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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 24.08.2014

Predigt zu 2. Könige 25:8-12, verfasst von Angela Rinn

 

8Am siebenten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem 
9und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer. 
10Und die ganze Heeresmacht der Chaldäer, die dem Obersten der Leibwache unterstand, riss die Mauern Jerusalems nieder. 
11Das Volk aber, das übrig war in der Stadt, und die zum König von Babel abgefallen waren und was übrig war von den Werkleuten, führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, weg; 
12aber von den Geringen im Lande ließ er Weingärtner und Ackerleute zurück.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. So heißt es. Diese Geschichte von der Zerstörung Jerusalems ist aber nicht von den Siegern, sondern von den Verlierern geschrieben worden. Von denen, die Nebusaradan, der Offizier Nebukadnezars, aus Jerusalem nach Babylon verschleppte. Eine Kriegsberichterstattung der nüchternen Art. Hier wird nichts skandalisiert oder in grellen Farben ausgemalt. Das Protokoll einer Katastrophe. Trotzdem kann man sich mühelos den Schrecken ausmalen. Der Name Nebusaradan kann „Ober-Schlächter" bedeuten. Das wird seinen Grund gehabt haben. Verbrannte Häuser, zerstörte Mauern, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, fliehende Menschen, Kriegsgefangene. In diesen Tagen drängen sich sehr aktuelle Bilder dazu auf. Der Schrecken des Krieges ist über die Jahrtausende gleich geblieben. Und auch die Hilflosigkeit, die Frage nach dem Warum aller Grausamkeiten. Bei jeder Rakete, die in Israel einschlägt. Bei jeder aufgekündigten Waffenruhe. Bei den erschütternden Berichten der Menschen, die im Gaza-Streifen keinerlei sichere Zuflucht haben und schutzlos dem Krieg ausgeliefert sind. Herzzerreißendes Elend.

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben? Heute ist nicht mehr so klar, wer denn Sieger und wer Verlierer ist. Schnelle militärische Erfolge verwandeln sich im folgenden Guerillakampf häufig in Pyrrhus-Siege. Nur ein Verlierer steht immer fest: Es sind die Menschen, die aus ihren brennenden Häusern fliehen müssen, die traumatisiert werden vom Kriegsgeschehen, die vergewaltigten Frauen, die getöteten Kinder. Die Schuldigen stehen auch fest: Es sind diejenigen, denen keine politische Lösung gelungen ist. Auch dies war vor 2500 Jahren nicht anders. Das 2. Buch der Könige dokumentiert die politische Ignoranz der Elite des Volkes Israel. Die Katastrophe kam nicht aus dem Nichts. Sie kündigte sich an.

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben? Nun, diese Geschichte von der Zerstörung Jerusalems ist von den Verlierern geschrieben worden. Von Verlierern, die sich über die eigene Verantwortung an der Katastrophe nur allzu bewusst sind. Es waren diejenigen, die in der Katastrophe noch die besseren Chancen hatten. Wer schreiben kann, gehört zur Elite. Es war und ist die Elite eines Landes, die einen Krieg anzettelt oder in Kauf nimmt. Die Geringen im Lande sind es nicht. Sie werden zurückgelassen, ins Exil nach Jerusalem kommen die oberen Zehntausend, der Adel und die Handwerker, für die die Sieger Verwendung haben. Die Geringen, die Ackerleute und Weingärtner bleiben zurück, schutzlos, ausgeliefert. In der Tat: Sie schreiben nicht, über sie wird verfügt, über sie wird geschrieben - wenn sie denn überhaupt der Rede wert sind. So wie heute über die Geringen verfügt wird, über die Geringen geschrieben wird. Während sie die bitterste Last des Krieges tragen. So viel kann wohl gesagt werden in einer Situation, in der jede Schuldzuschreibung verdächtig ist. Diejenigen, die ins Exil kommen, nach Babylon, schreiben, was sie erlebt haben.

Diese Geschichte von der Zerstörung Jerusalem im Jahre 587 vor Christus ist von diesen Verlierern geschrieben worden. Die diese Zerstörung nicht vergessen, sie nicht verdrängen wollten. Jedes Jahr denken Juden am Gedenktag Tisha be-Aw an die Zerstörung der Stadt und des Tempels. Zugleich an die endgültige Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus und an alle Verfolgungen und Progrome seitdem. Gewiss ist gerade dies ein Schlüssel zum Verständnis dafür, wie es gelingen konnte, dass die Verlierer sich nicht verloren haben im Strudel der Geschichte. Im Schrecken des Terrors. Das liegt wohl daran, dass sie trotz allem daran festhielten, dass sie nicht völlig gottverlassen waren und sind. Der Tempel ist zwar zerstört worden, nicht jedoch der Gott, den sie darin angebetet hatten. Obwohl es nach außen hin ganz anders aussah. Und auch im Protokoll der Katastrophe kommt Gott mit keinem Wort mehr vor. Gewiss gab es auch genug, die ihn nicht mehr finden wollten und konnten. Im Schrecken kann ein Mensch den Glauben verlieren, auch den letzten Halt. Die Verlierer behaupten: Er ist da. In allem Schrecken. Trotz allem. Und er will nicht Ende und Tod, sondern einen neuen Anfang und das Leben. Die Katastrophe muss auch deshalb protokolliert werden, um dies nicht zu vergessen. Als es so schien, als ob Gott gar nicht mehr vorhanden sei, war er doch da.

