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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 30.03.2014

Gottes kleiner Augenblick – Gottes ewige Gnade
Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Uland Spahlinger

 

Jes 54,7-10 (Luther 1984)

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, daß die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, daß ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.

10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Jes. 54, 7-10 (Buber-Rosenzweig)1

7 Eine kleine Regung lang habe ich dich verlassen, aber in großem Erbarmen hole ich dich wieder herbei.

8 Als der Groll überschwoll, verbarg ich mein Antlitz eine Regung lang vor dir, aber in Weltzeit-Huld erbarme ich mich nun dein, hat dein Auslöser, ER, gesprochen.

9 Ja denn, ein Noachsgewässer ist mir dies: wie ich verschworen habe, daß nochmals ein Noachsgewässer die Erde überzöge, so habe ich verschworen, dir zu grollen, dich zu bedräuen.

10 Ja denn, die Berge mögen weichen, die Hügel mögen wanken, meine Huld weicht nicht von dir, der Bund meines Friedens wankt nicht, hat dein Erbarmer, ER, gesprochen

 

Liebe Gemeinde,

was für eine Spannung, was für ein Ergebnis! Die Goldmedaille im Riesenslalom der Damen gewinnt die Slowenin Tina Maze vor der Österreicherin Anna Fenninger - mit 7 Hundertstel Sekunden Vorsprung. Ein kleiner Augenblick, ein sehr kleiner Augenblick - und trotzdem: Das Rennen der einen wurde zur kleinen Ewigkeit des Wartens für die andere, bis dann das Ergebnis feststand. Wir kennen solche Momente, in denen die Zeit stehenzubleiben scheint. Wir kennen auch das zähfließende Blei des Wartens auf einen ärztlichen Befund, auf ein Prüfungsergebnis, auf die Heimkehr eines geliebten Menschen.

Wie mag es für die Israeliten in Babylon geklungen haben, als der Prophet ihnen nach vielleicht 60 Jahren im babylonischen Exil dieses Wort Gottes übermittelt: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln" V.7)? - „Einen kleinen Augenblick" - Martin Buber übersetzt noch anschaulicher: „eine kleine Regung lang"? Wie mag das geklungen haben? Und weiter: „Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser" (V.8). Oder noch einmal in der Übersetzung Bubers: „ Als der Groll überschwoll, verbarg ich mein Antlitz eine Regung lang vor dir, aber in Weltzeit-Huld erbarme ich mich nun dein, hat dein Auslöser, ER, gesprochen" (V.8).

Große, anspruchsvolle Worte für die, die so lange warten mussten. Woran mögen sich die aus dem Volk Israel, die zu der Zeit noch in Babylon lebten, erinnert haben? Woran konnten sie sich vielleicht noch erinnern?

Es mag Ihnen vielleicht etwas verstiegen vorkommen: ich habe mir vorzustellen versucht, was es mit dieser langen Zeit, dieser über-lebenslangen Zeit auf sich gehabt haben mag. Was für eine Wirkung hat wohl das babylonische Exil in seinen sechzig, siebzig Jahren auf die Israeliten gehabt, nachdem sie als Kriegsgefangene dorthin verschleppt worden waren, 1000 Kilometer durch die Wüste, weg von daheim, weg von den Zedern des Libanon, weg von Jerusalem, weg vom Tempel. Weg vom Land der Väter, das ihnen von Gott verheißen worden war?

Was blieb ihnen, die gelernt hatten, ganz nüchtern auf das Leben und seine Grenzen zu blicken: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre" (Ps. 90,10a)?

Was blieb ihnen außer der Klage und der hilflos-frustrierten Hasstirade, die wir in Psalm 137 lesen können:

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.
Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.

......

Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte.

......

Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast!
Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!"

(Ps. 137, 1-2.5.8-9)

Wenn ich diesen Klagepsalm lesen lasse, dann lasse ich für gewöhnlich den Schluss weg. Zu grausam für Gottesdienst und Meditation! Aber solche Worte fallen, wenn die Zeit bleischwer dahinfließt, wenn ein Gefängnis ein Gefängnis bleibt und wenn die Hoffnung auf Änderung des gefühlten Elends langsam abstirbt und dem Vergessen zum Opfer fällt.

Jeremia, der andere große Prophet der Exilszeit, empfiehlt den Israeliten sogar, sich von der Hoffnung auf Heimkehr zu verabschieden:

„Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und eßt ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, daß sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, daß ihr nicht weniger werdet"

(Jer. 29, 5-7).

Jeremia gibt hier den Realpolitiker, den nüchternen Analysten der Chancen und Risiken. Hört auf zu klagen, akzeptiert die Tatsachen! Bewahrt Eure Sprache und Religion, erhaltet Eure Identität, aber bleibt, wo ihr jetzt seid. Findet euch ab mit den Fakten!

