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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Tag der Geburt Johannes des Täufers (Johannis), 24.06.2014

„Tröstet, tröstet mein Volk“
Predigt zu Jesaja 40:1-8, verfasst von Thomas Bautz

 

Liebe Gemeinde!

Heute feiern wir den Tag der Geburt Johannes des Täufers, der mehr ist als Verkünder und Wegbereiter des Jesus von Nazareth. Jesus respektiert den Täufer zumindest eine Zeit lang als seinen Lehrer (Rabbi) und lässt sich von ihm zur „Vergebung der Sünden" taufen. Er sieht sich als einen der vielen, die in Israel aufgrund der Verkündigung des letzten Propheten (Johannes) umkehren und ihr Leben ändern wollen, um dem nah geglaubten Gericht Gottes zu entgehen. Der Täufer selbst meint, er sei „nicht gut genug, Jesus die Schuhe auszuziehen" (Mt 3,11). So wundert es nicht, dass Johannes zunächst versucht, Jesus davon abzubringen, dass dieser sich von ihm taufen lasse: „Ich müsste von Dir getauft werden, und Du kommst zu mir (Mt 3,14)?"

Der Täufer hat ein prophetisches Selbstverständnis. Es ist durchaus möglich, dass er eines der Schriftzitate auf sich, auf seinen Auftrag bezieht, nämlich „Gottes" Kommen in der Wüste vorzubereiten (Jes 40,3): „Horch! Ein Ruf erschallt: In der Wüste bahnet dem HERRN einen Weg, ebnet in der Steppe eine Straße für unsern Gott!"

Damit verbindet sich der Weckruf des Propheten Johannes, der Aufruf zur Umkehr, die Aufforderung zur Gesinnungsänderung, zum Umdenken, mit dem „bahnbrechenden" Ruf des „Zweiten Jesaja" (Deuterojesaja), in der Wüstenei, in der Trostlosigkeit menschlicher Verirrungen und Verfehlungen dem Unaussprechlichen, Ungeahnten, vielleicht ängstlich Erhofften und Geglaubten, einen Weg zu bereiten.

Wie mancher Maler eines wunderbaren Gemäldes oder wie manch ein Poet eines schönen erbaulichen Gedichtes ist uns der Verfasser des Deuterojesaja unbekannt. Das tut dem Wert, der Bedeutung seines trostreichen Buches keinerlei Abbruch. Wir haben allen Grund, heute auch diesen unbekannten Propheten zu feiern, denn schon der Auftakt seiner Schrift (Prolog) möchte dazu ermutigen, Neues zu wagen.

Furchtbare Zeiten der Fremdherrschaft, Gefangenschaft, Verschleppung in die Fremde, ins Unbekannte und die Zerstörung Jerusalems und des Zentralheiligtums (des Tempels) - all das liegt (vorerst) hinter dem Volk Israel. Mühsal und Elend (s. Gesenius; nicht: „Dienst"!) Jerusalems haben ihren Sinn erfüllt. Offenbar wird eine Gruppe Propheten damit betraut, eine Frohbotschaft - diesmal keine Drohbotschaft - an das Volk und jeden einzelnen Menschen zu übermitteln. Menschen, die Belastendes, ja, Grauenhaftes erlebten, sollen getröstet werden:

„Ermutigt, ermutigt mein Volk! - sagt euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst, ihre Mühsal zu Ende, ihre Schuld abgeleistet ist."

Das hört sich zunächst gut an; die Rede hat jedoch einen bitteren Beigeschmack: Die erlittene Zeit schwerster Bedrückung und Not wird im Nachhinein als von „Gott" aus seiner Hand empfangene „Strafe" für Schuld und Verfehlungen gedeutet. Menschliches Ergehen und erlittenes Geschick ursächlich mit Selbstverschuldung und Strafe „Gottes" in Verbindung zu bringen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Völker des Alten Orients.

Freilich gab es frühe Versuche, dieses Denken stark zu hinterfragen, z.B. im poetischen, weisheitlichen Buch Hiob. Der mit unsäglichem Leid bedachte Hiob wird zum Spielball himmlischer Mächte, wird nahezu aufgerieben im Kampf zwischen Gut („Gott") und Böse (Satan), wobei nicht etwa Hiob dieses göttlich-teuflische Ringen provoziert hat. Vielmehr erweist es sich als ein Kräftemessen zwischen dem „Allerhöchsten" und dem Diabolos. Ein Drama sondergleichen. Das literarische Meisterwerk kreist um Fragen der Gottesbilder und des Menschenbildes. Von mir sehr verkürzt: Wer ist „Gott"? Ist Hiob unschuldig, und warum „muss" er dann so Schreckliches durchmachen? Ist „Gott" der Feind Hiobs? Wo ist „Gott" im Leid? Ist „Gott" (noch) gerecht? Können die Freunde Hiobs „Gottes Handeln" rechtfertigen?

