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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

18. Sonntag nach Trinitatis, 07.10.2007

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 20:1-17, verfasst von Hans-Joachim Schliep

Ich, ICH-BIN-DA, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.
1. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.
2. Du sollst dir kein Gottesbild machen und kein Abbild von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Wirf dich nicht vor anderen Göttern nieder und gib dich ihnen nicht preis. Denn ich, ICH-BIN-DA, dein Gott, bin ein leidenschaftlicher Gott.
3. Du sollst ICH-BIN-DA, den Namen deines Gottes, nicht missbrauchen.
4. Gedenke des Sabbats, er sei dir heilig. Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, er gehört ICH-BIN-DA, deinem Gott. An ihm braucht niemand zu arbeiten, weder dein Sohn noch deine Tochter, keine Frau, kein Mann, die in deinen Diensten stehen, auch nicht deine Tiere und die Fremden, die bei dir wohnen. Denn sechs Tage lang schuf ich, ICH-BIN-DA, den Himmel und die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist. Und ruhte am siebten Tag, segnete und heiligte ihn.
5. Ehre deinen Vater und deine Mutter; dann hast auch du ein langes Leben.
6.  Morde nicht!
7.  Brich die Ehe nicht!
8.  Stiehl nicht!
9.  Sag nichts Falsches aus gegen deinen Nachbarn.
10. Verlange nicht nach dem Haus deines Nächsten und nicht nach seiner Frau oder nach irgendetwas, was deinem Nächsten zu eigen ist!

(Eigene Übersetzung im Anschluß an Michael Köhlmeier: Geschichten von der Bibel. Von der Erschaffung der Welt bis Moses, München/Zürich 2003, S. 537f, und an die ‹Bibel in gerechter Sprache›; Zahlenangaben: Zählung der Gebote)

Liebe Gemeinde!
Heute also: die Zehn Gebote. Wie ich sie übersetzt und vorgelesen habe, sind sie kürzer als in 2. Mose 20, Verse 1 bis 17, und etwas länger als in Luthers Kleinem Katechismus. So kann man sie, denke ich, beim Hören noch aufnehmen, zugleich kommt einiges zur Sprache, was Luther weggelassen hat. Gerade daran will ich heute wieder erinnern.
Heute also: die Zehn Gebote. Warum gibt es sie eigentlich? Scherzhaft gesagt: Um den Buchstaben ‹Alef›, den ersten Buchstaben im hebräischen Alphabet, wieder zu beruhigen. Denn, so erzählt eine jüdische Geschichte, das ‹Alef›  fühlte sich bei der Erschaffung der Welt benachteiligt. Voller Zorn beharrte es vor Gott darauf, SEIN leben-schaffendes Wort müsse mit dem ersten Buchstaben im hebräischen Alphabet beginnen, mit ihm, dem ‹Alef› also! Aber der Bericht über die Welterschaffung beginne mit dem ‹Beth›, dem zweiten Buchstaben im hebräischen Al-phabet! - Damit wir das Problem des ‹Alef› verstehen, sei angemerkt: Das wird im Deutschen nicht deutlich; da beginnen die ersten Worte in der Luther-Bibel mit einem ‹A›: Am Anfang schuf Gott.... In der Hebräischen Bibel aber beginnen die ersten beiden Worte mit dem ‹B›, dem ‹Beth›: bereschit barah.... - Nun wieder zurück zur jüdi-schen Geschichte. Was hat Gott auf diese Beschwerde geantwortet? „Liebes ‹Alef›, sieh doch: Erst muss die Erde geschaffen werden, das Haus des Menschen - und das Haus heißt hebräisch doch nun einmal ‹Beth›. Daher fängt die Schöpfung, die Geschichte des Lebens, und mit ihr die Bibel eben mit dem ‹B›, mit dem zweiten Buchstaben an. Damit die Menschen merken, dass diese Erde ihr Haus ist. Damit diese Erde aber auch ihr Haus bleibt, eine Wohnstätte, ein Lebensraum für Menschen, und damit sie die Geschichte des Lebens mitschreiben können, gebe ich ihnen dazu eine Wegweisung: die Zehn Gebote nämlich. Und die beginnen mit Dir, dem ‹Alef›. Die Zehn Gebo-te beginnen mit Dir, weil sie mit MIR beginnen: Ich, ICH-BIN-DA, bin dein Gott..., hebräisch: anochi JHWH älohä-cha.... Höre doch: anochi: Ich!" Da wandelte sich die Wut des Buchstabens ‹Alef› in den Mut, sich genau und gern dort einsetzen zu lassen, wo die Zehn Gebote beginnen, wo Gott sein Angebot an den Menschen, die Geschichte des Lebens mitzuschreiben, konkret werden läßt.
