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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 30.03.2014

Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Alfred Buß

 

Liturgischer Gruß und Anrede

I

Lätare. Das ist der kleine Freudensonntag mitten in der Passionszeit, ein Vorgeschmack von Ostern. Doch ist noch nicht Ostern. Laetare, vierter Passionsonntag, schillert in verwirrendem Wechsel von Licht und Schatten, von Freude und Leiden, von Hoffnungen und Abgründen. Wie auch das Wochenlied: „Jesu meine Freude" (EG 396): „Trotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu! Tobe Welt und springe, ich steht hier und singe in gar sichrer Ruh."

Nein, diese Freude führt am Leiden nicht vorbei. Aber sie überlässt dem Leiden und der Trauer nicht das Feld: „Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus tritt herein." So klingt der cantus firmus, die feste Melodie, der Zuversicht. Diese Melodie erklingt allem Leiden, aller Bedrohung und aller Furcht zum Trotz. Dieses Lied singt trotzdem.

So lud die Vikarin ein - zum Samstagabendgottesdienst vor Laetare - mit Musik und Tanz. Mitten in der Passionszeit. Trotzdem! Sie tanzte selber und wirbelte durch den Mittelgang der Kirche. Trotzig. Freudig. Voller Zuversicht. „Laetare cum Hierusalem... Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle die ihr sie lieb habt." Das ist der Leitvers dieses Sonntags von alters her.

Die Vikarin tanzte. Töne brachten zum Klingen, Rhythmen setzten in Bewegung, was Worte allein nicht fassen können. Musik vermag viel. Sie kann dem bohrenden Schmerz ganz nahe sein - und ebenso der überwältigenden Freude. Unsere Klage und unser Gottvertrauen fließen in Worte, Töne, Klänge und Bewegungen. Sie fließen in unser Singen, Sagen und Tanzen

In der Musik spiegelt sich wider, was einen Menschen bewegt und was die Seele berührt: Klage, Not, Schmerz und Angst ebenso wie Freude, Dank, Lob und Jubel. Und keiner muss gleich zustimmen. Es reicht, einzustimmen.

II

Manchmal ist uns gar nicht nach Musik zumute. Da wollen wir nicht bewegt sein und brauchen Stille. Wir sind in uns gekehrt und bedrückt. Noch nicht einmal ein Klagegesang will uns über die Lippen kommen.

So Juda in der Gefangenschaft zu Babylon. Der 137. Psalm erzählt davon:

An den Wassern von Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.

Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen

und in unserm Heulen fröhlich sein:

Singet uns ein Lied von Zion!"

Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande?

Es gibt Zeiten der Stille und des Stummwerdens. Unvermittelt kann der Mensch vor dem Trümmerfeld seines Lebens stehen. Das Leben, die Hoffnung, die Zukunft sinken in sich zusammen, sie verflüchtigen sich. Die Zeit dehnt sich. Minuten werden zur Ewigkeit. Mein Gott, hat das denn niemals ein Ende?! Der Tod - dieser Niemand und Nichts - lässt, was uns lieb und teuer ist, erkalten. Leben zieht sich zurück wie in ein finsteres Loch.

Und dann die Frage: Hat Gott mich verlassen? Vielleicht gibt es Gott gar nicht. Gott, bloßer Gedanke, Hirngespinst, fixe Idee? Geflüstert wird dann bange: vielleicht lohnt sich alles gar nicht.

Solche Fragen gehen ins Leere. Sie bleiben ohne Antwort.

Doch der heutige Bibeltext bleibt nicht stumm. Er gibt Antwort. Gott spricht. Lauschen wir dem, was Gott sagt: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen... Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen.

Eine sperrige Antwort ist das: Einen kleinen Augenblick nur hat Gott sich abgewandt. Gott hat nicht hingeschaut, er hat nicht aufgepasst - und da ist das Elend geschehen. Dem Menschen
aber dehnt sich im selben Augenblick die Zeit zur Ewigkeit.

Einen kleinen Augenblick
überlässt Gott die Menschen sich selbst.
Und wir Menschen müssen dann so leben, als ob es Gott nicht gibt.

Doch leben wir nicht so? Leben wir nicht sowieso so? Von der Hand in den Mund, vom Regal in den Müll, aus der Steckdose und der Zapfsäule in die Atmosphäre? Ganz ohne Gott?

Einen kleinen Augenblick
nicht hingeschaut, aus Zorn abgewandt, sich weggedreht aus enttäuschter Liebe. Das kennen wir: niemand kann mich so tief verletzen wie der Mensch, den ich liebe. Warum sollte das bei Gott anders sein?
Enttäuscht von seinem Menschen, der
immer wieder
Gott den Rücken kehrt, dreht Gott dem Menschen den Rücken zu. Von der Enttäuschung, ja vom Zorn Gottes sprechen die Propheten des alten Bundes immer wieder - davon spricht auch das Neue Testament.

Gott ist für den Menschen nicht immer gleich nah. Manchmal ist er wie ferngerückt. Vielleicht gerade uns Heutigen, umgeben mit Materiellem wie keine Generation zuvor. Haben wir Gott damit zugestellt? Oder hat Gott uns den Rücken zugedreht? Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen... Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen.

Einen kleinen Augenblick
hat Gott sich
abgewandt in seinem Zorn.
Ein kleiner Augenblick
ist das vielleicht für Gott,
für Menschen ist es eine Ewigkeit trostloser Anfechtung. Wie ein Verlies ohne Ausgang, wie ein Tunnel ohne Licht.

So kann die Liebe doch nicht enden.
So doch nicht.

III

Wo die Verhältnisse versanden, schafft nur die Liebe neue Verhältnisse.

