Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Trinitatis, 06.07.2014

Der Schwarze Peter zählt nicht mehr
Predigt zu Hesekiel 18:1-4, 21-24, 30-32, verfasst von Bernd Giehl

 

Liebe Gemeinde!

Erinnern Sie sich noch an das Spiel „Schwarzer Peter"? Ich glaube, ich habe es in meiner Kindheit mit Eltern und Geschwistern gespielt. Die Regeln sind einfach. Jeder Spieler bekommt eine Anzahl von Karten und wer ein Paar hat, darf ablegen. Im anderen Fall muss man beim anderen ziehen. Wenn einer zwei Karten mit gleichem Motiv hat, darf er sie ablegen. Es gibt nur eine Karte, die nicht doppelt vorhanden ist, das ist der „Schwarze Peter". Wer die am Ende in der Hand hält, hat verloren.

Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dieses alte Kartenspiel. Heute spielen Eltern mit ihren Kindern eher Mensch ärgere dich nicht oder Monopoly oder am liebsten die pädagogisch wertvollen Spiele, denn die Kinder sollen ja auch beim Spielen lernen; schließlich geht es auch im Leben ums Weiterkommen. Warum das Spiel verschwunden ist, kann ich nur vermuten. Ich nehme an, die Psychologie ist uns dazwischengeraten. Oder konkreter gesagt, ein Buch eines amerikanischen Psychologen Eric Berne, von dem die Meisten wahrscheinlich schon einmal gehört haben. Es heißt „Spiele der Erwachsenen". In diesem Buch geht es um Verhaltensmuster, die Menschen immer wieder an den Tag legen. Es beschreibt, wie Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen, womöglich ohne es zu wollen und wie man einen besseren Umgang miteinander lernen kann. Eric Berne geht davon aus, dass vieles, was wir sagen, vom Unbewussten gesteuert ist und dass wir zu besseren Lösungen kommen, wenn uns bewusst ist, warum wir uns so oder so verhalten. Oft könnten wir auf diese Weise , so meint Berne jedenfalls, zu besseren Lösungen kommen, weil Konflikte leichter zu lösen sind, wenn wir verstehen, warum wir selbst und warum der andere sich so verhält.

Vermutlich gilt das auch beim „Schwarze Peter" Spiel. Wir alle spielen dieses Spiel, und meist spielen wir es nicht ganz freiwillig. Irgendetwas geht schief und dann will keiner verantwortlich sein. Meist ist es ja wirklich so, dass mehrere Menschen beteiligt sind. Nur selten trägt einer allein die Schuld; dann wäre es ja einfach. Nur halten wir die komplizierten Verflechtungen kaum aus. Wir wollen, dass einer verantwortlich ist und wir wollen außerdem, dass wir es möglichst nicht sind. Wenn es schon einen Schwarzen Peter geben muss, dann wollen wir ihn möglichst nicht in der Hand halten. Also muss er weitergeschoben werden. Am besten an die, die sich nicht oder nicht mehr wehren können.

„Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind die Zähne davon stumpf geworden."

Den Vätern die Schuld geben, das ist gut. Die zumindest können nicht widersprechen. Sie sind ja längst tot.

Und damit ist schon alles klar. Wer so argumentiert, der kann nicht Recht haben. Alle Schuld auf Leute zu schieben, die sich nicht mehr wehren können, ist unfair. Und wer unfair ist, hat nicht Recht. Kann nicht Recht haben.

Noch Fragen? Tatsächlich. Da hinten in der Ecke hat tatsächlich noch jemand eine Frage. Was sagen Sie? Sie meinen, wir wüssten noch überhaupt nicht, worum es geht? Und deshalb könnten wir uns auch noch kein Urteil bilden? Nun ja, so ganz falsch ist das ja wirklich nicht...

Man muss erst einmal verstehen, ehe man urteilen kann.

 

Nein, so einfach ist es wirklich nicht. Nicht einmal dann, wenn der Prophet sich mit aller Schärfe gegen dieses Sprichwort wehrt. Aber hat er nicht sogar von Gott den Auftrag zu seiner Prophetenrede bekommen? Genau das drückt er doch durch seinen einleitenden Satz aus: „Und des Herrn Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israel für ein Sprichwort: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden?"

Wenn also Gott selbst hier redet, wer wagt es dann ihm zu widersprechen?

Man würde also gern schweigen, schon allein um nicht den Zorn der versammelten Gemeinde auf sich zu ziehen. Nur dass einem leider schon wieder ein paar Argumente einfallen, die sagen: So einfach kannst du es dir auch nicht machen. Das Sprichwort hatte eben doch seine Berechtigung. Was konnten denn, bitte, die, die es geprägt hatten, für die Situation, in der sie lebten? Der Prophet hat die Situation doch am eigenen Leib erfahren. Er gehörte zu den ersten, die von den Babyloniern verschleppt worden waren. Das war zehn Jahre vor der eigentlichen Eroberung des Landes geschehen und danach war die Oberschicht ebenfalls nach Babylonien deportiert worden. Es war Konsens unter den Theologen, dass die Babylonier Israel nicht allein deshalb erobert und viele deportiert hatten, weil sie nun einmal mächtiger waren als das kleine Israel. Jahwe selbst hatte Israel in die Hand seiner Feinde gegeben. So hatten es die Propheten über die Jahrhunderte hin angekündigt, so war es nun auch gekommen.

