Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

15. Sonntag nach Trinitatis, 28.09.2014

Diesseits und jenseits von Eden
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 2:4b-9.15, verfasst von Thomas Bautz

Liebe Gemeinde!

Man könnte sich Nino Angelo mit einem bekannten Schlager anschließen, wir sind demgemäß immer schon „Jenseits von Eden" - kein Zynismus, sondern Realismus:

Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind / Dann sind wir Jenseits von Eden /
Wenn wir nicht fühlen, die Erde, sie weint / Wie kein andrer Planet / Dann haben wir umsonst gelebt // Wenn eine Träne nur Wasser noch ist / Dann sind wir Jenseits von Eden //

Wenn unser Glaube nicht mehr siegen kann / Dann sind wir Jenseits von Eden / Wenn jede Hoffnung nur ein Horizont ist / Den man niemals erreicht / Dann haben wir umsonst gelebt //

Die französische Fassung (Interpretin: Vicky Leandros) lautet „Östlich von Eden" (nah an der biblischen Verortung des Gartens Eden; Gen 2,8); sie weicht von der deutschen Version etwas ab, formuliert aber prägnanter; (ich führe nur die Unterschiede an):  

Wenn wir auf die Erde pfeifen, die weint / Der zugrunde gerichtete, verwüstete Planet / Ja dann wird unser Leben zur Farce // Wenn eine Träne nur noch nach Wasser schmeckt / Dann sind wir östlich (jenseits) von Eden //

Wenn sich unser Glaube nicht mehr behaupten, nicht mehr durchsetzen kann; wenn jede Hoffnung nur ein imaginärer Silberstreifen am Horizont bleibt (Th.), dann - ja dann?

„Paradise Lost" - das Paradies (ist) verloren! Es gibt kein zurück! Die schönen Erzählungen vom Paradies, vom Garten (in) Eden, vermitteln uns die wichtige Erinnerung an das, was wir verloren haben. (Dieser Gedanke schimmert bereits in Gen 2 durch und wird dann in Gen 3 entfaltet.) Wer diese altorientalische, mythische Epik vernimmt, wer sie unvoreingenommen liest, dem wird unweigerlich offenbar, dass die Geschichte des Menschen bis heute von permanenten Verlusten geprägt ist. Dies wird auch in der Zukunft so bleiben, solange sich Menschen nicht wesentlich ändern.

Solange es politische, wirtschaftliche Strukturen und Systeme ermöglichen, dass Konzerne mit ungebremster Unvernunft, getrieben von blinder Gier und rastloser Zerstörungswut die wichtigen Leben spendenden Gebiete - wie z.B. den Regenwald - vernichten und die immer knapper werdenden Ressourcen verantwortungslos ausbeuten.

Diese Konzerne erwirtschaften Gewinne in Schwindel erregender Höhe; obendrein schaffen sie politische Abhängigkeiten und beeinflussen die Arbeitsmärkte in den betroffenen Ländern. Doch langfristig gibt es in diesem todbringenden Geschäft keine wirklichen Gewinner. Heute schon erkennen nationale und internationale Institutionen auf wissenschaftlich nachprüfbarer Basis, wie verheerend die Folgen dieser Ideologie grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstums sind. Es gibt so viele mahnende, auch einzelne Stimmen, Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben, wie Künstler, Sänger, Schauspieler, Schriftsteller, Journalisten, vor allem auch Kinder.

Es wäre tatsächlich zynisch, wollten wir uns nur am „Jenseits von Eden" messen (lassen). Mythische Erzählungen geben uns die Chance, uns neu zu orientieren: Wir brauchen den „Garten" mit den grünenden, blühenden Pflanzen und reichhaltigen Früchten; wir benötigen das Paradies, auch wenn es sich nicht verorten lässt, sondern eine Utopie („Ou-topos") bleibt. Man hat vergeblich versucht, „Eden" kartographisch (räumlich) und historisch (zeitlich) zu erfassen, aber das Thema belebt als geistiger Topos Literatur, Malerei, Musik und Film.

