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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Tag der Geburt Johannes des Täufers (Johannis), 24.06.2014

Predigt zu Jesaja 40:1-8, verfasst von Eberhard Busch

 

In den Gottesdiensten der christlichen Gemeinden im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt gab es eine denkwürdige Sitte. Da wurde jedes Mal am Höhepunkt des Gottesdienstes ausgerufen „Maranatha". Schon der Apostel Paulus spricht das aus, am Ende des 1. Korintherbriefs. Der Gemeinde in Korinth war dieses fremd klingende Sätzlein offenbar schon bekannt. Das Wort war tatsächlich ein ganzer Satz. Die aramäischen Worte heißen zu Deutsch: „Unser Herr kommt". Sie sind der Ausdruck fröhlicher Zuversicht, dass der von Gott gesandte Helfer zu seinem Volk kommt - nicht nur vielleicht, sondern wahrhaftig. Man kann sich darauf verlassen. Allerdings lassen sich die Worte auch anders übersetzen. Dann sprechen sie eine dringliche, sehnsüchtige Bitte aus, dass der Herr doch schleunigst kommen möge: „Unser Herr, komm bitte!". Er soll, er muss kommen, um nach dem Rechten zu sehen. Der Satz spricht im Grunde beides aus: Er möge endlich kommen, und: er kommt gewiss.

Unser Predigttext steht nun im Alten Testament. Wir Christen haben das Hören auf diesen ersten Teil unserer Bibel nötig. Es ist der Teil in ihr, den wir mit den Juden gemeinsam als Heilige Schrift haben. Und wie Jesaja Kapitel 40 uns zeigt, haben wir Christen mit den Juden immer auch noch zu warten, so wie es jener Ruf des Apostels Paulus erneut zum Ausdruck bringt: Maranatha, Er, der von Gott zu unserem Heil Gesandte, möge doch bitte kommen, und er kommt ja gewiss. Wer ist der, auf den auch wir Christen warten und dem wir entgegen gehen? Davon redet die Botschaft des Propheten.

Wir erfahren Näheres, wenn wir zunächst darauf achten, wohin er kommt Es heißt: „In der Wüste bahnt dem Herrn den Weg!" Dahin kommt er, der Herr aller Herren: in die Wüste. Gottes Kommen ist geradezu ein einziger, unaufhaltsamer Zug hin die Wüste hinein. Und dort ist nicht gut sein. Wenn möglich macht man einen Bogen um sie herum und geht ihr aus dem Weg. Und baut man heute auch Wüstenstraßen, dann, um möglichst schnell durch sie hindurch und wieder aus der Wüste herauszukommen. Gott will hingegen auf einer Straße kommen, die ihn umgekehrt hinführt mitten in sie hinein.

Ich denke, das zeigt uns ein Zweifaches. Das zeigt einmal die Größe des da Kommenden. Die Herrschaft derer, die in unsrer Welt das Sagen haben, hört gleichsam am Rande der Wüste auf. Aber die Herrschaft des da Kommenden hört offenbar auch dort nicht auf. Auch der Bereich der Wüste und des Wüsten, auch der Unordnung und der todgefährlichen Not ist ihm nicht fremd, ist nicht seiner Hand entglitten und seiner Regentschaft entzogen. Er bestimmt nicht nur über einige, sondern über alle Bereiche unseres Lebens. Das unterscheidet ihn von allen anderen Mächten dieser Erde. Die gebärden sich zwar leicht als totalitär und haben leider oft einen ziemlich langen Atem. Aber es gib immer Bereiche, an denen erweist sich ihr Arm als zu kurz. Da reichen sie nicht hin. Gottlob! Aber gottlob erst recht: denn Gott unser Erbarmer ist der Regent über unser ganzes Leben und über alle seine Bereiche. Sein Arm kann überall eingreifen.

