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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Tag der Kreuzigung des Herrn: Karfreitag, 18.04.2014

Sinnvoller Schmerz?
Predigt zu Jesaja 52:13-53,12, verfasst von Elisabeth Nitschke

 

Liebe Gemeinde!

Wie jedes Jahr am Karfreitag wenden wir uns den schmerzvollsten Momenten zu, die die Bibel und unser Leben für uns bereithalten. Wie jedes Jahr stellen wir uns hier bohrenden Fragen, für die der stille Tag den Raum bietet.

A Gibt es sinnvolles Leiden?

Sie ahnen schon jetzt, dass die Antwort am Ende „ja" lautet. Ja - und gleichzeitig immer nein. Ja, aber jeder kann die Antwort nur für sich persönlich geben. Ja, aber nur über Umwege. Gehen wir einige Umwege, um auch für uns selbst zu einer Antwort zu kommen.

Ein bekannter Bergsteiger, inzwischen Motivationstrainer, beantwortet die Frage nach sinnvollem Schmerz folgendermaßen: „Ich kann eine Sache, die ich mit Passion betreibe, gar nicht ohne Schmerz betreiben. Niemand geht in die Antarktis, wenn er nicht eine Begeisterung dafür hat. Deshalb gehört es dazu, Kälte, Einsamkeit, Dunkelheit auszuhalten. [...] Der Schmerz als Folge meines Tuns, das ich mit Leidenschaft mache, weil ich es gewollt habe, ist ein erträglicher. Er basiert auf meiner Grundhaltung: Das selbstbestimmte Leben ist mir heilig. Deshalb kann ich Leiden und Schmerz dabei nicht anderen anlasten. Wenn das Leben, das Tun, nicht selbstbestimmt ist, ist das etwas ganz anderes. Allein wenn ich einer Arbeit nachgehen müsste, die ich nicht mag, [...] aber zu der ich gezwungen bin, [...], dann würde ich weitaus stärker leiden, als wenn ich bei 40 Grad Kälte drei Monate lang in Selbstverantwortung durch die Antarktis gehe."1

Hier also gehört Schmerz als Begleiterscheinung zu einer selbstgewählten Passion, einer Leidenschaft. Das macht ihn erträglich. Lästig bis bedrohlich bleibt er, angenehmer wäre es wohl, die Antarktis wäre ohne ihn zu haben.

Manchmal jedoch ist der Preis für ein höheres Gut schier unerträglich hoch. Hören wir davon in unserem Predigttext aus Jesaja 52 und 53.

13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,
15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
53 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.
Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.
Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

I Wir hören von einer Passion unter einem göttlichen Vorzeichen: „Siehe, meinem Knecht wird es gelingen." Es spricht Gott selbst! Eine Passion, die von langer Hand geplant ist und auf jeden Fall zum Erfolg führen wird. Eine Leidenschaft, der Gerechtigkeit, Leben in die Fülle und die Länge folgen werden - und nicht nur für den, der bis zum Ende leidet, sondern auch einer anderen Gruppe, gar Nationen zugunsten.

Wir können den Text heute kaum hören, ohne ihn mit dem Kreuz Jesu zu verbinden, doch ist er viel älter. Er bildete einmal den Abschluss von vier zusammengehörenden Liedern. In unserem Lied kommt Gott am Anfang und am Ende selbst zu Wort. Dazwischen singt ein Chor, eine Gruppe Menschen, die von sich selbst berichten. Der betroffene Gottesknecht kommt selbst nicht zu Wort. Hat er seinen Schmerz nicht selbst gewählt? Wir haben doch gehört, dass er nur als Begleiterscheinung für eine selbstgewählte Leidenschaft sinnvoll scheint.

Der „Knecht", von dem Gott hier spricht, hat seine Stimme in den Liedern davor erhoben, die heute nicht erklingen. In ihnen sprach kein Sklave, sondern ein Bevollmächtigter, Gesandter, ein Diplomat. Seine Mission: Bereitet dem Herrn den Weg. Durch die Wüste bringt Gott sein Volk heim, frei aus der Babylonischen Gefangenschaft. Tiere werden verwundert stehen bleiben und Völker Zeugen sein, applaudierende Bäume werden den Weg säumen, wenn Israel nach siebzig Jahren Verbannung zurückkehrt zum Tempel. Der Gesandte bereitet das Volk darauf vor. Er wird es nicht selbst führen, sondern ein anderer, den Gott als Werkzeug schickt. Auf diesen weist der Gesandte hin.

Die Reiche wurden erschüttert und durcheinandergewirbelt. Politisches Tauwetter herrschte. Dem Babylonischen Weltreich würde das Persische folgen, die Israeliten würden sich dem Perserkönig Kyros anschließen und heimkehren. Während der Gottesknecht genau dafür warb, bekamen die babylonischen Behörden Wind von seiner Botschaft. Sie konnten die politische Agitation nicht hinnehmen. Dem Knecht wird der Prozess gemacht, er kommt zu Tode, wird würdelos und bei Gesetzesbrechern bestattet. Doch das neu anbrechende Großreich und mit ihm die Heimkehr der Exilierten können nicht mehr aufgehalten werden.

Nach der Heimkehr bekennt eine Gruppe im Volk: Wir haben uns schuldig gemacht. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Manche wollten gar nicht ausziehen! Die Babylonische Gefangenschaft bot doch manchen Komfort. Man hatte „der Stadt Bestes gesucht", man war angekommen, hatte sich verheiratet, sich eingerichtet - und nun: und in ein verwüstetes Land zurückkehren, nach Israel? Da würde man doch von Null beginnen müssen. Und so schlecht hatte man es hier nicht. Auch wollte man ihm nicht glauben. Gottes Auserwählter würde stattlicher aussehen müssen.