Sieht man den „Garten", das „Paradies", wie es in der griechischen Übersetzung des AT heißt, als pars pro toto, als Teil fürs Ganze, liegt der folgende Gedanke nicht fern: Die Erde, unser blauer Planet, kann ein „Garten Eden" sein, ein Paradies, in dem wächst und gedeiht, was wir und alle Lebewesen benötigen; ein „Garten", der alle Ressourcen enthält, derer wir bedürfen. „Eden" bedeutet „Wonne, Lust, Wohlsein", „Wohlleben und Genuß". Doch soll der Mensch „nicht in den Tag hineinleben, sondern seine Zeit nutzen"; der „Garten" ist mit einer großen, verantwortungsvollen, wenn auch freiwillig auszuführenden Aufgabe verbunden. (Gradwohl)

Der Mythos vom Paradies konfrontiert uns warnend mit einer wichtigen Voraussetzung: Die Erde muss „bearbeitet" und „beschützt" werden. Das impliziert, dass man die Rohstoffe mit Maß und Bedacht gebraucht; sie dürfen nicht allzu schnell verbraucht werden, damit auch für spätere Generationen noch genügend Ressourcen verbleiben. Sind wir dazu imstande? Werden wir uns entsprechend ändern?

Ein zeitgenössischer Rabbiner schreibt ganz zuversichtlich: „Gewiß! Vieles geschieht bereits in Sachen ‚Umweltschutz‘." Es sei noch „nicht zu spät". „Unser großer ‚Lebensgarten‘ kann gerettet werden". Regierungen und Organisationen, die ohne Profit arbeiten, haben „erkannt, daß nur bei einer gemeinsamen Planung und dem Willen, die Gefahr der Selbstzerstörung für immer zu bannen, unser Planet sicher und bewohnbar bleibt." (Gradwohl)

Diese Worte voller Zuversicht in allen Ehren - sie stammen aus dem Jahre 1989; inzwischen ist die Ausbeutung und Vernichtung lebenswichtiger Ressourcen weiter vorangeschritten: ein Fort-schritt in den Abgrund. Dabei sind Intelligenz, Erkenntnis, Willen und Planung allesamt ohne Wirkung, weil auf dieser Erde einzig und allein Macht und Kapital das Sagen haben.

Das Verhalten vieler Konsumenten in einigen Ländern wie in Deutschland hat sich immerhin geändert: manche Produkte werden kritisch nach Herkunft und Umständen ihrer Produktion geprüft; entsprechende Institutionen leisten hierzulande die Vorarbeit für den Verbraucher. Aber insgesamt bestimmt der Markt nach wie vor die Nachfrage und nicht umgekehrt; es gibt keinen umfassend wirksamen Boykott.

Es bedürfte gewaltigen, grundlegenden Umdenkens und entsprechender Umkehr seitens der Mächtigen. Wer nach der Gesinnung lebt: „Nach uns die Sintflut!", denkt nicht an kommende Generationen. Ich frage mich oft: Haben Menschen, die für die Vernichtung der Regenwälder, für Ölkatastrophen, für ungenügend abgesicherte Atomkraftwerke, für lebensbedrohliche Luftverschmutzung, für vergiftete Gewässer und Böden verantwortlich sind - haben diese (Un)menschen selbst keine Kinder, Enkel oder Urenkel??

Terror, Mord und Zerstörung gegenüber der Natur sind für viele Menschen offenbar nicht so augenscheinlich, vielleicht weil sie zu wenig informiert sind oder ganz einfach gleichgültig wurden; sie haben resigniert, fühlen sich ohnmächtig.

Immerhin werden viele Institutionen, die sich für Artenschutz und Erhaltung lebenswichtiger Regionen der Erde einsetzen, unterstützt. Ich nenne nur Global Marshall Plan, Plant-for-the-Planet, WWF, DenkwerkZukunft, nicht zu vergessen die vielen humanitären Organisationen, die weltweit, vor allem in Krisengebieten tätig sind.

Woher aber kommt es, dass viele Menschen die Natur und damit die für uns lebenswichtigen Ressourcen so wenig achten? Ein Dilemma besteht wohl darin, dass viele offenbar vergessen, woher wir als Menschen kommen, wohin wir als Menschen gehen. Der Mythos vom Garten Eden, die Erzählungen vom Paradies, vermögen uns die Augen zu öffnen (Gen 2,7; 3,19):

„Adam" wird als ein aus „Staub von der Erde" Gebildeter, Geformter bezeichnet, „ein Stück des Bodens", auf dem er, der „Erdling", steht. Der „erdgeborene" Mensch ist zugleich der „erdgebundene"; dann haucht ihm die Gottheit „Lebensodem" in die Nase, und der Mensch wird „zu einem (lebenden) lebendigen Wesen".

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, von dem du genommen bist; denn Staub bist du, und zu Staub musst du wieder werden!"

Ich finde es genial, wie Moses Mendelssohn, der jüdische Aufklärungsphilosoph (18. Jh.) übersetzt: „Also war der Mensch ein beseeltes Tier." - Die Genesis bezeichnet nämlich auch die Tiere als (lebende) lebendige Wesen (1,24.30; 2,19).

