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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

15. Sonntag nach Trinitatis, 28.09.2014

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 2:4b-9.15, verfasst von Rainer Stahl

Vorüberlegungen

 

Als ich den Predigttext angezeigt sah und gelesen hatte, drängte sich mir ein Eindruck sofort auf: Eigentlich kann man diesen Bibelausschnitt nicht predigen. Warum? Weil wir gegen den Sinn dieses biblischen Abschnitts verfahren, wenn wir ihn allein betrachten und versuchen, nur von ihm her zu predigen.

 

Zuerst nämlich: Der Text ab Vers 4b in Genesis 2 ist Teil einer Einheit, die bis zum Ende von Kapitel 3 reicht. Wenn man hier predigen will, muss man von hinten her lesen, von der Beschreibung menschlicher Lebenssituationen am Ende von Genesis 3. Also von den Schwierigkeiten der Schwangerschaft und des Gebärens her. Von der Mühsal der landwirtschaftlichen Arbeit her. Von der Tatsache her, dass wir Menschen in vielen Situationen leben mögen, in einer jedenfalls nicht: in der im „Garten Eden".

 

Aber noch viel mehr: Nach dem Zeugnis und System der biblischen Texte am Anfang der Bibel, sind unsere Lebenswelt und Lebenswirklichkeit überhaupt erst mit den Bedingungen erreicht, die nach der Flut beschrieben werden. Also mit den Feststellungen, die ab Genesis 8, Vers 18, angedeutet werden. Zum Beispiel mit der Zusage Gottes, von nun an „die Erde nicht mehr zu verfluchen" (Vers 21 in Genesis 8), oder mit der Feststellung Gottes: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht" (Vers 22 in Genesis 8). Erst vom Ergebnis der Flut her gibt es nach dem Selbstverständnis der biblischen Texte überhaupt Aussagen, die wir nehmen, betrachten und auf uns im 21. Jahrhundert nach Christus anzuwenden versuchen können. Aber gerade nicht von Aussagen her, die in diesem System früher stehen!

 

Folgender Hinweis sei mir hier gestattet: Vergleichen Sie dazu aus der jüngsten und sehr guten einleitungswissenschaftlichen Arbeit zum Alten Testament - Th. Römer, J.-D. Macchi u. Chr. Nihan: Einleitung in das Alte Testament, Zürich 2013 - folgende Kapitel: Chr. Nihan u. Th. Römer: Die Entstehung des Pentateuch: Die aktuelle Debatte, a.a.O., 138-164, und: Chr. Uehlinger: Genesis 1 - 11: Die Urgeschichte, a.a.O., 176-195. Diese Positionen und Diskussionen zur Kenntnis zu nehmen, bedeutet eine Hilfe dafür, bewusst und mit theologiegeschichtlichem Hintergrund predigen zu können!

 

Bei genauem Hinsehen wird noch etwas Weiteres deutlich: Sosehr das stimmt, was ich bisher festgehalten habe, sosehr gibt es doch anthropologische Konstanten, die über die Brüche von „Fall" und „Flut" hinweg bestehen bleiben, gültig bleiben: Nämlich, dass wir Menschen von Gott geschaffen sind - aus „Staub" und zum „Atmen" befähigt. Und dass wir Menschen von Gott beauftragt sind - nämlich im „Garten" zu „knechten". Jenseits des „Gartens" und nach der „Flut" wird das so bleiben: Wir sind „atmendes Leben" mit der materiellen Grundlage „Staub", und wir sind beauftragt und verpflichtet, die „Erde" zu „bedienen", ihr zu „knechten". Diese Wahrheiten kann man nun auch heute direkt predigen - von der gedachten Grundsituation her für unsere Zeit im 21. Jahrhundert!


„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit Euch allen!"

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

liebe Schwestern und Brüder!

