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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 30.03.2014

passioniert mehr wert
Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Wolfgang Schillak

 

‚Ach, das war doch nicht nötig!‘
Jemand hat was mitgebracht, eine kleine Aufmerksamkeit, die Freude macht, obwohl sie verbal abgewiesen wird, emotional jedoch innig geliebt, wohl auch erwartet ist.
Es ist ein Mehrwert an Zuwendung - geschenkte Aufwertung, die länger noch nach wirkt. Und wenn das von Gott auch so..?

Im Glück ist das sicher so. Da fühlen wir uns von seinem Engel umarmt - Schutzengel haben hohe Konjunktur -, insgeheim wohl auch getragen von der Ahnung, es könnte auch mal anders kommen. Dann ist gut zu spüren, dass da noch wer ist, der Kraft ausstrahlt, Schutz gewähren kann...
Aber im Unglück, im Leiden? Wenn Klage laut wird? Ursachen gesucht werden?
Gott gefragt ist?!
Wie also komme ich von der Klage zum Trost, zum ‚lätare‘ während der Passion?

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.
Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer."

Ist das Trost im Augenblick der Lebenskrise, der Gotteskrise? Dann, wenn Berge weichen und Hügel hinfallen, mir der Boden unter den Füßen wegbricht?
Der Job, die Beziehung, die Gesundheit; Pläne zerplatzen, Hoffnung erstickt, gewohnte Orientierung zerrinnt.
Konnte Gott nicht eingreifen, verhindern? Hatte der Engel da Freischicht? Wollte er etwa nicht? Liegt das etwa an mir? Wie bekomme ich den Kopf da wieder frei?

Trost ist billig, wo Klage keinen Raum findet. Trost verkommt zur Vertröstung, wo Klage keinen Raum bietet für Ent-täuschung, für Erwartungen, die getäuscht haben bislang: Ich bleibe gesund, lebe lang, bin glücklich, schaffe das, habe genug Kraft - und im Schmerz nun merke ich: Ich habe mich getäuscht. Klage wird so zur Selbst-Kritik mit Anrede.

Klage nimmt Schmerz auf, ernst. Klage würdigt Schmerz als mich tatsächlich betreffend, schädigend betreffend als Frage nach dem Warum, Wozu das jetzt mir?! Als Anfrage an meine Gesamtschau vom Leben, Sinn, Halt, Zweck, als Suche auch nach dem, der mich jetzt hält, begleitet, aufrichtet; nach dem, was mir gegeben werden kann von jenseits meiner eigenen Möglichkeiten, der gerade gelähmten, zerstörten. Klage ist Anfrage an Gott, Gottes Nähe, Zugewandtsein, Führung auch der Geschehnisse. Die Macht des Trostes entspringt aus dem Ernst der Klage.

Wir erfahren von Jesaja 3 Modelle, das Ewige im Jetzt zu verorten, nein: den Ewigen - Gott ist kein philosophisches Prinzip - in meiner Situation zu spüren. Beschrieben sind 3 Reaktionsmuster Gottes, den Bezug zwischen Schmerz und Trost herzustellen:

      a)   Zorn - Gott ist zornig auf mich. Daher widerfährt mir Unheil - als Strafe, aber nur ein wenig. Der gnädige Gott verurteilt - aber nur ein wenig. Er straft, aber vernichtet nicht. Er bleibt ja mein Erbarmer - ein pädagogischer Zorn also...
Schon aus dem Kinderzimmer kennen wir die Erfahrung, solche erzieherische Strafe trifft nicht immer auf Einsicht. Lange Diskussionen entstehen: Wann ist welche Strafe gerecht? Die Klage wird laut - dort wie hier: Warum tust DU mir weh?
Und es bleibt die kritische Frage: Gott beschädigt Leben seines Geschöpfes?!

