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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti, 27.04.2014

Flügelschlag der Hoffnung
Predigt zu Jesaja 40:26-31, verfasst von Johannes Schick

 

 

Liebe Gemeinde,

mit einem Blinzeln beginnt alles heute Morgen, die Augen der Müden werden berührt, damit sie sich regen und öffnen: Erhebt eure Augen in die Höhe und seht! Aber der Augenaufschlag ist ein Initial. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings manchmal einen Sturm auslösen kann, so bringen die schmetterlingshaften Augenlider einen mächtigen Schwung in Gang. Eine majestätische Vision greift Raum, das Bild des Königs der Lüfte streift uns - bei manchen Arten spannen sich die Flügel bis zu drei Metern - , und zieht uns mit: Ihr werdet auffahren mit Flügeln wie Adler.

Die Müden

Die Worte vom neuen Aufleben werden zu den Müden gesagt. Das sind nicht jene, die jetzt wieder von der Frühjahrsmüdigkeit eingeholt werden. Die Müdigkeit, von der der Prophet redet, sitzt tiefer. Sie nimmt die Bewegung aus dem Leben. Die Müden sind Menschen, bei denen kaum mehr etwas geschieht. Sie wissen nicht mehr genau, wie das Glück schmeckt, und sie können sich auch nicht mehr wehren gegen die Dinge, die wehtun. Die Menschen Israels im Exil sind müde geworden, weil sie das Vertrauen verloren haben, dass sich noch etwas ändert. Sie trauen den eigenen Schritten nicht mehr und sie trauen ihrem Gott nichts mehr zu. Sie haben sich eingelebt in der Fremde, aber sie haben ihre Sehnsucht nach den Liedern von Zion vergessen, und sie empfinden nicht mehr die Freude und den Schmerz in der Sehnsucht. Sie haben sich abgefunden mit dem, was die Verhältnisse hergeben.

Diese Müdigkeit wiegt schwer. Sie lässt sich nicht mit ein paar Stunden Schlaf überwinden. Es ist die Müdigkeit, die durch die Zeiten geht und viele Namen hat: Enttäuschung, Erschöpfung, Resignation, Traurigkeit, aber auch: Gewöhnung, Anpassung, Schweigen, wenn ein Wort an der Zeit wäre. Manche Menschen werden mürbe oder zynisch, wenn sich die Tage zu lange gleich anfühlen. Gleichgültigkeit macht lebensmüde. Oder gar todmüde.

Schmetterling und Taucherglocke

Hier müssen wir eine Woche nach Ostern beginnen: bei den Todmüden. Reicht für sie der Osterwind? Hat schon je einmal ein Todmüder die Augen aufgeschlagen und wieder Schwung aufgenommen? Das Kennzeichen der Müdigkeit ist ja, dass sie sich nicht leicht dreinreden lässt. Aber kennt Ihr die besondere Geschichte von Jean-Dominique Bauby? In der Osterzeit habe ich sie immer griffbereit. Beim Lesen und Wiederlesen denke ich: Wenn dieser Todmüde in die Hoffnung geblinzelt hat, welche meiner eigenen Müdigkeiten sollte mich noch abhalten?

Der Vater zweier Kinder und erfolgreiche Journalist war 43 Jahre alt, als ihn ein Gehirnschlag aller Lebensmöglichkeiten beraubte. Von diesem Tag an blieb er vollständig gelähmt, unfähig zu sprechen und zu schlucken, sich zu bewegen. Er litt am sogenannten Locked-in-Syndrom, war eingekapselt in seinen Körper wie in einer Taucherglocke, unfähig, sich zu äußern, aber bei vollem Bewusstsein. Sein einziges Kommunikationsmittel war das Schlagen mit dem linken Augenlid. Aber mit diesem kleinen Flattern schaffte er es, in 15 Monaten sein ergreifendes Buch zu diktieren. Seine Logopädin sprach ihm das Alphabet (in der ESA-Version) vor, und bei jedem Buchstaben, der notiert werden sollte, blinzelte er. So entstanden Wörter, Sätze, seine Geschichte. So konnten seine Gedanken, die wie Schmetterlinge in ihm umherflatterten, frei werden, sie flatterten durch das blinzelnde Auge.

