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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Karsonnabend, 19.04.2014

Predigt zu Hesekiel 37:1-14, verfasst von Hellmut Mönnich

 

Liebe Gemeinde,

turbulente und schreckliche Zeiten waren das damals, jedenfalls für die meisten Betroffenen.

Damals? Wann? Und wo? Und wer waren die Betroffenen? Und überhaupt: Muss uns das heute etwas angehen? Jedenfalls ereignete sich damals etwas Unerwartetes. Aber der Reihe nach!

Die Historiker beschreiben die politischen Ereignisse damals in dem kleinen Staat Juda kurz und bündig. (Der kleine Staat Juda lag damals dort, wo sich heute auf der Landkarte Israel befindet.) Und damals - das spielte sich fast 600 Jahre vor Christi Geburt ab, also heute vor gut 2.500 Jahren.

Ob man das heute wissen muss? Und um welche Ereignisse handelt es sich überhaupt?

Das „Damals" hat tatsächlich etwas mit unserem Osterfest 2014 zu tun. Und ohne die politischen Vorgänge damals versteht man den für unseren Gottesdienst vorgeschlagenen Predigttext nicht wirklich. Der Predigttext steht im Prophetenbuch Hesekiel.-

Also: Der Kleinstaat Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem war damals kaum unter die Herrschaft der Großmacht Babylonien geraten, - Babylonien lag auf dem Gebiet des heutigen Staates Irak - da revoltierte schon der vom babylonischen Machthaber eingesetzte judäische König in Jerusalem gegen die Großmacht. Als Antwort wurde der Kleinstaat besetzt. Die babylonischen Truppen plünderten Stadt und Tempel in Jerusalem. Der König und die politische Oberschicht mussten nach Babylonien ins Exil. Und der Prophet Hesekiel - oder Ezechiel, wie manche den Namen übersetzen - war auch unter den Zwangsumgesiedelten. Von ihm gleich mehr.

Auch der neu eingesetzte König von Babyloniens Gnaden in Jerusalem revolvierte gegen Babylonien. Wieder Besetzung durch die Großmacht. Plünderung und jetzt totale Zerstörung der Stadt. Niederbrennen des Tempels. Blendung des Königs. Hinrichtung der Königsfamilie. Weitere Zwangsumsiedlung. Erbarmungslos ging die Großmacht gegen den abtrünnigen Vasallenstaat Juda vor. Und nun gab es den Staat Juda auch nicht mehr.

Alle diese skizzierten Ereignisse waren für den größten Teil der israelischen Bevölkerung katastrophal - und traumatisch.

Über die Stimmungslage der jerusalemer Bevölkerung ist in den Klageliedern des Alten, des ersten Testaments zu lesen: „...keiner der Bewohner ... glaubte es, dass Gegner und Feind eindringen würden in die Tore Jerusalems." Und: „Des Schemels seiner Füße" (gemeint ist der Tempel in Jerusalem, als Fußschemel Gottes in seiner kaum vorstellbaren Größe geglaubt), also: „des Schemels seiner Füße hat er" - Gott - „nicht gedacht". Denn das Gotteshaus in Jerusalem war ausgeraubt und zerstört worden. Der König, der seit alters her Leben und Sicherheit zu garantieren schien, „ist in ihren Gruben gefangen" formuliert der Klagelieder-Dichter.

Eine furchtbare Katastrophe also. Für die ins ferne Babylonien Zwangsumgesiedelten ebenso wie für viele in den Trümmern Zurückgebliebene. Alles, woran sie geglaubt hatten, hatte sich als trügerisch herausgestellt: Wo war denn der im Tempel in Jerusalem thronend geglaubte Gott? Hatte sich nicht allzu deutlich seine Ohnmacht gezeigt gegenüber den Göttern der siegreichen Babylonier? Und hatten sich nicht alle seine Verheißungen als trügerisch herausgestellt? Kurz: Zum zerstörten Lebensalltag begannen viele auch ihren von alters her überkommenen Glauben zu verlieren. Und mancher hatte seinen Glauben wohl auch schon verloren. Wo konnte man noch Halt finden? Hoffnungslosigkeit, dumpfe Verzweiflung machten sich breit - in der Verbannung wie in der Heimat. Alles Lebenswerte - zerstört. Und wie schon gestorben, wie schon im Grabe, kam sich mancher vor. Und sie hatten sich doch als Volk Gottes gewusst!

