie eine Hand, die Tränen abwischt, wie ein Finger, der eingeschlossenen Menschen den Weg ins Freie weist. „Es wird alles gut", sagt die Mutter zu dem schreienden Kind. Sie hat die Macht, Chaos und Angst zu bannen, die Welt in ihrer Wohlgestalt wieder erscheinen zu lassen. Ihr Kind wird sich zu Recht finden.

Worte des Trostes hört die jüdische Gemeinde. In Göttingen steht eine Gedenkstätte auf dem Platz der 1938 von den Nazis in Brand gesteckten Synagoge. Die Konstruktion besteht aus Stahlröhren, die zu 86 Dreiecken verschiedener Größe geformt sind. Diese sind zu einer 5,60 Meter hohen, in sich gedrehten Pyramide übereinander angeordnet. Die Drehung um zwei Achsen verleiht der Konstruktion den Ausdruck von Bewegung, was die Assoziation einer Flamme nahe legt. Je zwei Dreiecke ergeben die Form eines Davidsterns.

Das Mahnmal ist ein Werk des römischen Künstlers Corrado Cagli. (http://www.goest.de/9november.htm)

Unterhalb der Stahlkonstruktion befindet sich ein vertiefter begehbarer kleiner Platz, dessen Pflaster wiederum einen Davidstern abbildet. An den Wänden im Innenraum des Platzes findet sich Vers 10 unseres Predigt-Wortes „Berge werden weichen und Hügel werden wanken, aber meine Gnade wird von dir nicht weichen. (Jesaia 54,10) - Zur Erinnerung an die 1938 niedergebrannte Synagoge und den Leidensweg der jüdischen Gemeinde. Stadt Göttingen". Im Jahr 1995 wurden dort zusätzlich bronzene Namenstafeln mit Geburtsdaten von 282 deportierten Göttinger Juden angebracht.

Im Oktober 2006 wurde gemeldet: Eine jahrzehntelang als Stall und Scheune genutzte jüdische Synagoge zieht von Bodenfelde an der Weser nach Göttingen um. Die kleine Fachwerksynagoge in Bodenfelde war jedoch als eine der wenigen nicht angezündet worden, weil befürchtet worden war, dass die Flammen auf nebenstehende Fachwerkhäuser übergreifen könnten. Sie war an einen Landwirt verkauft und als Stall und Scheune genutzt worden. Aber unter Farbschichten entdeckte man einen fein gemalten Sternenhimmel wieder und unter dem Putz Blumen und Ranken.

Das Trost-Wort haben schon einmal die gehört, die einer schrecklichen Katastrophe entronnen waren: Gefangene Israeliten in Babylon, ca. 540 v. Chr. Ihr Land war zerstört, die Heimat verloren, ihr Tempel entweiht. Wer ist Gott? Etwa der Gott der stärksten Bataillone? Ein Gott, der immer den Stärksten hilft? Da die Botschaft des Propheten. Seinen Namen kennen wir nicht und nennen ihn deshalb nach dem Buch, das seine Worte aufbewahrt: Deuterojesaja, den zweiten Jesaja.: „Tröstet, tröstet mein Volk", so beginnt sie (40, 1). „Ewige Gnade", Bund meines Friedens", so das zweite Trost-Wort. Der Gott, der aus dem Mund seines Boten spricht, ist der Barmherzige, nicht der unbewegte Beweger, den die griechische Philosophie beweisen wollte, auch nicht das ferne höhere Wesen, von dem der religiöse Mensch so allgemein noch heute redet. Der Gott, der sich kundtut, ist der, der sich unentwegt Mühe gibt mit seinem Volk. „Du hast mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten", (43,24) sagt dieser Gott über den Ungehorsam und den Übermut des abtrünnigen Volkes. Der Gott, der sich „Mühe gibt", heißt auch der „Heilige Israels". Er, der „aller Welt Gott ist", bindet sich an sein Volk. Aber seine „Heiligkeit" unterscheidet Gott von den Menschen. Seine Heiligkeit lässt ihn gerecht sein. Gott prüft, ob Menschen seinen Bund halten. Seine Gerechtigkeit äußert sich im Zorn über alle Untreue, über die Sünde des Menschen, das erste Gebot zu missachten. Es heißt: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir." Martin Luther erklärt es: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Der Zorn Gottes trifft Menschen so: Menschen, die sich von ihm abwenden, lässt er allein. Für Menschen, die ihn