Er erzählt von seinem eingeschlossenen Weinen und Lachen, von Erinnerungen und Träumen, von seiner kleinen Tochter und seinem 93jähriger Vater, den „äußersten Glieder der Kette aus Liebe, die mich umgibt und schützt", von den Lebenssplittern in den Briefen, die er bekommt. Seine Logopädin ist sein „Schutzengel"; wenn sie hereinkommt, vertreibt sie auf einen Schlag alle bösen Geister, die Taucherglocke ist dann weniger bedrückend. Inmitten der „Schiffbrüchigen der Einsamkeit" im Krankenhaus sieht er einen Leuchtturm und Hoffnungsstrahlen in alle Richtungen bei der untergehenden Sonne; im Wissen um die Gebete der kleinen Tochter schifft er abends in den Schlaf

Schmetterling und Taucherglocke heißt sein Buch aus dem Jahr 1997. Kurz nach Beendigung des Buches starb er. Faszinierend, wie er sich in seinem Zwischenlager zwischen Leben und Tod, in seiner Unbeweglichkeit, zu Gedanken der Hoffnung aufschwang, und wie er die Zuversicht nicht aufgab, dass es einen Schlüssel zu Freiheit und neuen Taten geben müsse -

Angestoßen von jenem hoffnungsstarken Blinzeln in der Taucherglocke spüren wir am besten den Atem der heutigen Prophetenstimme auf: wir, die wir viel weniger eingeschlossen sind, und die mit dem schmetterlingshaften Augenaufschlag, den auch der Prophet bei uns bewirken will, nicht nur Leichtigkeit und Frühlingsluft sondern österlichen Schwung verbinden. Die alten Prophetenworte lösen die österliche Erwartung aus, dass unser Leben mehr ist als ein Raupendasein, dass das kleine Stück Land, auf dem wir Tag für Tag kriechen, nicht das einzige ist, dass wir uns mit unserer ganzen schwerfälligen und müden Art, auch mit all unserer Fadenscheinigkeit und unseren Fehltritten, die oft genug andere ermüden - dass wir uns mit alledem nicht abfinden müssen, ja: dass nicht einmal der Kokon, in den wir einmal verpuppt werden, das Sterben, das Ende ist, sondern dass wir einmal frei sein werden, frei von allem Vergänglichen, wie Jesus frei geworden ist und lebt -

Der gefragte Mensch

Wie schafft der Prophet es, Blick und Leben zu wecken? Wie bekommen die Müden wieder Aufwind? Zweierlei fällt auf. Der Prophet stellt Fragen. Und: Er weiß etwas vom Geheimnis des Muts. Zunächst stellt er nur Fragen. Er macht keinen Druck: „Nun wacht endlich auf! Reißt euch zusammen!" Wo einer matt ist und unter einer Gedankendecke hockt, kann er mit dem Befehlston nichts anfangen. Zu hören, was sein soll, was man aber nicht kann, macht die Decke nur noch schwerer. Der Prophet stellt Fragen, und mit den Fragen lädt er die Menschen ein, sich zu erinnern: „Wisst ihr nicht? Habt ihr nicht gehört? Hat der Herr nicht die Enden der Erde geschaffen? Ist er je müde und matt gewesen, das Recht zu zeigen?" Schon die Verse vor unserer Perikope sind von solchen Fragen voll (Nachlesen lohnt sich).

