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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Tag der Kreuzigung des Herrn: Karfreitag, 18.04.2014

Predigt zu Jesaja 52:13-15, 53, 1-12, verfasst von Jochen Riepe

 

I

Sehet den Menschen !‘ Sehet und erschreckt! Erschreckt und schreit und klagt! Klagt und staunt und singt : Daß es so etwas gibt! Daß Gott so an uns handelt!

II

Passionsspiel 2014 . Einzige Regieanweisung und einziger Satz : ‚Jemand sitzt auf der leeren Bühne und weint - eine Stunde lang‘.* Ich stelle mir vor : Stille , Befangenheit im Publikum. Irritation. Flüstern. Nach einiger Zeit stehen die ersten auf. ‚Jemand sitzt auf der leeren Bühne und weint‘. Lachen . Albernheiten. ‚Heul doch!‘ ruft einer dazwischen. Dann vielleicht : Tränen. Leises Schluchzen . Mit-Weinen.

III

Fürwahr, er trug unsere Krankheit ... Er tat seinen Mund nicht auf , wie ein Lamm an der Schlachtbank‘. Es gibt Texte, liebe Gemeinde, die führen uns in einen sonderbaren Raum oder eben : auf eine sonderbare Bühne . Kalt .Hermetisch. Mehr als ernst : voller Gewalt und Rohheit. Und zugleich ist in ihnen etwas Befreiendes , aufatmen Lassendes , ja : Spielerisches. Das kunstvolle Lied vom ‚Knecht Gottes‘ ist solch ein Text. Abstoßend- anziehend. Es zeigt uns einen Menschen -krank , häßlich , verstummt, überflüssig , ausrangiert : reine Passivität. Zugleich aber ist dieser zum Nichts gemachte , ja: ein Heilbringer. Die Gemeinde damals, wir heute bekennen es : ‚durch seine Wunden sind wir geheilt.‘

IV

Sehet den Menschen! Sehet und erschreckt ! Erschreckt und schreit und klagt ! Dann aber staunt : Daß Gott so an uns handelt!‘ Immer wieder hat man gefragt, -zig Bücher wurden geschrieben mit der Frage : Wer ist das , wer soll das sein? Wie können wir das verstehen : Einer für die vielen ? Heute am Karfreitag sollten wir vielleicht zunächst fragen : Was geschieht mit uns , wenn wir auf diesen Menschen sehen? Wenn wir gleichsam diese Passivität nutzen und in den Mund jenes Wehrlosen alles das hineinlegen , was uns auf dem Herzen ist. Es gibt eine Stummheit, ein stilles , wehrloses Weinen , an das kein Wort heranreicht. Es gibt aber auch ein Schweigen , das öffnet und artikulieren hilft , das vielleicht

sogar zu verarbeiten anleitet : die Gewalt , die andere durch uns erfahren ; die Gewalt , Unrecht und Schläge, die wir selbst erfahren.

V

Passionsspiel 2014 . ‚Einer sitzt auf der Bühne und weint - eine Stunde lang.‘ ‚Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen‘. Stille im Publikum. Dann bricht das Eis, Fragen , nochmals Fragen - ‚Sehet den Menschen‘: Warum weinst du ? Was ist geschehen ? Wurde er geschlagen ? Ist er verlassen worden? Ein Kind, das ausgeschlossen wurde, ein Mann , der sich überflüssig , eine Kranke , die sich nutzlos und nur noch als Last fühlt... Weinen schreckt ab oder wird als peinlich empfunden. Am liebsten wollen wir uns abwenden. Bloß nicht ihm ins Gesicht sehen ! Warum wehrt er sich nicht ? Warum , Herrgott, wehrt er sich nicht! ? Passionsspiel : Wenn wir nur dranbleiben und mitgehen : Wie vieles setzt dieses häßliche Bild in uns frei ! Wie vieles von dem , was wir erleben , bekommt einen Ausdruck, Sprache , Gestalt! Was heute auf der Bühne (un-)möglich ist, hat die Gemeinde damals im Lied vom Knecht Gottes realisiert. In seinem Bild -das Bild ihrer Zeit , ihrer Welt , das Bild ihres - Gottes .

VI

Es gibt Texte , die führen uns in einen sonderbaren Raum .Gewaltsam und heilsam. Abstoßend und anziehend zugleich. Der Knecht verstummt , damit wir reden können , ja, aber , liebe Gemeinde, damit wir anders reden , verantwortlich reden lernen. Denn in der Mitte des alten Liedes steckt eine Selbstanklage oder besser : eine Selbsterkenntnis. Was haben wir getan !? ‚Um unseretwillen ... um unserer Missetat willen‘. Man kann diesen zerstörten Menschen von sich fernhalten , durch Wegsehen, Spott oder auch Mitleid. Man kann aber auch bekennen : Er lag am Boden und wir haben nachgetreten. Er war verzweifelt und wir blieben gleichgültig. Das Schauspiel des Gottesknechtes - ein Spiegel menschlicher Sünde, ein Spiegel all der Mechanismen, in und mit denen wir Gott hassen und einander quälen. Verrückt genug : Der Prophet , der dieses Lied aufgeschrieben hat , er schrieb ein wunderbar rhythmisches, klangvolles Gedicht , als wolle er den Schrecken der Selbsterkenntnis bannen und formen , überwinden und festhalten in einem : Er war krank und wir haben ihn nicht versorgt. Er blieb allein und wir ließen ihn verkommen. Er suchte Gerechtigkeit, aber wir dachten nur eins : Rette sich , wer kann.

VII

70% der Deutschen sollen nach einer Umfrage an ‚einen Gott‘ oder ein ‚höheres Wesen‘

glauben oder halten sich für religiös oder suchen spirituelle Erlebnisse . Sie trauen keinen Umfragen ?! Ich auch nicht , denn unsere ganze Wärme für Gott , unsere Suche nach dem höheren Erlebnis , sie müßte sich an ihm bewähren , an ihm , diesem Knecht, den keiner haben wollte. Sucht Ihr einen Gott , den keiner haben will ? Ich sagte es : Immer wieder hat man gefragt , wer denn dieser eine sei , von dem es heißt : ‚Er tat seinen Mund nicht auf‘. War es eine Anmaßung , eine zwanghafte Aneignung , oder war es gleichsam ein Nicht-Anders-Können, als die ersten Christen diesem Gottesknecht Israels den Namen des Gottessohnes Jesus Christus gaben ? In seinem Kreuzesschrei schien dieser Welt der letzte Rest eines Sinnes ausgetrieben und jedes Wort erstickt. In diesem Schrei lag aber auch die Quelle einer ganz neuen Sprache : ‚auf daß wir‘ - ja :wir!-‚ Frieden hätten‘.

VIII

Passionsspiel 2014 . ‚Sehet den Menschen‘. Für alle , die sich nicht wehren können : ‚eine Stunde lang. Jemand sitzt auf der leeren Bühne und weint.‘ Einzige Regieanweisung und einziger Satz für alle , die sich nicht wehren können , für alle , die in ihrer Wehrlosigkeit - Menschen sind. ‚Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten‘.

 

Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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