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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Trinitatis, 06.07.2014

„Macht Euch ein neues Herz und einen neuen Geist!“
Predigt zu Hesekiel 18:1-4, 21-24, 30-32, verfasst von Michael Ebener

 

1.

Der alte Adam lebt, und die alte Eva auch!

Beide sind in uns, auch wenn sie längst gestorben sind. Ob wir das wollen, oder nicht: Wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns waren. Wir tragen ein Vermächtnis, das uns manchmal hilft und manchmal hindert. Wir sind Erben sowohl materieller Güter wie auch von Gedanken und Einstellungen. Wir tragen unsere Mütter und Väter in uns, mit uns, und unsere Großmütter und Großväter auch, und unsere Ureltern - zurück bis in Zeiten, die wir uns kaum vorstellen können.

Das ist oft anstrengend. Aber auch der Grund dafür, dass wir Menschen uns überhaupt verstehen - wissen, wer und wie wir sind und waren, und sogar Worte, die vor Jahrtausenden aufgeschrieben worden sind, noch immer lesen. Dass solche Worte, so sie aus der Bibel stammen, uns angehen und treffen, liegt daran, dass sie schon für Adam und Eva galten, dass sie im Volk Israel gehört, bedacht und gelebt wurden und dann, vermittelt durch Propheten und Apostel, bis zu uns getragen worden sind.

Und deshalb prüfen Sie bitte das Bild und seinen Inhalt: Es ist doch wahr, auch unsere Erfahrung, nicht nur im Lande Israel - auch hier, in dem, was wir leben und manchmal leiden: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." (Hesekiel 18, 2)


2.

Die Eltern essen saure Trauben, den Kindern werden die Zähnen stumpf ...

Die Alten schwadronieren vom großen Krieg, der alles läutern soll, wollen einen „Platz an der Sonne" und spielen mit Kanonenbooten, glauben an Nation und Volk und Vaterland, streben nach den Lorbeerblättern auf dem „Feld der Ehre" und säen so über Jahre, Jahrzehnte diese Saat, diese Gedanken ein in die Köpfe und Herzen der jungen Männer, die vor genau einhundert Jahren begeistert die Fahnen schwenken und fröhlich in den Krieg ziehen: Weihnachten wieder zu Hause als „Helden"! Kann jemand ihre Gräber zählen, kann jemand wiedergutmachen?

Saure Trauben, stumpfe Zähne: ein düsterer Zusammenhang der Schuldverstrickung von einer Generation über die nächste gebracht, selbst schon geerbt von den vorigen, weitergetragen in die übernächste. Die wird sich dann aus ähnlichen Motiven, aus ähnlicher Dummheit, in einen nächsten Krieg stürzen, die Scheitel geraderückt und HJ-Lieder singend. Die Wunden von all dem heilen langsam; das Saure dieser Todestrauben zieht noch uns den Mund zusammen. Auch wenn Vergangenes lang vergangen ist, lebt es noch ...

Die Eltern essen saure Trauben, den Kindern werden die Zähnen stumpf ...

Warum soll das Kind können, was ich selbst nicht kann? Warum soll ich den Wecker stellen, den Tag beginnen, der Lehrerin antworten, zum Elternsprechtag gehen, einen Blick auf Hausaufgaben und auf Zeugnisse werfen? Haben meine „Alten" auch nicht getan! Und man lebt doch irgendwie auch, „ohne": ohne Abschluss, ohne Beruf, ohne Tagesstruktur. Der Fernseher läuft und das Elend der anderen, noch Schlimmeren flackert zur Beruhigung. Das Bier, der Zigarettennebel. Das Kind ist ruhig, dem fehlt doch nichts: Großbildfernsehen, dreihundert Programme, Playstation, Smartphone.

Und das arme Menschenkind schiebt sich die Trinkflasche mit dem bunten Fruchtsaftzuckergetränk in den Mund, fünf Liter zu neunundsiebzig Cent, bis die Zähne verfaulen ... - Saure Trauben über Familienzusammenhänge gelegt von Generation zu Generation, der alltägliche Alptraum der Sozialarbeiter. Kein Rauskommen, nur stumpfe Wiederholung des immer Gleichen. Wie schwer ist Neuanfang, wenn die Vergangenheit noch klebt!

Die Eltern essen saure Trauben, den Kindern werden die Zähnen stumpf ...

So haben sie damals auch gedacht im Volk Israel zur Zeit des Propheten Hesekiel im sechsten Jahrhundert vor Christus, im Exil in Babylon.

Sie sind am Leben. Ja. Aber was ist das für ein Leben? Sie haben ihre Harfen frustriert in die Weiden gehängt und weinen, wenn sie an all das denken, was sie verloren haben: Das Land, die Stadt, den Tempel. Das religiöse Herz des Volkes ist herausgerissen. Die Wissenden sind verschleppt, zwischen Euphrat und Tigris geworfen und ihrem Schicksal überlassen.

Wie konnte das passieren? - „Die Alten sind schuld", die Generation der Väter und Mütter, so tröstet das Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Die Alten waren's, die hatten sich mit den mächtigen Völkern der Umgebung angelegt, wollten sich als unbedeutende Kleinnation militärisch behaupten unter den Großen und nun sitzen die Söhne, die Töchter im Dreck: sauer, mit stumpfem Belang auf Zähnen, ohne jede versöhnliche Perspektive.

Das ist kein historischer Kurzabriss! Das ist dieselbe Trostlosigkeit und unterschwellige Gewalttätigkeit, die in jedem - jedem! - Flüchtlingscamp gärt, in dem die Menschen auch heute langsam die Hoffnung verlieren und den Mund nicht mehr öffnen, weil alles Leben schal schmeckt. Sie begraben schon ihre Herzen, obwohl sie noch am Leben sind.


