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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Trinitatis, 06.07.2014

Predigt zu Hesekiel 18:1-4. 21-24. 30-32, verfasst von Arnd Heling

 

Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden"? 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. 4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.

21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Greueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben.

30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. 31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? 32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

 

Liebe Gemeinde,

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt, und der uns hilft zu leben

Vom Anfängerglück, wortwörtlich, spricht Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht Stufen; es soll das beliebteste Gedicht der Deutschen sein. Gemeint sind die Lebensstufen von der Kindheit über die Jugend bis hin zum hohen Alter. Das Leben selbst stellt jeden von uns immer wieder vor neue Aufgaben, die in der jeweiligen Lebensstufe und nur dort zu bestehen und bewältigen sind. Lebensglück, -weisheit, -klugheit oder wie immer wir es nennen wollen, hängt ganz wesentlich davon ab, ob und wie wir uns den jeweiligen Neuanfängen stellen. Das Altwerden, ja sogar die Vorbereitung auf das Sterben ist ebenso eine Aufgabe wie das Kindsein; als Jugendlicher oder junger Erwachsener hat man eine andere Sicht auf das Leben und die Welt denn als Mutter oder Vater in den mittleren Jahren mit beruflichen und häuslichen Pflichten und der Verantwortung für andere. Hermann Hesse wirbt dafür, die verschiedenen Lebensstufen jeweils ganz ernst und als produktive Aufgabe anzunehmen und in ihren Möglichkeiten und Grenzen zu ergründen: jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Wir dagegen neigen dazu, uns über das zu definieren, was wir geworden sind, was die Umstände, das Elternhaus, die Lebensgeschicke aus uns gemacht haben; wir vergleichen uns mit früher, z.B. mit dem was wir einmal konnten oder hatten. Wir nehmen besonders gern unsere schwindenden Möglichkeiten wahr: was alles nicht mehr geht, bedingt durch die komplizierter werdenden Umstände oder unser zunehmendes Lebensalter.

Fatalismus, Resignation, Mutlosigkeit, manchmal auch Zynismus sind die Folgen solcher Rückwärtsgewandtheit. Da ist es gut, den Blick nach vorn zu richten, besser noch, sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren. Wahrzunehmen, was hier und jetzt ist, und welche Aufgaben und Überraschungen der Tag, die Stunde, der Augenblick für uns bereithält.

Also nicht zu lamentieren über das Vergangene, sondern zu sagen: hier bin ich jetzt ..., ich atme ..., ich bin ..., ich bin am Leben ..., ich nehme wahr ....

Der Geist Gottes ruft uns in die Gegenwart.
Unter den Zeitgenossen Hesekiels gab es dieses Sprichwort: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden". Das ist Fatalismus. Gott aber ist kein zeitloses Fatum, kein blindes Schicksal. Hesekiel sagt: Dieser Satz gilt bei Gott nicht. Gott legt niemanden auf seine Vergangenheit festlegt, weder auf die seiner individuellen Lebensgeschichte, noch auf seine Familiengeschichte. Er legt insbesondere niemanden fest auf das, was seine Eltern, seine Väter getan haben. Schuld ist nicht übertragbar. Die gerechten Kinder eines Ungerechten, werden nach ihren eigenen Taten bemessen, und umgekehrt, die ungerechten Kinder eines gerechten Mannes, profitieren nicht von der Sündlosigkeit ihres Vaters. Auch eine Kollektivschuld, also das Eintreten aller für die vergangenen Sünden einer Mehrheit des Volkes schließt sich aus. Gott hat sich als derjenige erwiesen, der herausführt aus Gefangenschaften, der die Füße auf weiten Raum stellt, mit dem man über Mauern springen kann.

Und noch eine wichtige Aussage über Gott wird hier getroffen:
Gott hat kein Gefallen am Tod der Leute. Die Menschen sollen leben und nicht sterben. Bekehrt euch, denkt um, wechselt die Blickrichtung, so werdet ihr leben, sagt Gott durch seinen Profeten.

Und ein Drittes: Gott will, dass Recht und Gerechtigkeit herrschen zwischen den Menschen. Denn Recht und Gerechtigkeit garantieren das Leben. Recht und Gerechtigkeit sind gleichsam der Nährboden für alles gedeihliche Zusammenleben der Menschen. Dieser Nährboden aber wird immer aufs Neue durch die Menschen selbst vergiftet. Wo Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit herrschen, da herrscht der Tod.

Nicht der für unsere Ohren so hart klingende Satz: „Wer sündigt soll sterben" ist die Provokation dieser Prophetenrede; das war den Menschen eigentlich selbstverständlich. Sondern, dass Gott weder das Volk noch den Einzelnen auf seine sündhafte Vergangenheit festlegt, dass ihm jederzeit ein Ausstieg aus dem Verhängnis von Schuld und Vergeltung möglich ist. Darin erweist sich die Größe und Souveränität Gottes. Dass Umkehr möglich ist und zum Leben führt auch ohne adäquate Sühne oder Vergeltung. So liegt ein Hauch von Evangelium über diesem Text: Gott hat keinen Gefallen am Tod der Sünder, ihm liegt nichts an Vergeltung; ihm liegt aber sehr viel an der Umkehr an der Reue und Besinnung der Ungerechten. Und: Gott traut uns das zu: Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.

Uns ist das vertraut aus der Verkündigung Jesu.
Umkehr ist möglich, ein Neuanfang ist möglich. Änderung unseres Sinnens, Denkens und Trachtens ist möglich, wenn, ja wenn Gott uns solchen Neuanfang schenkt. Dann ist ein Neuanfang noch in der Todesstunde möglich, wie wir bei dem Verurteilten am Kreuz neben Jesus hören.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

So der Schluss von Hesses Stufengedicht.

Üben wir uns darin, dass wir uns selbst nicht und schon gar nicht andere auf unsere, auf ihre Vergangenheit festlegen, oder auf ihr Elternhaus, Ausbildung etc..

Unser Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" ist vielleicht eine dem Sprichwort von den sauren Trauben und den stumpfen Zähnen vergleichbare Redensart. Es mag ja sein, dass Menschen dies so beobachten, dass die Sünden der Väter nicht folgenlos für die Kinder sind, oder dass wir beobachten, welchen Einfluss erbliche und soziale Prägungen faktisch oft haben.
Es mag sein, dass wir dies immer wieder mal feststellen, aber daraus leitet sich niemals das Recht ab, einen Menschen darauf festzunageln. Nicht uns selbst und nicht andere. Dies zu tun, so verstehe ich Hesekiel, käme einer Lästerung Gottes gleich, denn Gott ist einer, der Aufbrüche, Anfänge schenkt, der unsere Zukunft will, der sich freut an guten Taten und Gedanken, die neue Perspektiven eröffnen. Der unsere Weiterentwicklung will, und der nicht will, dass wir irgendwann aufhören und resignieren oder uns fügen in die Unverbesserlichkeit der Welt und unserer selbst.

Die Botschaft des Hesekiel an uns, an dich und mich ist: Höre nicht auf, an das Gute in dir zu glauben, an das Bild, das Gott von dir hat, d. h. an deine Möglichkeiten; höre nicht auf zu hoffen, denn damit lästerst du Gott. Er, der die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, der kann auch dir einen neuen Anfang schenken.

Amen.

 



Pastor Dr. Arnd Heling
Schönwalde am Bungsberg, Ostholstein
E-Mail: arnd.heling@gmx.de

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