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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

11. Sonntag nach Trinitatis, 31.08.2014

Predigt zu 2. Samuel 12:1-10.13-15a, verfasst von Eberhard Busch

Als die deutsche Öffentlichkeit sich einst über protestierende Jugendliche empörte, hat der damalige deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann einen Satz verlauten lassen, der uns noch heute nachdenklich macht. Er sagte, die, die jetzt mit ihrem anklagenden Finger auf diese Leute zeigen, möchten doch bitte dabei bedenken: Während ein Finger ausgestreckt sei, zeigten zugleich drei Finger auf sie selbst. In der Geschichte vom König David, auf die wir in unserer Predigt hören, geschieht etwas Ähnliches. Da wird ein Finger, der auf einen Anderen, einen vermuteten Übeltäter, weist, umgekehrt, sodass er nur noch auf die eigene Brust hindeutet. Sagen wir gleich, es ist ein Wunder, ein gnädiges Wunder, wenn dergleichen geschieht!

Schauen wir näher hin! Die Geschichte handelt vom König David, der als ein guter, herrlicher Regent im Volk Israel in Erinnerung geblieben ist, einer, der das Harfenspiel liebte, der, dem so viele köstliche Psalmen in der Bibel in den Mund gelegt worden sind. Aber in unserer Geschichte und schon in dem Abschnitt vorher sehen wir ihn in einem erschreckenden Dunkel. Wer hoch steht, kann tief fallen. Und der ist gefallen. Derselbe glänzende Regent entpuppt sich als ein Bösewicht. Ein übler Übertreter der Gebote Gottes. „Du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten" - er tut es. Und „du sollst nicht ehebrechen" - er bricht in eine Ehe ein. Und „du sollst nicht morden" - er stiftet zu einem Mord an. Eines folgt aus dem Anderen. Einmal auf der schiefen Bahn, schliddert er immer mehr in den Abgrund des Bösen hinein; und er verfängt sich wie in einem Gewirr von Schlingpflanzen, so dass es kein Entkommen gibt.

Oder doch? Er gibt sich jedenfalls große Mühe, die Spuren seiner Untaten zu verwischen, sie zu kaschieren, sie zu verdrängen. So dass allem Anschein nach seine Verantwortung dafür abgewälzt und sozusagen unsichtbar wird. Sein getreuer Gehilfe Uria ist im Kriegsdienst, um Feinden Israels zu widerstehen. Unterdes liebäugelt der König daheim mit dessen Ehefrau namens Bathseba, und er verführt sie. Als sie ein Kind von ihm erwartet, sucht David mit viel List und Alkohol dem geschwind heimbeorderten Ehemann das Kind unterzuschieben. Nachdem das misslingt, greift er zu einem rabiaten Mittel. Er stellt ihn, wieder beim Militär, in eine so aussichtslose Position, dass er umkommen muss. Er hat ihn dadurch umgebracht. Aber bitte, so, dass er Achsel zuckend sagen kann: „Das Schwert frisst halt jetzt diesen, jetzt jeden." Kurz, das kann nun einmal jedem Soldaten passieren. Schreibtischmörder haben sich noch manches Mal die Hände in Unschuld gewaschen.

Doch hat David dabei mit einem nicht gerechnet. Mit Gott. Der lässt sich nicht täuschen. Der behält den Durchblick auch bei dem Nebel, hinter dem sich ein hartnäckiger Sünder zu verstecken liebt. Gott findet sich nicht damit ab. Er will ihn ans Licht ziehen. Er will es, um Nein zu ihm zu sagen, doch nicht nur Nein, sondern um vor allem Ja zu ihm zu sagen.. David ist tief gesunken. Aber Gott will ihn nicht in seiner Bosheit versinken lassen. Darum sendet er zu ihm seinen Boten  Nathan, ein hebräisches Wort, das auf deutsch heißt: Geschenk. Wie auf einem alten Gemälde zu sehen ist, steht der Bote recht armselig vor dem schön geschmückten König. Aber hinter dem Armseligen steht der, der durch ihn zu Wort kommen will. Nathan legt seinen Finger mutig auf die Wunde dieses prächtigen Herrn, der dadurch in anderer Weise als ein Armseliger erscheint. Der will zunächst nicht begreifen, dass jetzt von ihm die Rede ist, nämlich in dem Gleichnis von dem Reichen. Der besaß viele Schafe, während der Arme bloß ein einziges, herzlich geliebtes Schäflein hatte. Doch als der Reiche Besuch bekam, stahl er dem Armen dieses eine Tier und schlachtete es, um es mit dem Gast zu verzehren.