Hinter den nüchternen Sätzen der Historiker und den Bibeltexten können wir noch heute die Verzweiflung der Betroffenen erkennen und empfinden.

In dieser eben skizzierten Situation nun erlebt der ebenfalls zwangsumgesiedelte Prophet Hesekiel, dass Gott zu ihm spricht. Der Prophet hört: „Siehe, sie sagen: .

Darum prophezeie! Du sollst zu ihnen sagen: . Spruch Gottes. (Hes. 37,11-14)

Was verheißt und bedeutet dieser Gottesspruch?

Dass die, die sich zwischen Leben und Tod, ja, wie schon gestorben, ja, wie schon begraben vorkamen, nun wieder aufleben und neue Lebenskraft geschenkt bekommen? Dass ihnen Lebensodem eingehaucht wird - wie in der (zweiten) Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel? Dass sie wieder in der alten Heimat leben können? Ja.

Denkt man in Ruhe über den Gottesspruch nach, kann man sich auch dies deutlich machen: Die Voraussetzung der Gottesrede ist ja, dass Gott - der Leben-schaffende, der Gott des Lebens, - dass Gott es ist, der durch seinen Schöpfergeist sein Volk aus der Tiefe holen will und kann - zu neuem Leben!

Gegen alles Zweifeln an Gott, gegen alles Zweifeln an seiner Fähigkeit und Kraft zu handeln, sagt der Gottesspruch unmissverständlich deutlich: Gott ist nicht handlungsunfähig. Gott hat sein Volk nicht vergessen. Gott wird das Furchtbare zum Guten wenden! Er wird Israel mit seinem göttlichen Schöpfergeist wieder zum Leben auferstehen lassen und sein Volk zurückkehren lassen in das versprochene Land!

Vertieft man sich in die Auslegungen dieses Prophetentextes, also in die vielen Bemühungen, hier richtig zu verstehen, dann kann man schon in der rabbinischen Diskussion fündig werden und zwar in ausführlichen Debatten damals vor rund 2000 Jahren über die Auferstehung in unserem Prophetentext. So sagt ein Rabbi namens Jehuda: < Ein wirkliches Gleichnis ist es>. (Traktat Sanhedrin). Da sagte zu ihm Rabbi Nechemja: In Wirklichkeit ist es (nur) ein Gleichnis>.

Ein weiterer Rabbi sagt über unseren Prophetentext: Was dort erzählt wird, ist wirklich geschehen, aber diese Wirklichkeit ist zugleich ein Gleichnis für das endzeitliche Handeln Gottes.

Das alles heißt doch: Was in unserem Prophetentext steht, ist ein Gleichnis für die zu erlebende Wirklichkeit, das aber zugleich in außerordentlicher Weise über sich hinausweist. Denn hier geht es um Gottes Schöpferkraft, um seine Zuverlässigkeit und Treue-.

Und tatsächlich lebte das schon tot geglaubte Gotttesvolk im Heimatland schließlich wieder auf.

Und mir wird klar: Ohne das Wiederaufleben des Gottesvolkes hätte es keine weitere Geschichte Israels gegeben. Gäbe es heute kein Judentum mehr. Hätte es Jesus von Nazareth, hätte es seine Geschichte nicht gegeben. Und kein Neues Testament. Keine Christen.

Unsere Welt und ihre Geschichte hätte ganz anders ausgesehen, liebe Gemeinde.-

Zurück zum biblischen Tex: In einer dramatischen Vision wird der Prophet (vielleicht ist der Prophet hier ein Prophetenschüler, ein Nachfolger Hesekiels) im unmittelbar vorgehenden Text in eine Ebene geführt, die mit unzähligen Totengebeinen bedeckt ist. Wie nach einer verlorenen Schlacht, nach der die Leichen der Gefallenen auf dem Schlachtfeld liegengeblieben sind, unbestattet, sodass die Gebeine bleichen, so sieht das weite Feld aus. Das Gottesvolk Israel ist bis zur Unkenntlichkeit untergegangen. Israel gibt es nicht mehr, sagt dieses Bild, das im Prophetentext folgendermaßen erzählt wird:

(Hes. 37, 1-10 vorlesen)

Was schaut der Prophet in dieser eindringlich erlebten Vision? Der Prophet erlebt, dass er vom Ewigen in Dienst genommen wird: Mit seinem eigenen Wort nämlich führt der Prophet die ihm aufgegebenen Aufträge aus - und das wie tote Volk Israel steht wieder auf. Kurz: Der Prophet schaut die Auferweckung, die Wiederauferstehung Israels, des alten Gottesvolkes.

