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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 22.06.2014

Gott lieben mit ganzem Herzen
Predigt zu Deuteronomium 6:6-9, verfasst von Sven Keppler

 

Du sollst Deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deinem Gemüte.

Wir kennen diese Worte aus dem Mund Jesu, liebe Gemeinde. Er war gefragt worden, was das höchste Gebot sei. Und er antwortete mit dem Spitzensatz des alten Bundes:

Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, Deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deinem Gemüte.

Und dann lesen wir bei Mose, wie uns diese Aufforderung ständig vor Augen stehen kann. Wir sollen sie weitergeben, sollen immer und überall an sie denken. Sie gleichsam uns selbst und unseren Dingen einschreiben: [lesen: Dtn 6,6-9]

Wie kann diese Liebe zu Gott aussehen? So, wie wir einen Menschen lieben? Unsere Eltern, unsere Geschwister und Kinder? Oder wie einen Liebhaber?

Ich möchte Ihnen heute eine Frau vorstellen, die Gott tatsächlich wie einen Geliebten geliebt hat. Leidenschaftlich. Mit allen Erfüllungen und allen Abgründen, die zu solch einer flammenden Liebe gehören. Sie heißt Mechthild und lebte in Magdeburg. Hören Sie selbst, wie sie Gott anredete:

Du bist meine Augenweide,
der Verlust meiner selbst,
der Sturm meines Herzens,
das Zusammenbrechen und das Entschwinden meiner Kraft,
meine höchste Sicherheit. [I,20]

Der Geliebte war schon wieder fort. Mechthild hatte ihn nur für wenige Minuten sehen können. Bei jedem ihrer Treffen war das so gewesen: Sie hatte auf ihn gewartet, hatte sich auf sein Kommen vorbereitet. Oft tat sie es vergeblich. Er liebte es, sie zu überraschen. Wenn er dann kam, überwältigte er sie. In ihrem Herzen brach ein Sturm aus. Dieser Sturm durchtoste ihren Körper, bis ihr die Kräfte schwanden. Sie war außer sich und fühlte sich doch geborgen. Er gab ihr alle Sicherheit. Sie konnte sich voller Vertrauen dem Taumel überlassen.

Wenn er fort war, kam sie nur langsam in den Alltag zurück. Fast unwirklich waren seine Kurzbesuche. Und zugleich die intensivsten Momente ihres Lebens. Wenn er wieder auf sich warten ließ, versuchte sie die Erinnerung an ihn zu beschwören. Sie schrieb dann Gedichte wie dieses:

O Herr, liebe mich leidenschaftlich und liebe mich oft und lange!
Denn je häufiger du mich liebst, desto reiner werde ich;
je leidenschaftlicher du mich liebst, desto schöner werde ich;
je länger du mich liebst, desto mehr werde ich geheiligt hier auf Erden. [I, 23]

Es sind die überraschenden Gegensätze, die mich an den Gedichten Mechthilds faszinieren. Sie verliert sich selbst und fühlt sich in höchster Sicherheit. Sie kennt nur die kurzen Ekstasen der Liebe und sehnt sich nach Ewigkeit. Von der leidenschaftlichen Liebe glaubt sie nicht nur, schöner zu werden, sondern auch reiner. Sogar heiliger fühlt sie sich durch die Liebe ihres Geliebten. Das liegt allein an der Person ihres Liebhabers: Er ist Jesus Christus.

Diese Mechthild ist jedoch keine Figur aus einem Jesus-Roman. Sie ist keine Maria Magdalena, der ein Verhältnis mit Jesus angedichtet wurde. Sie ist eine Person der Geschichte, eine Mystikerin, die im 13. Jahrhundert in Magdeburg lebte. Schon als Zwölfjähriger war ihr Jesus zum ersten Mal begegnet, während sie betete. Sie blieb ihm ihr Leben lang treu. Als sie ihre Liebesgedichte schrieb, lebte die junge Adelige in einer Wohngemeinschaft mit anderen Frauen, den so genannten Beginen. Im Zentrum ihres Lebens stand das Gebet und ihre Sehnsucht, dem Geliebten so oft wie möglich zu begegnen. Die im Laufe ihres Lebens entstandenen Texte sind gesammelt in einem Buch mit dem Titel „Das fließende Licht der Gottheit".

Wenn Mechthild von ihren Begegnungen mit Gott erzählt, kann sie das nur in poetischen Bildern tun. Es gibt in unserer Sprache keine unmittelbaren Worte für das, was sie erlebte. Das ist bei ihr nicht anders als bei den Propheten der Bibel. Auch Jesus hat vom nahen Gottesreich ja nicht anders als in Gleichnissen gesprochen. Einmal beschreibt sie ihre Begegnung mit Gott wie eine Reise ihrer Seele:

Wenn die arme Seele an Gottes Hof kommt, o, wie herzlich wird sie empfangen. Da schweigt sie und begehrt über alle Maßen sein Lob. Da zeigt er ihr mit großem Verlangen sein göttliches Herz. Das gleicht rotem Gold, das in einem gewaltigen Kohlenfeuer glüht. Dann legt er sie an sein glühendes Herz. Wenn sich der erhabene Fürst und das arme Mädchen in dieser Weise umarmen und vereint sind, dann wird sie zunichte und weiß nicht mehr von sich. Wenn sie dann erschöpft ist, ist er liebeskrank nach ihr, wie er es immer war. Da sagt sie: „Herr, du bist mein Geliebter, mein Begehren, mein fließender Brunnen, meine Sonne, und ich bin dein Spiegel". [I, 4]

