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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 22.06.2014

Du kannst lieben
Predigt zu Deuteronomium 6:4-9, verfasst von Bernd Giehl

 

Tun wir doch einfach mal so als ob. Tun wir mal so, als ob wir noch nie von diesem Text gehört hätten. Als ob wir seine Hintergründe nicht kennen würden. Womöglich wundern wir uns dann. Vielleicht noch nicht einmal über das „Du sollst liebhaben." Obwohl man schon darüber stolpern kann. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei Ihrer Trauung in der Kirche vor dem Pfarrer und der sagt Ihnen: „Du, Braut, sollst deinen Mann liebhaben. Und du, Bräutigam, sollst deine Frau liebhaben." Möglich, dass Sie es so hinnehmen. Möglich aber auch, dass Sie sagen: „Ich habe ihn ja lieb. Ich hoffe auch, dass das in zehn Jahren immer noch so sein wird. Aber versprechen kann ich das nicht. Wäre schön, wenn es so wäre. Aber Liebe kommt nun einmal nicht aus dem Verstand. Vermutlich nicht einmal aus dem Willen. Und keiner kann seinem Herzen befehlen."

Aber gut. Setzen wir das Bild ruhig noch ein bisschen fort. Sie sitzen also als Braut oder Bräutigam mit ihrem Partner vor dem Pfarrer und der sagt jetzt zu Ihnen: „Also, liebes Brautpaar, ich fürchte, dass es nicht reicht, wenn ich Ihnen sage, dass Sie einander liebhaben sollen. Jetzt ist das sicher leicht für Sie, aber keiner weiß, wie das in zehn Jahren aussieht. Die Kirche geht davon aus, dass Sie auch dann noch zusammen sind, weil Sie sich ja heute die Treue versprechen. Aber was wäre ein Zusammenbleiben ohne Liebe? Darum bekommen Sie jetzt beide von mir ein kleines Medaillon, in dem steht der Name ihres Partners und der Satz: Ich werde ihn, bzw. sie immer lieben."

Ich könnte diese kleine Szene jetzt noch weiterspinnen. Ich werde es nicht tun. Sie ist auch so schon ungemütlich genug. Vermutlich würde sie dann noch ungemütlicher werden. Ich glaube einfach nicht, dass man Menschen auf ihre derzeitigen Gefühle festlegen kann. Wenn es gut geht, wird ihre Liebe durch die Zeiten dauern. Sie wird dabei Luft brauchen zum Atmen. Womöglich wird sie sich auch wandeln im Laufe der Zeit. Man kann vieles mit ihr tun, nur eines nicht: sie einbalsamieren. Dann nämlich wird sie sterben.

Höre ich da Widerspruch? Ich glaube schon. Es ist der Text selbst, der mir da widerspricht. „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederkniest oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore."

Das menschliche Herz, so lese ich zwischen den Zeilen, ist ein unsicherer Kandidat. Es kann vergessen, was ihm aufgetragen ist. Es kann sich anderen Menschen oder anderen Dingen zuwenden Es kann vergessen, wen es lieben soll. Deshalb muss man es immer wieder daran erinnern, wen es lieben soll.

Nun ja. Sie merken, ich habe da meine Zweifel. Pädagogik kann sicher vieles, aber das? Ob man das Herz des Menschen dennoch zur Liebe verpflichten kann? Sogar noch zur Liebe zu einem, den man nicht sehen kann? Das ist eine wichtige Frage. Über sie wird noch zu reden sein.

Aber jetzt möchte ich erst einmal auf den Ort dieses Textes eingehen.