Für heute lege ich diese Geschichte so aus: Die Gabe der Zehn Gebote gehört zur Schöpfung, zur Gabe des Le-bens überhaupt dazu. Die Schöpfung ist ja selbst ein gebieterischer Akt und das mir gegebene das mir gebotene Leben, stets Gabe und Aufgabe zugleich. In diesem Sinn wird in der Gabe der Zehn Gebote das Leben erst „rich-tig" geschaffen. Denn das nenne ich richtiges Leben, was eine Richtung hat, eine Lebensspur, der zu folgen immer wieder in neue Lebensräume führt. Manchmal denke ich, wie einige Rabbinen lehrten: Noch vor der Schöpfung waren die Gebote!
Wie aber öffnen sich neue Lebensräume? Niemals in Abschottung, nur in Begegnung: Wenn ein Leben dem ande-ren begegnet. Hier sogar begegnet das Leben Gottes dem Leben der Menschen! Gott sagt Ich - und die Men-schen werden zum Du. Wer aber ein Du ist, ist immer auch ein Ich. Zum Leben, sei es Gottes oder der Menschen, gehört es, beides sagen zu können: Ich und Du, Du und Ich - und damit auch Wir.
Wir - offenkundig war das Gottes erster Gedanke. Jedenfalls geht, als nach dem beschwerlichen Wüstenweg Israel Schutz und Ruhe findet am Fuße des Sinai-Bergmassivs, der Gabe der Gebote eine kleine Volksbefragung voraus (2. Mose 19,1-9): Gott lässt durch Mose das Volk erst einmal fragen, ob es denn dem weiter folgen, zu dem weiter gehören wolle, der es aus der ägyptischen Knechtschaft befreit, ihm allerdings auch den Weg durch die Wüste zugemutet hat. Erst als das sonst so schnell mürrische Volk mit „Ja" antwortet, wird Mose zum Empfang der Gebote noch einmal auf den Berg gerufen.
Missverstehen wir diese Volksbefragung bitte nicht als demokratischen Zug des mosaischen Gottes! Aber diesem Gott kommt es offenbar darauf an, dass der Boden gut bereitet ist für eine solche große Gabe. Denn das Ureigene, dasjenige, das ganz tief in dir sitzt, was du wirklich bist und willst, gibst du nur her, wenn du es in guten Händen weißt: in den Händen eines Freundes, einer Geliebten. Und so sind die Gebote eine Freundschaftsgabe, ja, ein Liebesbeweis.
Nun aber folgt ein richtiger „Theaterdonner": Blitzen und Krachen, Rauch und Posaunenschall. Schafft der nicht wieder einen ungeheuren, unnötigen Abstand? Einmal abgesehen davon, dass im menschlichen Miteinander man-chem Freundschafts- und Liebesbeweis bisweilen ein „Theaterdonner" vorhergeht, drücken diese Bilder die un-überbietbare Erhabenheit Gottes aus. Diese Erhabenheit, diese Heiligkeit, steckt auch in den Zehn Geboten. Das aber heißt nichts anderes: Gott begegnet in diesen Zehn Geboten, im Geschehen des Gebens, ja, in den Geboten selbst, in jedem einzelnen. Wer sie also empfängt, empfängt etwas vom Erhabenen und wird selbst zu einer, ei-nem Erhabenen. Die Erhabenheit Gottes macht auch den Menschen erhaben!
Jene Begegnung findet nicht in einem abgegrenzten Tempelbezirk oder in einer Lebensnische statt. In den Gebo-ten öffnet sich Gottes Leben in unseren Lebensalltag hinein. Sie drücken die besondere Würde des Alltags aus. Dort ist das Leben Anrede, Zwiesprache. „Seit ein Gespräch wir sind...", dichtete Friedrich Hölderlin. Der Mensch bedarf des Menschen. Aber auch Gott bedarf des Menschen. Wer sollte sonst antworten?! Wem sollte, was ja Gottes Name, also Wesen ist, das ICH-BIN-DA gelten?!
