Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Karsonnabend, 19.04.2014

Predigt zu Hesekiel 37:1-14, verfasst von Hans-Otto Gade



1 Des HERRN Hand kam über mich und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine.

2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort!

5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.

6 Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein.

8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!

10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns.

12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.

13 Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.

14 Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.


Liebe Gemeinde,

diesen Text habe ich meiner Frau in die Hand gedrückt. Nachdem sie den Abschnitt aus dem Propheten Hesekiel (Ezechiel) gelesen hatte sah sie mich etwas ratlos an: „Was ist das denn für ein Predigttext?" Und sie fügte noch hinzu: „Wir beide sind vor einiger Zeit in Hallstatt in Österreich gewesen. Dort gibt es doch das Beinhaus. Daran erinnert mich dieser Text!"
In diesem weltberühmten Hallstätter Beinhaus befinden sich rund 1200 Totenschädel von Verstorbenen. Die meisten davon sind beschriftet und mit kunstvollen Ornamenten verziert.
So etwa seit dem Jahre 1700 wurden und werden nach ca. 10 - 20 Jahren im Erdgrab die Schädel aus der Erde genommen wird, danach vom Totengräber gereinigt und anschließend bemalt.
Diese Sitte ist in der Tradition einzelner Familien in Hallstatt begründet.
Es ist schon eine bedrückende, für manche auch gruselige Atmosphäre in diesem kleinen Haus am Rande des Friedhofs in Hallstatt. Wer noch nicht dort war kann sich Fotos im Internet ansehen.

Mich erinnert dieser Text des Hesekiel noch an etwas anderes: Jahr für Jahr bin ich von Buxtehude aus mit vielen Konfirmandenjahrgängen an einem Tag nach Hamburg gefahren. Die erste Station war der Parkfriedhof Ohlsdorf. An mehreren Stationen hat unser Bus gehalten. (Um diesen Friedhof zu Fuß zu erkunden ist er viel zu groß!)
Besonders beeindruckt waren die Konfis von den Kriegsgräbern aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Sehr still wurden die Mädchen und Jungen als ich Ihnen erklärte, was es denn mit den kreuzförmig angelegten Erdwällen in der Nähe der Kapelle 13 auf sich hat: „Hier sind 40.000 (vierzigtausend!) Menschen in Sammelgräbern beerdigt. Diese Männer, Frauen und Kinder sind bei den Bombenangriffen der Engländer und Amerikaner im Sommer 1943 getötet worden. KZ-Häftlinge haben hier große Gruben ausgehoben und die oft nicht namentlich bekannten Toten hineingelegt."
Die Namen der zwanzig Hamburger Stadtteile, aus denen die Opfer stammen, sind auf großen Eichenbalken auf den Gräberfeldern aufgeführt.

Vor so einem Totenfeld steht Hesekiel in seinen Gedanken. Allerdings liegen die Toten nicht in Gräbern sondern frei auf einem Feld. Gott fragt ihn, ob diese wild umher liegenden Knochen wieder mit Leben erfüllt werden können. Nach der ausweichenden Antwort des Hesekiel „Herr, du weißt es!" erhält er den Auftrag, im Namen Gottes dafür zu sorgen, dass diese Gebeine wieder leben.

Hesekiel schreibt: 10 Und ich weissagte, wie Gott mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

11 Und Gott sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns.

Es geht also um das Haus Israel, das Volk Israel also. Es geht um ein Volk, dessen Hoffnung verloren ist und mit dem es aus ist. Um welche Katastrophe des Volkes es sich handelt wird nicht genannt. Diese Katastrophe muss zu Zeiten des Hesekiel so bekannt, so gegenwärtig gewesen sein, dass niemand Näheres nennen musste.

