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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti, 27.04.2014

Österliche Lebenskraft
Predigt zu Jesaja 40:26-31, verfasst von Stefan Knobloch

Es scheint dem Menschen wohl zu allen Zeiten schwer gefallen zu sein, wirklich an Gott zu glauben. Wobei ich hier bei Glaube nicht die Zustimmung zu einem theoretischen Lehrgebäude über Religion und Gott denke, sondern an die Überzeugung und die Glaubensgewissheit, dass Gott in der Nähe meines Lebens ist, dass ich ihm nicht nur einen Gedanken wert bin, sondern dass ihm an mir, an uns liegt. Das war - unsere Lesung aus Jes 40,26-31 deutet das an - zur Zeit des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert vor Christus im Volk Juda offenbar nicht anders.

Das Volk hatte im Exil harte Entbehrungen durchgemacht, es fühlte sich von Gott verlassen. Ihre Situation? Gott schien sich dafür nicht zu interessieren. Da erhebt sich eine prophetische Stimme, die den Leuten deren Haltung vorhält. Warum denkt ihr, dass Gott euch vergessen hat? Warum sagt ihr: „Unser Weg ist dem Herrn verborgen? Unser Leben, es interessiert ihn nicht?" Es sind Worte, die aufrütteln wollen, die nachdenklich machen wollen. Das wird dadurch noch unterstrichen, dass der Prophet die Leute mit dem Namen ihres Stammvaters anspricht, mit Jakob bzw. mit Israel. Es gehörte zu ihrer Stammväter- Geschichte, die von Jakob überlieferte, dass er einmal - ohne es zu merken - nächtens an der Furt über den Jabbok mit Gott gerungen und gekämpft hatte (Gen 32,23-33). Wir dürfen diesen Kampf, dieses Ringen als Bild eines inneren Ringens mit Gott deuten. Und am Ende dieses Ringens gibt Gott Jakob einen neuen Namen. Er heiße ab jetzt Israel. Das bedeutet: Gottesstreiter. Bereits in dieser frühen Jakobsgeschichte ist angelegt,  dass der Glaube an Jahwe Höhen und Tiefen kennt, dass er Auseinandersetzungen kennt, ja, dass er ein streitbares Unternehmen ist. Und gerade in dieser Art der Auseinandersetzung mit Gott werde Israel zu einem großen Volk, zu einer Schar von Völkern werden (Gen 35,11).

Unser Text steigt dabei gar nicht mit dem Traditionsgut des Gotteskampfes ein. Er scheint ein anderes Argument für griffiger und überzeugender zu halten. „Schaut euch den Sternenhimmel an. Der Herr hat die Sterne alle erschaffen, und er befehligt sie täglich, ruft sie mit Namen, und sie sind alle da, keiner wagt zu fehlen."  Das mag für das damalige Weltbild ein beeindruckendes Argument gewesen sein. Wenn Jahwe schon das Weltall so beeindruckend lenkt,  dann wird er auch sein Volk nicht aus dem Auge verloren haben.

Uns aber berührt das wohl kaum. Gewiss, wenn wir, irgendwo am Meer stehend, den südlichen Abendhimmel in uns aufsaugen, ahnend berührt von der Unermesslichkeit dessen, was sich da unserem Auge bietet, dann geht das auch uns nahe. Aber einen Fingerzeig auf Gott erkennen darin wohl nur die wenigsten. Dazu ist unser Blick auf die Schöpfung zu rational, zu naturwissenschaftlich geprägt. Wir haben schließlich etwas von einem Urknall gelernt, erinnern uns vielleicht, dass in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die Entdeckung gemacht wurde, dass sich das Universum stetig ausdehne. Spätere Entdeckungen brachten die Erkenntnis, dass sich die kosmische Expansion rätselhaft beschleunige. Je mehr wir von solch rätselhafter Aufblähung des Universums hören, umso rätselhafter wird uns die Welt. Bis dahin, dass sich manche schon fragen, ob das Universum sich nicht zu einer Vielzahl von Universa ausdehne, so dass manche schon vom Multiversum statt vom Universum sprechen.

