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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

18. Sonntag nach Trinitatis, 07.10.2007

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 20:1-17, verfasst von Wilhelm v. der Recke

I.             Warum sollen wir uns heute noch nach den Zehn Geboten richten? - Gebote, die mehr als 3000 Jahre alt sind und aus der Tradition von Halbnomaden im Vorderen Orient stammen; Gebote, die auf einen Gott zurückgeführt werden, der diesen Menschen unter Zeichen und Wundern in der Wüste erschien und ihnen einen Schutzvertrag anbot; der als Gegenleistung von ihnen verlangte, dass sie diese elementaren, an zwei Händen aufzuzählenden Gebote einhalten.

Diese Gebote, die das überschaubaren Leben eines einzelnen Volkes in längst vergangener Zeit regeln sollten - sie sollen heute noch gut sein, wo es um das Zusammenleben in einer hochentwickelten, globalen Kultur geht !?  - Erstaunlicherweise werden diese Regeln selbst von Menschen für wichtig gehalten, die - wenn überhaupt - nur noch äußerlich zu einer Religionsgemeinschaft gehören. Wenn es um den Glauben und ein anständiges Lebens geht, sagen sie etwa: Hauptsache, man hält sich an die Zehn Gebote. Das sagen sie, obwohl sie diese gar nicht mehr aufzählen könnten. Noch schwerer wiegt: das sagen sie trotz des hohen Anspruches gerade des ersten Gebotes. Aber dessen sind sie sich meistens gar nicht bewusst.

Hauptsache, man hält sich an die Zehn Gebote. Das ist oft nur daher gesagt, aber es steckt mehr dahinter: Es geht bei den Zehn Geboten - vor allem bei ihrem zweiten Teil - um elementare Fragen des Zusammenlebens. Diese Fragen haben mehr mit der menschlichen Natur zu tun, die sich im Laufe der Jahrtausende kaum verändert hat, als mit der jeweiligen Kultur.
Und es geht um den Wunsch nach einfachen Antworten, die verlässlich sind und die nicht ständig aktualisiert werden müssen. Für die keine Ethikkommission und kein Philosophenkongress einberufen werden müssen. Grundlegende Regeln, die vorgegeben und die selbstverständlich sind, die nicht immer neu hinterfragt werden und neu zu begründen sind. So wie das Gebot: Du sollst nicht töten. Wenn das grundsätzlich gilt, kann man sich den konkreten Fragen unserer Zeit zuwenden, wie der Frage nach Kriegsdienst oder Todesstrafe, nach Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe.

Das Erstaunliche ist, dass diese wenigen fundamentalen Gebote in fast allen Kulturen und Religionen gelten. Sie regeln das Zusammenleben; sie schützen das Menschenleben, Recht und Freiheit, insbesondere Ehe und Familie, die Alten und die Schwachen, den Lebensunterhalt und den unentbehrlichen Besitz. In seinem Buch Das Weltethos hat der Theologe Hans Küng das eindrucksvoll aufgezeigt.

Mehr als 3000 Jahre alt! Das Alter der biblischen Gebote ist eher ein Gütezeichen. Der göttliche Ursprung gibt ihnen die Weihe: sie sind unverbrüchlich, sie stehen nicht zur Diskussion. - Dafür kann man nur von Herzen dankbar sein: Heute wie schon in früheren Zeiten weiß man, was gilt und was sich gehört; was recht oder unrecht, was gut und böse ist. Man weiß es, auch wenn man sich nicht danach richtet; auch wenn das Gewissen vieler Leute ziemlich abgestumpft ist; auch wenn man immer wieder gute Gründe für persönliche Ausnahmeregelungen findet, - aber das ist nie anders gewesen und gerade die Bibel berichtet ungeschminkt von solchen Verstößen.
Man weiß, dass diese Grundregeln ohne wenn und aber gelten, auch wenn man die Gebote zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich ausgelegt und unterschiedliche Folgerungen daraus gezogen hat. Gerade an den Geboten Du sollst Deine Eltern ehren, Du sollst nicht töten und Du sollst nicht ehebrechen kann man das gut ablesen. (Ein aktuelles Beispiel für unterschiedliche Auffassungen in ethischen Fragen ist der Umgang mit Homosexuellen. Grob gesprochen steht hier die westeuropäische Christenheit gegen den Rest der Welt. Und alle berufen sich auf die Bibel und die Zehn Gebote.)

