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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

7. Sonntag nach Trinitatis, 03.08.2014

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 16:2-3.11-18, verfasst von Andreas Dreyer

Anrede,

"und ich hatte so gehofft, der Herrgott drückt vielleicht einmal beide Augen zu und gibt ausnahmsweise einmal eine Extraration Kraft dazu. Damit er sie doch vielleicht schafft, die schwere OP. Trotz der schlechten Chance, denn das wusste ich ja. Obwohl ich natürlich weiß, dass man um so etwas nicht bitten darf und die Welt auch nicht so funktioniert..." 

Sie meinte dieses kleine bisschen mehr an Glück und Gelingen, diese Extraportion, die über das übers Normale hinausgeht. Denn er hatte sich doch immer so eingesetzt, für die Kirche, für die Gemeinde, für die Allgemeinheit, für den Glauben.  In der Tat, wer ihn kannte, der wusste: da war all die Jahre kein Tag vergangen, wo er nicht irgendwie für „die Kirche" dagewesen war. Und auch das stimmte, war keineswegs übertrieben: man konnte im Dorf fragen, wen man wollte, da war keiner, der auch nur ein schlechtes Wort über ihn gesagt hätte. - Er war einfach in jeder Hinsicht so etwas wie der sprichwörtliche gute Mensch.  

Ja, so ähnlich lief unser denkwürdiges Gespräch wenige Tage nach seinem Tode, als wir telefonierten, lange miteinander sprachen. Lange ist das her und doch fest in der Erinnerung verankert. Seine Frau, nein, Witwe seit einigen Tagen. Immer noch betroffen, angeschlagen, fragend, suchend: Warum gerade er? Und sie hatte ja recht, er war wirklich so, uneigennützig, lebenspraktisch, gutherzig, wirklich ein feiner Kerl...

Und sie hing sicherlich permanent an diesen Fragen, das merkte man. So wie wir Menschen natürlich letztlich immer fragen, wenn wir Abschied nehmen, hier aber sicherlich noch einmal gesteigert  in einer besonderen Dramatik ...

Den Kirchenvorstand hatte er geleitet all die Jahre, aber eigentlich noch viel mehr getan, war Küster und Fremdenführer und Ersatzpastor und Organisator, und all das neben seinem anstrengenden Job, durch den er auch viel und lange unterwegs war. Keine Ahnung, wie er all das immer zusammen zu leisten vermocht hatte. Aber er hatte es eben geschafft, bis zu diesem einen Tage eben. Sein Wüstentag. Sein Tag, an dem ihm die Nahrung ausging, an dem kein Manna vom Himmel fiel.

Nein, er hatte es leider nicht geschafft, diese OP nicht, das Rentenalter nicht, die Rückkehr in seine geliebte Gemeinde, sein Dorf nicht. War „liegengeblieben" auf dem OP-Tisch, wie wir uns in derlei Fällen auszudrücken pflegen. Zu schwer die OP, zu hoch der Blutverlust, die Kraftreserven waren einfach erschöpft gewesen durch den langen Transport und die Zeit bis ins Krankenhaus.

Die Stunden zuvor waren dramatisch verlaufen, beim Holzmachen im Wald war er umgekippt,  zu weit der Weg zurück zur öffentlichen Straße, wohin ihn der Freund zog, von wo aus dann Hilfe herbeigerufen wurde. Dann endlich der Notarztwagen, der Transport ins Klinikum, ein letztes Telefonat mit seiner Frau, vom Handy des Arztes aus,  bevor sie ihn in den OP-Saal schoben.

Diese Extraportion Kraft, dieser Vorrat für schwere Tage, dieses kleine Quäntchen Glück darüber hinaus  - oder auch nur so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit -  all das war ausgeblieben an jenem Tage.

Wir alle kennen letztlich Geschichten so ähnlich wie diese.

Es geht, wenn wir so ansetzen, letztlich nicht gerecht zu auf dieser Welt. Der eine schafft den Weg durch die Wüste gerade noch, der andere aber nicht. Mal hilft das Murren, mal auch nicht. Und: es gibt für unser Gefühl eben doch nicht für alle gleichviel, wie in der eben gehörten Geschichte aus der Zeit der Wüstenwanderung. Wachteln satt, und am nächsten Morgen Manna, für jedes Zelt einen ganzen Krug voll...