3.

Saure Trauben, stumpfe Zähne - das ist ein Zusammenhang, den wir kennen: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Für solche Weisheit braucht es keine Bibel und solch ein Sprichwort auszulegen, ist keine Predigt! - Was also sagt Gott dazu?

Zum Glück sagt ER was dazu: „So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel." - „In Israel" steht hier, aber das spielt jetzt nur noch eine Nebenrolle, denn was kommt, gilt uns allen: „Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.

Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?

Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben.

Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR." Und wieder: Nicht nur das „Haus Israel" soll gerichtet werden „ein jeder nach seinem Weg": „Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben." (Hesekiel 18, 3-4.21-24.30-32)


4.

Schluss mit dem lahmen Blick in die Schuldgeschichten der Vergangenheit, um die Versäumnisse der eigenen Gegenwart zu entschuldigen: „Wir konnten ja nicht anders!"

Doch, konnten wir und können wir!

Manches von dem, was wir tun und lassen, liegt in den Genen, liegt an den Werten, die wir mit der Muttermilch aufgesogen haben, liegt an unserer gesellschaftlichen Herkunft und an unserem kulturellen Kontext. Trotzdem soll Schluss sein mit den Schuldgeschichten der Vergangenheit, um mich selbst zu entlasten: Was ich tue, zählt - auf welchem Weg ich gehe, danach wird das Ziel sein, auf das ich zulaufe: Tod oder Leben, Rache oder Hoffnung, Dummheit oder Wissen, Lähmung oder Aufbruch, Schweigen oder Neuanfang, Vergangenheit oder Zukunft!

Die Eltern essen saure Trauben, den Kindern werden die Zähne stumpf ... - Ja, so ist das! Auch wir vererben unseren Körperbau und unsere Nasenform, Güter und Gedanken. Und genau so haben wir all das bekommen von denen, die vor uns waren. Aber das sind nur die Karten im Spiel, das wir „Leben" nennen. Wie wir sie ausspielen, was wir damit machen - von dieser Verantwortung spricht uns nichts und niemand frei. Auch Gott nicht, der sonst so gern vergibt. Wir wissen, was gut ist und wir wissen, was schlecht ist. Und auch wenn wir manchmal nicht anders können, können wir doch spätestens beim nächsten Mal anders. Dass wir diese Chance so oft nicht ergreifen, mit der Zunge wieder und wieder über die stumpfen Zähne fahren und den Blick lieber zurückwerfen auf die Sünden der Väter und Mütter als auf die eigenen, davon entlastet uns niemand. Es ist schwer zu sagen, was das je Eigene ist. Der alte Adam lebt in uns, und die alte Eva auch. Wir stehen auf den Schultern anderer, sind Erben materieller Güter und von Gedanken, löffeln Suppen aus, die andere lange vor uns eingebrockt haben. Dass aber Gott uns gerade nicht im Vergangenen behaftet, viel lieber will, dass wir den Blick heben und nach vorne schauen, das ist eine große „Gnade". Ich weiß kein anderes Wort dafür.

Und deshalb gehört zu dem Ganzen noch, dass wir als Gnade Empfangende, die eine Zukunft wollen, auch selbst vergeben. Gerade den eigenen Vätern und Müttern. Ihre Fehler soll man erkennen, darf man benennen und in keinem Stück beschönigen, aber dennoch gehört zum endgültigen Erwachsenwerden, das einen auch mit fünfundneunzig noch ereilen kann, zum Freiwerden, die Alten mit ihren Fehler zu nehmen und wenn es geht, sie ihnen auch nachzusehen - mit einem Herzen, so rein wie möglich. Wir haben keine anderen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und stehen auf ihren Schultern, ob wir das wollen oder nicht. Wenn wir hier nicht das Vergeben üben, bleibt der elende Pelz auf den Zähnen und nichts Neues kann wachsen.

Der Mensch ohne Herkommen ist eine moderne Lüge.

Dass der Mensch nur aus Herkommen lebt, ist eine alte Lüge.

„Macht Euch ein neues Herz und einen neuen Geist, sagt Gott, bekehrt Euch, so werdet ihr leben!"
Ich will heute Morgen dieses glasklare Wort nicht brechen, das uns behaftet beim eigenen Tun und Lassen, das uns viel zutraut und unter dem wir doch gewiss sein dürfen, dass Gott uns niemals vor unlösbare Aufgaben stellt. Ich will dieses Wort nicht brechen, denn das ist es, was uns heute von Gott selbst gesagt ist in die traubensauren Zusammenhänge hinein, in denen uns die Zähne stumpf sind und wo wir es nötig haben, damit wir frei werden: „Macht Euch ein neues Herz und einen neuen Geist" - in die Zukunft schauen und nicht in der Vergangenheit kleben! Über den fernen Propheten Hesekiel ist uns das gesagt, dessen Namen wir kaum aussprechen können und auf dessen Schultern wir doch genauso stehen, wie zum Beispiel auf den Schultern des Apostel Paulus, der das alles so nicht sagen würde. Hesekiels Worte gehen uns an und treffen uns, gerade weil der alte Adam in uns lebt, und die alte Eva auch: „Macht Euch ein neues Herz und einen neuen Geist, bekehrt Euch, so werdet ihr leben!" Das Vergangene darf vergangen sein und selbst, wenn‘s noch lebt, soll's nicht mehr zählen.


5.

Wenn Du, lieber HErr und Gott, willst, dass das gelingt, dann hilf uns dazu! Unser altes, träges Herzlein will schon lange wieder springen, und Du glaubst ja nicht, wie sehr unser alte Geist sich nach Erfrischung sehnt ...

Amen.




Pastor Michael Ebener
37073 Göttingen
E-Mail: michael.ebener@refo-goettingen.de

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