nicht ehren, ihm nicht vertrauen, ist er nicht zu finden. In der nationalen Katastrophe des geschlagenen und gefangenen Israel hat er die verlassen, die seine Warnung vor militärischen Abenteuern nicht hören wollten. Der Zorn Gottes liegt darin - wie der Apostel Paulus später sagt - dass Menschen „dahin gegeben werden", nämlich an ihre eigene Bosheit. (Röm 1,24).

In diesem Sinn fühlen Völker auch heute noch den Zorn Gottes. Eine Politik, die mit den Risiken eines Krieges spielt, eine Politik, die die Reichen begünstigt, die Armen und Schwachen aber immer stärker belastet, steht unter Gottes Zorn. Alle Menschen, die Gott nicht ehren und ihren Mitmenschen Böses antun, stehen unter Gottes Zorn. Jeder erlebt Gottes Zorn anders. Unsere Väter und Großväter haben Gottes Zorn erlebt in den Katastrophen der letzten Kriege, als in der furchtbaren Vernichtung und Verwüstung sich der ganze Wahnsinn der Bosheit austobte. Menschen heute erleben den Zorn Gottes oft so: Die Gier nach Reichtum, dem sie ihr Leben widmen, macht sie nicht glücklich, sondern lässt sie leer und unerfüllt. 

Und doch will dieser Gott nicht zornig bleiben. Seine Worte lassen ahnen, wie sehr er selbst unter der Untreue und dem Ungehorsam seines Volkes leidet, wie sehr er auch darunter leidet, dass er zürnen und drohen muss. Jeder, der ein Kind hat, kennt diese Erlebnisse: Ein Zornesausbruch der Eltern war nötig, um das Kind wieder auf den rechten Weg zu bringen. Nun, da es weinend da sitzt, muss es getröstet werden. Die zornigen Eltern können gar nicht anders, als das Kind, das seinen Fehler eingesehen hat, in den Arm zu nehmen. So ist Gott auch. Mehr noch als eine Mutter mit ihrem Sohn Mitleid hat und immer an ihn denkt, will Gott mit seinem Volk Erbarmen haben. (49, 15) Die Freude darüber prägt die ganze Botschaft des Propheten. Auch das Kind, das gegen den Rat seiner Eltern ins Unglück rennt, bleibt das geliebte Kind. So will Gott das unglückliche Volk in der Zerstreuung sammeln, sich seiner erbarmen.

Einige der älteren Generation haben noch die Zeit der Gefangenschaft und Heimkehr nach dem letzten Krieg erlebt. Sie erinnern sich noch an die Freude, als die Nachricht zur Gewissheit wurde: Es geht nach Hause. Diese Freudenbotschaft sagt der Prophet an: Von überall her gesammelt, darf das Volk heimkehren.

„Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser." „Ewig", das übersteigt unser Zeitgefühl: Und deshalb greift der Prophet argumentierend zurück. Die Gnade Gottes ermöglicht Leben. Im Bund mit Noah setzt Gott das Zeichen des Lebens, den Regenbogen. Trotz der Bosheit der Menschen soll Leben sein. „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht" (Gen 8, 22) Den Rhythmus der Jahreszeiten, den Regenbogen, sollen wir erleben als Zeichen der Gnade Gottes. Und wie Gott Leben garantiert, so verheißt er auch jetzt ewige Gnade, als er sein Volk aus der Gefangenschaft zurückführt.