Hiob verliert Haus und Hof, seine Kinder und beinahe auch sein eigenes Leben. Den meisten von uns ist die Geschichte hinlänglich bekannt und sei es nur in äußerst komprimierter Form als sprichwörtliche „Hiobsbotschaft"! Weniger setzen wir uns vermutlich mit Hiobs Freunden auseinander, die ihre „weisen" Reden schwingen und meinen, dem Leidtragenden ihr eigenes Gottesbild aufdrängen zu müssen. Sie wittern hinter Hiobs „Schicksal" Selbstverschulden und sehen all sein Leid als Konsequenz „göttlichen" Richterspruches oder zumindest als Strafe im Sinne einer „erzieherischen Maßnahme". Mit solch dogmatischem Denken ereifern sich die vier Freunde obendrein noch dazu, den Allerhöchsten als den Gerechten zu verteidigen.

Den Gipfel ihres pseudoreligiösen Geschwätzes erreichen die „Advokaten Gottes", indem sie (zu allem Überfluss) auch noch versuchen, Hiob in seinen unbegreiflichen körperlichen und seelischen Leiden, Schmerzen und in seiner Trauer Trost zu spenden - Geburtsstunde einer bestimmten Art von „Theologie" und „Seelsorge"; sie gebärdet sich „seelsorger-lich", nicht: seelsorg-lich. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob professionelle Seelsorgeausbildung nicht manches Mal sich zu sehr an „richtigen" Konzepten, Methoden und dem Verhalten des Seelsorgers orientiert - und deshalb wenig zu trösten und kaum zu ermutigen vermag.

Bei Deuterojesaja wird nicht nur der Aufruf laut: Tröstet, tröstet! Vielmehr solle „Gott" ein Weg in der Wüstenei menschlichen Elends bereitet, eine Heeresstraße geebnet werden. Ein schwieriges Unterfangen, zumal mit gleichem Atemzug die Vergänglichkeit des Menschen bildhaft und drastisch vor Augen geführt wird: Gras, das verwittert; eine Blume die verwelkt, „wenn der Hauch Gottes sie anweht" (40,7). Im Vergleich dazu bleibe „das Wort unseres Gottes ewig bestehen" (40,8). Ist das ein Trostwort, eine aufmunternde Rede oder blanker Zynismus?

Wir wissen doch, dass wir vergänglich sind, selbst wenn wir versuchen, diese Tatsache ein Leben lang immer wieder zu verdrängen. Und „Gottes Wort", zumindest das für den Menschen vernehmbare, verstehbare: es hat nur solange Bestand, wie es gelesen, gehört wird. Und es kommt sehr darauf an, wie es vermittelt wird. Nicht von ungefähr wird im Judentum die hebräische „Bibel" heftig und leidenschaftlich diskutiert und manchmal nicht nur um kleine Abschnitte, sondern über Bedeutungen einzelner Wörter gestritten!

Ich erzähle Ihnen von Hiob, weil ich fest davon überzeugt bin, dass persönlich Erlebtes, Streiflichter aus einer Biographie, oftmals mehr mitzuteilen haben als ausgeklügelte, gelernte „Weisheiten". Es gibt „Richtigkeiten", die sich angesichts lebendiger, echter Erfahrungen des Menschen, bei Licht betrachtet, als „Nichtigkeiten" erweisen. - Hören wir Hiob (16,2-5):

„Dergleichen habe ich nun schon vieles gehört: leidige (elende) Tröster seid ihr allesamt! Haben die windigen Reden nun ein Ende? Auch ich könnte reden wie ihr - o wärt ihr nur an meiner Stelle! -, ich würde (aber) freundliche Worte gegen euch aufbringen; ich wollte euch mit meinem Munde Mut zusprechen, das Beileid meiner Lippen sollte euch Trost spenden!"

„Wie tröstet ihr mich mit Nichtigem! Und von euren Antworten bleibt nur Betrug" (21,34).