Trotz der ewigen Klage über die Jugend von heute und die zunehmende Verrohung der Gesellschaft - wahrscheinlich sind die Menschen heute nicht weniger moralisch als zu früheren Zeiten. Nur wirkt sich das anders aus. Wir reagieren auf neue Herausforderungen und belächeln das, was früher alles für wichtig genommen wurde. Man kann das gut an der Jugendrevolte der sogenannten ´68er erkennen: Die übertriebene Bedeutung von Zucht und Ordnung wurde bestritten. So wurde der Umgang mit der Sexualität zwangloser, vor allem offener. Andererseits reagieren wir seitdem mit einer vorher nicht gekannten Empfindlichkeit auf alle Verletzungen von menschlicher Freiheit und Würde. Für die Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer) ist nie so leidenschaftlich gestritten worden wie heute - angefangen vom Schutz des Embryos bis zum hilflosen Greis, vom Schwerverbrecher bis zum Tier, in dem wir das Mitgeschöpf erkennen. Früher stand das anständige Benehmen des einzelnen im Vordergrund, heute geht es eher um das Gemeinwohl. Der programmatische Einsatz von Gesellschaft und Kirche für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wäre noch vor fünfzig Jahren undenkbar gewesen.

Gestohlen und gelogen, gehurt und getötet wird heute wie eh und je. Dafür gibt es heute so wenig wie gestern einen Freifahrtschein. Die Gebote haben ihre Geltung nicht verloren, und im Grunde wissen das alle. Man muss sich das manchmal dankbar in Erinnerung rufen: Unsere Welt ändert sich rapide, aber man kann nicht behaupten, dass sie völlig verkommen sei und alle Maßstäbe verloren habe. - Andererseits sind wir Menschen dieselben geblieben, unsere äußere und innere Natur unterscheidet uns nicht wirklich von den Steinzeitmenschen. Wir sind kaum schlechter als andere vor uns, aber eben auch nicht besser geworden - so wie es manchmal im Christentum erhofft worden ist und wie es der Fortschrittglaube der Neuzeit erwartet hat. Wir sind und bleiben eben die Nachkommen von Adam und Eva, dieselben wie zu Zeiten des Mose und von Jesus von Nazareth. Moralisch gesehen stehen wir nicht wirklich auf eigenen Füßen. Deswegen müssen wir von Gott reden:

 

II.            Wir würden die Zehn Gebote verstümmeln, wenn wir uns nur mit den genannten Geboten begnügten, die vom Zusammenleben reden. Ja, wir würden die Hauptsache unterschlagen. Genau besehen sind die Gebote 4 - 10 nur Ausführungsbestimmungen für einen Vertrag, den Gott mit seinem Volk schließt. Diese Regeln sind für sich genommen ja gar nicht einzigartig: Sie sind nicht nur in der Bibel zu finden, sondern ebenso in anderen Kulturen; sie gelten universell. Sie sind nicht einmal religiös. Sie sind vernünftig und lebensklug - das lehrt die Erfahrung. Sie gelten für gute und schlechte Menschen, für einsichtige und uneinsichtige, für hochzivilisierte und für naturnahe Völker. Bei diesen Regeln für das Zusammenleben kommt es zunächst einmal darauf an, dass wir sie beachten; dass wir uns tatsächlich so verhalten. Die richtige Auffassung davon reicht nicht, so wenig wie schon der gute Wille reicht. Tu das, so wirst du leben, sagt Jesus zu einem Schriftgelehrten (Lukas 10, 28).

Trotzdem ist es nicht gleichgültig, mit welcher Einstellung wir unserem Nächsten gegenüber treten - ob wir uns für ihn überhaupt interessieren oder nicht; ob wir ihm helfen oder schaden wollen; ob wir ihm wirklich wohl wollen oder nur so tun als ob. In seiner Erklärung zu den Geboten warnt Luther davor, mit dem Schein des Rechtes dem Nächsten schaden zu wollen. Bei manchem, der zu eifrig und augenfällig die Gebote befolgt, fragt man sich, was er wohl im Schilde führt. Die Gebote wörtlich befolgen bedeutet nicht in jedem Fall, sie auch sinngemäß zu erfüllen.