David ist entsetzt über jenen Reichen, ohne zu begreifen, dass es um seinen Kopf geht. Er verurteilt den Täter zum Tode. Und wir verstehen: Das ist eine typische Verhaltensweise von uns. Solange man die Schuld für eine Untat auf andere abschieben kann, fühlt man sich selbst entlastet. Solange kann man die Untat der Anderen nicht genug verurteilen. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte ein deutscher evangelischer Theologie eine Schrift unter dem Titel: „Die Schuld der Anderen". Kennen wir dergleichen nicht auch?  Dadurch, dass man andere anklagt, lenkt man ab vom eigenen Versagen. Und sogar wenn uns achselzuckend das Sätzlein über die Lippen kommt „Wir sind halt alle Sünder", selbst dann klagt uns das nicht an, sondern meinen wir, dass niemand uns etwas nachtragen kann.

Und wir verstehen auch das Andere: Es ist in der Tat ein Wunder, wenn wir auf einmal frei werden das zu begreifen: Zeigen wir mit dem Finger auf andere, so zeigen zugleich drei Finger auf uns selbst, wie es Gustav Heinemann gesagt hat. Oder sagen wir es so: Es ist ein Wunder, wenn unser Finger, mit dem wir anklagend auf bestimmte Andere zeigen, sich eines guten Tages umkehrt und auf uns selbst zeigt. Genau so geschieht es bei David, und es geschieht, indem Nathan ihm sagt: „Du bist der Mann!" Also du bist der Reiche, der dem Armen sein Liebstes entrissen hast. Du bist der, dem du selbst das vernichtende Urteil gesprochen hast. So kehre den anklagenden Finger um, damit er auf dich selbst zeigt. Wie oft in unserem Leben muss uns Entsprechendes gesagt werden. Christen haben lange Zeit bis ins 20. Jahrhundert hinein die Juden angeklagt als Christusmörder am Karfreitag. Dabei hätten sie es längst in ihrem Gesangbuch lesen können, was Paul Gerhardt schon vor 300 Jahren gedichtet hat: „Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden / des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget / das Elend, das die schläget, und das betrübte Marterheer." Auch da dreht sich der Finger um und zeigt nun auf uns Christen, mit Fug und Recht, weil sie so oft Judenmörder waren. Denn nach den Propheten Sacharja (2,12) gilt: Wer sie antastet, tastet Gottes Augapfel an.

Der Wochenspruch, der für den heutigen Sonntag aus der Bibel ausgesucht ist, lautet: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade." Hochmütige sind eben solche, die ihre Schuld verdrängen und die sie dafür umso mehr bei anderen suchen - und finden, um deswegen die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Sie leben in einer gnadenlosen Welt. Demütige sind hingegen solche, die an ihre eigene Brust schlagen und Gott um Vergebung ihrer Falschheit bitten. Ihnen ist aller Hochmut vergangen. Sie sind auf Schritt und Tritt auf sein Erbarmen angewiesen. Gleichen sie überhaupt noch einem der Könige, die doch sonst über dem Volk stehen? Aber in Wahrheit stehen sie auf demselben Niveau wie sonst irgendwelche armen Sünder. Sie sprechen wie David zu Nathan: „Ich habe gesündigt wider Gott, den Herrn." Sie flehen, wie es in Psalm 51 (V 3) heißt, der erklärt, von David in dieser Situation gesprochen zu sein: „Gott, sei mir gnädig und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit." Man denke, gerade der Höchste im Volk Israel, der König, bekennt sich selbst als Todsünder - schuldig gegenüber Mitmenschen, schuldig gegenüber Gott.