Für mich gebührt Immanuel Kant ein Platz im Himmel, wenngleich eher in der Abteilung für religiös Unmusikali-sche. Er begründet meine Würde und Vernunft als Mensch aus der unabweisbaren Verpflichtung, so zu handeln, dass mein Handeln stets einen für alle Menschen gültigen Handlungsmaßstab abgibt. Der ‹Kategorische Impera-tiv›, der in jedem Fall zu beachten ist! Eines jedoch fehlt mir, das für mich Entscheidende: die personale Anrede, die Ansprache von einem Ich her, das mich wirklich zu einem Du macht. In den Zehn Geboten dagegen bin ich angesprochen und dadurch in Anspruch genommen: durch ein Ich, das sich dem Mose einst mit Namen ICH-BIN-DA vorgestellt hat, was zugleich heißt: ICH-BIN-DA-FÜR-DICH.
Mit den Geboten ist es wie mit der Schönheit: Ein schönes Gemälde übt einen zwanglosen Zwang auf mich aus. Es zieht meinen Blick unwiderstehlich an, ohne mir Gewalt anzutun; Gewalt übte ich gegen mich selbst aus, wen-dete ich mich von dem schönen Gemälde ab; erst in der (erneuten) Hinwendung zu ihm, werde ich wieder zufrie-den, gelöst, befreit. Je intensiver ich mich von den Geboten in Anspruch nehmen lasse, desto freier werde ich!
In diesem Sinn hat es ja schon längst seine Geltung entfaltet, jenes ICH-BIN-DA. In den Geboten begegnet Gott nicht als Zwingherr, sondern als Befreier. Der Gebotsgabe voran geht die Erinnerung der gemeinsamen Geschichte des Leidens und der Befreiung. Außerhalb der Bibel sind solche Gebotsreihen einzig Ausdruck gebieterischer Gesetz-gebung, ohne vorherige Volksbefragung, „von oben herab": ganz und gar Gesetz, Gesetztes statt Gebotenes.
Auch am Sinai spricht ein Gebietender; das bleibt unverkennbar. Aber er hat seine ganze Kraft erst einmal im Kampf für das Leben seines Volkes eingesetzt. Dieser in seiner Macht mitgehende, solidarische Gott, der erst mit seinem Volk in der Knechtschaft in Ägypten ausgehalten, der es dann aber aus dem Sklavenhaus befreit hat, weist ihm nun, nach der Befreiung, den Weg in die Freiheit.
So kommen die Gebote gleichsam „von oben". Als von Gott gegeben drücken sie ein Verpflichtetsein und eine Verbindlichkeit aus, die unserem Dasein ganz und gar voraus liegen und worin sie uns unbedingt angehen. Zugleich kommen sie „ganz von unten", aus den Tiefen des Lebens Gottes mit seinen Menschen!
Führt die Befreiung die Freiheit nicht immer schon mit sich? Im Privaten wie im Politischen erlebe ich es anders: Wer sich befreit hat, ist noch nicht wirklich frei. Nach der Befreiung will die Freiheit erst noch gestaltet werden, sonst ist die Tür schon wieder ins Schloss gefallen, während drinnen noch das Befreiungsfest gefeiert wird und jemand aus Übermut den Schlüssel aus dem Fenster geworfen hat: „Den brauchen wir nun nicht mehr!" Aber jede Erfahrung lehrt, jetzt brauchte man ihn erst recht. Ja, jede Freiheit braucht Richtung und Formung!
Genau das macht die Zehn Gebote heute so aktuell: Nachdem wir im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts viel Konventions- und Moralmüll abgeworfen haben, nachdem die Zehn Gebote (hoffentlich) nicht mehr dazu miss-braucht werden, „verborgene Wahrheiten aufzuspüren oder ... verheimlichte Unwahrheiten ans Licht zu bringen" (Gerhard Ebeling: Die Zehn Gebote, in Predigten ausgelegt, Tübingen 1973, S. 16), nachdem die Folgen dessen, was für „Fortschritt" gehalten wurde, nahezu unbeherrschbar geworden sind, stehen wir umso dringender vor der Frage: Wie wollen wir leben? Was sollen wir zulassen? Was sollen wir unterlassen? Was sollen wir neu beginnen? Darauf geben die Zehn Gebote keine Antwort in jedem Detail, aber von ihrer Absicht und Anlage her doch im Grundsätzlichen.
Doch dazu wollen sie erst einmal wieder begriffen werden als das, was sie sind. Der Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit führt, gibt seinem Volk zehn Worte - im Jüdischen heißen die Gebote ja ‹Das Zehn-Wort› (griech. ‹Dekalog›) -, damit seine Freiheit geschützt und seine Würde bewahrt bleiben - und sich bewähren können. Sie begrenzen die menschlichen Möglichkeiten nicht, sondern erschließen und öffnen sie auf ein Leben hin, das mit Anderen wirklich geteilt wird, statt zu deren Lasten zu gehen. Genau betrachtet sind die Gebote ein Win-Win-Spiel, ein Spiel, das keine Verlierer, sondern nur Gewinner kennt.