Wie auch immer, ein Fingerzeig auf Gott und einen Bezug Gottes zu unserem Leben hören wir da wohl eher nicht heraus. Das war in der Situation des babylonischen Exils anders. Wenn uns heute also der Verweis auf das Weltall, anders als damals, kein Verweis auf Gott mehr zu sein scheint: Das, was der Prophet den Leuten an aufbauenden, Zuversicht weckenden Worten bietet,  muss deshalb an uns nicht wirkungslos vorübergehen.

Vielleicht müssen wir nur den Blick auf einige charakteristische Züge unserer Zeit werfen. Dabei wollen wir uns gar nicht verhaken in den aktuellen politischen Konflikten dieser Tage, in den derzeitigen Vorgängen in der Ostukraine, den wachsenden Sorgen in Estland, in Moldawien, in Weißrussland, die sich bald vor ähnlichen Entwicklungen stehen sehen. Nein, weiten wir unseren Blick auf alltäglichere Zusammenhänge.

Da fällt auf, ohne dass wir hier moralisch ansetzen wollen, dass sich heute das Interesse der Menschen vielfach auf die Ökonomie, auf das Ökonomische konzentriert. Ohne Frage hat die Globalisierung das Leben vieler Menschen auf der Welt verbessert. Die Ströme von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Daten, auch von Menschen, tragen dazu bei, Not und Elend der Menschen zu mindern. Dabei ist natürlich einzuräumen, dass noch viel zu viele Menschen in Not und Elend dahindarben. Aber die vernetzte Welt von heute bringt manche Lebensverbesserung mit sich. Daran hängt sich dann freilich, zumal in reichen Ländern, ein Lebensstil auf, dem das reicht, dem halbwegs gesicherter Wohlstand sozusagen alles ist.

Das aber ist nur die eine Seite des Phänomens. Auf der anderen Seite fühlen sich heute viele Menschen mehr und mehr erschöpft, ausgelaugt. Man spricht vom burnout-Risiko, dem immer mehr Menschen ausgesetzt sind. Die Menschen müssen sich im globalen Konkurrenzkampf beweisen. Sie achten zu wenig auf die Signale des Körpers, bis es zu physischen und psychischen Reaktionen kommt. Zu Panikattacken, zu Hörstürzen, zu Erschöpfungsdepressionen. Die treibende Kraft dahinter ist das Motiv, sich selbst zu beweisen und mehr soziale Anerkennung zu ernten, und das über einem Feld inneren Ausgebranntseins.

In unserem Jesajatext ist die Rede von jungen Menschen, die müde und matt sind, von jungen Männern, die stolpern und stürzen. Erkennen wir darin nicht Züge unserer Zeit? Und woher kann Abhilfe kommen?

Hörst du es nicht,? fragt unser Text. Seine Antwort mag uns zu plakativ vorkommen, zu knapp und kurz. Aber trifft sie nicht bei aller Knappheit den Kern, an dem das heutige Leben Mangel hat? „Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft", sagt unser Text. Und dann folgt ein schönes Bild. „Sie bekommen Flügel wie Adler." Und weiter: „Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt."

Das waren damals zum Glauben an Gott an die im babylonischen Exil mutlos und orientierungslos Gewordenen gerichtete Worte. Es sind auch Worte an uns, in uns die religiösen Residuen des Glaubens zu entdecken und zu beleben. Wieder stärker in dem zu gründen, was uns wirklich Grund und Halt gibt: Nämlich in Gott, der in seiner manchmal unerkennbaren und unerkannten Gegenwart unserem Leben Kraft gibt. Der uns Flügel verleiht, wo uns die Fixierung auf uns selbst hinunterzieht, uns stolpern lässt, uns depressiv macht. Uns letztlich die Lebenslust raubt.

„Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft." Suchen wir in unserem Leben die Spuren, aus denen unser Vertrauen auf den Herrn wächst und wir neue österliche Kraft schöpfen.

 

 

 



Prof. em. Dr. Stefan Knobloch
Passau
E-Mail: dr.stefan.knobloch@t-online.de

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