Auf die Frage nach dem höchsten Gebot werden im Neuen Testament die Gebote nicht nur zusammengefasst, sondern auch gleichzeitig vertieft; sie werden unter das Leitwort der Liebe gestellt: Du sollst Gott deinen Herrn lieben - und deinen Nächsten wie dich selbst (Lukas 10,27). Das entspricht im Grunde dem ersten Gebot, wo es dem Sinn nach heißt: Ich bin der Gott, der euch liebt und der nichts anderes will, als dass ihr euch davon anstecken lasst. - Ich bin der Gott, der sich euer erbarmt hat und euch aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Ich bin der Gott, der euch sicher durch die Wüste geführt, der euch vor euern Feinden geschützt und euch mit frischem Wasser und Nahrung versorgt hat. So habt ihr mich kennengelernt. - Hier nun am Sinai, dem Gottesberg, möchte ich mich dauerhaft mit euch verbinden: Ich bin euer Gott und ihr sollt mein Volk sein. Das ist wie eine Eheschließung, wenn man nach einer Zeit der Erprobung und Bewährung die Verbindung dauerhaft eingeht.

Das ist der Kern, hier schlägt das Herz der Zehn Gebote: Ich bin euer Gott - ihr seid mein Volk. Wenn ihr euch darauf einlasst, dann werdet ihr bestimmte Regeln beachten. Diese Regeln beziehen sich erst im zweiten Teil auf das Zusammenleben von Menschen untereinander. Im ersten Teil geht um es um ihre Haltung und ihr Verhalten ihrem Gott gegenüber: Wenn ich euer Gott bin, dann braucht ihr keine anderen Götter, nicht irgendwelche Mächte, Halbgötter und Autoritäten, vor denen ihr euch fürchten müsstet oder denen ihr nachlauft. Mit mir habt ihr genug. Ihr könnt mir ganz und gar vertrauen. Schenkt mir euren Glauben, aber versucht nicht, mich dingfest zu machen, mich in die Hand zu bekommen, euch ein Bild von mir zu machen. Ihr habt mein Wort. Ihr kennt meinen Namen. Mehr braucht ihr nicht von mir. Aber haltet den Namen in Ehren, missbraucht ihn nicht für eure Zwecke. - Und schließlich ist die Rede vom siebten Tag als Feiertag, den sie einhalten sollen. Ein Tag des Segens, an dem auch Gott, der Schöpfer innehält und ausruht von allen seinen Werken. Der soll auch für sein Volk ein Tag der Muße sein, an dem sie innerlich und äußerlich zu neuen Kräften kommen.

Ich bin euer Gott - ihr seid mein Volk. Diesen Antrag macht Gott damals Mose und den Israeliten. Er gilt für das Volk Israel bis heute. Er gilt dem neuen Gottesvolk, das sich auf Jesus Christus beruft. Er gilt allen Menschen, die sich nicht damit begnügen wollen, dass der Umgang mit einander einigermaßen reibungslos funktioniert. Die sich nicht mit den Unzulänglichkeiten, den Aggressionen und Ängsten von uns Menschen abfinden wollen. Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf, sagt Gott, nachdem er Noah und die Seinen durch die Sintflut hindurch gerettet hat (1. Mose 8, 21).

Ich bin euer Gott - ihr seid mein Volk. Damit meint Gott, dass er nicht nur der  H e r r  ist, der hoch und fern über allem steht. Der will, dass es in seiner Welt einigermaßen friedlich und gerecht zugeht und der dafür Gebote gibt wie: du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen und lügen. Wenn er sich so anbietet, dann auch als der  V a t e r  im Himmel, der uns als Kinder an sein Herz drücken will, der uns so nimmt wie wir nun einmal sind und dem wir uns anvertrauen können. Der uns den Geist seines Sohnes ins Herz gegeben hat, so dass wir mit ihm Abba, lieber Vater rufen sollen (vergl. Galater 4,6).



Pastor Wilhelm v. der Recke
Pastor im Lektorendienst
Cuxhaven
E-Mail: Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de

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