Denn wer verlöre schon etwas, wenn die Würde der Alten gerade zum Lebensende hin im praktischen Dank der Jüngeren für ihre Lebensleistung gewahrt bliebe; wenn die Gewalt ein Ende hätte; wenn die Treue das Verschie-dene zusammenhielte und das Geschiedene wieder zusammenbrächte; wenn geschützt bliebe und vermehrt wür-de, was Menschen zum Leben brauchen: ihr guter Name und ihr Auskommen?!
Und wie unendlich groß wäre der Gewinn, wenn Menschen sich nicht länger mit ihren Letztgeltungsansprüchen malträtierten; wenn sie ihren guten Namen aus dem Namen des wahren Gottes immer wieder erneuern liessen, statt ihre Waren zu vergötzen und damit sich selbst zur Ware zu degradieren; wenn sie als Folge ihres Verzichts auf Gottesbilder sich auch aus der Fesselung in eindimensionale Menschen- und Weltbilder lösten; wenn sie in Ruhe und Feier wenigstens einmal die Woche dem Zwang ihrer eigenen Unermüdlichkeit und dem ihrer Maschi-nen entkämen?! Dadurch würde doch unser Lebensverständnis und Weltverhältnis offen und weit statt eng und beschränkt. Gott ist immer anders - und Welt und Mensch sind es auch.
Wie gut hätten wir es doch, ließen wir uns berühren, beschenken, begaben mit dem Guten, aus dem die Gebote kommen, das sie sind und auf das sie zielen - und wodurch sie uns am Guten teilhaben lassen!
Das alles könnte man sich an den zehn Fingern abzählen. Sind es deshalb zehn Gebote?
Warum aber dann dieses häufige Nicht? Weil das Nicht abzählbar, während das Erlaubte, Erwünschte, längst schon Ermöglichte ganz un-abzählbar ist, ans Unendliche heranreicht. Hören wir doch einmal genau hin: Für den Fall, dass die Gebote missachtet werden, werden die negativen, dem Leben schädlichen Folgen von Gott auf die 3. und 4. Generation heilsam begrenzt - was dem Leben, wenn nach den Geboten gehandelt wird, dient, soll tau-sendfache Wirkung entfalten! In diesem Guten will sich Gott wirklich als leidenschaftlicher Gott erweisen, in der Leidenschaft dessen, der alles liebt, was ist (Weisheit Salomo 11,24). Solche Leidenschaft, das ist andererseits klar, kann in Rage bringen. Wie Gott mit Namen ICH-BIN-DA-FÜR-EUCH sich durch das Leiden des Volkes hat in Rage bringen lassen, läßt SIE (ich denke an das Engagement einer Mutter für ihre Kinder) sich auch in Rage bringen, wenn dem Leben zuwider gehandelt wird.
Wie ganz und gar ist dann das ‹Zehn-Wort›: Erlaubnis, Eröffnung, Erschließung! Hoffnung Gottes auch auf ein Leben in Achtsamkeit und gegenseitiger Anerkennung! Nimmst du es an als dir persönlich bestimmtes, vom Ich des ICH-BIN-DA an das Du, das du bist, gegebenes Lebensangebot, wird dein Leben zum Tanzen gebracht. Du verliebst dich ins Gelingen. Darauf setzt nämlich das ‹Zehn-Wort›: aufs Gelingen. Jede einzelne dieser Lebenswei-sungen setzt deine Würde voraus, fähig zu sein, Leben zu gestalten und zu verantworten. Du zählst in dem, was du tust und was du unterlässt, auch in dem, was du verspielst und worin du schuldig wirst.
Gewiss, es kann Welt- und Lebenslagen geben, in denen ein Gebot gegen das andere steht. Sie sind ja nur der erste „Drive", der auf eine Navigationsrichtung ausrichtet, aber nicht das GPS-gesteuerte Navigationssystem, das dir jede Biegung penibel in aufforderndem Ton angibt. Gewiss kann es Welt- und Lebenslagen geben, wie sie zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer widerfuhren, der zum Tyrannenmord keine Alternative sah. Verharmlosen wir die äu-ßere Bedrückung und die innere Bedrängnis nicht! Aber fragen wir uns zugleich: Wäre das noch ein Leben, eine humane Existenz, das keine Gewissensnöte kennte, das nicht immer wieder flehte: Schaffe mir, o Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist... (Psalm 51,12 - nach ‹Zürcher Bibel›)?! Auch dass ein Mensch den Geboten zuwiderhandeln und schuldig werden kann, ist ein Zeichen seiner Größe. Maschinen sind unfähig zur Schuld, deshalb auch zur Verantwortung, deshalb auch zur Freiheit. Maschinen haben keine Größe.