Nein, das ist kein Trost.

      b)   Abwesenheit - Gott dreht sich weg, verlässt mich. Gottesfinsternis. v
Kleinere Kinder schreien, wenn das Licht ausgeht - Erwachsene auch, wenn's im Flugzeug passiert oder im Fahrstuhl. Es wird kalt, wo Finsternis herrscht. Der Mensch ist auf sich selbst geworfen, einsam, die Orientierung verloren, irrt umher.
Aber er will mich wieder einsammeln - höre ich. Wie? wann? Ich bleibe ängstlich
frierend zurück. Warum tut er mir das an überhaupt? Meine Klage verhallt im dunklen Nichts...
Trost fühlt sich anders an 

      c)   Erbarmen - Gott bindet sich an den Menschen.
Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer."

‚Das sage ich, der mit Dir lebt, der auf dich hin lebt. Das sage ich, der auch verletzlich ist, der das Nicht-Verletzte will, an der Unvollkommenheit des Menschen, der Welt mitleidet - zornig und liebevoll‘.
Erbarmen ist weiblich in der Sprache Jesajas, bezeichnet Weichteile, körperlich wie seelisch, besonders schmerzempfindlich. Erbarmen wohnt, wo jemand selbst besonders empfindsam, ja verletzlich ist. Erbarmen in der Sprache Jesajas heißt auch Mutterleib! Mit-Leiden ist geborgen orientiert an dem, was neu heranwächst. Erbarmen - konfiguriert eine schöpferische Beziehung mitten im schmerzvollen Klagen.
Ist das schon Trost ...?
Klage muss nicht zur Sackgasse einer Gottesbeziehung werden. Klage kann zum Warteraum der Gottesbegegnung werden, zum Erwartungsraum der Gottesgemeinschaft in einer unfertigen, brüchigen Welt. Im Raum zur Klage wiederhallt das Echo des Erbarmens - tröstlich...

Wie in einer feierlichen Deklaration lässt Jesaja Gott hier erklären: Zorn und Abwesenheit sind endgültig vorbei. Ich hab mich da von mir selbst entfernt, von meiner Schöpfungszusage. Will mich jetzt auf mein Erbarmen zurückbesinnen...
Für uns heute hat diese Treue Gottes einen Namen: Christus
Christus ist der passionierte Sammler meiner Unvollkommenheit, meiner Bruchstücke!

Ein passionierter Sportler, z.B. ein Rollstuhlathlet bei den Paralympics, das ist jemand voller Hingabe, mit Haut und Haaren, voll und ganz. Er nimmt vieles dafür in Kauf, verzichtet auf manches andere, opfert sich auf, ist voller Hingabe, um das eine Ziel zu erreichen, erfolgreich strahlend zu leben.

Die Passion Christi ist die Leidenschaft dafür, im Gebrochensein, in Teilen - gerade auch scheiternden! - das Ganze des Heilswillens Gottes zu erkennen, im Blick zu behalten, zu leben; aus dem Gespür, verlassen zu sein, heraus sich sammeln ( zu lassen) im Licht einer Kerze, im Gebet: Wann habe ich mich ausgebremst gefühlt, verletzt, verlassen, gebrochen?

Im Gegenüber zum Kreuz zerfalle ich nicht in Splitter. Mein Leiden, meine Klage ist vorgeformt, gerichtet, auf ihn gerichtet, der sich an mich bindet, in allem Gelingen, in allem Scheitern und Zerbrechen empfindsam ist, sym-pathisch, erbarmend...

Wenn das mal unter Menschen passiert, heißt es oft: ‚Ach, das war doch nicht nötig, das kann ich doch gar nicht annehmen‘. Wenn das von Gott her passiert, darf ich mich freuen. Der „Bund seines Friedens" verbindet uns.

Nein, das ist kein Thema der Friedensbewegung. Friede - shalom - ist Geborgenfühlen in allen empfindsamen Lebensbereichen, mich als Ganzes fühlen auch in (Bruch-)Teilen, mit sich selbst und mit Gott eins, im Reinen sein.
Der Mehrwert der Zuwendung Gottes wird mir zum Grundwert, von dem ich lebe. Schmerz und Klage sind an ein passioniertes Ziel gekommen.

‚So wie es ist, ist es gut‘, sagt ein Rollstuhlfahrer und lächelt ...

Amen




Pastor Dr. Wolfgang Schillak
37176 Nörten-Hardenberg
E-Mail: schillak@gmx.net

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