So etwas war noch nie berichtet worden: dass Gottes Lebensgeist auf das Wort eines Propheten hin in tote Gebeine fährt und die Menschenmenge, nämlich Israel, wieder belebt. „Und er" - nämlich der Ewige - „sprach zu mir: " so lesen wir hier im Hesekiel-Prophetenbuch. (Hes.37,11) Damit endet die Vision.


Liebe Gemeinde kurz vor Ostern: Morgen feiern wir die Auferweckung Jesu, das Fest der Auferweckung Jesu, also Ostern. Und darum geht es uns am Osterfest: Dass wir Gottes Schöpfermacht feiern, die in der Auferweckung des Gekreuzigten von Jesu Jüngern erfahren wurde.

Was aber sagen nun die Auferweckungs-Visionen im Prophetenbuch Hesekiel/Ezechiel uns Christen heute? Die Visionstexte sprechen doch vom und zum Gottesvolk Israel!

Ja! Zweifellos richten sich diese Visionen in der hebräischen Bibel an das Gottesvolk Israel, an das Gottesvolk der Juden.

Aber: Gott, dem sich Jesus so nahe wusste, dass er ihn Vater, ja vertrauensvoll „Papa" anredete - so ist das von ihm gebrauchte aramäische Wort Abba zu übersetzen - ; Gott also, als dessen Kind Jesus sich versteht, ließ ihn nicht im Tod. Ließ ihn nicht ins Nichts versinken nach der furchtbaren Kreuzigung. Gott erweckte ihn, unseren Christus, zu sich ins Leben.

Gott, der Schöpfergott, kann aus dem Tode erwecken. Und wie er sich laut Hesekielbuch zu seinem Volk Israel bekennt und erkannt wird als Gott, der wiederauferwecken kann zum Leben auf der Erde, so bekennt sich Gott im Neuen Testament zu Jesus Christus. Lässt ihn nicht im Tod, sondern erweckt ihn zu neuem Leben in seiner Gegenwart. Das ist das Neue!

Gott erweckt Jesus Christus nicht zum Weiterleben, zum Weiterleben mit seinen Jüngern. Er erweckt ihn vielmehr in seine Gegenwart. Anders gesagt: In der Auferweckung Jesu Christi geht es nicht um die Wiedererweckung zu irdischem Leben. Auferstehung zu Gott bedeutet vielmehr, dass Jesus Christus nun da ist, wo Gott ist.

Der Glaubenssatz „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt" steht tatsächlich nicht nur am Anfang des Urchristentums, er ist „der Zentralsatz des ganzen neutestamentlichen Zeugnisses" wie der Theologe Karl Barth einmal formulierte.

Und diese Auferweckung beginnen wir Getauften jetzt an Ostern zu feiern. Und mehr! Die Erfahrung der Auferweckung Jesu widersprach denen, die ihn mit brutaler und legaler Gewalt aus dem Weg geräumt haben. Aber diese Auferweckung bedeutet noch viel mehr: Dieses Zeugnis der Auferweckung Jesu ist über seine Auferweckung hinaus so zu verstehen, dass Gott damit allem Tod widersprochen hat.

Ohne Zweifel spricht dieses Zeugnis der Auferweckungskraft Gottes in eine Welt hinein, in der der Tod immer wieder und oft genug schrecklich erfahren wird. Aber es gilt doch: „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod" - so sagt es Paulus im 1. Korintherbrief (15: 26). -

Mir fällt der Liedanfang ein: „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich...". Tatsächlich beginnt so ein Weihnachtslied. Aber: Haben wir nicht allen Grund, Gott zu loben, dankbar zu sein, ja, zu jubeln, nicht nur an Weihnachten?

Zu Ostern gehört das Osterlied: „Christ ist erstanden von der Marter alle; des soll`n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.... ."

Ja: " Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit; ...".

Froh, weil wir wissen, dass Gott nicht nur vor langer Zeit sein Gottesvolk der Juden in verzweifelter Situation zu neuem Leben im Heimatland erweckt hat - sondern nun froh, dass er uns, dem Christenvolk, seinen Messias erweckt hat und dass er uns Getaufte nicht in den Tod, sondern in das Licht seiner Gegenwart erwecken wird. Ja! „Christ ist erstanden ...; des soll`n wir alle froh sein ...".

Amen



Pastor i.R. Hellmut Mönnich
Göttingen
E-Mail: moennich.goettingen@t-online.de

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