Vor diesem Horizont allerdings wird jedes einzelne Gebot zum Gebet, Gott möge den Segen zum Tun des Rechten auch wirksam werden lassen, der im Guten der Gebote enthalten ist.
Der Protestantismus wird gescholten, er sei eine Religion der Gewissensskrupel. Aber ich bin und bleibe stolz auf diesen Protestantismus, der nun einmal beides ineins und in gegenseitiger Durchdringung ist: freiheits-orientiert und gewissens-gebunden! Ich bin davon überzeugt und behaupte deshalb ganz steil: Nur mit dieser protestanti-schen Haltung und Handlungsweise hat unsere hochkomplexe Welt eine Zukunft! Nur in äußerster Gewissenhaf-tigkeit ist ein sorgsamer und schonender und zugleich vertrauens- und hoffnungsvoller, eben ein: gewissenhafter Umgang mit dem Leben möglich!
Gleichzeitig will ich gerne und ganz neu wahrnehmen, dass es im Judentum ein eigenes ‹Fest der Freude an der Tora› gibt. Diese Freude führen Menschen jüdischen Glaubens auf, indem sie mit der Tora-Rolle und damit mit dem ‹Zehn-Wort›, ja, mit allen 613 Geboten, die den 613 Worten des ‹Dekalogs› entsprechen, im Arm tanzen! „Das Fest dieses Tages ist der achte oder mancherorts auch der neunte und letzte Tag des Laubhüttenfestes und der Name dieses Festtages heißt ‹Simchat Tora› ... - der in Freude ausgelassenste Tag im Kranze der Gottes-dienstfeste. ... Israel hat zur Tora Gottes ein intimes Liebesverhältnis, wie zwischen Braut und Bräutigam. Sie put-zen sie heraus, singen ihr Lieder, tanzen mit ihr, turteln mit ihr. Vor allem schwatzen sie, reden mit ihr besorgt hin und her, fragen sie liebevoll, auch besorgt, was sie will, lauschen auf ihre Worte, widersprechen ihr, aber vor allem: Stolz sind sie auf sie, die Tora, ihre Königin." (Friedrich-Wilhelm Marquardt: Evangelische Freude an der Tora, Tübingen 1997, S. 10f) Könnten wir, im Gedenken an den Juden Jesus von Nazareth, nicht auch ein solches Fest feiern, das dann ein Fest, ein Tanz mit der ganzen Bibel wäre?!
Wenn bei uns die Bibel auf dem Altar liegt oder, wie es mancherorts üblich ist, zu Anfang des Gottesdienstes in die Kirche bei Orgelklängen und Gesang hineingetragen wird, dann hören doch auch wir schon die Festmusik. Und dann weitet sich der Blick ins Leben Gottes hinein, das immer neues Leben will. In den Zehn Geboten sehe ich diesen göttlichen Willen zum Leben und damit die Zukunft des Lebens schon vorweggenommen. Sie sind mehr als ein vernünftiger ‹Werte- und Normen-Codex› und - in allem Respekt vor Thomas Mann, der das in seiner Novelle „Das Gesetz" so ähnlich gesagt hat - mehr als das „Ewig-Kurzgefaßte, Bündig-Bindende, Gottes gedrängtes Sit-tengesetz, die Quintessenz des Menschenanstands". Das sind die Zehn Gebote alles auch. Aber sie lassen auf einen viel weiteren Horizont blicken. Wie der Kern in der Schale enthalten sie in sich die Zukunft des Lebens. Mehr noch: Wie der Keim aus der Erde bricht in ihnen die Zukunft des Lebens auf.