Dass Er aber gerade in die Wüste hinein kommen will, das zeigt zugleich auch, um welche Art von „Herrn" es sich da handelt. Das zeigt nämlich auch seine große Armut. Die Wüste ist ja nun einmal, wie der Name sagt, ein lebensfeindlicher Ort. Schrecklich, ja höllisch gefährlich, da hinein zu geraten. Da kann man wohl aufschreien „Mich dürstet!" Da kann man umkommen und verloren gehen. Manche Redensarten erinnern uns daran: Sand in die Augen streuen oder den Kopf in den Sand stecken macht blind, und wenn Sand im Getriebe ist, dann geht eben nichts mehr. Wir kennen auch die Phrase, jemanden in die Wüste schicken. Das heißt soviel wie: ihn unehrenhaft entlassen, ihn entfernen und davon jagen. In solche Wüstenei geht unser Meister, dahinein, wo er doch selber in Bedrängnis gerät und in Lebensgefahr. Auch darin und darin erst recht unterscheidet er sich von all den Größen dieser Erde. Die machen uns Eindruck, weil sie so leuchtend an den jubelnden Menschen vorbeiziehen, auf einem roten Teppich. Er dagegen geht in die gottverlassene Wüste. Was für eine Erniedrigung für ihn!

Warum mutet er sich das zu? Er kommt darum in die Wüste, weil er zu uns kommen will. Denn ob wir es merken oder nicht, ob wir zufrieden sind mit uns oder nicht, wir befinden uns gleichsam in der Wüste: an einem unfruchtbaren Ort, wo keine guten Früchte wachsen, in einer Trockenheit, wo wir schrecklich dürsten nach Zuwendung, nach Liebe, nach einem Verstandenwerden, in einer hoffnungslosen Gegend, wo uns der Boden unter den Füßen weggenommen wird, wo man zuletzt nur noch sterben kann. Da sind wir. Unser Bibelwort redet davon, dass es dort Berge hat und zugleich Täler. O diese Berge, die sich vor uns auftürmen, und dann wissen wir auf einmal nicht mehr weiter und kommen nicht mehr weiter. Und o diese Täler, Schluchten, Abgründe, die sich vor uns auftun und in die wir allzu leicht stürzen. Und manchmal sind wir selber gleichsam solche Berge, bilden uns etwas auf uns ein und schauen auf Andere verächtlich hinab. Und zuweilen sind wir selber gleichsam auch solche, die sich vorkommen wie an einem Abgrund und sind vielleicht schon in einem Loch.

Und genau dahin kommt jener wahre Herr. Er kommt zu uns. Wozu denn das? Dazu, sagt unser Bibelwort, „dass die Herrlichkeit des Herrn sich offenbare und dass alle ihn sehen". Mitten in unserer Wüsteneien geht uns da ein Licht auf. Mitten im Dunklen geht da die Sonne auf. Mitten in Einsamkeit streckt sich uns da eine Hand entgegen. Ein vielfach ausgezeichneter Film trägt den Titel „Die Wüste lebt". Hier bei dem, was uns da zugesagt wird, gilt das erst recht: Damit, dass dieser Eine, der Höchste, zu uns kommt, an unseren wüsten Ort, damit ist es erst recht ganz wahr und gültig: „Die Wüste lebt"! Denn er macht gut, was wir verwirren. Er, der uns alle Schuld vergibt und das Böse zu überwinden vermag. Er, der unserer Eigenmächtigkeit und auch unserer Angst gewachsen ist. Er, der ein neues Leben in Friede und Gemeinwohl zu stiften vermag. In ihm offenbart sich die Herrlichkeit Gottes

Worin besteht also diese Herrlichkeit Gottes? Darin, dass eben das geschieht, was unser Bibelwort ausspricht: „Jedes Tal soll sich heben und jeder Berg und Hügel soll sich senken, und das Höckerige soll zur Ebene und die Höhen zum Talgrund werden." Wo die Herrlichkeit Gottes offenbar wird, da muss das geschehen. Gott ist darin herrlich, dass das geschieht. Das geschieht da, dass die turmhohen Berge, die sich vor uns erheben und wo wir nicht mehr weiter wissen, verschwinden. Und das geschieht, dass die Abgründe, die uns verschlucken wollen, nicht mehr erschrecken, darum nicht, weil sie zugeschüttet werden. Da geschieht das, was Maria, die Mutter Jesu, trotz ihrer Verzagtheit in Erwartung des Kommenden angestimmt hat: „Meine Seele erhebt den Herrn, denn er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut die Hochmütigen. Er stößt die Gewaltigen von ihrem Thron und erhebt die Erniedrigten und Beleidigten. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen" (Lk.1,52f.). Es ist das Lied der unbesiegbaren Hoffnung, das noch heute die Hoffnungslosen anstimmen.

