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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 22.06.2014

Die Bedeutung des Glaubens
Predigt zu Deuteronomium 6:4, verfasst von Matthias Wolfes

 

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein" (Jubiläumsbibel 1912).

Liebe Gemeinde,

das jüdische Glaubensbekenntnis, das Schema Jisroel, gehört zu den elementaren religiösen Zeugnissen der Menschheitsgeschichte. Es steht für die Verbundenheit des gläubigen Menschen mit Gott. Es steht in diesem Sinne für Gott selbst. Denn im Vertrauen des Menschen auf Gott ist Gott wirklich da.

Diese unauflösbare Verwobenheit des Glaubens mit dem Gedanken Gottes soll mich gegen Ende beschäftigen. Lassen Sie mich zunächst aber damit einsetzen, dass ich in wenigen Worten darauf zu sprechen komme, wie solches Vertrauen quer steht zu einem Daseinsgefühl, das für „den modernen Menschen" typisch ist, für einen Menschen, der sein Leben selbst gestalten, die Fäden seines Daseins in eigenen Händen halten will.

 

I.

Wer vertraut, lässt sich ein. Wer Gott vertraut, lässt sich auf Gott ein. Der „selbständige" Mensch will aber nirgendwo einkehren, sondern sich selbst entfalten. Er will er selbst sein oder zumindest will er er selbst werden. In diesem Sinne ist die „Persönlichkeit" das Ideal: der eigenständige für sich selbst verantwortliche Einzelne, der nicht auf irgendeine Gnadenstunde wartet, sondern der den Altar der Selbstpreisgabe längst schon zerschlagen und unter dem Werk seiner Hände begraben hat.

 

II.

Was eben allein schon so schwer zu akzeptieren ist, das ist: Es gibt eine Wahrheit des Lebens, die man nicht selbst schafft, sondern die man empfängt. So verhält es sich im Bereich der Religion. Deshalb auch die Rede von „Offenbarung" und „Gnade", von Gottes Selbsterweis, von dem Sich-Zeigen Gottes und so weiter. Der Gläubige schafft Gottes Sichtbarkeit nicht, sondern er wird ihrer inne. Niemand gelangt zur Einsicht Gottes von sich aus, etwa durch ein geistlich aktives Leben.

Vita activa im Sinne der Religion heißt: Sich auf Gott einlassen. Es heißt gerade: Gott Gott sein zu lassen. Das ist der fromme Realismus des Glaubens, ganz unabhängig davon, ob es sich um einen Glauben protestantischen, katholischen oder jüdischen Herkommens handelt. Hier schwelgt keiner selbstverliebt in Erlebnissen, Impressionen der Gottinnigkeit oder persönlicher Stimmungslage. Es geht um den gegebenen Gehalt, der allen diesen Momenten - so wenig sie fehlen dürfen - zugrunde liegt.

 

III.

Auch das Schema Jisroel zeigt: Man es hat es nicht leicht mit der Wahrheit. Sie ist, als Wahrheit Gottes, immer mit einer gewissen Selbstentäußerung verbunden.

Wahrheit erkennt man daran, dass sie uns widerstrebt, herausfordert und verwandelt. Man muss von sich selbst absehen können, um „Wahrheit" zu finden. Auf jeden Fall ist sie eine Zumutung für die Idee des schrankenlosen Selbstseinwollens. Wahrheit wird eben gefunden, nicht errungen. Im Bekenntnis des Glaubens nimmt sie eine Gestalt an, die man sich zu eigen machen muss. Die Wahrheit im eigentlichen Sinne ist unerreichbar. Sie bleibt metaphysisch obdachlos. Man beargwöhnt sie natürlicherweise, da sie sich nicht von den fest gefügten Wahrheitssätzen eines dogmatischen Religionssystems beschirmen lässt.

 

IV.

Deshalb lässt sich der Glaube auch nicht „verstehen" - etwa auf seine „Logik", auf seine Assoziationsstrukturen oder auf diejenigen Gesetzmäßigkeiten hin, denen die religiösen Vorstellungen folgen. Wenn nach dem Gehalt des Begriffes „Glauben" gefragt wird, so geht es um Bedeutung, nicht um erfahrungswissenschaftliche Auskünfte, die jenseits vom tatsächlichen Geschehen des Glaubens Ort und Gewicht hätten.