Das ist gut: Die Ermatteten werden gefragt. Echte Fragen geben Zeit zum Nachdenken und Erkennen. Der Prophet fragt nicht beiläufig. So wie man fragt, wenn man eigentlich nicht viel wissen will: „Wie geht's? Was machst du?" Die prophetischen Fragen wollen etwas zeigen und etwas auslösen. Sie erinnern an die Ressourcen, die die Menschen haben. Sie rufen das Gedächtnis an die Schöpferkraft wach, sie spielen auf die Geschichten der Macht und Gerechtigkeit an, sie zeigen einen ganzen Vorrat an Lebenskraft auf, den die tausend Müdigkeiten verdeckt haben. Positive Fragen sind das, die nicht leugnen, was ist, die aber die Möglichkeiten sprechen lassen, die da waren und da sind. Die Fragen eröffnen einen neuen Blick auf die Dinge, neue Interpretationswege. Sie zeigen: Es gibt mehr Möglichkeiten, das Leben zu deuten, als die Deutung, die die Müdigkeit aufzwingt. Sie zeigen etwas von den schöpferischen und neu schaffenden Kräften in den Verstecken des Lebens: Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Und sehen, hören, spüren wir, was dabei geschieht? Indem die matten Menschen nach ihren Ressourcen gefragt werden, gewinnen sie ein anderes Sein: Sie sind gefragte Menschen. Was für ein Glück, ein gefragter Mensch zu sein, zu wissen, dass es auf einen ankommt, dass man einen Beitrag geben kann, der etwas gilt. Gefragte Menschen sind herausgenommen aus der Gleichgültigkeit des Lebens. Ihr Tun macht einen Unterschied, das wissen sie. Nelson Mandela wusste das in den 27 Jahren Gefangenschaft; danach weckte er die Welt auf mit seinem Vergebungswort; und meine alte Großmutter in ihren durchwachten Nächten wusste es, die die ungestellten Fragen der Nächsten hörte und einen Vorrat von Gebeten ansammelte, als Antwort. Ein gefragter Mensch sieht nicht an den Dunkelwänden des Lebens vorbei. Ganz und gar nicht. Aber er vernimmt auch im Schweren Anfragen an sich, er hört darin sogar ein Sinnangebot, das er, nur er, beantworten kann. Wir können keinen Sinn im Leid vorgeben, aber wir können sie fragen nach ihren Ressourcen, mit denen sie sich selbst wieder auf die Suche nach ihrem Lebensatem machen können.

Ich höre in den Fragen des alttestamentlichen Propheten noch eine überschüssige Lebendigkeit mit, jene andere Frage an die Frauen in der Ostergeschichte: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?" Die Frage wendet sich an die verängstigten Augen: „Sie neigten ihr Angesicht zur Erde" (Lk 25,5). Sie löst den Blick nicht nur von dieser oder jener Niedergeschlagenheit, sondern von der toten Erde und von allen toten Punkten: „Was suchst du, müder Mensch, den Lebenden bei den Toten? Merkst du nicht? Gott ist ein Gott, bei dem keiner verloren und begraben ist, auch du bist nicht begraben und vergessen. Er hat dich schon gefunden und spricht: Fürchte dich nicht, mein Wort trägt dich, geh in deinen Tag, für den du lebst. Bei den todmüden Schläfern ist der österliche Gott. Weißt du nicht?" Die Fragen wecken eine neue Perspektive: „Sieh noch einmal neu hin auf deine Welt. Schau, wie viel Endgültiges aufbricht. Sind nicht unter den vielen Verschlossenheiten auch Handreichungen und Stimmen, die dich echt meinen? Was fürchtest du dich?"

Geheimnis des Muts

Das ist das eine: Fragen, die Ressourcen zeigen und wieder Raum schaffen. Und das andere: Der Prophet weiß etwas vom Geheimnis des Muts. Wir haben die Augen aufgeschlagen, wir haben Schwung aufgenommen - und nun berührt, nein: erfasst uns das Bild von den mächtigen Adlerschwingen. Aber was sehen wir? Wie rauscht der Adler mit Macht in die Höhe? Es ist offenbar so: Auftrieb bekommt er nicht von selbst, vielmehr nur, wenn er sich dem Wind aussetzt, wenn er sich einlässt auf die Kräfte des Himmels und an ihnen seine Kraft erprobt. Bleibt er auf seinem Felsen hocken, wird er nie wissen, dass die Winde ihn tragen. Und so: Wenn wir nur Zuschauer des Lebens bleiben, werden wir nie wissen, wie viel Aufschwung Gottes Verheißungen geben. Das ist das Geheimnis des Muts: Wir müssen etwas wagen, die Macht, die uns zugespielt wird, erproben.