 

Was wird hier über uns Menschen gesagt? Zwei Aussagen stechen mir in die Augen:

 

Genesis 2, Vers 7:

 „Da bildete Adonaj, also Gott, Adam, das Menschenwesen, aus Erde vom Acker und blies in seine Nase Lebensatem. Da wurde der Mensch atmendes Leben" - so die „Bibel in gerechter Sprache" von 2006.

 „Und Er, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens, und der Mensch wurde zum lebenden Wesen" - so die Verdeutschung von Martin Buber aus den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, neu bearbeitete Ausgabe von 1954.

 

Und Genesis 2, Verse 5b und 15:

„Und es gab auch noch keine Menschen, um den Acker zu bearbeiten."

„Adonaj, also Gott, nahm das Menschenwesen und brachte es in den Garten Eden, ihn zu bearbeiten und zu beaufsichtigen" - so die „Bibel in gerechter Sprache" von 2006.

„Und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen."

„Er, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, ihn zu bedienen und ihn zu hüten" - so die Verdeutschung von Martin Buber aus den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, neu bearbeitete Ausgabe von 1954.

 

I.

 

Am Anfang steht also die Glaubensüberzeugung, dass die Welt und wir Menschen Ergebnis des schaffenden Handelns Gottes sind. Dass wir uns Gottes Schaffen verdanken. Dass Ihr Euch seinem Schaffen verdankt. Dass ich mich seinem Schaffen verdanke.

 

Diese Glaubensüberzeugung gilt es, sich wieder neu bewusst zu machen. Dazu fordert uns dieser Bibeltext auf. Dafür zuerst kann der heutige Sonntag genutzt werden.

 

Das ist eine ganz große Zumutung. Und es bedeutet eine Erleichterung.

 

Ich kann auf die Welt und den Kosmos sehen und die Überzeugung gewinnen, dass alles zufällig und anonym geworden ist, dass ein Sinn nicht erkennbar ist, dass ich der Realität unserer Verlorenheit im unvorstellbar großen Kosmos ins Auge sehen muss. Wie es, wenn ich das recht verstanden habe, der bedeutende britische Physiker und Mathematiker Stephen W. Hawking tut.

 

Oder ich kann auf die Welt und den Kosmos sehen, meinen Glauben an Gott mitbringen und dann die Überzeugung gewinnen, dass alles vom Schöpfergott geschaffen ist und wir als Menschen darin einen Platz und eine Rolle haben. Ihr als Gemeindeglieder und Bewohner von Báèsky Petrovec auch, und ich als Rainer Stahl ebenfalls. Wie es die jüdischen Theologen zum Ausdruck brachten, denen wir unseren Bericht verdanken, wie es zum Beispiel der Naturwissenschaftsphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker in unserer Zeit gesagt und geschrieben hat.

 

Besser verstehen werden wir dann die Welt und unser Leben auch nicht. Wir können aber unser Glück und unser Leid, unsere Liebe und die Missgunst, die uns vielleicht entgegengebracht wird, aufgehoben glauben im Handeln Gottes an uns: Vielleicht werden uns einmal alle Wendungen unseres Lebens geklärt werden. Und wenn auch nicht, so können wir glauben, dass es eine solche Sinnlinie gibt - bei Gott offenkundig, für uns verborgen, aber doch trotzig geglaubt. Dazu schon lädt uns dieses Bibelwort heute ein!

 

Und darin wird eine Gabe Gottes erfahrbar, die wir von Anfang an mitbringen und nutzen - dass wir nämlich „atmendes Leben" haben, dass wir „lebende Wesen" sind. Als solche „lebenden Wesen" sind wir hoffende Wesen, die die eigene Bedeutung und Besonderheit als Gabe Gottes festhalten!

 

II.

 

Aber - liebe Gemeindeglieder / liebe Leserin, lieber Leser -, unsere alte Geschichte tut noch mehr: Sie vermittelt einen großen Realismus über uns Menschen, über Euch, über mich: Wir sind aus dem „Staub des Ackers" gebildet - wie es hier heißt. Wir haben den Auftrag, „den Acker zu bearbeiten", „dem Acker zu dienen".