Eine deutsch-deutsche Erinnerung an die achtziger Jahre wird in mir wach: Versuchen wir das Leben erträglich zu gestalten, kümmern wir uns um die politischen Gefangenen, verhandeln wir über Freikäufe und Handelserleichterungen - hatten wir uns nicht weitgehend abgefunden mit der Existenz zweier deutscher Staaten?

Jesaja hingegen, der unbekannte „zweite" Jesaja, wie wir ihn nennen - dieser Prophet mutet den Nachkommen der Kriegsgefangenen, den schon halb Assimilierten, zu, sich nicht abzufinden: es sei ja nur ein kleiner Augenblick gewesen, eine kleine Regung Gottes.

Bei einem der großen Gelehrten unserer Zeit, dem Ägyptologen Jan Assmann, habe ich eine interessante Beobachtung über die Erinnerung an Vergangenes gefunden. Jan Assmann hat festgestellt, dass schon in der alten Zeit, aber im Prinzip genauso in unseren Tagen ein Unterschied gemacht werden muss zwischen dem kommunikativen Gedächtnis und dem kulturellen Gedächtnis. Was meint er damit?

Kulturelles Gedächtnis, so sagt Assmann, umfasst die Teile aus der Geschichte einer Gruppe oder eines Volkes, die die Existenz und die Identität begründen. Das können historische Ereignisse sein, aber genauso Sagen und Mythen oder Symbole. Wichtig ist nur, dass die Gemeinschaft sich gemeinschaftlich auf sie berufen kann. Das kulturelle Gedächtnis ist über Generationen hinweg wirksam. Als Christen feiern wir Feste wie Weihnachten und Ostern in dieser Weise. Sie sind ein Teil des kulturellen Gedächtnisses unseres Glaubens, könnte man sagen.

Unter kommunikativem Gedächtnis hingegen versteht Assmann „Erinnerungen, die der Mensch mit seinen Zeitgenossen teilt"2. Er beschreibt das so: „Der typische Fall ist das Generationen-Gedächtnis. Dieses Gedächtnis wächst der Gruppe historisch zu; es entsteht in der Zeit und vergeht mit ihr, genauer: mit seinen Trägern. Wenn die Träger, die es verkörperten, gestorben sind, weicht es einem neuen Gedächtnis"3. Das mag nun etwas akademisch klingen, aber Jan Assmann spricht in seinen Überlegungen über nichts anderes als die Lebenszeit und das Erwachsensein der Menschen.

Erinnern wir uns an den Vers aus Psalm 90 und sagen wir: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre". Die Hälfte davon, grob gerechnet, können wir als das bewusste Erwachsenenleben des Menschen rechnen. „Nach 40 Jahren treten die Zeitzeugen, die ein bedeutsames Ereignis als Erwachsene erlebt haben, aus dem eher zukunftsbezogenen Berufsleben heraus und in das Alter ein, in dem die Erinnerung wächst und mit ihr der Wunsch nach Fixierung und Weitergabe"4, sagt Assmann. „Opa, erzähl doch, wie war es früher?" - wir kennen diese Frage. Nicht zufällig ist es die Frage der Enkel.

Und nicht zufällig sind die vierzig Jahre eine symbolische Zahl in der Bibel. Vierzig Jahren markieren in etwa den Zeitraum, nach dem die erinnerungs- und verantwortungsfähigen Erwachsenen abtreten. Mit ihnen verlischt die Zeitzeugenerinnerung an das, was geschehen ist. Es verlischt das kommunikative Gedächtnis. Nach vierzig Jahren konnten - so die symbolträchtige Erzählung des Alten Testamentes - die Israeliten das verheißene Land betreten, nachdem sie sich von Gott abgewendet hatten. Die Erfahrung der Zeitzeugen war ausgelöscht. Was blieb, war die weitererzählte und später aufgeschriebene (= kulturell tradierte) Erinnerung.

Ein Freund von mir, Pfarrer in einer KZ-Gedenkstätte, erzählte mir neulich, wie sich dort die Arbeit und das Leben auch deshalb verändern, weil die letzten Zeitzeugen alt werden und sterben. Die schriftlichen Zeugnisse, Berichte, Erinnerungen, Geschichten und Gedichte, haben eine andere Qualität. Man muss anders mit ihnen arbeiten und sich ihnen anders stellen.

Und genau das gleiche, denke ich, erleben wir mit den Israeliten in Babylon, in der Gefangenschaft - 60, 70 Jahre nach dem verlorenen Krieg. Zwei oder drei Generationen sind vergangen. Erfahrungen wandelten sich in Mythen und Sagen, die Trauer floss ein in sentimentale oder schmerzliche Erinnerungen. Entscheidungen über die Zukunft wurden ungewiss: Klammern wir uns an die Erinnerung an Jerusalem? Machen wir uns an der Vergangenheit fest? Formen wir daraus unser Zukunftsziel? Oder bauen wir Häuser und richten uns mit der Lebenswirklichkeit unserer Gegenwart ein? Wie geht es weiter? Worauf sollen wir uns verlassen? Worauf können wir hoffen?