Eine Erklärung, die sicher einige Probleme löste. Aber wie das immer so ist mit solchen Denkmodellen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind: Sie lösen nicht nur Probleme; sie schaffen auch neue. Gelöst war die Frage, warum Jahwe ihnen nicht beigestanden hatte. Entstanden war eine neues Problem: Warum die bestraft worden sind, die wenig oder gar nichts dafür können. Immer haben die Propheten - auch Hesekiel - von der Generationenfolge gesprochen, die sich an Gott oder an den Mitmenschen versündigt haben. Und auch das Gericht - also die Deportation ins fremde Land haben sie nicht nur als Strafe für die Gegenwart gedeutet. Aber kann Gott wirklich die Kinder für die Sünden der Väter bestrafen?

Nun ist dieser Gedanke nicht unbedingt neu. Eigentlich kommt er schon in den Zehn Geboten vor. „Bete sie (die falschen Götter) nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, Jahwe, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Sünden der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an denen, die mich lieben und meine Gebote halten." (Exodus20,5f.)

Mir ist keine Stelle im Alten Testament in Erinnerung, wo sich jemand gegen diesen Gedanken wehrt. So ist es eben. Ob es gut oder schlecht ist; es wird nicht in Frage gestellt. Erst hier, wo Menschen am eigenen Leib erfahren, was das heißt, für die Sünden der Vorfahren leiden zu müssen, wird es virulent. Plötzlich wird die Kehrseite der Medaille sichtbar. Wenn der Sieg der Babylonier wirklich auf das Wirken Jahwes zurückzuführen ist, dann ist er zwar immer noch stärker als die Götter der Babylonier, dann hat er sie benutzt, um seinen Willen zu vollstrecken, aber dann steht seine Gerechtigkeit infrage. Denn dann sind sie alle gleich: jung oder alt, schuldig oder unschuldig spielt keine Rolle mehr.

Also ist Gott entweder ungerecht oder den Göttern der Babylonier unterlegen. Das ist das Dilemma, das der Prophet irgendwie auflösen muss.

Ob Hesekiel es in dieser Schärfe gesehen hat? Ich glaube nicht. Aber er spürt die Herausforderung, und er nimmt sie an. Das immerhin wird man sagen dürfen. Im Grunde ist er ja ebenfalls der Ansicht, dass das Exil in Babylon die Strafe Gottes für die Sünden des Volkes ist. Auch er steht in der Tradition der Propheten des Unheils, angefangen bei Micha im 9. Jahrhundert bis hin zu seinem Zeitgenossen Jeremia. Und doch wendet er sich mit aller Schärfe gegen das Sprichwort von den sauren Trauben, die die Väter aßen und von den stumpfen Zähnen der Kinder. So will Gott es nicht, sagt er. Gott bestraft nur den Schuldigen.

Paradoxer geht es wohl wirklich nicht.

 

An der Stelle muss ich wohl doch noch einmal einen Schritt zurückgehen. Und ein wenig grundsätzlich werden. Wirklichkeit, so könnte man sagen, ist nie ganz eindeutig. Sie ist nicht nur schwarz oder weiß. Sie ist meist vielschichtiger, als wir sie wahrnehmen. Und viele Faktoren sind uns gar nicht bewusst. Nur weil es in der Zeitung stand, braucht es noch nicht wahr zu sein. Fast immer fließen Vermutungen ein oder eigene Bewertungen. Aber soll derjenige, der etwas schreibt, das so kennzeichnen? Viel zu kompliziert würde der Leser sagen und die Zeitung weglegen. Also bin ich als Leser auch daran beteiligt, dass die Zeitung die Dinge öfter einfacher darstellt als sie sind.

So oder so ähnlich ist es auch mit Vergangenheit und Gegenwart. Die Vergangenheit bestimmt unsere Gegenwart mit; sie ist vielleicht mächtiger als wir denken, aber sie bestimmt nicht alles. Es gibt immer noch die Verantwortung des Einzelnen für sein Leben. Das ist das Konzept der Psychotherapie, und auch wenn es noch ungefähr 2500 Jahre dauern sollte, bis Sigmund Freud sie erfand, so folgt doch der Prophet Hesekiel dieser Spur. Wenn ich ihn in die Sprache der Psychotherapeuten übersetze, dann sagt er ungefähr folgendes: Die Vergangenheit mag mächtig sein; sie mag euer Leben zum großen Teil bestimmen, aber ihr solltet eins wissen: Sie ist vergangen.