 

Und nun hebe ich das „Tun wir doch einmal so als wir noch nie von diesem Text gehört hätten" auf. Natürlich habe zumindest ich mich schon öfter mit diesem Text beschäftigt. Er ist schließlich das Bekenntnis Israels. Was wir in vielen komplizierten Formulierungen bekennen, wenn wir das apostolische Glaubensbekenntnis sprechen, das wird hier in zwei Sätze kurz und bündig gesagt. „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." So wie der Text es erzählt, sind diese zwei Sätze noch einmal die Zusammenfassung und Auslegung der Zehn Gebote. Das fünfte Buch Mose, in dem dieser Text steht, ist als Abschiedsrede des Mose an sein Volk konzipiert. Mose weiß, dass er sterben wird und in diesem Buch schärft er seinem Volk noch einmal ein, was seine Lebensgrundlage ist. Es ist der Bund, den Gott mit Israel am Berg Sinai geschlossen hat. Aber dann spitzt er es sozusagen noch einmal zu: Nicht die Zehn Gebote sind das Wichtigste, sondern vor allem das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Aus diesem Gebot ergeben sich alle anderen.

Warum aber dann die folgenden Sätze? Warum vor allem der Satz: Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore?" An ihnen merkt man, dass hier eine spätere Zeit beteiligt ist. Wir kennen diese Kapseln mit den Worten dieses Gebots, die fromme Juden als Gebetsriemen auf der Stirn und am Handgelenk tragen, bis heute. Nur dass nicht Mose selbst sie erfunden hat, sondern Menschen aus einem späteren Jahrhundert. Etwa 700 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten und der Landnahme durch das Volk Israel war Israel von den Babyloniern erobert worden und die Oberschicht war ins Exil nach Babylon geführt worden. Dort hatten sie darüber nachgedacht warum es -menschlich gesprochen - nicht funktioniert hatte mit dem Bund zwischen Israel und seinem Gott. Die Antwort war einfach: Sie waren hier in Babylon, weil Israel den Bund mit Gott nicht gehalten hatte. Weil sie anderen Göttern gefolgt waren. Damit das nie wieder passierte, musste Israel ein für alle Mal eingeschärft werden, was es zu tun hatte. Es hatte seinen Gott zu lieben. Es hatte nur ihm zu dienen. Und unter keinen Umständen durfte es einem anderen Gott nachfolgen. Das sollte sich jeder Angehörige dieses Volkes hinter die Ohren schreiben. Oder besser noch ins Herz. Aber hinter den Ohren kann man es nicht lesen, weil man die Augen ja nicht nach rückwärts richten kann. Also besser, es auf der Stirn tragen und am Handgelenk. Und es in die Pfosten des Hauses eingravieren, damit man weiß, auf welcher Grundlage man es errichtet hat.

Ein sympathisches Motiv, Gott immer vor Augen haben. Und doch möchte ich hier eine kleine Frage stellen. Eine Frage, die womöglich ketzerisch klingt: Aus welchem Motiv heraus soll das geschehen? Aus Liebe zu Gott oder aus Angst vor ihm? Weil man sein Leben von ihm bestimmen lassen will oder weil man Angst hat, von ihm verlassen zu werden, wenn man sich nicht genau an das hält, was er will?

Sie merken: Hier wird eine Weiche gestellt. Der eine Strang führt zur pharisäischen Frömmigkeit. Und der andere zu dem Verständnis, das Jesus von Gott hatte. Beide haben ihre Berechtigung. Aber unterschiedliche Wege sind es doch.

 

Und jetzt erinnern wir uns noch einmal. Erinnern uns an die Geschichte von dem Mann, der zu Jesus kam und ihn fragte, was das höchste Gebot sei. Und Jesus sagt zu ihm: Das höchste Gebot ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Mk 12,20 f.)

