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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti, 27.04.2014

Fliegen lernen
Predigt zu Jesaja 40:26–31, verfasst von Reiner Kalmbach

 

Die Gnade Gottes unseres Vaters, die Liebe Jesu unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

 

Hier in Patagonien scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, Natur pur, sozusagen. Das ist natürlich übertrieben, auch in Patagonien schreitet die vom Menschen verursachte Zerstörung ungebremst fort. Aber es gibt doch noch genug zu bestaunen, so sehr, dass mir manchmal die Worte fehlen es zu beschreiben.

Den Flug eines Condors beobachten zu dürfen, ist selbst hier in seiner natürlichen Heimat, den patagonischen Anden, ein nicht alltägliches Geschenk. Ich durfte diese Erfahrung sogar mehrmals machen. Der König der Lüfte kann an die tausend Kilometer weit fliegen, ohne seine Flügel zu bewegen. Eigentlich fliegt er nicht, er schwebt, er wird von den Aufwinden in die Höhe „gehoben", scheinbar mühelos, wie von Zauberhand emporgehoben.

Ich bin mit dem Auto unterwegs auf einer kurvigen Schotterpiste in den Anden, ganz in Gedanken versunken. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass mich jemand beobachtet..., mit dem linken Auge sehe ich einen Schatten, dann schaue ich aus dem Fenster, Schrecken und Erstaunen ergreifen mich gleichzeitig: ein Condor, so gross wie ein kleines Flugzeug, „begleitet" mich, fast auf Augenhöhe (ich bin auf einem Bergkamm unterwegs), der Abstand, keine zehn Meter. Er dreht seinen Kopf zu mir und beobachtet mich..., dann muss ich anhalten, es ist wie in einem wunderschönen, irrealen Traum, zu viel für mich. Der Condor dreht nach rechts, überquert die Strasse und segelt hinab ins Tal, dann sehe ich ihn noch einmal, wie er sich auf der anderen Talseite von den Aufwinden emporheben lässt. Ich stelle den Motor ab, absolute Stille, ich höre mein Herz schlagen und sage leise vor mich hin: „...die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler..."

Als ich den für heute vorgeschlagenen Abschnitt las, musste ich an diese Geschichte denken..., warum?, vielleicht weil ich dort oben, mitten in der Einsamkeit, das Wunder der Schöpfung, die Macht die da am Werke ist, so deutlich spüren kann, wie an keinem anderen Ort. Ja, solche einmaligen Momente treiben mir das Wasser in die Augen. Vielleicht „musste" ich da hinauf fahren (ich hätte auch einen anderen Weg wählen können...), Abstand nehmen von einem Alltag der mich langsam, aber sicher, Stück für Stück auffrisst, auslaugt, ausbrennt...Und dann fragt man sich, was denn plötzlich mit dem Glauben passiert, wieso trägt er nicht mehr?, warum wird die Gewissheit immer mehr von Zweifeln verdrängt...?

Doch nun ist es Zeit unsere Sinne auf das Hören einzustellen, auf ein Wort aus dem Jesajabuch, dem Kapitel 40, die Verse 26 - 31

Textlesung

Wenn das Volk den Mut verliert...

Wir werden später noch einmal auf unseren Condor zurückkommen. Jetzt heisst es umdenken, weit zurück gehen in der Geschichte, weit reisen, ins alte und sagenhafte Babylonien. Dorthin wurde das Volk getrieben, ins Exil, Sein Volk, Gottes Volk. Weit weg von der Heimat. Kriege verloren, alles verloren. Und jetzt? Das Volk in der Fremde, Gottes Volk in der Fremde, ausgesetzt den fremden Bräuchen, ausgesetzt einer Religion die den Himmelskörpern göttliche Kräfte zuspricht. Früher oder später wird die Erinnerung an „daheim", wird die Erinnerung an den eigenen Glauben, den Glauben an den Schöpfer und Befreiergott verblassen, sich auflösen, oder sich mit eben diesen neuen und fremden Gebräuchen und Weltanschauungen vermischen. Das Volk, Sein Volk, ist jetzt ganz unten angekommen. „Wo ist denn dieser Gott der unser Volk einst aus Ägypten in die Freiheit geführt haben soll...?", (...jedenfalls hier in Babylonien ist er nicht..., oder doch?).

Wem es schlecht geht, der schaut auf den Boden, der geht gebückt einher, er sieht nur das was unmittelbar vor ihm ist: das Jetzt, nicht die Zukunft!, das Jetzt, weil es eben keine Zukunft gibt!