Allzu oft wird nur „billiger Trost" gespendet. Wer vom Leid des Mitmenschen nicht berührt wird; wer sich mit Schmerz und Trauer gar nicht erst konfrontieren will, der wartet lediglich mit floskelhaften Sprüchen auf, die wir sicher alle kennen: „Das Leben geht weiter." „Es muss weitergehen!" „Die Sonne scheint auch hinter dunklen Wolken." „Es kommen auch wieder bessere Zeiten." - Zugegeben: Manchmal kann sich ein Leidtragender, eine Trauernde doch insofern entlastet fühlen, weil er oder sie nicht über das reden muss, was momentan so stark belastet. Ich fürchte aber, dass viel öfter die stereotypen Sätze eher die leidigen Tröster entlasten und dass auf diese Weise Herzen und Münder der Betroffenen verschlossen werden.

Mag man glauben, dass es Menschen möglich sei, „Gott" einen Weg durch menschliches Elend zu ebnen oder zu bereiten; ich halte das für spekulativ und zum Teil für gefährlich: Es sind allzumal menschliche, erklärtermaßen vergängliche und damit auch irrtumsfähige, ideologisch anfällige Vorstellungen von „Wegen Gottes".

Wichtiger und vor allem realistischer finde ich die Aufgabe, Menschen auf ihren Wegen zu begleiten, sofern sie sich uns anvertrauen; Jung und Alt einen Weg zu ebnen, Ihnen durch Durststrecken hindurch zu helfen; ihr Lebensschiff durch Strömungen und an bedrohlichen Klippen vorbei zu manövrieren. Aber all das stets „nur" als Begleiter, Partner, Mitstreiter, die ermutigen, aufmuntern und weniger „trösten" wollen.

„Tröster" sollten aufrichtig, auch ein wenig transparent sein und sich öffnen können, so dass erkennbar bleibt: Wer Trost spenden oder ermutigen will, war oder ist auch ein vom Leben, vom Leid Gezeichneter. Ich halte sehr viel von partnerschaftlicher Seelsorge. Das bedeutet für mich, dass ich meinem Gegenüber mit Ehrfurcht und Respekt vor seinem Lebensweg und den leidvollen Erfahrungen begegne. Leidtragende brauchen vielleicht weniger als wir meinen den Souverän, den Erprobten und Bewährten, den mit „Gottes Wort" gegen alle Widrigkeiten des Lebens Gefeiten.

Oftmals wird den Tröstenden bereits viel Mut abverlangt, bevor sie sich dem Dilemma, der prekären Situation oder der (nicht nur scheinbaren, wie gern gedacht wird) hoffnungslosen Lage eines leidtragenden Menschen aussetzen. Manchmal sind (zunächst) Körpersprache und Schweigen angebrachter als vorschnelles Reden. Es erfordert freilich ein sensibles Gespür dafür, wann und ob Berührung, etwa eines Kranken oder Sterbenden oder eines Angehörigen, angemessen und erwünscht ist. Das kann eine noch so qualifizierte Seelsorgeausbildung m.E. nicht vermitteln; das lehrt nur die Begegnung mit den Leidenden und Trauernden.

Ich vermag nicht zu beurteilen, ob aufrichtige Begegnungen mit Kranken oder Sterbenden oder Hausbesuche zu angenehmeren Anlässen wie Taufe oder Trauung auch „Gott" einen Weg zu den Menschen eröffnen oder bahnen. Denn die Verheißung, die bei Deuterojesaja ermutigen oder Trost spenden soll, gilt natürlich nicht nur dem ganzen Volk Israel, sondern auch anderen Völkern und vor allem auch jedem Einzelnen. Mich interessiert dabei, wie ein Mensch seinen eigenen Weg finden kann, wenn er auf erhebliche Hindernisse stößt; wie er einen Lebenspfad weitergehen kann, wenn er ihn plötzlich allein bewältigen muss; wie ein Mensch den Verlust der Mutter oder des Vaters verkraften kann, oder wenn ihm gar das Kind wegstirbt. Was befähigt einen Menschen, oder was tröstet ihn in seinem Schmerz.

Was ermutigt Menschen, tatsächlich nicht am Leben zu verzagen; was lässt sie nicht seelisch verkümmern? Es stellt sich aber vor allem die bange Frage: Wer tröstet, wer ermutigt?

Im Leben des begnadeten Malers Vincent van Gogh, der zugleich ein zutiefst religiöser Mensch war, in den Augen der Kirche allerdings weder zum Pfarrer noch zum Theologen taugte (soll ich sagen: zum Glück?!), spielt der Trost eine nicht unwesentliche Rolle. Das geht aus dem umfangreichen Briefwechsel mit seinem Bruder Theo hervor, der ihm nach meinem Ermessen weniger mit Worten, aber desto mehr mit tatkräftiger, finanzieller Unterstützung immer wieder Mut machte. Vincent führt aber auch mehrfach ein Bibelwort an, das ihn im wahrsten Sinne des Wortes mitunter getröstet hat (Jes 66,13):

„Wie einen seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten, und Trost empfangen werdet ihr in Jerusalem." (Freilich ist hier auch „Jerusalem" eine Metapher.)