Der „Erdling" wird aus Staub vom Erdboden durch (göttlichen) „Lebensodem" zum lebenden Wesen. Der Mensch ist „in seinem Lebendigsein" „ganzheitlich verstanden"; die dualistische Aufspaltung in „Leib" und „Seele" hat in den Mythen der Genesis keine Wurzel. Somit wird auch die Vergänglichkeit des Menschen, seine Sterblichkeit, realistisch angesprochen, von Psalmdichtern später beklagt (Ps 49 und 90). (Westermann)

Bedenkt man die Erdgebundenheit Adams, seine Zugehörigkeit zur Natur, seine Abhängigkeit von den natürlichen Rohstoffen und der komplexen Nahrungskette, wie sie von der Natur vorgegeben ist, wundert man sich, warum Menschen sich anmaßen, den schönen, prächtigen, sinnvollen „Garten der Natur" sukzessive zu zerstören. Nicht genug damit, dass man sich der Bearbeitung des Gartens und dessen Bewahrung verweigert, man mordet auch millionenfach unter den einst gleichberechtigten anderen lebenden Wesen im Garten. Mindestens seit dem 17. Jh. werden Tiere keineswegs nur getötet, damit der Mensch seine Ernährung sichern kann.

Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge sind bisher ca. 500 Mio. Tierarten ausgestorben, die prähistorische Zeit ausgenommen. Die meisten wurden direkt oder indirekt durch Menschen ausgerottet. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz meinte, aus der Natur könne man keine Kriterien für ethisches, moralisches Handeln ableiten, weil die Natur grausam sei. Ich halte dem entgegen, dass der Mensch viel grausamer ist; denn er hat im Vergleich zur Tier- und Pflanzenwelt kraft seines Verstandes die weitaus größere Freiheit zu entscheiden, was er tut und was er (besser) lässt. Er hat somit die besten Voraussetzungen, Verantwortung zu tragen.

 

Als Kind lebte ich zum Teil „im Paradies", bei meinem Opa im riesigen Schrebergarten. Das war für mich wie „Diesseits von Eden"! Frühling, Sommer und Herbst, mitunter auch im Winter, durfte ich durchatmen, spielen, dem Opa ein wenig bei der harten Gartenarbeit helfen. Ich erhielt eine eigene kleine Fläche, über die ich frei verfügen konnte. Dort ließ ich herrliche „Landschaften" entstehen: Hügel, Flüsse, kleine Wasserfälle, Seen. Mit zunehmendem Alter stieg die Wasserrechnung für meinen Großvater schier ins Unermessliche. Aber ich war es ihm Wert! Durch die Schulzeit beschränkte sich der befreiende, inspirierende Aufenthalt im Garten freilich auf Wochenenden und Ferien. Aber er blieb eine große Bereicherung!

Mein Opa zeigte mir, wie man die Beete pflegt, wie wuchernde Triebe beschnitten werden, wie gesät wird, wie neu gepflanzt wird, usw. Natürlich war mir die Obsternte am liebsten. Da saß ich auf einem Süßkirchbaum, aß mehr als für die Erwachsenen zu sammeln geboten war.

Warum erzähle ich Ihnen das? Sie erinnern sich, dass ich eingangs sagte, wir bräuchten einen „Garten", ein „Paradies": zum inneren und äußeren Verweilen, zur Entwicklung der Phantasie und zur konkreten Bearbeitung. Zwar besitzen viele Menschen keinen eigenen Garten, den sie pflegen können, aber es bleibt die Notwendigkeit, die Pflicht, die Erde als „großen Garten" zu sehen, sie liebevoll zu betrachten, die ihr drohenden und die bereits grassierenden Gefahren von ihr abzuwenden und sie dadurch für künftige Generationen zu bewahren, zu erhalten.

Für Vincent van Gogh haben Gärten eine so große Rolle gespielt, dass er ihnen viele Studien gewidmet und viele Zeichnungen und Malereien angefertigt hat. In den Briefen an den Bruder Theo findet man nicht weniger als 177 Belege für „Garten". Vincent besaß nie einen eigenen Garten, er schreibt aber über seine Vorliebe für Gärten, z.B. (25.05.1889) aus Saint-Rémy:

„Wenn ich Dir die vier Bilder schicke, die ich vom Garten in Arbeit habe, wirst Du sehen, daß es hier nicht allzu trübselig ist, wenn man bedenkt, daß sich das Leben großenteils im Garten abspielt." (Hier: Garten des Hospitals Saint Paul in Saint-Rémy-de-Provence.) Er beschreibt dann, wie ihn ein Nachtfalter, ein „Totenkopf", faszinierte und er ihn auch zeichnete.