Sie bergen in sich, was Ernst Bloch, der vor 30 Jahren gestorbene große Denker des Noch-Nicht, der Latenz und Potenz in allem, der immer noch auszuschöpfenden Möglichkeiten, „...die Entdeckung des Noch-Nicht Bewussten" nennt: „Mühe, Dunkel, krachendes Eis, Meeresstille und glückliche Fahrt liegen um diese Stelle. An ihr hebt sich, bei gelingendem Durchbruch, das Land, wo noch niemand war, ja das selber noch niemals war. Das den Men-schen braucht, Wanderer, Kompaß, Tiefe im Land zugleich..., Heimat, die sich erst bildet." (nach: DIE ZEIT v. 2.8.2007, S. 45)
In Blochs expressiven Sprachbildern spiegelt sich etwas wieder von der ganzen Szenerie am Sinai, auf dem Berg. Das verheißene Land liegt noch in der Ferne, aber Gottes Lebensangebot weist schon ins Land der Freiheit. Mose selbst wird dieses Land sehen, aber nicht mehr betreten, doch er hält das Angeld, die Vorwegnahme dieser Frei-heit schon in seinen Händen.
Die Zehn Gebote als Real-Utopie - als eine Real-Utopie, in der sich das ‹Prinzip Hoffnung› (Ernst Bloch) und das ‹Prinzip Verantwortung› (Hans Jonas) miteinander verschwistern! Bildet sich „Heimat" doch nur, wo sie als Zwil-lingspaar auftreten. Dann aber hallte über den ganzen Erdkreis, wie auf dem Sinai, ein großes Erzittern und Erbeben, dann geriete die Welt aus den -  besser: in die  -  Fugen, weil sie mit Macht endlich in die richtige Spur einrastete, in die richtige Drift käme und Fahrt aufnähme zum Recht, zum Frieden, zum Leben selbst hin. Erkennen wir den messianischen Zug des Dekalogs?!
„Vertraut den neuen Wegen..." (EG 395) - das ist das Lied, das zu den Zehn Geboten passt!
Je öfter wir dieses Lied am Sonntag singen, desto seltener werden wir aus dem Tritt kommen und in den alten Trott zurückfallen - in den Trott, in dem wir zu Knechten unserer selbst werden. Damit bin ich bei dem Gebot, das zwischen der 1. Tafel mit den auf Gott und der 2. Tafel mit den auf den Mitmenschen bezogenen Geboten eine Scharnierfunktion hat und das mir heute besonders wichtig ist: das Sabbat-Gebot.
Das Sabbat-Gebot ist besonders charakteristisch für das, was alle Gebote sind: Begegnung mit dem Lebendigen und Befreienden, nicht Anordnung „von oben", sondern Weisung, Wahrnehmung wahren Lebens aus dem Inners-ten des Lebens selbst. Gedenke des Sabbats... - so beginnt dieses Gebot. Es ist weder Abwehr dessen, was nicht sein soll, noch schwingt es sich auf zur Sollens-Forderung. Seine Quelle ist das Eingedenken, das Erinnern. Erin-nern aber heißt, etwas, das im Herzen Heimat gefunden hat, aus diesem Inneren heraus wirken, ja, ans Licht tre-ten zu lassen, was gleichsam zum eigenen Wesen geworden ist.   
In der Hebräischen Bibel werden zwei Begründungen für den Sabbat gegeben:
Erstens die Ruhe Gottes nach seinem Schöpfungswerk, die das eigentliche Ziel, die ‹Krone› der Schöpfung ist und diese erst vollständig macht, indem sie Gottes Und siehe, es war (sehr) gut zur Schöpfungsfeier weitet und rundet.
Zweitens - in den Geboten, wie sie in 5. Mose 5,6-21, besonders Vers 12, überliefert sind - die Befreiung aus dem Sklaven-, d. h. auch Arbeitshaus Ägypten.
Beide Begründungen laufen im Kern auf ein und dasselbe hinaus: Die Arbeitsruhe dient keinem höheren Zweck, sie ist dieser Zweck. Eine heilsame Unterbrechung, die aller Verzweckung menschlicher Tätigkeit Widerstand leis-tet und die Arbeit vom Sklavendienst zum Wirken freier Menschen macht. Wer sich in irgendwie abhängigen Ar-beitsverhältnissen befindet, soll wenigstens an diesem einen Tag in der Woche frei sein - und nicht nur frei haben. Das gilt ausdrücklich auch für die Fremden - also soll jede Entfremdung aufgehoben sein. Am Sabbat jedenfalls sind alle gleich. Warum sind sie es dann nicht auch an anderen Tagen?
Sogar den Tieren soll der Sabbat und in anderen Bestimmungen, wie dem Sabbat- und dem Jobel-Jahr (z. B. 3. Mose 25), der gesamten bearbeiteten Natur gegönnt sein!