Sie haben es nicht den Siegern überlassen, die Geschichte zu schreiben. Gewiss kündeten in Babylon Inschriften vom Sieg Nebukadnezars, so wie überall auf der Welt Prachtbauten die Siege der Herrschenden dokumentierten und zugleich die Niederlagen der Gegner für die Nachwelt festhalten sollen. Diejenigen, die ins Exil nach Babylon verschleppt wurden, haben den Siegern jedoch nicht die Interpretationshoheit überlassen. Sie haben selbst geschrieben. Sie nutzten ein Medium, das langfristig haltbarer war als Siegessäulen und Triumphbögen. Papyros, Tontafeln. Die lassen sich kopieren, die lassen sich verschicken. So dass viele lesen und weitererzählen können, was hier niedergeschrieben wurde. Nüchtern, der eigenen Verantwortung bewusst, beschreiben die Verlierer die Ereignisse bei der Zerstörung Jerusalems und die Ursachen der Katastrophe. Sie hatten nicht auf die Propheten gehört. Sie hatten die Geringen unterdrückt. Sie hatten sich nicht auf Gott verlassen, sondern auf unsichere Bündnispartner. Sie waren mitverantwortlich für die Katastrophe. So, wie sie Geschichte geschrieben haben, diese Besiegten aus dem Exil in Babylon, so ließ sie sich weitererzählen, so erzählt eröffnete sich ein Tor zum Leben, ein Tor in die Zukunft. Wer waren wir, vor der Katastrophe, wer sind wir heute, wer wollen wir sein? Das ist mehr als jede Durchhalteparole. Das ist das Angebot, die eigenen Schlüsse zu ziehen. Verantwortung zu übernehmen und Verantwortung abzugeben. Und zu leben. Manchmal: Zu überleben. Wer so schreibt, eröffnet sich Wahlmöglichkeiten, Interpretationsmöglichkeiten. Lässt sich nicht durch den Schrecken von Gott trennen. Sucht in der Katastrophe nach Hoffnung und Leben. Das scheint verrückt, gerade wenn Gott mit keiner Zeile mehr vorkommt. Und ist doch eine verrückte, lebendige Hoffnung. Propaganda ist niemals komplex, Propaganda ist eindimensional. Propaganda tötet. Die Exilierten erzählen Facetten. Sie schreiben für das Leben. Das kann einem niemand nehmen, die Interpretationshoheit für das eigene Leben. Zu schreiben, wie ich es erlebt habe, auch die kleinen privaten Katastrophen meines Lebens, sie schreibend zu analysieren, mit meiner Verantwortung dafür, aber auch mit den Namen derer, die mir das angetan haben, die Schuld auf sich geladen haben. Schreibend bewahre ich mein Leben, durch alle Katastrophen. Im Angesicht Gottes. Durch Schuld und Leid. Und auch das Glück. Mit allen Facetten, die ich sehen kann. Und falle nicht aus Gottes Hand, selbst wenn ich diese Hand nicht mehr spüre. Schreibend hole ich ihn ein.

Sie haben geschrieben, die Verlierer in Babylon. Geschrieben auch für die, die nicht mehr schreiben konnten. Die Toten können nicht mehr erzählen. Sie können nicht beschreiben, wie es war. So erzählen die, die überlebt haben, stellvertretend für sie. Erzählen vom Schrecken und von der Vorgeschichte des Schreckens. Es sollte nicht der letzte Schrecken sein. Heute denken wir auch daran. An die Schuld, die die Christenheit und das deutsche Volk in besonderer Weise auf sich geladen haben. Eine Schuld, die es nicht einfacher macht, zum Schrecken in Israel und Palästina heute Stellung zu beziehen. Mich macht das hilflos. Ich sehe:

Wieder sind es die Geringen, die leiden. Wer schreibt für sie? Wer hilft ihnen, selbst schreibend zu erzählen? Gott scheint so fern, ja abwesend. Und ich weiß doch, dass er das Leben will. Und einen neuen Anfang.

Amen.



Pfarrerin Dr. Angela Rinn
55124 Mainz
E-Mail: AngelaRinn@t-online.de

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