Vermutlich geht es bei dieser Katastrophe um die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar 587 vor Christus. Es geht um die Wegführung großer Teile des Volkes in die Gefangenschaft, in das Exil in Babylon an den Flüssen Euphrat und Tigris.
Die Juden hatten sich in ihrer Geschichte vor 587 felsenfest darauf verlassen: Uns kann nichts passieren, wir sind in Jerusalem sicher, weil wir den Tempel haben, weil Gott hier seine irdische Wohnung hat.
Aus dieser durch nichts zu erschütternden Sicherheit heraus hat sich das Königshaus in politische Abenteuer gestürzt. Die Propheten hatten immer wieder gewarnt und vor allem die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit angeprangert. Lesen Sie mal z. B. die Anklagen und die Vorankündigung des Gerichtes Gottes bei dem Propheten Amos!

Und nun war alle Sicherheit dahin. Jerusalem war erobert, die Stadt und der Tempel zerstört, große Teile des Volkes im Exil. Und erst jetzt erkennen die Juden, wie sehr sie sich gegen Gottes Willen gestellt hatten: erst jetzt erkennen sie, dass sie nicht von Gottes Geist erfüllt waren, sondern vom Geist des Egoismus‘, des Eigennutz‘ und der Rücksichtslosigkeit.

Und nun sollen diese herumliegenden Gebeine mit Gottes Geist erfüllt werden und leben. Gottes Geist - das ist nun nicht mehr nur der Lebensatem, der uns schon in der Schöpfungsgeschichte begegnet, sondern dieser Geist Gottes führt einen Sinneswandel herbei.

Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.

Nun ist doch von Gräbern die Rede. Gemeint ist vermutlich das „Grab des Exils", das leben müssen fern der Heimat, fern vom Tempel.
Gott will das Volk zurückführen nach Israel, nach Jerusalem, und dort soll dieses Volk erkennen, dass Gott der Herr ist - bedeutet, das Volk soll aus dieser Erkenntnis nach seinem Willen leben.

Heute feiern wir einen Gottesdienst am Karsamstag (Karsonnabend ist heute - Ostersonnabend erst in einer Woche). An dem Tag also zwischen Karfreitag und Ostern. An dem Tag, an dem Jesus von Nazareth in der Grabeshöhle des Josef von Arimathäa liegt. Gekreuzigt. Gestorben. Begraben. Tot.

Ich habe Mühe, den Text des Propheten Hesekiel über das sinnbildliche Sterben und Auferstehen des Volkes Israel mit Jesus Christus zu verbinden.
Warum? Das Volk Israel ist 587 v. Chr. sinnbildlich „gestorben", weil es gegen Gottes Willen gehandelt hat und sich immer nur auf sich selbst und Gottes Wohnort im Tempel verlassen hat.

Dieses Volk wird zu neuem Leben erweckt mit dem Ziel, dass es wieder zurückkehren kann in die Heilige Stadt Jerusalem, um in dieser Stadt und in ihrem Lande neu und nun endlich nach Gottes Willen zu leben - in gegenseitiger Rücksicht und Gerechtigkeit.

Nichts davon trifft auf Jesus Christus zu.

Sein Tod und seine Auferstehung sind ein Sieg über den Tod und alles was tötet. Aber sein Tod ist nicht die Folge seiner eigenen Schuld, sondern ein Sterben nach Gottes undurchschaubarem Ratschluss. Die Frage bleibt: War der Tod des Gottessohnes wirklich das einzige Mittel, die Schuld der Welt hinweg zu nehmen? Musste denn Jesus von Nazareth wirklich sterben, weil Gott es so wollte? Oder war sein Tod nicht doch nur ein auf schändlichen Verrat zurückzuführenden Betriebsunfall in der Geschichte der Kirche?

Aber das Kreuz ist unser Zeichen.
Das Werkzeug des Todes ist zu einem Zeichen des Lebens geworden.
Der Tod Jesu ist nicht das Ende, sondern mit seiner Auferstehung der Anfang des Lebens im Glauben, in Kirche und Gemeinde.

Wir erinnern uns an das Grab Jesu und viele Fragen bleiben offen -
Wir warten auf Ostern. Auf das Fest, an dem der Sieg des Lebens über den Tod gefeiert wird -

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen



 

 



Pastor i. R. Hans-Otto Gade
21614 Buxtehude
E-Mail: hans-otto.gade@ewetel.net

(zurück zum Seitenanfang)