Zunächst einmal: Ich denke, dieser Mann, der sich da an Jesus wendet, hat etwas Wichtiges begriffen. Er hat begriffen, dass der Glaube an Gott weder das Für wahr halten möglichst vieler Sätze der Bibelsein kann, noch das Beachten möglichst vieler Einzelgebote. Womöglich besteht der Glaube nicht einmal im Einhalten vorgeschriebener Rituale oder bestimmter Gebetszeiten. Glaube bedeutet eine Beziehung haben zu Gott. Ihn wichtig zu nehmen. Womöglich sogar für das Wichtigste, was es im Leben gibt. Und Jesus bestätigt ihn darin indem er sagt, das Wichtigste ist die Liebe zu diesem Gott. Nun macht mir dieses „Du sollst lieben" nach wie vor Kopfzerbrechen. Wenn ich es aber als „Du sollst vertrauen" übersetze, dann wird es einfacher. Sicher: auch das Vertrauen kann man nicht einfach fordern, so wie man Gehorsam fordern kann. Entweder vertraut man einem anderen oder man tut es nicht.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal eine Änderung vorschlagen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben Theologen diesen Vers hin und wieder übersetzt als: „Du kannst lieben." Ich glaube, das ist es, was wir anderen Menschen und uns selbst zuerst einmal sagen müssen. Die Eltern meiner Generation, der Menschen, die in den fünfziger und sechziger Jahren aufgewachsenen, die haben meist Forderungen an ihre Kinder gestellt. Sitz gerade. Sei fleißig in der Schule. Geh dorthin. Dorthin gehst du auf keinen Fall. Vor allem anderen aber haben sie Gehorsam gefordert. Dass das Kind zuerst einmal Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lernen muss, war ihnen nicht so wichtig oder vielleicht war es ihnen auch nicht bewusst. Erst in der Folge der achtundsechziger Bewegung ist uns das bewusst geworden, dass man Kinder nicht dadurch zu mündigen Menschen erzieht, indem man ihnen Befehle gibt und sie zu gehorchen lehrt, sondern nur dadurch, dass man ihr Selbstbewusstsein stärkt. Und das wiederum lernen sie nur, wenn sie sich und ihre eigenen Fähigkeiten ausprobieren können, ohne dass gleich wieder einer kommt und sagt: Das kannst du ja doch nicht.

Ich denke jedenfalls, dass das Vertrauen zu Gott und das Vertrauen zu uns selbst zusammenhängen. Ein Mensch, der sich selbst nicht liebt, wird auch Gott nicht lieben. Aber auch umgekehrt: Die Liebe zu Gott wird uns auch helfen, uns selbst und unseren Nächsten zu lieben. Und darum ist der Satz, den ich vorhin formuliert habe, so wichtig: Du kannst lieben. Du kannst dich selbst lieben, du kannst Gott lieben und du kannst auch deine Mitmenschen lieben. Hin und wieder sogar die anstrengenden. Weil du in deinem Leben selbst Liebe erfahren hast. Weil andere dich angenommen haben, auch mit deinen Schwächen. Weil sie dich ermutigt haben, deine Begabungen zu leben. Weil sie dir deine Fehler nicht vorgehalten, sondern gesagt haben: Versuch ‘s noch einmal. Du kannst es. Du hast die Liebe deiner Eltern erlebt. Sie haben dir von dem Gott erzählt, der die Menschen liebt und sie so annimmt, wie du bist. Das hat dich ermutigt, deinen Weg zu gehen.

Sicher gab es auch die Wegstrecken, wo es nicht so einfach war. Wo die Pfade steinig wurden, wo Hindernisse uns den Weg verstellten. Zeiten, in denen wir nicht mehr wussten, ob der Weg, den wir gingen, richtig war, ob er überhaupt zu einem Ziel führte. Zeiten, in denen wir an uns zweifelten.

Aber vielleicht können wir ja auch sagen: Auch in diesen Zeiten haben wir Zuspruch erhalten. Menschen, die uns liebten, gaben uns Ermutigung. Im Gebet fanden wir Kraft. Wir spürten, dass wir nicht allein waren. Das gab uns Kraft, unseren Weg fortzusetzen.

Du kannst lieben, weil du selbst Liebe erfahren hast. Du kannst Gott lieben, weil er dich liebt. Du kannst dich selbst lieben, weil du Gottes Zuspruch in deinem Leben erfahren hast. Und du kannst andere Menschen lieben, weil Gott dir die Kraft dazu gibt.

Liebe Gott und zieh Kraft aus dieser Liebe.



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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