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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti, 27.04.2014

Predigt zu Jesaja 40:27-31, verfasst von Ludwig Schmidt

 

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber"? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Liebe Gemeinde!

Wir erleben immer wieder, dass Gott ein Gebet nicht erhört. Daraus kann eine Krise des Glaubens entstehen. So war es damals bei den Juden im babylonischen Exil, zu denen unser Predigttext gesprochen wurde. Sie hatten viele Jahre darum gebetet, dass sie in ihre Heimat in Palästina zurückkehren durften, aber sie waren noch immer in Babylonien. Dabei hatte Gott doch zugesagt, dass sein Volk in einem eigenen Land leben soll. Diese Juden hatten den Eindruck, dass Gott von dieser Zusage und von ihnen nichts mehr wissen wollte. Deshalb sagten sie: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber." Die Krise ihres Glaubens bestand nicht darin, dass sie sich nicht mehr sicher waren, dass es Gott gibt. Davon waren sie nach wie vor überzeugt. Aber sie meinten, dass sich Gott nicht um sie kümmerte. Auch bei Christen kann es zu einer Glaubenskrise kommen, wenn Gott ihre Gebete nicht erhört. Meistens stellen sie dann ebenfalls nicht infrage, dass es Gott gibt. Aber es sieht für sie so aus, als ob es Gott gleichgültig ist, dass es ihnen schlecht geht. Ihr Lebensweg scheint Gott verborgen zu sein. Dabei haben sie Gott um Hilfe in einer echten Notlage gebeten. Christen bitten Gott ja schwerlich um ein Leben in Saus und Braus. Sie hoffen vielmehr auf seine Hilfe, wenn sie sich Sorgen machen müssen um ihre Gesundheit, um ihren Lebensunterhalt, um ihre Familie und alles, was sie sonst belasten mag. Ich muss das jetzt nicht im Einzelnen aufzählen. Christen dürfen und sollen Gott dann ja um seine Hilfe bitten, denn er will, dass wir uns mit unseren Sorgen an ihn wenden. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch", heißt es im 1. Petrusbrief (1.Petr. 5,7). Keine unserer Sorgen ist also zu klein, dass wir Gott nicht um seine Hilfe bitten dürfen. Aber wenn man in eine Krise des Glaubens geraten ist, denkt man: Das gilt nicht für mich. Für mich sorgt Gott nicht, ich werde von ihm nicht beachtet.


In unserem Predigttext wird den Juden in Babylonien und auch uns bestritten, dass das wahr ist. Dieser Eindruck kann zwar entstehen, wenn man nur die eigene schwierige Situation im Blick hat. Aber wir deuten dann unsere Lage nach unserer Einsicht. Wir meinen genau zu wissen, was Gott jetzt für uns tun muss, wenn wir ihm wichtig sind. Damit geraten wir aber wie jene Juden in eine Sackgasse. Aus ihr kommen wir nicht heraus, solange wir auf unsere gegenwärtige Notlage fixiert sind. Deshalb erinnert der Prophet, von dem unser Predigttext stammt, seine Hörer an das, was sie wissen und gehört haben: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt." Gott ist ein ewiger Gott. Es gab ihn schon immer und er wird für immer sein. Dieser Gott hat die Erde bis an ihre Grenzen geschaffen. Deshalb gibt es keinen Zeitpunkt und keinen Ort auf der ganzen Welt, über die Gott nicht die Macht hat. Weil er sich nicht von seiner Schöpfung zurückzieht und sie sich selbst überlässt, weiß er, was zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort geschieht und was jeder Mensch in jedem Augenblick erlebt. Er hat und behält die Fäden für alles in der Hand, was auf der Erde geschieht. Sein Verstand ist freilich unausforschlich. Oft ist uns nicht durchsichtig, was Gott tut oder warum er zum Beispiel zulässt, dass Menschen und Staaten ihre Macht über andere ausdehnen wollen und warum er Kriege und Bürgerkriege nicht verhindert. Aber weil er Gott ist, wird er letztlich seinen Willen durchsetzen und die Ziele erreichen, die er sich gesetzt hat. Das wisst ihr doch längst, ihr Juden in Babylonien, meint der Prophet. Deshalb kann doch euer Weg Gott nicht verborgen sein. Das wissen auch wir Christen. Es heißt in unserem Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden." Dann kann auch der Weg der Christen Gott nicht verborgen sein. Er kennt von jedem und von jeder die Schwierigkeiten und Sorgen. Das ist freilich nicht genug. Was nützt es zum Beispiel einem Menschen mit Problemen, wenn ich sie kenne, aber nicht bereit oder imstande bin, ihm zu helfen, dass sie gelöst werden? So würde es mir auch nichts nützen, wenn Gott meinen Weg kennt, aber sich nicht um mich kümmert. Aber Gott kennt nicht nur unsere Schwierigkeiten und Sorgen, sondern er will uns auch helfen. Deshalb heißt es in unserem Predigttext weiter: „Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden." Auch das wussten jene Juden in Babylonien und hatten es gehört. Mit solchen oder ähnlichen Worten wird im Alten Testament oft beschrieben, was Gott tut. Das war nur möglich, weil es viele Menschen des alttestamentlichen Gottesvolkes erlebt haben. Dass Gott dem Müden Kraft und dem Schwachen Stärke gibt, wissen wir Christen nicht nur aus dem Alten Testament. Viele Christen haben es erlebt, dass Gott ihnen Kraft gab, wo sie mit ihrer Kraft am Ende waren, und sie haben davon erzählt. Gott sieht eben nicht aus der Ferne zu, was die Menschen treiben und wie es ihnen ergeht, sondern er will ihnen auch helfen.