 

Ich träume von einem eigenen Garten; er muss gar nicht so groß sein, wie der meines Opas es war. Aber eine grüne Wiese, Blumen, Erdbeerbeete, vielleicht auch ein, zwei Bäume, ein paar Sträucher - das wäre in meinen Augen ein Stück Paradies. Weit weg in der Mark Brandenburg wartet ein kleines Grundstück am Wasser, das ich von meinem Großvater erbte, auf mich; bislang wurde es von Pächtern gut gepflegt.

Wann immer ich mit meinem neunjährigen Sohn unterwegs bin und die Gelegenheit sich bietet, lenke ich seinen Blick auf die Vielfalt der Natur: kleine Pflanzen, Sträucher, Bäume, Wiesen, Felder; Käfer, Spinnen, Schnecken, Regenwürmer. Oftmals erwachsen daraus Fragen, die ich manchmal nur durch Recherchen im Internet oder durch eigene Sachbücher halbwegs beantworten kann. Wir unterhalten uns natürlich auch über Erdgeschichte, das Universum, Evolution und Technik, so dass ein weiterer Traum für mich in Erfüllung geht: Ich hatte mir immer gewünscht, durch Neugier und Wissbegier meines Sohnes selbst wieder die Schulbank zu drücken. Und nun ich lerne weit mehr, als ich zu hoffen wagte.

Noch hat unsere Erde - ist es tatsächlich „unsere" Erde? - so schöne Regionen, prächtige Landschaften, blühende Felder, fruchtbare Täler, klare Seen, reine Gewässer, stolze Berge; noch singen einige Vögel, noch tummeln sich manche Fischschwärme, noch jagen einige Raubtiere ihre Beute, noch bergen Meere und Ozeane wahrhafte Schönheit in Fauna und Flora an ihrem Grund. Noch gibt es Menschen - allen voran Kinder, die angesichts solchen überwältigenden natürlichen Reichtums von Ehrfurcht und Bewunderung erfüllt werden.

Vielleicht sind zu viele Menschen vom Großstadtdschungel oder von der Wüstenei in den Metropolen der Welt geprägt und beeinflusst, so dass sie einfach den Blick für die Natur verloren haben. Und dort, wo die Natur zerstört, wo Ressourcen gnadenlos abgebaut oder ausgebeutet werden, sind die Arbeiter längst in ein unentrinnbares Abhängigkeitsverhältnis zu den Zerstörern geraten, weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Familien ernähren müssen. Veränderung muss wesentlich von den Zentren der Macht und des Kapitals ausgehen.

Der Garten Eden ist nicht nur „Kulisse, vor der sich das Drama (...) letztlich aller Menschen abspielt." (Gradwohl) Sähen wir uns als Erdgeborene und gleichermaßen als Erdgebundene; betrachteten wir diese Erde (wieder) als unsere Heimat, würden wir sie vermutlich auch als einen riesengroßen „Garten" ansehen. Wir könnten kaum anders handeln, als ihn zu hegen und zu pflegen, zu säen und zu ernten. Wenn wir uns auf das Lebensnotwendige beschränkten, wären wir wieder im Einklang mit der Natur.

Die Ursprungsmythen der Genesis bergen noch zwei wichtige Symbole, Tiefendimensionen: den „Baum des Lebens" in der Mitte des Gartens und den „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen". Der Baum des Lebens ist als Motiv sehr verbreitet im Alten Orient und ist ein Hinweis auf die Sehnsucht nach dem ewigen Leben (Cassuto), wohl eher im Sinne von „ewig jung bleiben".

Das Bild vom  „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen" ist nicht so schwer zu verstehen, wie es auf dem ersten Blick scheint. Diese Vorstellung vom Baum der Erkenntnis findet sich nur in der Bibel. Im Hebräischen bilden Gegensätze wie „gut und böse" - „wie im Deutschen ‚hoch und niedrig‘ oder ‚groß und klein‘" - häufig eine Einheit, eine Ganzheit, sind also als Gegenüber zu verstehen. (Loh; Soggin) Sie umfassen das für das Handeln des Menschen Bedeutsame. (Krauss) Dieser Baum verweist auf die Fähigkeit des Menschen zu empfinden, was für ihn zuträglich oder schädlich ist; das Vermögen, unterscheiden und dementsprechend handeln zu können. (Westermann; Krauss)

