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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 24.08.2014

Was tun?
Predigt zu 2. Könige 25:8-12, verfasst von Thomas Jabs

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Liebe Gemeinde!

„Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen." (Arthur Schopenhauer)

Dieser Satz beschreibt genau unser menschliches Dilemma in dem wir uns befinden.

Zerstören, das können wir - auch Leben zerstören und zwar oft recht schnell. Doch aufbauen, schaffen, lebendig machen, das ist um vieles schwerer oft gar nicht mehr möglich nach menschlichem Ermessen. Daran erinnert uns der Israelsonntag jedes Jahr so auch heute. Die Geschichte Israels ist voller Beispiele von Zerstörung und auch voller Beispiele von neuem Leben. Alle Zeugnisse der Bibel legen in ihren Berichten den Lesern ans Herz, wie sie mit Zerstörung und mit neuem Leben rechnen können und umgehen lernen. Davon hören wir heute am Israelsonntag auch im Predigttext:

•2.  Kön 25,8-12

Am siebenten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer.

Und die ganze Heeresmacht der Chaldäer, die dem Obersten der Leibwache unterstand, riss die Mauern Jerusalems nieder.

Das Volk aber, das übrig war in der Stadt, und die zum König von Babel abgefallen waren und was übrig war von den Werkleuten, führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, weg; aber von den Geringen im Lande ließ er Weingärtner und Ackerleute zurück."

 

Die Bilder der Zerstörung aus Israel und Palästina begleiten uns auch in dieser Zeit täglich. Sie erschrecken, machen hilflos und wütend. Körper werden blutend aus einem explodierten Bus getragen, Häuser planiert, Menschen vertrieben.

Wie sollen wir mit diesen Bildern umgehen. Was sollen wir tun?

Ich sagte ja schon: Alle Zeugnisse der Bibel legen in ihren Berichten den Lesern ans Herz, wie sie mit Zerstörung und mit neuem Leben  umgehen lernen.

Was also wird uns ans Herz gelegt?

Als erstes benennt der Predigttext sachlich richtig und haargenau die Täter mit Zeit und Namen und spekuliert nicht über Hintermänner, weitere Verantwortliche, gar ganze Regierungen.

Leibgarde steht in unseren deutschen Übersetzungen. Wörtlich heißt es die Schlächter.

Wahrscheinlich hatte die Leibgarde die Aufgabe auf den Feldzügen die Tiere zu schlachten für den königlichen und vielleicht auch den Heeresbedarf. Jedenfalls waren sie nicht die Kämpfer in erster Reihe, sondern der Tross der plünderte und zerstörte nach dem Kampf. Zerstören und bedrohen derer, die sich nicht oder nicht mehr wehren. Solche Leute muss man mit Namen nennen, lehrt uns unser Text. Das halte ich auch heute für richtig. Terror und Gewalt ist nicht eine anonyme Erscheinung. Es gibt Täter und die haben Namen.

Können wir nicht konkret und sachlich richtig reden, haben wir gar nichts zu sagen. Pauschalverurteilungen wie die bösen Palästinenser, oder die böse israelische Regierung und Armee verbieten sich. Das gilt auch für uns Christen und auch für uns Deutsche: Es gab nicht die bösen Christen, die Juden verfolgten oder die bösen Deutschen die Juden ermordeten. Jeder Täter hatte einen Namen auch jede Täterorganisation. Es ist wichtig die Täter konkret zu benennen, weil man sonst anderen Schuld in die Schuhe schiebt, die sie nicht haben und damit neue Ungerechtigkeit begeht.

Und es gibt Opfer. Die werden in unserem Predigttext auch aufgeführt. Das ist das zweite was uns wichtig sein muss - auch heute:

In der Wut auf die Täter, in der Ratlosigkeit gegenüber solchen Taten die Opfer nicht vergessen, sondern auch sie benennen ganz konkret. Um dann weiteres tun zu können.

 

"Wir weinen, wir weinen, wir weinen, ...." stand auf einem großen Plakat am Café Moment in Jerusalem wenige Tage nach einem Selbstmordanschlag.

So reagierte auch Jesus als er die Zerstörung Jerusalems voraussah. Jesus sah die Stadt. Er war Realist! Er sah, dass Menschen manchmal nicht erkennen, "was zum Frieden dient" (Lk. 19, 42). Dass sie sich nicht auf den Weg machen können, auf dem Segen liegt, weil Pauschalurteile den Blick verstellen: die anderen sind die Feinde da wird eingeteilt in Gut und Böse. Da bleibt keine Wahrnehmung der einzelnen, der Täter und Opfer mit Namen und Adresse. Da verschwinden die einzelnen. Jesus sieht die Stadt anders - nicht als Stätte eines apokalyptischen Kampfes zwischen Gut und Böse, nicht als Eigentum der einen oder der anderen, sondern als von Gott geschenkten Ort. Jesus sieht die vielen einzelnen und ihre Wege miteinander, ihre Freundschaft und ihre Feindschaft. Er sieht die einzelnen Menschen, Ebenbilder Gottes.

Darum weint er über jeden von ihnen. Jesus wusste was geschehen würde und war doch nicht der Besserwisser. Er weinte um die Menschen und mit ihnen um dann für sie zu beten.

Das sollte auch unser erster Schritt sein. Können wir nicht mit ihnen weinen, weil sie uns nicht persönlich als Menschen nahe gekommen sind, dann sollten wir lieber gar nichts dazu sagen um nicht Besserwisser zu sein.

Sind wir betroffen, weinen wir mit ihnen und beten für Sie.

Und dann wird in der Bibel sowohl im 2. Buch der Könige als auch in der Passionsgeschichte Jesu berichtet: Neues Leben wird geschenkt.

Die Weingärtner und Ackerleute bleiben im Land. Nicht die Zerstörer, keiner der Verantwortlichen, sondern diejenigen, die mit ihrer Kraft das wachsende Leben unterstützen. Ein Hoch auf die Stillen im Lande, die ihre Arbeit tun, Felder bestellen, Lebens- und Genussmittel produzieren, für sich und andere die Hände rühren. Sie sind die Zukunft. Das war damals so und ist heute in Israel und Palästina so und auch bei uns.

Sie schont Gott und Ihre Arbeit segnet er. Damit haben wir reichlich Antwort auf die Frage:

Was sollen wir auf die Nachrichten aus Israel als Christen heute tun:

Erstens wenn wir darüber reden - konkret und sachlich reden, Täter und Opfer genau benennen oder schweigen.

Nicht besser-wissen was zu tun ist sondern mit den Opfern weinen und für sie beten. Und die Hände rühren ganz praktisch und ganz einfach mit den Dingen, die dem Leben dienen. Gott wird dazu seinen Segen geben und neues Leben schenken wie damals nach der Zerstörung Jerusalems, wie damals nach der Kreuzigung Jesu. Das sind die drei Antworten, die uns Christen heute gegeben werden durch Gottes Wort.

„Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen." (Arthur Schopenhauer)

Wir können keinen Käfer herstellen aber wir können für die Käfer, die leben etwas tun.

Wir können nicht Frieden zwischen den Menschen in Israel und den Nachbarländern herstellen, doch die unterstützen, die den Frieden fördern und leben.

Amen



Pfarrer Thomas Jabs
12623 Berlin
E-Mail: Pfarrer.Jabs@kirche-mahlsdorf.de

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