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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 22.06.2014

Predigt zu Deuteronomium 6:4-9, verfasst von Erika Reischle-Schedler

 

(Vorbemerkung: Die Predigt setzt die Lesung des Evangeliums Luk. 10,16-31 voraus)

 

Liebe Gemeinde! Einer der zahllosen Juden im Lauf der Jahrhunderte auf
der Flucht vor einem Pogrom. Seine Frau und sein einer Sohn sterben auf der langen Reise. Nun wird auch der 2. Sohn krank und stirbt. Der leidgeprüfte Vater bleibt als einziger seiner Familie zurück. Und wie er da, nachdem er an einsamer Stätte seinen Jüngsten begraben hat, sich im Gebet an seinen Gott wendet, da vernehmen wir von ihm staunenswerte Worte:

"Du hast mir Heimat und Frau und Kinder genommen, Gott, aber Du wirst mich deshalb noch lange nicht daran hindern können, Dich zu lieben". Wissen wir in unserer hektischen, vom Gesetz der Rentabilität beherrschten Zeit noch, was das heißt: Lieben? Und noch dazu: Lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft?

Das läßt sich nicht abtun mit ein paar guten alten christlichen Gewohnheiten: Unser ganzer Mensch mit all seinen Kräften und Gaben, unsere ganze Existenz sind gefragt! So, mit der ganzen Glut, deren ein Herz fähig ist, mit der ganzen Hingebung, deren eine Seele fähig ist, so kann man nur einmal lieben. Ich kann mich nicht auf tausenderlei Weise verschenken. Ich habe nur ein ganzes Herz und nur eine ganze Seele. Ich habe die kostbaren Kräfte meines Lebens nur einmal.

Und einzig muß sein, wem ich sie hingebe. Unvergleichlich muß sein, wem ich sie opfere! Wert muß sein, wem ich die Treue halte. Jahwe, der Gott Israels, er ist in dieser Weise einzig, er allein ist der Gott, dem es zusteht, daß ich ihn in dieser hingebungsvollen Weise liebe, daß ich auch dann nicht von ihm lasse, wenn die Not über mich hereinbricht und alle Vernunft mir einflüstert: Trenne Dich von ihm! Wohl darf eine solche glutvolle Liebe zwischen Mensch und Gott verglichen werden mit der Liebe zwischen Braut und Bräutigam.

Noch gibt es nicht die Unterscheidung zwischen Eros und Agape. Wie das alte israelitische Bekenntnis, das unsere heutige Predigtgrundlage bildet, von Gott in seiner einzigartigkeit und gerade darum Liebenswürdigkeit redet, genauso redet der Dichter des Liedes der Lieder, des Hohenliedes, in seinem unvergleichlichen Brautgesang von der Einzigartigkeit seiner

Braut: "60 Königinnen sind, und 80 Nebenfrauen, und Jungfrauen ohne Zahl. Aber eine ist meine Taube, meine Reine, die einzige ist sie für ihre Mutter, das Liebste für die, die sie geboren hat".

Und natürlich die einzige und das liebste für ihren Bräutigam. Das Glaubens-bekenntnis Israels ist dieser Stelle nachgebildet! Die Mystiker aller Zeiten, die christlichen vornehmlich, haben davon gewußt, was das ist, Gott zu Lieben in dieser Ganzheit, zu lieben mit der Kraft des ERos, Gott das Ziel aller menschlichen Liebeskräfte werden zu lassen, und was das dann ist, deshalb ihm zu Gefallen zu leben, durch nichts und niemand sich davon abbringen zu lassen, ihm die Treue zu halten bis zu dem großartigen Ziel hin, ihn schauen, ja mehr noch, mit ihm vereinigt sein zu dürfen in vollkommener Seligkeit. Glücklicherweise besinnen sich in unserer Zeit auch evangelische Christen mehr und mehr solcher Frömmigkeit, die bei unseren kath. Brüdern und Schwestern über Jahrhunderte hin viel selbstverständlicher war und zahlreiche Früchte getragen hat.

Es ließen sich unzählige Beispiele anführen. Ich möchte mich auf einige Sprüche des schlesischen Boten, des Angelus Silesius, beschränken:

"Ich mag mich auf der Welt in keiner Kunst so üben, als wie ich meinen Gott aufs Innigste soll lieben."

Oder: "Mensch, was Du liebst, in das wirst Du verwandelt werden. Gott wirst Du, liebst Du Gott, und Erde, liebst Du Erden."