Offensichtlich wird im weiteren Verlauf des Mythos vom Paradies die Teilhabe Adams an diesem Baum der Erkenntnis nicht nur bedauert, vielmehr gerät sie ihm zum Fluch. Viele Ausleger folgern, dass dem Menschen die ursprüngliche „Unschuld", das ihn schützende Nichtwissen, die Freiheit gewährende Unkenntnis von „Gut und Böse", das noch fehlende  fatale Vermögen der Unterscheidung und damit verbundenen Wahl zwischen Gut und Böse, verloren gehen. Demgegenüber „wissen" (nach Dtn 1,39) die kleinen Kinder nichts von „Gut und Böse". (Gradwohl)

Aber wann verlieren Kinder ihre natürliche „Unschuld", ihre gesunde, bewahrende Naivität? Sicher kann man kein allgemein gültiges Lebensalter angeben; es geht weniger um Genetik oder Biologie. Viel gravierender ist das familiäre Umfeld eines Kindes, dann aber auch die äußeren Bedingungen. Können wir uns überhaupt vorstellen, was mit Kindern passiert, die mit Gewalt, Missbrauch, Krieg, permanentem Hunger aufwachsen und so ziemlich alles entbehren müssen, das hierzulande als selbstverständlich erscheint?

Wer einigermaßen oder sogar ganz behütet aufgewachsen ist und ein relativ unbeschwertes Leben führt, hat vermutlich Mühe damit, sich auch nur annähernd realistisch das missratene Dasein von Kindern vorzustellen, die in bitterer Armut leben müssen. Und wir brauchen gar nicht erst in die Krisengebiete nach Südostasien oder nach Afrika zu schauen; die Slums und sozialen Ghettos in den Industrieländern sind in gewisser Hinsicht noch schockierender, weil man um sie herum in materiellem Reichtum, zumindest in beruhigendem Wohlstand lebt.

Diese Kinder aus den Elendsvierteln der Megastädte und aus den Krisengebieten haben längst keine Ahnung mehr von einem „Garten Eden", aber sie sind auf eine erschreckende Weise Wissende; sie wissen gezwungenermaßen zu unterscheiden. Diese Kinder sind mit dem Baum der Erkenntnis aufgewachsen, und sie existieren mit ebenso erkennenden Müttern und Vätern, und sie sind allesamt ohnmächtig - viel zu oft bar jeder Hilfe und Hoffnung.

Ich vermag die sicher komplexe Bedeutung dieses Baumes der Erkenntnis nicht auszuloten, meine aber, dass dieses Symbol den Zwiespalt im menschlichen Erkennen und Denken auf mythische Weise zum Ausdruck bringt. Demnach sind „Gutes" wie „Böses", Liebe wie Hass, Aufbauendes wie Niederreißendes, Heilendes wie Verletzendes, Vertrauen wie Arglist, Hilfreiches wie Störendes, Ermutigendes wie Entmutigendes, Vertrauen wie Zwietracht usw., Bestandteile unseres Leben, unserer widersprüchlichen Existenz.

Man kann immer wieder darüber streiten, ob wir jeweils die freie Wahl haben zu entscheiden, dem einen oder dem anderen Weg zu folgen oder welcher Gesinnung wir nachgehen. Zwar haben wir das Unterscheidungsvermögen, aber es scheint mir zweifelhaft, ob jeder Mensch - je nach den Voraussetzungen, unter denen er aufgewachsen ist und je nach seinen aktuellen Lebensbedingungen - tatsächlich so ohne weiteres zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten wird wählen können.

Im Mythos ist allerdings vom Leben und von der Daseinsbewältigung in der Gruppe, in der Gemeinschaft, die Rede; hierin geht es um die Unterscheidung dessen, was förderlich und was abträglich ist. (Westermann) Ein Kollektiv ist aber keine Garantie für segensreiches Wissen und förderliche Erkenntnisse; das Gegenteil kann der Fall sein: Einzelne Persönlichkeiten, die gegen den Strom schwimmen, die der herrschenden Meinung widersprechen, die Bestehendes infrage stellen (auch in Wissenschaft und Forschung), sind oftmals eher ein Segen als Leute, die nicht bereit sind, Neues zu wagen oder Risiken einzugehen - meist aus Gewohnheit oder weil bei ihnen die (vermeintliche) Sicherung ihrer Existenz höchste Priorität hat.

Darum sage ich - den Baum der Erkenntnis aufklärerisch begreifend: Sapere aude! Wage es, Dich Deines Verstandes zu bedienen und zu Erkenntnissen zu kommen, auch wenn Dein Lebensweg dadurch manchmal nicht leichter wird! Amen.



Pfarrer Thomas Bautz
Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

(zurück zum Seitenanfang)