Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

5. Sonntag nach Ostern: Rogate, 25.05.2014

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 32:7-14, verfasst von Hellmut Mönnich

 

Erfüllt Gott Bitten im Gebet? Lässt er sich gar umstimmen von dem, was er vorhat?

Der Predigtabschnitt, den ich jetzt vorlese, sagt: Ja! Und erzählt davon. Im Alten, im ersten Testament, genauer im zweiten Mosebuch steht der Predigttext. Darin wird erzählt, wie Gott sich umstimmen lässt - nach dem zuvor erzählt worden ist, wie das Volk nach dem geglückten Entkommen aus Ägypten durch die ewigweite Wüste wandert, Mose auf den Berg Sinai gestiegen ist und gar nicht wiederkommt. Und das Volk nach vergeblichem Warten auf die Rückkehr des Mose ein goldenes Kalb herstellt. Das nun soll ihr sichtbarer Gott bei ihnen sein. Kurz: sie sind von Gott abgefallen. Manches kann man zu diesen Geschichten im zweiten Mosebuch fragen - aber auch beantworten. Ich habe das jetzt nur kurz skizziert, damit wir nun den Predigttext besser verstehen, den ich erst einmal vorlese (Ex 32:7-14).

Ein höchst erstaunliches Gespräch zwischen Gott und Mose ist das! Bevor unsere Gedanken sich verlaufen und etwa fragen: wer hat denn diesem Gespräch zugehört und es dann aufgeschrieben? müssen wir fragen: Was will der mit Namen unbekannte, erzählende Verfasser dieser Geschichte seinen Lesern sagen? Die Antwort ist: Gott hört, Gott erhört die an ihn gerichtete Bitte. Und lässt von seinem ursprünglichen Vorhaben ab.

Vielleicht fällt jemandem dazu der neutestamentliche Satz ein: „Bittet und es wird euch gegeben." Kann das Gespräch zwischen Gott und Mose und seiner Bitte eine erzählte Illustration zu der kurzen neutestamentlichen Aufforderung sein „Bittet und es wird euch gegeben" - oder anders gesagt: Bittet, dann wird eure Bitte erfüllt?

Ich verbinde mit dem „Gott bitten" ein Erlebnis, das ich zwar schon vor Jahren hatte bei einem Besuch in einer Klinik, an das ich mich aber so deutlich erinnere, als wäre es erst kürzlich gewesen.

Ich hatte das Zwei-Bett-Zimmer in der Klinik betreten und während ich die Tür schloss sah ich, dass das eine Bett leer war. Die Frau, die ich besuchen wollte, lag im Bett am Fenster. Durchdringend sah sie mich an. Sie hat geweint, schoss es mir durch den Kopf. Wir kannten uns. Ich besuchte sie nicht zum ersten Mal. „Helfen Sie mir!" sagte sie. Nach meiner Erinnerung sprach sie dann weiter in kurzen, wie herausgestoßenen Sätzen. „Beten Sie für mich! Er ist zurückgekommen. Und ich hatte geglaubt, der Krebs sei besiegt. Ich will doch leben! Ich habe schon so viel gebetet. Meine Tochter ist doch noch so klein. Beten Sie für mich! Bitte! Beten Sie, dass ich leben darf!"

Ich habe die Frau damals als Klinikseelsorger immer wieder besucht. Als ich eines Tages wieder geklopft hatte und ins Zimmer kam, war ihr Bett leer. Die Ärzte hatten nicht helfen können.

Hilft Bitten im Gebet?

Noch eine ganze Zeit lang hat mich damals nicht losgelassen, was ich mit dieser jungen Frau erlebt hatte und ihrer Bitte, weiterleben zu dürfen.-

Heute, am Sonntag mit dem kirchlichen Namen „Rogate", „Betet" steht mir das alles wieder vor Augen. Und auch die Frage ist wieder da: Hilft das Bitten im Gebet? Und überhaupt: Was ist das mit dem Beten?

Damals fiel mir schließlich auch die Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane ein. Hatte Jesus da nicht gebetet: „Abba" - das heißt in Jesu Muttersprache „Vater", genauer eigentlich „"Papa" - „Abba, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir" (Mk 14:36)? Und Jesus musste dann doch sterben - diesen furchtbaren Tod der Kreuzigung!

Ich habe dieser Tage noch einmal die Bibel aufgeschlagen um zu sehen, wie Jesus selbst gebetet hat. Beim Aufschlagen wurde mir dann aber schnell klar, dass ich zuerst im Alten, ersten Testament nachsehen muss, denn das war ja die Bibel Jesu. Er hat sie gekannt und nicht zuletzt darin die Psalmgebete.

Herr" lese ich im 139. Psalm - an dieser Stelle steht in der hebräischen Bibel der Name Gottes: JHWH, - „Herr, du erforschst mich und kennst mich ... Ich gehe oder liege, so bist du um mich." Und wenige Zeilen weiter: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." Und dann diejenigen Zeilen dieses Psalms, die mich seit vielen Jahren begleiten und die mir ganz wichtig sind:

„Führe ich gen Himmel, so bist du da,

bettete ich mich bei den Toten, siehe

so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte

und bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich führen

und deine Rechte mich halten.

Spräche ich: Finsternis möge mich decken

Und Nacht statt Licht um mich sein -,

so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,

Und die Nacht leuchtete wie der Tag."

Martin Luther hat das so übersetzt. Was für ein tiefes Vertrauen des Betenden hat hier Sprache gefunden! Erinnert dieses Vertrauen nicht an das fast kindliche Vertrauen Jesu, wenn er im Gebet Gott „Abba", „Papa" nennt?