Der Weg durch die Wüste  - oft ist er eben doch, zumindest vom äußeren Anschein her, manchmal zu weit, zu lang, zu steinig, zu trocken. Keine Wachteln, kein Manna, kein ganzer Korb voll von dem, was man zu Leben so braucht und was Mose heraus handelte, herausholte für sein Volk, für seine Leute.

Daher ja wohl auch unsere die eigene Lebenserfahrung sprengende Hoffnung auf Gerechtigkeit danach, oben, droben. Und auch unsere nur allzu verständliche Sehnsucht, irgendwie eben doch Reserven, Vorräte, Sicherheiten für morgen und übermorgen anlegen zu können, um doch irgendwie auf die sichere Seite zu gelangen, am besten natürlich mit Gottes Hilfe, mit göttlichem Beistand und Segen.   

So ähnlich mag es wohl  auch den Israeliten auf der sprichwörtlichen Wüstenwanderung ergangen sein, vierzig sinnbildliche, symbolische Jahre lang. Jahre ohne Heimat, ohne Ankommen, ohne Sicherheit, ohne festen Platz. Morgens nicht wissen, was abends sein wird, ob genug da sein wird...Nomadentum in brutaler Konsequenz, was da als Urerfahrung des Gottesvolkes erlebt wurde. Totale täglich neue Abhängigkeit von Wasserquellen, Brunnen, knappen Nahrungsvorräten, die man bei sich trug. Jeden Tag aufs Neue. Auch für die Frauen und die Kinder diese permanente Ungewissheit.

Warum gibt es da nicht wenigstens diese relative Sicherheit, um Wasser und Brot auch für morgen zu wissen. So,  wie das selbst in der Sklavenzeit in Ägypten selbstverständlich war? Warum sogar unter dieses ansonsten armselige Niveau fallen?  All das nur um der verheißenen Freiheit willen? Ist es das überhaupt wert? So wurde damals gefragt und so fragen sich Menschen auch  heute, in Afrika, im Nahen Osten, in Indien, sicherlich auch anderswo.

War das wirklich die richtige Entscheidung, Mose, uns an jenem Tage aus Ägypten heraus ins Nichts zu führen, in diese Ortlosigkeit, wo kein Ankommen ist?

Doch kein Weg führt mehr zurück nach Ägypten und anscheinend  keiner hinein in das Gelobte Land, das absolut  verschlossen, versiegelt, abgeschottet scheint.

Und da ist ein Gott an unserer Seite, der es zwar gut meint, aber uns nur das wirklich sprichwörtliche täglich Brot gönnt, und sei es auch köstliches Manna, aber eben keinen Tag im Voraus.  -

Nein, es liegt ein tiefer Sinn in dieser täglichen Ration an göttlicher Gnade, die es nun einmal nicht im Vorhinein gibt. Und es liegt ein tiefer Sinn im Gedanken des Aufbruchs, des Weges, auf dem das ganze Volk gemeinsam zu bestehen hat und letztlich dann doch auch besteht, trotz allen Murrens, Klagens, Jammerns.

Im Passahfest erinnern die Juden alljährlich dann, wenn wir unser Ostern feiern, an ihren Aufbruch, Auszug, Wüstenweg. Eindrücklich und verbunden mit einer Fülle an Symbolik, die daran erinnert, das Gott das Notwendige gab. Eigentlich wären auch wir gut beraten, das Fest in unseren Jahreskreis mit aufzunehmen. Und daran zu erinnern, dass auch der, wen wir als Gottes Sohn verehren, meistens nicht am Ziel, sondern auf dem Wege war. Oft ebenfalls ohne Obdach war, oft nicht wusste, woher er und die Seinen die Nahrung bekommen sollten. Dem Hunger auf Leben und der Erfahrung von Gottesnähe tat es keinen Abbruch. In Brot und Wein festgehalten auch in unserer Erinnerung. Geteilt und miteinander gefeiert im Raum, den man erst in letzter Minute fand.

... Es vergingen der Entfernung wegen Jahre, bis ich sie wiedertraf. Ihre Enttäuschung von damals über den jähen Verlust hatte sie in Dankbarkeit verwandeln können. Kein Zorn mehr, weder ein heiliger noch ein unheiliger. Auch dies ein Geschenk, auch dies Teil der göttlichen Speise, die uns am Leben erhält. Und uns weiterträgt, über manche Gräben und Steppen hinweg. Weil wir wissen, dass unser himmlischer Herr uns ernährt. Heute und morgen und alle Tage, die noch kommen werden. Amen



Pastor Andreas Dreyer
31628 Landesbergen

E-Mail: andreas.dreyer@evlka.de

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