 

Schlucken Sie jetzt? Womöglich würden Sie mir jetzt gern aufgrund der eigenen Lebenserfahrung gern widersprechen. In einem Gottesdienst tut man das normalerweise nicht, aber ich will den Einwand gern aufnehmen. In meiner früheren Gemeinde in Wiesbaden kannte ich eine fromme Frau, die sehr verbittert war. Sie war 1946 mit ihrer Familie aus der Tschechoslowakei vertrieben worden, und sie hatte das nie überwunden. Egal wo sie mich traf; ob im Gottesdienst, auf der Straße, bei einem Geburtstagsbesuch oder im Bus; spätestens nach fünf Minuten war sie beim Thema. Wie die Slowaken sie und ihre Familie gehasst und was sie ihr angetan hatten. Am Ende war die Vertreibung sechzig Jahre her, aber sie lebte nur in der Vergangenheit. Erzählte von den Weinbergen, die sie gehabt hatten. Von dem Haus, in dem sie gelebt hatten. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie sei immer noch nicht in Deutschland angekommen. Sie war eingebettet in eine Familie; der Sohn wohnte im selben Haus wie die Mutter, und die Familie des Bruders wohnte in der Nachbarschaft, man hielt zusammen, es war wirklich eine große Familie, wie man sie heute kaum noch findet, aber es half alles nichts. Sie kam von der Vergangenheit nicht los. Wie die Slowaken sie behandelt hatten. Und wie heruntergekommen jetzt dort alles war. Manchmal kam es mir vor, als wären nicht sechzig Jahre seither vergangen, sondern zwei.

Gewiss, Menschen die mit solcher Verbissenheit an einem Unrecht festhalten, das andere ihnen vor Jahrzehnten zugefügt haben, sind selten. Womöglich können sie nur deshalb nicht loslassen, weil sie nicht wissen, was an die Stelle der Verletzung treten soll, wenn sie selbst sie nicht mehr so wichtig nähmen. Aber das kann nicht jemand wie ich ihnen sagen sondern nur ein Therapeut, der in der Lage ist, sie aufzufangen, wenn die Wucht dieser Erkenntnis tatsächlich bis zu ihnen durchdringen sollte.

 

Aber jetzt möchte ich noch einmal zu meinem Text zurückkehren. An der Stelle muss ich nun gestehen, dass mir etwas fehlt. Das Problem ist klar erkannt, aber die Lösung erscheint mir etwas dürftig. Keiner stirbt für die Schuld eines anderen, so formuliert es Hesekiel; jeder hat die Chance umzukehren. Womöglich ist es gar nicht einmal die Botschaft, die es mir schwermacht, ihr zuzustimmen, es ist eher die Form. Wie einer der die Paragraphen eines Gesetzes formuliert, so zählt Hesekiel auf, was geschehen wird. „Wenn nun einer gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit übt" und dann folgen alle möglichen Vergehen, von denen er sich fernhalten soll, so einer, sagt der Prophet, „wird sein Leben behalten." Da kann einer offensichtlich nicht über seinen Schatten springen. Da ist einer selbst in der Vergangenheit gefangen. Da kann er sich nicht lösen von all den Gräueln, die er vielleicht gesehen hat oder sich auch nur vorstellt. Weder empfindet er das Mitgefühl eines Jeremia, der zur selben Zeit lebt und fast verzweifelt an den Unheilsworten, die er auszurichten hat, noch kann er eine bessere Zukunft sehen, in der Israel Heil von Gott herkommt, wie es nicht lange nach ihm sein Zeitgenosse Deuterojesaja verkünden wird.

Ob man einen Propheten dafür kritisieren darf? Zunächst einmal ist er der, der er ist. Er kann ebensowenig aus seiner Haut heraus wie irgendjemand von uns. Und egal wie man sich den Empfang von Gottes Botschaft, die er weitergeben soll, nun vorstellt: Auch ein Prophet hat Antennen, die bestimmte Schwingungen empfangen und andere nicht.

Glücklicherweise gibt es aber auch die anderen, die angesichts des Unheils, das wir in der Welt vorfinden, nicht nur sagen: Haltet euch an Gottes Gebote, dann werdet ihr leben. Es gibt auch die, die erkennen, dass das nicht reicht. Dass man die Verstrickungen in denen viele sich befinden, nur dadurch lösen kann, dass man sagt: Gott ist gnädig. Er kommt um dir zu helfen. So hat es ein Deuterojesaja formuliert, und so hat es vor allem Jesus gepredigt und vorgelebt. Wenn die Schuld vergeben wird, wenn die Verstrickung mit der Vergangenheit gelöst, wenn Zukunft eröffnet wird, dann muss man auch den Schwarzen Peter nicht mehr weitergeben. Dann hat man nicht mehr verloren, wenn man ihn als letzter in der Hand hält. Denn dann zählt er einfach nicht mehr.

 



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)