Gott überwindet seine Enttäuschung. Er
geht
- Gipfel der Liebe
- dem
störrischen
Menschen nach.
Fängt neu mit ihm an und sagt durch den Mund des Propheten:

Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen,

und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,

spricht der Herr, dein Erbarmer.

Passionszeit. Nein,
das Elend hört nicht auf.
Überwunden geglaubte Bedrohungen tun sich auf. Ein Riß spaltet Europa aufs Neue in Ost und West. Wohin wird das führen? Aus Krieg und Elend entronnene Menschen finden keine Zuflucht. Sie bleiben draußen - vor der Festung Europa. Zu viele Flüchtlinge scheitern an meterhohen Zäunen oder kommen um in den Fluten. Im Süden Europas sind junge Menschen ohne Arbeit. Zu viele haben keine Perspektive. Die Klimaerwärmung schreitet fort. Wie sollen unsere Enkel leben?

Wir Menschen wenden uns ab. Kehren einander den Rücken zu. Und zeigen auch Gott die kalte Schulter.

Aber Gott zeigt uns die kalte Schulter nicht. Endgültig nicht mehr, seit er in Bethlehem einer von uns wurde.
Endgültig nicht,
seit er auf Golgatha unseren Tod starb
und selbst unsere Frage schrie:
"Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Endgültig nicht, seit er am Ostermorgen all das überwand: Enttäuschung, Zorn, Gewalt, Tod...

Gott wird sich nicht mehr abwenden.


Immer wieder diese Zusage, dieser cantus firmus:

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen,

aber meine Gnade soll nicht von dir weichen,

und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,

spricht der Herr, dein Erbarmer.

Dieses Wort hat sich verwoben mit der Geschichte des Gottesvolkes Israel,

es hat sich verwoben mit der Geschichte der christlichen Kirche.

Kindern wird dieser Vers bei der Taufe zugesprochen, Konfirmandinnen und Konfirmanden bekommen ihn für's Leben zugesagt...

Ein Wort voller Verheißung, voller Vertrauen - und voller erlebter Geschichten.

Ein Wort - ganz Zuspruch, ganz Zusage, ganz Zuwendung.

Gott vergisst seine Menschen nicht!

Dieses Wort will wirken. Auch in Europa. Es will die Wirklichkeit der Menschen bestimmen. Auch die Wirklichkeit der Flüchtlinge vor den Toren. Es will den jungen Leuten in Europas Süden Perspektive geben. Und auch den Generationen nach uns. Es will bei uns einkehren. In unser Herz. In unser Leben.

Gottes cantus firmus, seine feste Melodie, schafft Zuversicht. Trotzdem!

Gerade am Sonntag Lätare. Im Wechselspiel von Licht und Schatten, von Freude und Leid, von Hoffnungen und Abgründen.

Umbrüche, Zusammenstürzendes - Gottesferne, Bedrohung, Leid, Hoffnungslosigkeit - düstere Klänge, in der Musik werden sie laut:

Viel klarer und stärker intoniert als Worte allein es können,

auch körperlich kommen sie nah.

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen,

aber meine Gnade soll nicht von dir weichen,

und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,

spricht er Herr, dein Erbarmer.

Ich höre diese große Symphonie; zunächst einen harmonischen Klangteppich der Streicher: Da triumphieren die Berge, majestätisch erheben sie sich, in Dur intoniert. Und beginnen doch zu wanken, zu weichen: Posaunen, Trompeten und Pauken setzen ein in greller Disharmonie; sie fallen hin, die Hügel, Berge versinken... die Tonart wechselt, es klagt in Moll mit den wehmütigen, dunklen Klangfarben der Holzbläser von Klarinetten und Fagotten.

Und doch darunter in alledem, trotz alledem: die Sanftheit der umhüllenden Gnade, die friedvollen, fast überhörten Harmonien, unisono gespielt von Celli, Bratschen und Geigen... Dur! Ganz klar, ganz rein, unüberhörbar und eindeutig: So spricht der Herr... Der cantus firmus, die Grundmelodie. Die Botschaft, die immer da ist. Nicht aufdringlich, aber immer gegenwärtig.

Und dann die Dynamik des Orchesters, das Zeichen seiner Nähe, der Bund seines Friedens - in all seiner Fülle, umfassend, ökumenisch, weltweit: die Bläser, die Streicher... Nicht bombastisch, eher leicht, aber in Bewegung, in Bewegung aufeinander zu: Gott und Mensch verbunden, Fermate! Das bleibt!

IV

Auch in Babylon gab es Musik. Die fröhlichen Lieder wollten den Israeliten nicht über die Lippen... Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande? Sie haben geweint, ihre Harfen in die Weiden gehängt...

Und doch haben sie den cantus firmus, die feste Melodie, ihres Gottes wieder vernommen. Durch den Propheten. Gottes Stimme war wieder da. Sie konnten anfangen zu musizieren, zu singen. Sie haben die Botschaft von Gottes Treue zum Klingen gebracht und sie weitergegeben.

Irgendwann erschallte auch in Babylon der Lobgesang, waren Danklieder zu hören, wurden Gottes Gnade und sein Erbarmen in Töne gesetzt, wurde der so tief verwurzelte Glaube wieder lebendig im Klang von Instrumenten und Stimmen.

Der Klang dieser Freude erreicht uns am Sonntag Lätare. Die Melodie von Gottes Gnade. Gottes Geist beflügelt. Und gibt dem Leichten wie dem Schweren Töne und Klänge. Rhythmen bewegen. Und der cantus firmus ist nicht mehr unterzukriegen:

Meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 



Pfarrer i.R., Dr.h.c. Alfred Buß
59425 Unna
E-Mail: abuss47@gmail.com

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