Schon die Urgemeinde hat sich immer als das neue Israel verstanden, sich einbeziehen lassen in die Gemeinschaft derer, die Gottes mahnendes und tröstendes Wort hören. So dürfen auch wir wissen, dass dieser Gott, der so freundlich zu Israel spricht, auch uns seine Gnade zusagt. Seit den Worten und Taten Jesu, seiner Passion, seinem Kreuz und seiner Auferstehung wissen wir letztgültig, was ewige Gnade Gottes ist. In Christus ist Gottes Liebe sichtbar geworden. In Christus erfahren wir Vergebung unserer Sünden. Durch Christus werden wir Gottes Kinder. In Christi Worten wird uns ewiges Leben zugesprochen, Leben, das auch der Tod nicht zerstören kann, Leben in der Nähe Gottes. Was der Nachfolger Jesajas in Gottes Auftrag zu dem gefangenen Volk sagt, hat Gott letztgültig allen angeboten, die an Christus, ihren Herrn glauben und Nächstenliebe üben: „Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser."

Erlöser heißt der, der freikauft, Befreiung schenkt. Welche Mühe hatte Gott mit Israel! Welche Mühe mit der christlichen Gemeinde! Wieviel hat Gott es sich kosten lassen, als er im

Leiden und im Kreuz seines Sohnes seine Liebe und Vergebung durchhielt, um die Bosheit der Menschen durch Güte zu überwinden!

Berge können hinfallen. In großer Zahl ereignen sich Katastrophen: Berghänge rutschen ab, Lawinen donnern zu Tal, Vulkane speien Feuer. Im Innern der Erde liegen Kräfte der Zerstörung, Uran, atomare Energie. Gott hat das Chaos gebändigt, um seine Schöpfung zu erhalten, der Mensch soll sie bewahren, meint alles zu beherrschen, spürt aber immer wieder die Kräfte der Elemente in der Schöpfung, denen er nicht immer gewachsen ist.

Am 10. März 2014 erschien in der Süddeutschen Zeitung diese Anzeige: „Zum 3. Mal jährt sich die Atomkatastrophe in Fukushima, zum 28. Mal die von Tschernobyl. Wie in Weißrussland, in der Ukraine und in Russland sind auch in Japan weite Gebiete langfristig verstrahlt worden und nun für Generationen unbewohnbar. Die gesundheitlichen Folgen der Radioaktivität sind aus Tschernobyl bekannt: Krebserkrankungen aller Organe, angeborene Fehlbildungen, Erbgutschäden, Totgeburten, Herz-Kreislauferkrankungen.

Es wird immer deutlicher, dass ionisierende Strahlung schon in kleinsten Dosen das Erkrankungsrisiko erhöht. Es gibt keinen Schwellenwert, unterhalb dessen Strahlung unschädlich wäre. Schon die Hintergrundstrahlung verursacht epidemiologisch nachweisbare Gesundheitsschäden." Gegen Ende heißt es: „Wir Bürgerinnen und Bürger lassen uns die Energiepolitik weder von den Atomkonzernen noch von der Politik diktieren. Wir machen die Energiewende einfach selber. Wir beteiligen uns, z.B. über Energiegenossenschaften, an Solar-, Wind- und Speicheranlagen." Unsere Westfälische Kirche hat in dem Jahr der Katastrophe 1986 die Hauptvorlage „Verantwortung für Gottes Schöpfung" herausgegeben. Sie zeigte einen Fisch, dessen untere Seite nur noch Gräten hatte. Und die Synode warnte vor einer Technik, die nicht gänzlich beherrschbar ist, bei der Fehler tödliche Folgen haben. Wir Menschen haben die Verantwortung, Gottes Schöpfung zu bewahren.