Ich will es deshalb so sagen: Das Bild des Adlers zeigt uns, dass es im Glauben auf die Mutproben ankommt. Wir werden die Größe und Lebendigkeit des Glaubens nie richtig kennen lernen, wenn wir in den Sitzen der Sicherheit (oder in den Verstecken der Müdigkeit) verharren, aber auch nicht, wenn wir es dabei belassen, einen neuen Blick gewonnen zu haben. So wie wir nie das Fußballspielen lernen werden, wenn wir nicht irgendwann gegen einen Ball schlagen und Dribblings und Pässe wagen. Glauben braucht, wie es Kierkegaard sagte, immer einen „Sprung". Man kann auch fehlspringen, stolpern, sich zu viel zutrauen, aber anders als durch einen Sprung - als Teilnehmer! - werden wir vom der Kraft des Glaubens nichts wissen. Ich denke, Ihr alle habt die Erfahrung schon gemacht: Ich wage etwas, ein Wort, einen ersten Schritt, nichts Großes, etwas, was in meinen begrenzten Möglichkeiten liegt, und sobald ich den Mut aufgebracht habe, fühle ich mich stärker. Im (auch kleinen) Wagnis - nicht anders, nicht vorher - wächst uns Kraft zu.

Der Prophet spielt uns den Mut zu, der vielen verschiedenen Müdigkeiten gilt: „Du alter Mensch, dem bange wird vor dem Abend und vor dem Längerwerden der Schatten, vor dem Abnehmen der Kräfte - habe Mut, dein Herz sprechen zu lassen, und horche an deine Tür, dort kann ein Engel auf dich warten!" - „Du Mann in der Mitte deiner Jahre, der verwundert und verwundet an seine Grenzen stößt, rede dir dein Versagen nicht ein, lege dein halbes Gelingen in die Waagschale für den, der noch schwächer ist als du, und du wirst dich aufrichten." - „Du Frau, die das Getane zählt und sich fragt, wo die Tage geblieben sind und die Kraft ihrer Seele, die sie drangegeben hat: deine Hingabe ist nicht umsonst!" - „Und du junger Mensch - ja, auch die jungen Menschen wissen von den Müdigkeiten des Lebens; man sieht es manchmal ihren müden jungen Augen an, die nach vielem haschen, aber oft nicht mehr leuchten (ob sie erwartungslos geworden sind, weil wir Erwachsenen zu wenig nach ihnen fragen?) - du junger Mensch, finde dich nicht ab mit der Vergeblichkeit, wirf deine Hoffnungen in den Tag hinein wie ein Netz: wage das klare, wahrhaftige Wort, wenn alle anderen dem mainstream nachrennen, ergreife den Traum der Gerechtigkeit und lass ihn aufleben in ungewöhnlichen Taten." -

Im Aufwind

Liebe Gemeinde, die Stimme des Propheten belebt, und wir spüren darin den österlichen Aufwind. Die Angst vor dem Misslingen hat nicht mehr das letzte Wort, und niemand muss sich mehr selbst aufgeben. Was für ein schöner österlicher schmetterlingshafter Augenaufschlag, und dann was für ein mächtiger unwiderstehlicher Aufschwung: Hebt eure Augen auf in die Höhe ... Ihr werdet auffahren wie Adler. Wir werden immer wieder müde sein. Und manche Menschen können sich oft kaum gegen ihre eigene Müdigkeit, ihre Taucherglocke, wehren. Dann ist es gut, wenn andere da sind, die die Augen aufschlagen und Kraft leihen. Vielleicht fängt ohnehin jeder eigene Mut mit dem geliehenen Mut an. - Wie immer: Für unsere nächste Müdigkeit gebe uns Gott Flügelschläge der Hoffnung. Und er zeige uns weiterhin genug Proben des Muts. Damit wir auch einmal in unserer letzten Müdigkeit gewiss sein können, dass wir - aufgehoben sind. Amen

 



Pfarrer Dr. Johannes Schick
89143 Blaubeuren
E-Mail: johannes.schick(at)t-online.de

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