Von ihm bekommen wir neue Kraft, wenn wir bei unseren Problemen und Sorgen auf ihn vertrauen. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft", heißt es in unserem Predigttext. Wie groß diese Kraft ist, wird dann mit einem Bild ausgedrückt, das freilich in der Übersetzung unserer Lutherbibel nicht richtig wiedergegeben wird. Hier heißt es: „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler". Aber mit dieser Übersetzung wird der Sinn des Vergleichs nicht erfasst. Sie entspricht nicht dem, was wir von Gott erwarten dürfen. Wir können unseren Problemen auch dann nicht davonfliegen, wenn wir auf Gott vertrauen. Manchmal träumt man vielleicht davon, dass man allem, was einen belastet, davon fliegen und darauf herabblicken kann, aber das bleibt ein schöner Traum, aus dem wir schnell wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt werden. Es geht bei dem Vergleich der neuen Kraft mit Adlern nicht um das Fliegen, sondern um die Flügel der Adler. Wenn Adler sie ausbreiten, bestaunt man ihre Größe. So erstaunlich groß wird die neue Kraft sein, die Gott denen gibt, die auf ihn vertrauen. Mit ihr werden wir unseren Lebensweg gehen und unsere Probleme und Notlagen bewältigen oder zumindest ertragen können. Mit unserer Kraft stoßen wir ja immer wieder an Grenzen. Dafür werden in unserem Predigttext Männer und jungen Männer als Beispiel genannt. Sie verfügen über große Kraft, aber irgendwann werden sie müde und sind erschöpft. Das kennen wir auch von uns, wenn wir auf einer langen oder sehr schwierigen Wanderung sind. Sie ist ein Bild für unseren Lebensweg. Er ist Vielleicht manchmal sehr schwierig. Aber mit der neuen Kraft, die Gott gibt, können wir ihn so gehen, dass wir den Mut zum Leben nicht verlieren und nicht verbittert oder resigniert dahinleben.


Auch dann wird Gott freilich einige unserer Gebete nicht erhören. Er wird uns nicht immer das geben, was wir von ihm erbitten, obwohl wir meinen, dass nur auf diese Weise unsere Sorgen und Schwierigkeiten von uns genommen werden. Sein Verstand ist unausforschlich. Wir wissen oft nicht, warum uns Gott die Erfüllung einer Bitte versagt. Dadurch kann auch für einen Christen eine sehr schwierige Lage entstehen. Er hat zum Beispiel darum gebetet, dass ein naher Angehöriger wieder gesund werden möge, aber dieser Mann oder diese Frau ist trotzdem gestorben. Er hat sie aber nicht nur geliebt, sondern er war außerdem auf ihren Rat und das Geld, das sie verdienten, angewiesen. Deshalb kann er nicht verstehen, warum Gott sein Gebet nicht erhört hat. Andere Christen können es ihm ebenfalls nicht erklären. Damit er nicht in eine Krise seines Glaubens gerät, ist es wichtig, dass er sich an das erinnert, was er von Gott gehört hat und weiß. Wenn er auf Gott vertraut, wird er die Kraft bekommen, die er für seine schwierige Situation braucht. Sein Weg wird wahrscheinlich zunächst sehr steinig sein, aber er wird ihn mutig gehen können, weil Gott niemand fallen lässt, der auf ihn vertraut. Der Apostel Paulus berichtet im zweiten Brief an die Korinther von einem Pfahl in seinem Fleisch. Er litt anscheinend unter einer Krankheit, die ihn behinderte. Dreimal bat er Jesus, dass er sie von ihm nehmen möge. Diese Bitte war ihm also sehr wichtig. Aber Jesus antwortete ihm schließlich: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2.Kor. 12,7ff.). Paulus musste sich mit seiner Krankheit abfinden, und er tat das in der Überzeugung, das er von Jesus die Kraft erhielt, sie auszuhalten. Wir können meistens nicht wissen, warum uns Gott die Erfüllung einer Bitte versagt. Nur manchmal erkennen wir, wenn wir auf unser bisheriges Leben zurückblicken: Es war gut für mich, dass mir Gott diese oder jene Bitte nicht erfüllte. Der Weg, den ich damals gehen musste, war viel besser als jener Weg, von dem ich meinte, er wäre für mich der einzig Richtige. Aber das ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Der Verstand Gottes ist unausforschlich. Wir sollten nicht darüber grübeln, warum uns Gott eine Bitte nicht erfüllt, die uns sehr wichtig ist. Dadurch kommen wir nur in eine Krise unseres Glaubens, die uns mit Sicherheit nicht hilft. Es reicht für uns, dass wir uns darauf verlassen können: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Amen.




Prof. i.R. Dr. Ludwig Schmidt
91056 Erlangen
E-Mail: gi_schmidt@t-online.de

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