Auch in unserm persönlichen Leben ereignen sich oft Katastrophen - das griechische Wort trägt das Bild vom Abstürzenden. Da vertrauten Menschen auf die Treue ihres Partners wie auf einen Felsen. Aber er erwies sich als brüchig. Sie zerbrachen fast an der Enttäuschung. Männer und Frauen sind oft stolz auf ihre berufliche Leistung und mussten dann den Verlust ihres Arbeitsplatzes hinnehmen. Ein schwerer Schicksalsschlag kann uns treffen: Eine Krankheit, der Tod eines lieben Menschen. Alles scheint zusammen zu brechen. Aber dann scheint doch das tröstliche „Aber", der Regenbogen, Zeichen göttlicher Gnade. Wenn Trauernde, Verzweifelte und Verstörte doch die Sonne wieder scheinen sehen, die Blumen bewundern, können sie das Leben wieder leise lernen. So kommt Gottes Gnade im Zeichen des Regenbogens.

Der Bund seines Friedens soll nicht hinfallen. Frieden, hebr. Schalom, bedeutet Glück, Heil, Gelingen, erfülltes Leben, nicht nur Zufriedenheit des Herzens, sondern auch glückliches Leben in der Schöpfung Gottes.

Diese Verheißung sucht ihre Hoffenden, die mit ihr leben. Es gibt ein Bild des Malers Holman Hunt mit dem Titels „Licht der Welt".

( google Bilder: Holman Hunt: Licht der Welt)

Es zeigt Christus, wie er an eine Tür klopft. Ein biblisches Motiv; ich las es einmal am Türbogen eines halb-verfallenen Kottens. "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten." Der Maler kannte offenbar dieses Wort aus der Offenbarung des Johannes Kap. 3, V. 20. Wer das Bild genauer betrachtet, merkt, dass an der geschlossenen Tür der Türgriff fehlt. Ein Freund wollte den Maler auf diesen scheinbaren Fehler aufmerksam machen. Da bekam er die Antwort: „Das ist ja gerade die eigentliche Aussage des Bildes. Es gibt einen Türgriff, aber der ist auf der Innenseite der Tür." Der Maler meinte: Gott klopft an die Tür deines Lebens-Hauses, du brauchst ihn nur hereinzulassen, Christus, der das Licht ist, die Gnade, den Frieden Gottes.

Ich denke an eine Frau aus unserer Zeit. 50 Jahre ist sie alt, hat keine Arbeit, ihr Mann auch nicht. Die unverheiratete Tochter hatte ein Kind bekommen, wollte aber lieber etwas von der Welt sehen, als sich um ihr Kind zu kümmern. Da nahm sie sich ihres Enkelkinds an, dabei hatte sie noch zwei Menschen in der Verwandtschaft, die sie pflegte. Das Geld zum Leben reichte auch kaum. Wie sollte sie alles schaffen? Darauf angesprochen, sagte sie: „Ja, manchmal frage ich mich schon, warum gerade auf mich so viel Schweres zu gekommen ist. Doch ich habe mich an Gott festgehalten, an seiner frohen Botschaft, an seinen vielen guten Worten. Sie gingen mir ans Herz, ich spürte, dass sie auch mir gelten, wirklich auch mir, die ich es so schwer habe. Und es ist unbeschreiblich, welche Kraft mir zuströmt, so dass ich alles bewältigen kann. Ich merke, wie seine Worte mich tragen. Mein Leben liegt in seinen Händen, heute, morgen - und ich bin gewiss, auch in Ewigkeit."

Auch uns sollen solche Trostworte tragen. „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren...In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet", singen wir mit Joachim Neander (EG 317). Gottes letztes Wort ist nicht seine Abwendung und sein Zorn, sondern seine Barmherzigkeit, seine Gnade, sein Friede. So weit hat er die Tür zum Heil aufgetan. Das ist die Botschaft des Sonntags Lätare, freue dich!

Amen



Pfarrer i. R. Dr. Reinhard Gaede
32052 Herford
E-Mail: reinhard-gaede@gmx.de

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