Oder: "Laß doch nicht ab von Gott, ob Du sollst elend sein; wer ihn von Herzen liebt, der liebt ihn auch in Pein."

Oder schließlich: "Gar unausmeßlich ist der Höchste, wie wir wissen. Und dennoch kann ihn ganz ein menschlich Herz umschließen!"

Soweit ein Erstes.

Aber nun das 2. gleich hinterher: Wir wissen, wie Jesus Christus das Gebot, Gott mit der ganzen Hingebung, deren ein Mensch fähig ist, zu lieben, auf nie wieder auseinandertrennbare Weise verschmolzen hat mit einem anderen Gebot, das im Alten Testament an ganz anderer Stelle steht: Mit dem Gebot der Menschenliebe:

"Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!"

Eindrucksvoll kommentiert das der 1. Johannesbrief, die Epistel unseres heutigen Sonntages, Kap.4,19-21: "Lasset uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. So jemand spricht: Ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe."

Daß der reiche Mann im Evangelium Gott offensichtlich nicht liebt, ist daran zu erkennen, daß er dem armen nichts zu essen gibt! Und damit verfehlt er sein Leben, unwiederbringlich. Es ist das Thema dieses 1. Sonntages nach Trinitatis ein sehr ernstes: Du kannst Dein Leben verfehlen und es erst merken, wenn es zu spät ist! Es ist dies beides nicht auseinanderzureißen: Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Menschen!

Wenn ich mich stürze in die unabsehbare Vielfalt sozialer Aufgaben, ohne meinen Anker festzumachen in Gott, der Quelle aller Güte, ich werde den Boden unter den Füßen verlieren, werde leer laufen wie ein Rad, das sich unermüdlich dreht und niemanden vorwärts bringt, werde vor allem aber mich aufzehren im Betrieb und die Spannkraft verlieren (Burnout nennt man das) - ich werde aber schließlich auch dem Menschen neben mir nicht gerecht, der ein ganzer Mensch ist wie ich, und nicht nur materieller und sozialer Hilfe bedarf, sondern einer tieferen Dimension, die klar über dieses mit den leiblichen Sinnen wahrnehmbare Leben dieser Zeit hinausgeht.

Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht! Aber natürlich ist das andere genauso zu sagen:

Wer sich versenkt in Gott, wer mit ganzer Kraft ihn zu suchen bestrebt ist und darüber vergißt, wo er gebraucht wird, der liebt in Wahrheit nicht den Gott, den er zu lieben meint, und auch das ist eine schwere Verfehlung des Lebens, und auch die bemerkt man u. U. erst, wenn es zu spät ist! Denn der Gott, der uns gebietet, ihn zu lieben, der ist die Liebe selbst, und darum kann nur der von sich behaupten, ihn wahrhaft zu lieben, der auch erfüllt ist von dieser Liebe und sie weiterträgt in eine der Liebe zutiefst bedürftige Welt.

Noch einmal Angelus Silesius:
"Gott ist die Liebe selbst und tut auch nichts als lieben; Drum will er auch, daß wir die Liebe stets soll'n üben!"

Schließlich noch ein Drittes: "Und diese Worte, die ich Dir heute gebiete, sollst Du zu Herzen nehmen und sollst sie Deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn Du in Deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn Du Dich niederlegst oder aufstehst!" Wir haben nicht nur zu reden von einer Verfehlung des Lebens, die nicht mehr rückgängig zu machen ist - nein, wir haben vor allem zu reden von unserer Verantwortung, die uns aufgetragen ist, Menschen, soweit es in unseren Kräften steht, zu behüten vor einer solchen nicht wiedergutzumachenden Verfehlung des Lebens.

Manchmal helfen in solchen ernsten Dingen sehr einfache Beispiele: Ein Bergführer, der sich auskennt, der jeden Schritt und jeden Tritt und jeden Gefahrenpunkt seiner Gegend kennt, der ist verantwortlich für die ihm anvertrauten Menschen. Kommt einer um auf einer gefährlichen Wanderung, und es kann dem Bergführer nachgewiesen werden, daß er den verunglückten nicht genügend instruiert hat, dann wird er mit gutem Recht zur Verantwortung gezogen.

Beim Propheten Hesekiel hört sich das dann so an: "Das Wort des Herrn geschah zu mir: Du Menschenkind, ich habe Dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel. Du wirst aus meinem Munde das Wort hören und sollst sie in meinem Namen warnen.