Doch der Tod des Gottesknechtes hatte offenbar etwas in Bewegung gesetzt, sie wachgerüttelt, den Zögerlichen, denen, die nichts riskieren wollten, den Weg gewiesen, die Heimkehr angebahnt. Der Einsatz war sehr hoch! Doch viele folgten ihm, verehrten ihn später - voller Reue. Ihrem Zögern hätte die Strafe folgen müssen, nicht seinem mutigen Voranschreiten. Er war an unserer Stelle, bekennen sie. Unsere Heimkehr war seine Passion, und wir folgten viel zu spät. Doch die Nachbarnationen haben es staunend wahrgenommen. Großes ist geschehen.

Durch seine Wunden sind wir geheilt", bekennen sie. Stellvertretung bis über die Schmerzgrenze? Leiden aus Leidenschaft? Hatte der Gottesknecht das einkalkuliert - oder keine Wahl gehabt? Bis heute wissen wir nicht, wem das Lied galt, als es zum ersten Mal gesungen wurde. Es scheint, als wolle das Lied seine Spuren verwischen, als solle es offen bleiben für eine Geschichte, die sich wiederholen kann.

II Ein paar Jahrhunderte später sitzt ein äthiopischer Finanziminister - auch bekannt als „Kämmerer" - in einem offenen Wagen (Apg 8,26ff.). Er kehrt von einem Fest aus Jerusalem heim. Denn Israels Anziehungskraft für die Nachvölker ist geblieben. Da kreuzt ein Unbekannter seinen Weg. Er hört den Äthiopier halblaut aus einer Schriftrolle lesen - dem Buch Jesaja. „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird ..." murmelt er. „Verstehst du auch, was du da liest?", fragt der Unbekannte. „Wie soll ich, wenn es mir keiner erklärt?", tönt es zurück. Und so steigt der Unbekannte dazu - und erklärt. Er erzählt die Geschichte vom Gottesknecht neu. Von einem Mann namens Jesus, der von einer Umkehr zum Vater gesprochen hatte. Von Gottes unerhörter Gegenwart. Von Befreiung und Unabhängigkeit von der fremden Herrschaft. Doch die Behörden hatten Wind von seiner Botschaft bekommen und sie als politische Agitation missverstanden. Er erzählt vom Lamm, das seinen Mund nicht auftat. Von Leiden aus Leidenschaft. Jesus wird der Prozess gemacht, er kommt zu Tode, wird würdelos und mit Gesetzesbrechern hingerichtet. Doch das neu anbrechende Gottesreich ist nicht aufzuhalten. Sein Tod hat offenbar etwas in Bewegung gesetzt, sie wachgerüttelt, den Zögerlichen, denen, die nichts riskieren wollten, den Weg gewiesen. Der Einsatz war sehr hoch! Doch viele folgen ihm, verehren ihn jetzt. Seine Passion ist unser Weg zu Gott. Und die Nachbarnationen nehmen es staunend wahr. Der Äthiopier lässt sich taufen. Großes geschieht.

B Gibt es sinnvolles Leiden?

Ja - und gleichzeitig immer nein. Nicht jeder Tod rüttelt andere wach, ja, es sollte gar nicht erst bis zum Einsatz von Menschenleben kommen. Immer noch wird in der Welt sinnlos gemordet, werden Menschenleben abgeschlachtet allein aus Passion größenwahnsinniger Machthaber.

Ja, aber jeder kann die Antwort nur für sich persönlich geben. Ob der ganz persönliche Schmerz irgendwann einen Sinn bekommt, diese Antwort kann den Betroffenen keiner abnehmen, das wäre eine Anmaßung. Niemand, der auf Palliativstation liegt, will von einem Arzt oder einer Besuchsdienstdame hören, wozu der Schmerz jetzt gut ist. Und er ist auch nicht an sich heilig, nur weil Gott ihn kennt. Schmerzen, wo immer sie bekämpft werden können, sollen bekämpft werden. Und wer trotz aller medizinischer Möglichkeiten mit ihnen leben muss, dem bleibt von Herzen zu wünschen, dass er einen Weg dazu findet.

Ja, aber Sinn erschließt sich nur über Umwege. Gott kennt den Schmerz, weil er ihn aus Leidenschaft auf sich nahm - aus der Sehnsucht, selbst ein Mensch und damit verletzlich zu sein. Ich wage es, die Worte des Bergsteigers einmal Gott selbst in den Mund zu legen, nur ganz leicht abgewandelt.

„Ich kann eine Sache, die ich mit Passion betreibe, nicht ohne Schmerz betreiben. Deshalb gehört es dazu, Kälte, Einsamkeit, Dunkelheit auszuhalten. Der Schmerz als Folge meines Tuns, das ich mit Leidenschaft mache, weil ich es gewollt habe, ist ein erträglicher. Er basiert auf meiner Grundhaltung: Das Leben ist mir heilig. Deshalb laste ich das Leiden und den Schmerz dabei mir selbst an."

Der Tod ein Umweg, den er sich selbst anlastet.
Aber das Leben ist ihm heilig.



Pfarrerin Elisabeth Nitschke
71229 Leonberg
E-Mail: elisabeth.nitschk@elkw.de

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