In diesen Regelungen sind Ackerbrache, Schuldenerlass und Sklavenfreilassung miteinander verbunden. Der Sinn kann dann nur sein: Holt nicht das Letzte heraus, weder aus den Resssourcen der Erde noch aus den Menschen noch aus dem Kapital! (nach Jürgen Ebach: Die zehn Gebote. Bibelarbeit über 2. Mose 20,1-17, in: Weil das, was ist, nicht alles ist. Theologische Reden 4, Frankfurt/M. 1998, S. 52-71)
Wie der Ruhetag die Schöpfung macht die Arbeitsruhe, wenn sie als Lebensfest und Gottesdienst begangen wird, die Arbeit vollständig. Und die große Freilassung, die in der Aufhebung aller Abhängigkeiten, konkret im Zur-Ruhe-Kommen der Menschen und in dem In-Ruhe-Lassen der Natur besteht, die also ‹Sein› statt ‹Haben› ist, offenbart den eigentlichen Sinn der ganzen Schöpfung! Der Sabbat weist voraus auf ihre Vollendung. In der Sabbat-Feier, die gleichsam ein ‹messianisches Sakrament der Zeit› ist, berührt der Himmel immer wieder die Erde. So ist der Sabbat, in der jüdischen Tradition die ‹Königin›, das große Schon-Jetzt im Noch-Nicht, ein „messianisches Inter-mezzo" (Jürgen Moltmann) im Aller- und Einerlei des Alltags. Er ist es umso mehr, als für uns Christen der Sabbat in den Sonntag aufgenommen worden ist, den Sonntag, an dem wir das Fest der Auferstehung, des neuen Lebens feiern, das große Christusfest.
Im Horizont dieser ganz großen Freilassung, kraft der Freiheit, zu der Jesus Christus uns befreit hat (Galater 5,1), formuliere ich die Zehn Gebote einmal neu, als kleine Hinweise auf ein „sabbatliches" Leben:
  1. Du bist frei, indem du nichts anderem als Gott letzte Geltung zuerkennst, dich von deinen eigenen Allmachts-ansprüchen zu verabschieden.
  2. Du bist frei, Gott und sein Ebenbild, den Menschen als Frau und Mann (1. Mose 1,26), in ihrer bilder-sprengenden Unverwechselbarkeit und Unverfügbarkeit zu lieben.
  3. Du bist frei, in selbstständiger Verantwortung vor Gott zu handeln, ohne Gottes Namen zur Rechtfertigung für dein Tun zu missbrauchen.
  4. Du bist frei, dir mit Familie, Freunden und Fremden die Freude, das Fest und die Feier des Lebens zu gönnen und dich im Gotteslob von den heilsamen Kräften des Heiligen berühren zu lassen.
   5. Du bist frei, die Ehre und die Eigentümlichkeit deiner älter werdenden Eltern wie deiner heranwachsenden Kinder zu achten und für die Unversorgten zu sorgen.
   6. Du bist frei, in Frieden mit anderen zu leben und vor allem die Wehrlosen vor Gewalt zu schützen.
   7. Du bist frei, dein Leben mit einem anderen Menschen vorbehaltlos, ungeteilt und verbindlich zu teilen.
   8. Du bist frei, die Lebensgrundlagen für die Menschen, die mit dir sind und die nach dir kommen, nachhaltig zu sichern.   
   9. Du bist frei, stets mit der Wahrheit bei der Liebe und mit der Liebe bei der Wahrheit zu bleiben.
10. Du bist frei, so zu leben, dass dein Lebensstil nicht zu Lasten anderer geht.
Die Erlaubnis, den Sabbat zu feiern, beantwortet auch eine Frage, die oft gestellt wird: Warum gehören die Gebo-te, die auf Gott, und die Gebote, die auf den Menschen gerichtet sind, zusammen? Es scheint doch viel einfacher zu sein, beschränkte man sich auf die „Nächstenliebe" und ließe die „Gottesliebe" außen vor! Würde dann aber wirklich alles einfacher?
Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass ein Mensch nur kraft seines Bezugs zum Anderen existiert. Ich bin der Andere - und umgekehrt; der Andere ist mein Jenseiti-ges, meine „Transzendenz". Diese Beziehung ist „a-symmetrisch"; der Andere „lädt mich vor", ich bin seine „Gei-sel", ihm „ausgesetzt" und vor ihm wie „entblößt". Lévinas betont im Rückgriff auf die Bibel immer wieder, dass der Andere mir gebietet: Du sollst nicht töten! Einen Menschen töten kann nur, wer von ihm wegschaut. Der verleugnet und entzieht sich damit aber seinen eigenen Lebensgrund. Das „Antlitz des Anderen" ist bedingungslos die eigene Lebensgrundlage. Kraft dieser Unbedingtheit fällt im „Antlitz des Anderen" gleichsam Gott in mein Leben ein. Das ‹Doppelgebot der Liebe›, der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten, sind ganz und gar ineinander verwoben, ohne dass Gottes Wirklichkeit in der Nächstenliebe aufginge. Gerade in ihrer Verbindung tritt die grundlegende Verbindlichkeit, die dem menschlichen Dasein voraus liegt, ans Licht!
In diesem Sinn kann Lévinas sagen: „‹Liebe deinen Nächsten; dies alles bist du selbst; dieses Werk bist du selbst; diese Liebe bist du selbst.› ... Die Bibel, das ist die Priorität des Anderen im Verhältnis zu mir. Und in den Anderen sehe ich immer die Witwe und die Waise. Immer gehen die Anderen vor." Und er fügt hinzu: „Einzig ein verletzli-ches Ich kann seinen Nächsten lieben." (Emmanuel Lévinas: Wenn Gott ins Denken einfällt, Freiburg/München 2004, S. 116)  
Genau solch ein Zusammenhang wird im Sabbat-Gebot, in dem der Gottesbezug und das Weltverhältnis unmittel-bar und ausdrücklich gekoppelt sind, beispielhaft für alle Zehn Gebote erkennbar. Gott läßt sich in seinen Ge-schöpfen ehren und achten. Dabei geht es um das, was einer Person zuinnerst ist: um die Wahrheit des eigenen Lebens. Denn ich bin unbedingt vom Anderen ergriffen, in Anspruch genommen - und erst durch das mich anspre-chende, herausfordernde Du bin ich Ich. Ich kann dann nur antworten: „Hier bin ich!"
„Gedenke...": „Erinnere...". Dann, ja, dann gilt umso mehr: Jedes einzelne Gebot wird zum Gebet. In solchem Ge-bet verstünden wir wohl auch besser, was Martin Luther meint, wenn er die beiden Seiten des Lebensvollzugs, das Handeln und das Empfangen, zugleich auseinander hält und aufeinander bezieht: die Notwendigkeit, die Zehn Gebote zu beachten, und die Notwendigkeit, ganz aus unverdienter Gnade zu leben. Von der in Jesus Christus geschenkten Gnade her erscheinen die Gebote aber noch einmal in einem neuen Licht. Luther schreibt im ‹Großen Katechismus›:
„Haben wir Christus, dann werden wir leicht Gesetze schaffen und alles richtig beurteilen. Ja, wir werden neue Dekaloge machen, wie das Paulus tat durch alle Briefe hindurch, auch Petrus und in erster Linie Christus im Evan-gelium. Und diese Dekaloge sind klarer als der des Mose, wie das Antlitz Christi klarer ist als das Antlitz des Mo-se." (nach Gerhard Ebeling: a. a. O., S. 30)
Heute, liebe Gemeinde, ging es um das Handeln. Darum bereite ich den Schluß dieser Predigt vor mit einer weite-ren jüdischen Geschichte, die sich in Martin Bubers ‹Die Erzählungen der Chassidim› findet (nach Jürgen Ebach, a. a. O., S. 71):
"Denn", so sagte Rabbi Mosche Löb von Sasow, „wenn einer zu dir kommt und von dir Hilfe fordert, dann ist es nicht an dir, ihm mit frommem Munde zu empfehlen: ‚Habe Vertrauen und wirf deine Not auf Gott', sondern dann sollst du handeln, als wäre da kein Gott, sondern auf der ganzen Welt nur einer, der diesem Menschen helfen kann, du allein."
So also und heute: die Zehn Gebote. In ihnen leuchtet dir das ‹Antlitz des Anderen›. In ihnen lässt Gott dich an SEINEM Leben teilnehmen und an der Geschichte des Lebens mitschreiben. Als umfassendes Lebensangebot, als Weg der Freiheit aus Glaube, Hoffnung und Liebe rufen sie dich ins Heute Gottes hinein. Dieses Heute läßt dich nach jedem Tageswerk einem neuen Morgen erwartungsvoll entgegenblicken. Amen.



Hans-Joachim Schliep
Pastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg
Sticksfeld 6, 30539 Hannover
Tel.+Fax: 0511 - 52 75 99

E-Mail: Hans-Joachim.Schliep@evlka.de

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