Genauer noch, so sagt der Prophet: „Und alle werden dann miteinander dies sehen." Da wird keiner mehr über dem Anderen stehen und keiner mehr unter dem Anderen. Da werden die Spitzenkräfte und die aus den unteren Schichten der Menschheit auf dem gleichen Boden stehen. Die Hohen und die Niedrigen, die so abgehobenen Reichen und die so weithin vergessenen Armen, die Gescheiten und die Einfachen, wir satten Wohlstandsmenschen und der arme Lazarus vor unserer Türe, aber auch die Gläubigen und die Ungläubigen - sie alle, wir alle werden dann nebeneinander stehen. Alle nur eben vergängliche, sündige, arme, trostbedürftige Menschen. All solche, die ohne Gottes Eingreifen verloren sind, Aber alle darin gleich, dass sie sich gottlob auf den ewigen Erbarmer verlassen dürfen.

Dem Kommen dieses königlichen Erbarmers sehen wir entgegen. Aber diese Aussicht kann und nicht faul machen. Wir sehen seinem Kommen entgegen, indem wir ihm entgegen-kommen. Wir rechnen dann recht mit ihm, wenn wir rüstig an der Arbeit sind. Etwa so, wie wir bei der Erwartung eines hohen Besuchs die Empfangsräume gründlich putzen. Unser Bibelwort beschreibt solche Art in noch einem anderen Bild: „Bereitet dem Herrn den Weg!" Das ist nicht viel, aber das können wir tun. Wir können unserem Nächsten wohl nicht das Heil verschaffen. Aber das können wir und das dürfen wir sein: des lieben Gottes Straßenarbeiter, seine „Wegknechte", wie man in der Schweiz sagt, und seine Wegmägde. Nicht weniger als das! Es gibt so viele Sofachristen und Lehnstuhlgläubige. Ihr Christenleben hat sich in den Ruhestand zurückgezogen. Sie stehen dem Heiland der Menschen im Weg. Sie nützen ihm und den von ihm geliebten Bedürftigen nichts. Sind sie überhaupt Christen? Man merkt es ihnen jedenfalls nicht an. Bitte, Knechte Jesu Christi seid ihr! Ihr habt alle Hände voll zu tun. Und ihr müsst euch nicht wundern, wenn eure Hände dabei schmutzig werden und ihr dabei ins Schwitzen kommt. Nikolaus von Zinzendorf hat gedichtet: „O ihr Gottes Gottesstreiter, / wisst ihr, was ihr sollt? / Ihr seid Wegbereiter, / wo sein Wagen rollt, / dass er desto gräder / könne vor sich gehn."

Das deutet an, was ihr als Gottes Wegbereiter zu tun habt. Nämlich etwas, was zu jenem Abbauen des Hohen und jenem Erheben des Niedrigen passt. Dazu habt ihr keine Waffen in der Hand. Im Grunde könnt ihr dabei nur mit einem schaffen: mit einem Wort und Zeichen des Friedens. Damit steht ihr ein für ein Abbauen des Selbstherrlichen und für ein Aufrichten des Niedergeschlagenen und am Boden Liegenden. Wie viel Berge an Eigenmächtigkeit, welche Höhen von Vorurteilen und Misstrauen gilt es unter uns Menschen abzutragen. Nach dem Wort Gottes wollen wir uns bitte daran beteiligen. Und wie viele Abgründe von Einsamkeit, welche Schluchten von Orientierungslosigkeit und Sinnlosigkeit, die aufzufüllen sind, wie viel Erniedrigte und Beleidigte, denen unter die Arme gegriffen werden muss. Nach dem Wort Gottes wollen wir da bitte Beistand leisten. Man tut übrigens gut daran, sich an die Regel zu halten, den Hochmut, den es abzutragen gilt, in erster Linie bei sich selbst zu suchen, und die Notwendigkeit, sich zu erbarmen, in erster Linie bei Anderen aufzuspüren. Auf alle Fälle haben wir alle Hände voll zu tun und unseren Kopf sinnen zu lassen, um dem Heiland der Menschen den Weg zu bereiten. Maranatha - Er kommt, und er komme bitte. Und ihr? Ihr seid seine Straßenarbeiter und Wegbereiter.

 



Prof. Dr. Eberhard Busch
37133 Friedland
E-Mail: ebusch@gwdg.de.

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