Wer derart demütig spricht und so denkt, dem „gibt Gott Gnade", so dass es gilt, wie Nathan unmittelbar darauf zu David spricht: „Der Herr hat deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben" - wirst es nicht, obwohl du es verdient hast. Aber du darfst leben. Denn „der Herr hat deine Sünde weggenommen". Gott hat sie vergeben. Aber wohlgemerkt: Vergeben heißt nicht vergessen. Solange in einer gnadenlosen Welt die Schuld bei Anderen gesucht wird, verdrängt man bei sich selbst die eigene Schuld. Wird uns die Sünde vergeben, dann ist auch das Verdrängen und Vergessen von ihr gestoppt. Dann wird man sogar, so bitter es auch ist, zu spüren bekommen, was man angerichtet hat. Man wird für die Folgen seiner Untat stehen müssen. So wie es bei David geht, der unter Flehen und Tränen das junge Kind von ihm und Bathseba hergeben muss.

Doch auch das streicht allerdings nicht nachträglich wieder die Vergebung durch. Es bleibt dabei: „Der Herr hat deine Sünde weggenommen." Das gilt erst recht: Vergeben heißt Vergeben. Gott nimmt seinen Zuspruch nicht wieder zurück, und wie er auch mit uns verfährt, er verfährt mit uns nicht nach Art der Echternachter Springprozession: Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Nein, Vergeben heißt bei Gott eindeutig vergeben. Der Apostel Paulus hat davon gesprochen, dass es der Erbarmer-Gott ist, der auch unter Strenge an den von ihm Geliebten handelt: „Weißt du nicht", sagt Paulus (Röm. 2,4), „dass es Gottes Güte ist, die dich zur Buße leitet?" Oder ein anderes Mal (2. Kor. 7,10): „Die Betrübnis, wie sie Gott will, wirkt eine Umkehr zum Heil, die man nicht bereuen muss." Und so hat Paul Gerhardt gereimt: „Seine Strafe, seine Schläge, ob es mir gleich bitter scheint, sind es Zeichen, dass mein Freund, der mich liebet, mein gedenke und mich / ... durch das Kreuz zu sich hinlenke." Dadurch, dass unser anklagender Finger sich umkehrt, kommt Hoffnung in unsre Geschichte.

Und um noch einmal auf Paulus zu hören (1. Kor. 1,28): „Das Unedle hat Gott erwählt, das da nichts ist, dass er zunichte mache, was etwas ist, damit sich vor ihm kein Fleisch rühme." Wir dürfen das auch so sagen: Wer sich in der Bosheit verirrt hat, den befreit Gott, aus der Irrsal herauszukommen, und wer Schuld auf sich geladen hat, dessen erbarmt sich Gott. Uns zum Beispiel sehen wir dies an David: Gott lässt die Entgleisten nicht fallen. Und einen solchen Menschen entlässt er nicht aus dem Dienst, zu dem er nicht fähig ist. Er straft ihn wohl. Aber er gibt ihn nicht auf. Und so gehören die Beiden zusammen: der barmherzige Gott und der erbärmliche Mensch. Daher bleibt David König, König nicht aufgrund eines Erbrechts, König wirklich rein aus Gottes Gnade. Und ihm wird gesagt: „Du wirst nicht sterben". Das ist ihm und seiner Bathseba noch in einem besonderen Sinn gesagt. Nach Matthäus 1 Vers 6 gehören sie zu den direkten Vorfahren Jesu Christi. Und der wird „sein Volk erretten von ihren Sünden", wie es im selben Zusammenhang (V 21) heißt. Gott sei Dank dürfen wir das ebenso auf uns beziehen.



Prof. Dr- Eberhard Busch
D-37133 Friedland
E-Mail: Eberhard.Buscg@theologie.uni-goettingen.de

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