Wenn ich dem Gottlosen sage: Du mußt des Todes sterben! und Du warnst ihn nicht und sagst es ihm nicht, um den Gottlosen vor seinem gottlosen Wege zu warnen, damit er am Leben bleibe, - so wird der Gottlose um seiner Sünde Willen sterben, aber sein Blut will ich von Deiner Hand fordern."
Kein Winkelchristentum also! Keine Privatfrömmigkeit: Ich gehe in die Kirche, wenn mir danach ist, und den Rest der Welt geht das recht wenig an.

Oder, andersherum:
Es gilt, Toleranz zu üben, schließlich hat jedermann das Recht auf seine eigene Weltanschauung! Nein! So gut wir alle wissen, wie wenig fanatischer Missionseifer etwas auszurichten vermag, so deutlich muß doch auch das andere werden: In so und sovielen Situationen unseres Alltagslebens in Familie, Gemeinde, Beruf und Politik ist unser Wort gefragt, unsere klare, eindeutige Stellungnahme vom Standpunkt des engagierten Christen aus. Zivilcourage eben! Beim einen hat das öffentlich, mutig, für viele hörbar zu geschehen, beim anderen von Kollege zu Kollege, von Freund zu Freund, von Ehepartner zu Ehepartner.

Wer auf dieses Fundament, Gott zu lieben mit ganzer Seele und seinen Nächsten wie sich selbst - wer auf dieses Fundament sein Leben aufbaut und dabei erkennt, daß dieses Fundament trägt und Halt gibt, der darf das guten Gewissens nicht verschweigen. Dafür sind diese Worte da, daß sie weitergesagt werden, daß sie mit großen Lettern an die Türpfosten des Hauses geschrieben werden, für jedermann lesbar, für alle, die vorübergehen, allen Nachdenkens wert.

Unser Wochenspruch gibt noch eine gute Portion Ermutigung dazu:
"Wer Euch hört, der hört mich, und wer Euch abweist, der weist mich ab", spricht Christus. Wir, in welch unscheinbarer Weise immer, sind gerufen, Stimme Christi in dieser Welt zu sein. Und, wenn das, was wir von der Substanz der christlichen Botschaft weitersagen, auf taube Ohren stößt, dann soll es uns zu sehr nicht entmutigen:

Ebenso ist Christus selbst auch von der Masse der Menschen abgewiesen worden. Ich weiß, das ist eine ungewohnte Rede, und sie kann nur allzuleicht als intolerant und selbstgefällig mißverstanden werden.

Aber wer ernst nimmt, was hier steht, für den ist zweierlei klar:
zum einen:
Wir können uns nicht um den Auftrag drücken.
Und zum anderen:
Keiner vermag, dem Willen Christi gemäß, in dem soeben angedeuteten Sinn,
sein Bote zu sein. Wir alle bleiben hinter dem, was uns aufgetragen ist, weit zurück!

Ein Komponist des 20. Jahrhunderts, Hans Georg Bertram, hat das Evangelium vom reichen Mann und armen Lazarus als Oratorium vertont. Für ihn war deutlich: Wenn am Ende nicht die völlige Verzweiflung stehen soll über ein unwiederbringlich verfehltes Leben, dann gibt es nur die eine Möglichkeit, einzustimmen in den Ruf um das Erbarmen des Herrn: Kyrie eleison. Und deshalb läßt er sein Oratorium damit enden, daß auch der reiche Mann in den Ruf: "Kyrie eleison" mit einstimmt.

Ob wir uns unfähig fühlen, Gott mit unserem ganzen Herzen zu lieben, ob wir über ein verfehltes Leben klagen, das an der Not des Nächsten vorbeiging, ob wir schuldig geworden sind dadurch, daß wir an entscheidender Stelle geschwiegen haben, wo wir hätten reden sollen, und stattdessen geredet, wo wir besser geschwiegen hätten - wir können nichts anderes tun als Gott um sein Erbarmen ohne jedes Maá auch für unser Leben zu bitten, und im übrigen beten mit den Worten Augustins: "Gib, was Du befiehlst,

und dann fordere, was Du willst! Kyrie eleison!" Amen.

 



Erika Reischle-Schedler
Göttingen
E-Mail: e.reischle-schedler@t-online.de

Bemerkung:
Liedvorschläge: EG 124, EG 397


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