Da kommt der Ruf des Propheten daher wie ein Donnergrollen..., die Menschen schauen nach oben, vielleicht in einer sternenklaren Nacht. Grossartig!, wer hat das alles gemacht? Unser Gott!, die Himmelskörper: keine Götter, sie können sich nicht selbst schaffen, sie wurden geschaffen, sie sind nur „Lampen" am Firmament die leuchten, weil Er es so will.

Und dieser Gott sollte nicht in der Lage sein, unserem Volk eine neue Zukunft zu geben ?!, er sollte nicht die Kraft haben die Verzweifelten und Frustrierten, die Enttäuschten und Resignierten wieder aufzurichten...?! Hat unser Volk es nicht immer und immer wieder erfahren, d.h. erlebt, wie sehr dieser Gott sein Volk liebt, wie er zu seiner Erwählung steht...?!, hat er es je verlassen?! Seien wir ehrlich (zu uns selbst): wir sitzen hier, weil wir uns von Gott entfernt hatten, weil wir seinen Weisungen nicht gefolgt sind, weil wir uns selbst und den falschen Bündnissen mehr vertraut haben, als Gottes Zusage und der Erfahrung unseres Glaubens.

Nicht wahr?, die Exilserfahrung ist Teil unserer eigenen Kirchengeschichte. Heute sind wir stolz auf unsere „Märtyrer", die in dunklen Zeiten und gegen alle „Vernunft" den Weg der Wahrheit beschritten haben. Als die Kirchen und die Gemeinden, d.h. als die Menschen (Christen) in die Irre gegangen sind, haben sie das Kreuz auf sich geladen und den Weg nach Golgota beschritten. Zeugen wie Dietrich Bonhoeffer gab und gibt es in vielen Kirchen, auch und gerade hier in Lateinamerika. Zu ihren Lebzeiten verraten und verfolgt, vom eigenen Volk, von Seinem Volk (der Kirche), werden sie später als Helden geehrt.

Das Prophetenwort richtet sich an das Volk Gottes, ein Volk das jetzt ganz unten angekommen ist..., Menschen die am Ende sind, die jegliche Hoffnung auf eine Zukunft verloren haben.

Da kann nur noch Gott helfen, welcher Gott?, der Schöpfergott, der Architekt des Universums. Schaut doch einfach nach oben!, was seht ihr?, ist das so schwer zu begreifen?, erinnert ihr euch nicht? Er hat euch doch erwählt!, wie könnte er euch dann vergessen?!

Ja, manchmal ist es notwendig, dass man sich in der Einsamkeit verliert, im „Exil". Ganz oben, umgeben von absoluter Stille, hören meine Ohren neu, sehen meine Augen auf, fühlt mein Herz die Grösse und Herrlichkeit der Schöpfung..., alle meine Sinne stimmen ein in den Lobgesang dessen der dies alles geschaffen hat..., dies alles, also auch mich!

Neulich erhielten wir Besuch von einem Mann, Mitte 40. Er wohnt und arbeitet in Buenos Aires, eine Megastadt. Chaos, Gewalt, Hektik, Überlebenskampf, Lärm, Aggression..., wer hat da noch Zeit den Himmel zu bestaunen?, die Schöpfung..?, wer kann sich den Luxus einer Atempause leisten...?

Er erzählte uns, dass er ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen in eine Art Panik geraten ist, „...ich muss da raus, sonst werde ich noch verrückt!". So stieg er ins Flugzeug, um diesem Anti-leben zu entfliehen, um endlich mal wieder richtig hören, sehen, fühlen, staunen zu können. Hier, weit weg von seinem Alltagsleben, hier in seinem Exil, hatte er sein „Condorerlebnis".

Und noch etwas: wir kommen von Ostern her, d.h. von Karfreitag und Ostern! Der Schöpfer dieser Welt, der unserem Condor diese wunderbare Gabe des Schwebens schenkt, dessen Anblick mir das Wasser in die Augen treibt, ist der Erlöser, unser Erlöser, mein Erlöser...Er hat mich von der erdrückenden Last erlöst..., kein gekrümmter Rücken zwingt meinen Blick nach unten, jetzt schaue ich nach oben, richte mich gerade auf, atme frei durch..., und zum ersten Mal seit langer Zeit sehe ich die Welt ganz neu, von Ostern her.

Noch ist das „Erlebnis" von Karfreitag und Ostern ganz frisch. Schauen wir einfach nach oben und wir werden spüren, wie Seine Kraft sich in uns ausbreitet und seine Stärke uns aufrichten lässt.

Amen.




Pfarrer Reiner Kalmbach
8370 San Martin de los Andes, Patagonien – Argentinien –
E-Mail: reiner.kalmbach@gmail.com

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