Vincent van Gogh benutzt den aus der Literatur bekannten Vergleich des Lebens mit einer Pilgerreise; er schreibt dazu Folgendes: „Ich habe einmal ein schönes Bild gesehen":

„es war eine Landschaft zur Abendzeit. In der Ferne auf der rechten Seite eine Reihe von Hügeln, blau im Abendnebel. Über diesen Hügeln die Pracht des Sonnenuntergangs, die grauen Wolken gesäumt mit Silber und Gold und Purpur. Die Landschaft ist eine Ebene oder Heide, bedeckt mit Gras und seinen gelben Halmen, denn es war Herbst. Durch die Landschaft führt eine Straße zu einem hohen Berg weit, weit weg; auf dem Gipfel dieses Berges eine Stadt, leuchtend beschienen von der untergehenden Sonne. Auf der Straße wandert ein Pilgrim dahin, den Stab in der Hand. Er ist schon sehr lange unterwegs, und er ist sehr müde. Und da trifft er eine Frau oder Gestalt in Schwarz, die einen an Sankt Pauli Wort denken läßt: traurig, aber allezeit fröhlich. Dieser Engel Gottes ist dort hingestellt worden, um die Pilger zu ermutigen und ihre Fragen zu beantworten. Und der Pilger fragt sie: Geht denn die Straße immer bergauf? Und die Antwort ist: Gewiß, bis ans Ende, gib acht."

„Und der Pilger geht weiter, traurig, aber allezeit fröhlich - traurig, weil es so weit ist und die Straße so lang. Hoffnungsvoll blickt er auf zu der Ewigen Stadt weit weg im Glanz der Abendsonne, und er denkt" an den alten Spruch, „den er vor langer Zeit gehört hat":

„Es ist viel Streit zu streiten,
Es ist viel Leid zu leiden
Und viel Gebet zu beten -
Dann ist das Ende Frieden."

„Und er sagt: Ich werde immer müder werden, aber auch näher und näher zu Dir kommen. Muß nicht der Mensch auf Erden kämpfen? Aber es gibt einen Trost von Gott in diesem Leben. Ein Engel Gottes tröstet den Menschen - das ist der Engel der Liebe. Laßt ihn uns nicht vergessen. Und wenn nun jeder von uns zum täglichen Leben und zu den täglichen Pflichten zurückkehrt, laßt uns nicht vergessen, daß die Dinge nicht sind, was sie scheinen, daß Gott uns durch die Dinge des täglichen Lebens höhere Dinge lehrt, daß unser Leben eine Pilgerfahrt ist und daß wir Fremdlinge auf Erden sind, aber daß wir einen Gott und Vater haben, der Fremdlinge schützt und behütet - und daß wir alle Brüder sind."

Van Gogh hat seine eigene Religiosität und Spiritualität gefunden; sein Weg war gewiss beschwerlich, aber er fand immer wieder Trost, wurde von seinem Bruder Theo ermutigt und gewann nicht zuletzt auch Kraft durch „Gottes Wort", das ihm geistige und seelische Nahrung bot. Das geht aus der sechsbändigen Ausgabe seines Briefwechsels und aus separaten Texten eindeutig hervor. Vermutlich wirkt dieses „Wort" nicht nur in biblischer oder menschlicher Sprache überhaupt, sondern in vielfältiger Gestalt, wie der „Hauch", der „Schöpfer-Geist" eben weht oder sich bemerkbar macht. In unserer Tradition ist uns freilich das „Gotteswort" noch am ehesten in biblischer Form nahe; aber auch biblische Worte bedürfen dessen, der sich lebendig werden lässt! Ansonsten begegnen uns nur tote, nichtssagende Buchstaben. Ich schließe mit zwei Bibelworten, die einander ergänzen; mögen Sie uns zum Segen werden:

„Die Schmach hat mir das Herz gebrochen, so daß ich verzweifle; ich hoffte auf Mitleid, aber vergebens, und auf Tröster, doch ich habe keine gefunden" (Ps 69,21).

„Ich, ich bin es, der euch tröstet! Wer bist du gewesen, daß du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterblich sind, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen" (Jes 51,12).

Amen.



Pfarrer Thomas Bautz
53119 Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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