Und nun diese Ansage Gottes: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln" (V.7, Luther). So wendet sich Gott durch den Propheten an seine Leute. „Als der Groll überschwoll, verbarg ich mein Antlitz eine Regung lang vor dir, aber in Weltzeit-Huld erbarme ich mich nun dein, hat dein Auslöser, ER, gesprochen" (V. 8, Buber). Gott bringt sich in Erinnerung als der, bei dem sich alles ganz anders rechnet, aber auch als der Erlöser, der Aus-löser. Und er reißt so einen Horizont auf, der viel weiter reicht als die tagesaktuelle Frage: Häuser bauen und endgültig sesshaft werden oder den Auszug wagen, wenn er möglich wird? Es geht nicht mehr um relative Gewissheit oder Ungewissheit. Es geht um die Barmherzigkeit, die größer ist als der kleine Augenblick der Abkehr, um die Weltzeit-Huld, die unendlich weiter reicht als der Groll, der eine Regung lang währt. Diese Barmherzigkeit hat Bestand, sie sichert Überleben und Leben und Identität und Gewissheit. Gott erinnert sein Volk an die Urzeitgeschichte von Noah und der Flut. An deren Ende stand auch nicht die Vernichtung, sondern die Bewahrung und das Versprechen: die Bewahrung wird Bestand haben.

Einen weiten Bogen schlägt der Prophet. Er greift nicht auf den Vertrag, den Bundesschluss zurück, der eingehalten oder gebrochen wurde, sondern auf eine Rettungsgeschichte. „Die eigentliche Heilstat Gottes an seinem Volk ist die Rettung, nicht der Bundesschluss"5, erinnert uns der Alttestamentler Claus Westermann ganz zutreffend. Gott rettet, und genau darin ist er verlässlich. Seine Gnade und Barmherzigkeit, sein Erbarmen und seine Huld reichen eben weiter als einen kleinen Augenblick oder eine Regung. Sie reichen, wenn wir es konsequent zuende denken, auch über unsere Begriffe von Zeit hinaus.

Gott rechnet nicht in drei Hundertstel oder in kurzen oder langen Lebensjahren, nicht in kollektiver oder kultureller Erinnerung: das alles sind Wegmarken, die wir Menschen brauchen, um uns zu orientieren. Heute genau so wie damals. Und dann, erlauben Sie mir die Anmerkung, tun wir es doch nicht: Wir verwechseln ewiges Leben mit ewiger Jugend - und spätestens seit Erfindung des Smartphones leben wir nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern im Jederzeit und Überall - zumindest geben wir das vor und landen damit in der Belanglosigkeit.

Die Worte des Propheten hingegen malen uns ein Bild ganz anderer Qualität vor Augen: Nicht die kurze oder lange Zeit macht es aus, sondern einzig und allein Gottes Verlässlichkeit und Treue. Und hier ist die Botschaft ganz klar: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer" (V.10). Und wenn auch das Solideste vergeht, das du dir vorstellen kannst - Gottes Friede hält durch. Und Gottes Friede: das ist im Glauben Israels „das Heilsein für immer"6. Diese Verheißung weist über die geschichtliche Realität weit hinaus. Wer an diesen Gott glaubt, muss sich nicht allein in den Vorläufigkeiten und Widrigkeiten des Lebens festmachen.

Wir feiern heute den Sonntag Laetare - Freuet euch. Mitten in der Passionszeit wird dieser Sonntag auch „das kleine Ostern" genannt. Wir erinnern uns daran, dass Gott in der Geschichte wirkt, dass aber seine Möglichkeiten weit darüber hinausreichen. Wenn wir auf Jesus blicken, können wir das auch so sagen: wir erinnern uns daran, dass seine Geschichte nicht mit dem Karfreitag endet. Danach kommt Ostern - die Geburtsstunde des neuen Lebens, die Geburtsstunde unseres Glaubens. Unser Glaube lebt im Hier und Jetzt, nicht im Jederzeit und Überall. Aber er macht sich fest an der Verlässlichkeit Gottes, der die Seinen rettet - durch Zeit und Raum, durch Wüsten und Oasen, durch tiefe Täler und weite Ebenen. Und er hofft auf den Shalom, den Frieden, der Bestand hat in der Verheißung jenseits unserer Lebensgrenzen: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer."

Amen.

 

 

 

 

 

1Fundstelle im Internet: http://www.obohu.cz/bible/index.php?styl=BRU&kap=54&k=Iz

2J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis,Beck'sche Reihe 1307, München 2007/5, S. 50.

3Ebd. S.50.

4Ebd. S.51.

5Claus Westermann, Das Buch Jesaja, Kap. 40-55, ATD Bd. 19, Göttingen 1966, S. 222.

6Ebd. S. 222.



Pfarrer Uland Spahlinger

E-Mail: spahlinger.uland@gmx.de

Bemerkung:
Als Predigtlied kann ich mir Jochen Kleppers Lied zum Jahreswechsel, „Der du die Zeit in Händen hast", EG 64, vorstellen.


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