Bewahre mich Gott, denn ich traue auf dich" finde ich an anderer Stelle. Glauben - wird mir wieder deutlich - bedeutet in der Bibel vertrauen, Gott vertrauen. Im Vertrauen spricht der Beter, betet er zu Gott.

Gott, höre auf meine Worte, merke auf" lese ich. Und dann: „Wie lange willst du mich so ganz vergessen?"

Offenbar haben die Menschen damals nicht nur voller Vertrauen zu Gott - dem doch Unsichtbaren! - gesprochen, sondern auch seine Ferne erfahren!

Im 22. Psalm heißt es: „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Mit diesen Psalmgebets-Worten schrie doch Jesus sterbend am Kreuz zu Gott. Wo war Gott? Wo war seine eingreifende Hilfe? Wie viele Psalmen mag Jesus auswendig gekonnt haben? Und: Was mag in ihm vorgegangen sein damals im Garten Gethsemane, dass er nach seiner Bitte zu seinen Jüngern ruhig sagen konnte „Steht auf! Lasst uns gehen!" - und am Ende schließlich am Kreuz: „In deine Hände befehle ich meinen Geist"?

Beides finde ich in der Bibel: Tiefes vertrauen auf Gott - und Gottes Schweigen, Gottes Ferne. Schon in der hebräischen Bibel, in unserem Alten Testament, aber auch im Neuen Testament erlebten Menschen, die Gott vertrauten und auf ihn bauten, dass ihr Bitten ungehört blieb, dass Gott verborgen war.

Ging es nicht ebenso Ungezählten in unserer Zeit so - z.B. in den Vernichtungslagern im letzten Jahrhundert, - dass sie Gott als schweigend, als abwesend erfuhren? Keine Hilfe. Millionenfaches, entsetzliches Sterben dort und an vielen, vielen Orten?

Das Schweigen Gottes damals zur Zeit des Neuen Testamentes und das Schweigen Gottes im kaum beschreibbar Entsetzlichen des vergangenen Jahrhunderts, in den Zeiträumen davor und auch heute noch - führt es nicht zu der Frage, ob Glauben und ob Beten überhaupt sinnvoll ist? Gibt es da eine einfache, überzeugende Antwort?

Ich kann nur meine eigene Antwort versuchen: So, wie ich glaube, das Gott - der oft so rätselhafte - Jesus damals nicht im Tod hat versinken lassen, sondern ihn ins Leben hob - so glaube ich, dass der Tod von Millionen Menschen damals für sie nicht das Letzte war. Und das glaube ich auch für die Schwerkranke damals im Krankenhaus, die doch sterben musste. Aber ich weiß auch: ist nur Gottes Schweigen festzustellen - und die Antwort des Glaubens kann nicht jeden überzeugen. Ich will mich trotzdem einladen lassen: Von der Bitte des Mose, von den Psalmbetern und von Jesus. Einladen lassen zum Sprechen mit Gott, zum Beten - auch zum Bitten im Gebet. Und will das Antworten Gott überlassen.

Wenn ich vom Beten im Sinn Jesu spreche, wird mir klar: Es gibt auch Beten und Gebete, die sich geradezu verbieten. Ich denke dabei an Gebete, die z.B. im letzten Krieg in Gottesdiensten gebetet wurden, um Gott für die Interessen des eigenen Volkes und Landes in Anspruch zu nehmen - Gebete, die oft genug auf Propagandalügen, schlichtem Nichtwissen und falschem Denken fußten.

Übrigens ist auch solch ein Gebet bedenklich, das ein Schüler oder eine Schülerin betet und Gott etwa bittet, der Lehrer möge seinen Notenkalender verlieren, damit die eigenen mangelhaften Leistungen verborgen bleiben. Wie leicht wird Gott missbraucht - nicht nur in den eben genannten Beispielen, sondern auch z.B. von Terroristen und von politisch Mächtigen in der Vergangenheit und auch heute noch.

Orientierungspunkt beim Beten ist vielmehr das Jesus kennzeichnende tiefe Vertrauen auf Gott.

Mir ist aber beim Bedenken der biblischen Aussagen zum Beten und Bitten noch etwas klar geworden: Ich verstehe Gott viel weniger, als mancher Christ und mancher Theologe zu wissen meint. Ich will mich aber einladen lassen, nicht zuletzt von Jesus selbst, trotz meiner Fragen und meiner Zweifel Gott zu vertrauen, zu ihm zu sprechen und auch ihn zu bitten. Trotz allem. „Dennoch bleibe ich stets an dir; du hältst mich bei meiner rechten Hand" sagt ein Psalmbeter. Haben die Menschen nicht damals schon Gründe gehabt zu zweifeln?

Dietrich Bonhoeffer sagte: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche aber seine Verheißungen."

Ich bin mit meinen Gedanken und Fragen zum Beten und Bitten noch lange nicht fertig. Ich will hier aber fragen, ob wir nicht viel häufiger Gott um seinen Geist, seine Kraft bitten sollten, dass er unser Denken und Tun steuere, auch unser Reden - auch unser Beten und Bitten.

Und dann gilt: Wir können, wir dürfen mit Gott sprechen, ihn bitten, - voller Vertrauen und mit aller Intensität, einfach - wie Jesus das tat.

Und dann können wir vielleicht einstimmen in den heutigen Losungssatz aus dem 66. Psalm: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet."

 



P.i.R. Hellmut Mönnich
Göttingen
E-Mail: moennich.goettingen@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)