 

Noch deutlicher gesagt: Wir sind Erdlinge, gebildet aus dem Staub des Ackerbodens.

Und wir haben die Aufgabe - so drastisch kann ich das sagen -, dem Ackerboden Sklavendienste zu leisten.

 

Wir müssen innehalten, um zu begreifen, was wir da lesen und hören! Selbst die Existenz im gedachten „Garten Eden", den manche vielleicht voreilig als Paradies deuten, ist eine Existenz der Abhängigkeit, des Verpflichtet-Seins, der Aufgaben, der Last, des Einsatzes, der Mühe.

 

Gott hat uns nicht zum Zuckerschlecken, nicht für ein Schlaraffenland geschaffen, sondern für ein Leben mit Sorgen und Glück, mit Kampf und Erfüllung, mit Heimatlosigkeit und Geborgenheit, mit Zweifeln und Gewissheit. Schon von Anfang an...

 

Vielleicht ist Euch in Báèsky Petrovec und Euch, liebe Leserin, lieber Leser, dieser Gedanke fremd und überraschend. Aber er steckt in unserem Bibelwort  - davon bin ich fest überzeugt. Er wird uns heute auf den Tisch gelegt. Ich habe ihn zu bezeugen! Gott hat uns von Anfang an für ein ganz realistisches und arbeitsreiches und schwieriges Leben geschaffen.

 

Und hier muss ich nun einen Ablösevorgang einleiten: Die jüdischen Theologen, denen wir unseren Bibeltext verdanken, begreifen uns Menschen aus der engen Existenzbindung an die Landwirtschaft - als Erdlinge, als Ackerknechte. Bis heute und bleibend ist die Landwirtschaft Grundlage unserer Existenz. Ohne Landwirtschaft würden wir umkommen. Und Ihr hier in Báèsky Petrovec gehört meistenteils zu denen, die in und von der Landwirtschaft leben. Aber in unserer Kultur und Gesellschaft - auch in Serbien - sind eigentlich nur wenige Menschen direkt in der Landwirtschaft tätig. Viel mehr in den Bereichen der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, viele in der Industrie, heute noch mehr in der Dienstleistung, in der Ausbildung, in der medizinischen Betreuung. Aber auch für all diese gilt die alte Beobachtung der Theologen von vor 2.550 Jahren:

 

Wir sehen uns in hohem Maße von unserer Beziehung zur Arbeit her: Wir sind Ackerknechte. Wir sind Maschinensklaven. Wir sind Organisationsgehilfen. Wir sind Bildungs- und Lehrlakeien. Wir sind Krankenkulis.

 

Dem offen ins Auge zu sehen, dazu ermutigt uns das heutige Bibelwort. Denn es macht uns deutlich, dass Gott hinter diesen Tatsachen steht. Als solche Maschinensklaven und Organisationsgehilfen sind wir nicht aus Gottes Hand gefallen.

 

Auch und gerade für diese Abhängigkeiten und Zwänge gilt, dass wir in Ihnen „atmendes Leben" haben, dass wir trotz ihrer und in ihnen „lebende Wesen" sind. Als solche „lebenden Wesen" können wir in all diesen Abhängigkeiten und Zwängen aus der Freiheit vor Gott entscheiden, handeln und leben!

 

Wir brauchen also nicht zu verzweifeln und zu resignieren. Die Kraft zum Leben, die Kraft zum Überleben, die Kraft zu Freude, zu Stolz und zu Sieg hat uns Gott mitgegeben und stärkt uns Gott, solange wir leben. Jeden Tag. Auch diese Woche!

 

Dafür sage ich heute: Danke!                                                                                              Amen.

 

 

„Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!"



Pfarrer Dr. Rainer Stahl
Erlangen
zugleich Báèsky Petrovec, Wojwodina / Serbien
E-Mail: rs@martin-luther-bund.de

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