Kein Wunder, dass Mechthild mit solchen Schilderungen Anstoß erweckt hat. Sie selbst berichtet von Drohungen, ihr Buch zu verbrennen. Zwar war auch schon vor ihr manchmal die Liebe zu Gott mit erotischen Bildern beschrieben worden. Das Hohelied im Alten Testament ist berühmt dafür. Auch große Theologen wie Origenes oder Dionysius vom Areopag hatten gesagt, dass in der Beziehung zu Gott nicht nur die milde, sondern auch die erotische Liebe Platz habe. Aber das war immer die Ausnahme geblieben. Mechthild jedoch ging sogar noch einen Schritt weiter: Nicht nur sie brannte vor Liebe, sondern auch ihr Gott war voller Begehren nach ihr:

Gott spricht zur Seele: Du bist eine Lust für meine Gottheit, ein Bach für meine Glut. [I, 19]

So hoch die Liebe Mechthild empor reißt, so tief ist ihre Einsamkeit. Zwischen den Augenblicken, in denen sie die Vereinigung mit Gott erlebt, kann sie sich grausam verlassen fühlen:

Wenn ich vom Fleisch falle
und meine Adern sich zusammenkrampfen
und mein Herz sich nach deiner Liebe verzehrt
und meine Seele ihre Stimme erhebt
mit dem Gebrüll eines hungrigen Löwen -
wo du dann bist,
Viellieber, das sage mir. [II, 25]

In solchen Zeiten fühlt sie sich zurückgewiesen von Gott. Er ist ihr ein Rätsel: Was für ein Geliebter ist das, der so leidenschaftlich ist und sich doch immer wieder entzieht? Immer wieder grübelt sie in ihrer Einsamkeit darüber nach. Am liebsten möchte sie ihn durch einen Zauber an sich binden. Aber das darf sie nicht, selbst wenn sie es könnte. Weil ihr Geliebter Gott ist, kann sie keine Macht über ihn ausüben. Und weil Gott ohne Fehler ist, sucht sie den Grund seines Fortbleibens bei sich selbst. Sie fühlt sich schuldig und nennt sich den

unwürdigsten Menschen, den du jemals geschaffen hast. [III, 12]

Als junge Frau sehnt sie ihren Tod herbei, weil sie hofft, dann endlich mit Gott vereint zu sein. Ohne ihren Leib, der sie in dieser Welt hält und sie von Gott trennt. Sie ist eigentlich nicht feindlich eingestellt gegen ihren Leib. Von frommen Kasteiungen hält sie nichts [II, 1]. Aber so lange sie auf der Erde in ihrem Körper lebt, wird sie immer wieder von ihrem Gott getrennt sein. Deshalb gibt es Momente, in denen sie ihren Leib verwünscht. Und doch, so tröstet sie sich, ist genau das die leidenschaftliche Liebe, nach der sie sich sehnt:

Ich freue mich, dass ich den lieben darf, der mich liebt, und begehre danach, ihn tödlich zu lieben, maßlos und unaufhörlich. Das ist die Torheit der Toren: Sie leben ohne Leid im Herzen. [I, 28]

Je älter sie wurde, desto mehr beruhigte sich Mechthilds Leidenschaft. In den später entstandenen Teilen ihres Buches sucht man die erotischen Bilder vergeblich. Immer noch spricht sie von der Liebe zu Gott, aber sie ist milde geworden und unaufgeregt:

Wohl mir! Ich danke dir, Heiliger Geist. Deine süßen Quellflüsse voller Liebe vertreiben all mein Herzeleid, denn sie gehen sanft hervor aus der Heiligen Dreifaltigkeit. [VII, 14]

Die Geschichte Mechthilds liest sich wie eine Liebesgeschichte zwei Menschen. Voller Erfüllung und Entbehrung, tiefem Glück und abgründigem Zweifel, Sehnsucht und Nähe. Mit Wachstum und Reifung. Wer erlebt so etwas schon mit Gott! Warum eigentlich? Weil wir ihn nicht sehen können? Weil er so geistig ist? Weil er uns fern bleibt?

Oder weil wir uns vorsichtshalber nur mit angezogener Handbremse auf den Glauben einlassen? So, wie wir auch unter uns Menschen vielleicht vor den allzu großen Gefühlen zurückschrecken. Um uns vor den Gefahren der Unbedingtheit und der Leidenschaft zu schützen?

Unser Predigttext jedenfalls ermutigt uns: Wagt es, Euch mit Haut und Haar auf Gott einzulassen! Es wird Euch verändern! Amen.

 



Pfarrer Dr. Sven Keppler
33775 Versmold
E-Mail: Sven.Keppler@kk-ekvw.de

Bemerkung:
Zitate aus: Mechthild von Magdeburg, Das fließende Licht der Gottheit, hg. v. Gisela Vollmann-Profe, Bibliothek des Mittelalters, Band 19, Frankfurt/M. 2003


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