Jedes gegenstandsfixierte Verstehen hingegen macht uns zu Komplizen unseres Untersuchungsgegenstandes. Es trennt uns von ihm. Stattdessen aber kommt es darauf an, dass wir unsere Schritte gleichsam in seine Richtung lenken. Das geschieht, indem wir seiner Bedeutung nachgehen, wenn wir mit unserem Fragen uns in seine Bewegung hineinstellen und es als solches gelten lassen.

Schon gar alle „logischen" Kategorien lassen sich nicht auf den Glauben anwenden. Ihrer Natur nach ist die Logik allenfalls ein Regelwerk des Denkens. Sie wird hingegen ganz verfälscht, wenn sie als eine Art Naturgesetz des Denkens, des Fühlens oder der stimmungsmäßigen Befindlichkeiten aufgefasst wird. Sie beschreibt, wie wir denken, nicht, wie wir denken (oder glauben oder fühlen) sollen.

 

V.

Das israelitische Schema Jisroel ist eine der bedeutsamsten Schöpfungen, die die menschliche Gottesrede hervorgebracht hat. Es steht - wie das Vater Unser oder die liturgische Anrufung des dreieinigen Gottes - allen konstruierten, dogmatisch-theologischen Übersteigerungen der religiösen Sprachbildung gegenüber. Es ist selbst theologischer Natur, das lässt sich nicht leugnen. Es ist selbst Ausdruck des nachdenkenden Glaubens. Aber es gibt dem Nachdenken gerade deshalb in so eminentem Maße Richtung und Anhalt, weil es auf engste mit einem bestimmten Empfinden der Wirklichkeit Gottes verknüpft ist. In ihm kommt ein Vertrauen auf Gott zum Ausdruck, das keiner Reflexion bedarf, ein Vertrauen, das aus der Tiefe der Seele stammt.

Darin besteht seine Bedeutung auch für uns, die wir uns nur bedingt dem Volk des Bundes zurechnen, weil wir glauben, dass die Freiheit, die Gott dem Glaubenden schenkt, eben gerade nur an das Geschenk dieser Freiheit gebunden ist, nicht an die Teilhabe zu einer Zeremonialgemeinschaft oder einem generationenüberspannenden Familienverbund.

 

VI.

Das Schema Jisroel steht für die Unbedingtheit des Gottvertrauens: Gott ist unser Gott - Gott ist der Eine. Dieser „Unser Gott" ist der Gott, auf den wir alles setzen. Er ist es, auf dem unser Lebensgefühl ruht, der uns die Kraft gibt zu allem anderen. Und er ist es auch, der den Grund bildet für jede andere Weise des Erlebens und Erfahrens.

„Gott ist der Eine" - er ist als der Eine der Unsrige. Er ist es, der sich mir zeigt, indem er sich als mein Gott erweist. Gott, der Wille, der das Ganze lenkt, ist zugleich der Grund des Ganzen und so auch meiner selbst.

 

VII.

Mit diesen Gedanken sind wir weit davon entfernt, Gott oder den Glauben an ihn auf das Gefühl des Gottvertrauens zu reduzieren. Im Gegenteil: Wenn etwas auf etwas beruht, dann heißt es ja gerade nicht, dass es mit ihm identisch ist, denn dann wäre es von ihm nicht unterschieden und könnte also auch nicht auf ihm beruhen. Der Glaube an Gott beruht aber auf Gott; er ist daher nicht Gott selbst.

Gott ist der Boden, der Grund, das Fundament. In einem Wort: Er ist das Sein in allem Dasein, der, der alles trägt und erhält. Und das schließlich ist es auch, was das Schema Jisroel sagen will und worin seine Bedeutung für uns besteht: Gott ist der Grund des Grundes.

Amen.

 



Pfarrer Dr. Dr. Matthias Wolfes
10625 Berlin
E-Mail: wolfes@zedat.fu-berlin.de

Bemerkung:
Verwendete Materialien:
Martin Heidegger: Vom Wesen der Wahrheit, Frankfurt am Main 1986.


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