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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

15. Sonntag nach Trinitatis, 28.09.2014

Das Paradies
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 2:4b-8, verfasst von Reinhard Gaede

Liebe Gemeinde!

Eine der beiden Geschichten von der Schöpfung haben wir wieder gehört. Es sind Geschichten vom Anfang der Welt. Warum sind sie so wichtig? Wozu dienen sie? Was bewirken sie?

Ein kleines Mädchen und seine Mutter schauen sich ein Album mit Kindheitsbildern an. „Du, erzähl doch noch mal von dem Tag, als ich geboren wurde!" bittet das Mädchen. Zum hundertsten Mal hört es sich dann mucksmäuschenstill die Geschichte von ihrer Geburt an. Hochzufrieden mit sich und der Welt steht es dann auf und  sagt: „Ich kann mir richtig vorstellen, wie ihr euch gefreut habt, dass ihr gerade mich als Kind gekriegt habt." Der Bericht über den eigenen guten Lebensbeginn ist hilfreich. Auch für spätere Zeiten.

In ähnlicher Weise brauchen Menschen die Geschichte vom guten Anfang der Welt. Sie sagt Tröstliches und sagt Kritisches. Tröstliches: Ein Sinn waltet in allem, auch wenn er derzeit verborgen ist. Einmal in einem guten Ende kann der Sinn doch offenbar werden. Und etwas Kritisches: Der gute Anfang setzt den Maßstab: Ob gelungen oder misslungen, ob Glück oder Unglück, gemessen am Anfang erkennen wir das.

„Der große Gärtner" heißt ein Bild von Emil Nolde. Auf einem Grund von Grün, vielfach schattiert, Blumen in allen Variationen von Rot und Gelb, Bäume unbestimmter Art, darüber leuchtendes Blau, Himmel, Gewand des Gärtners. Sein erdbraunes Gesicht ist den Pflanzen zugewandt, die Hände mit behutsam ordnender Gebärde mit ihnen in Berührung.

Gott schaut auf seine Schöpfung, und es scheint, dass Er seinen Pflanzen Leben einhaucht -feuerrote Farbe könnte das bedeuten - dabei seine ganze Schöpfung im Arm hält und sie liebevoll berührt. Als Betrachter des Bildes fühlt man sich in diese Umarmung und in das Bild mit hinein genommen. Im Gesicht des Schöpfers können wir etwas Traurigkeit erkennen, möglicherweise seine Besorgnis um die Schöpfung. Er weiß, dass sein Auftrag an die Menschheit oft missverstanden wird und die Schöpfung von den Menschen zu deren eigenem Vorteil missbraucht und ausgebeutet wird.

Eine Bildergeschichte ist dieser Schöpfungsbericht, kein naturwissenschaftliches Forschungsergebnis. Obwohl schon dreitausend Jahre alt, noch immer wahr, wichtig für kleine und große Leute; denn sie deutet die Geschichte allen Lebens, gibt den Sinn an, setzt Maßstäbe.

„Es war zu der Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte." Eine Geschichtserzählung. Aber das innere Auge blickt zurück vor alle Geschichte bis zu den Anfängen, zur Urgeschichte, zum Grund aller Wirklichkeit. Wirklichkeit ist, weil Gott wirkt. Bevor Gott wirkt, ist nichts, ist Chos. Chaos wird beschrieben als Verneinung alles Seienden: Als alles noch nicht da war, heißt es. Die Grundbausteine des Lebens sind noch leblos. Noch nicht da sind die Grundbedingungen des Lebens, die in der Erde wachsenden Pflanzen. Wildpflanzen der Steppe, Nutz- oder Kulturpflanzen gibt es nicht. Noch ist kein Regen da, der die dürre Wüstenerde verwandeln kann, noch wirkt Gott nicht, noch ist der Mensch nicht tätig. Es ist Chaos. Immer wieder spricht die Bibel vom Wasser des Lebens, das Gott gibt. Dürre sind die Zeiten, in denen Menschen ohne Verbindung zu Gott sind. Der erfrischende Trank an der Quelle für Mensch und Tier ist das Gleichnis aus der Schöpfung für die belebende Wirkung der Fügung Gottes für unser Leben, für sein gnädiges Handeln an uns in Christus.

Gottes Fürsorge zeigt sich so, dass er planmäßig Lebensraum vergrößert. Er drängt das Chaos der Dürre zurück. Das Land wird feucht. Die Geschichte des Lebens beginnt.

Von ihr erzählt dieser zweite Bericht nicht wie der erste, sondern er spricht direkt von seinem Ziel, der Erschaffung des Menschen.

„Mensch" heißt „Adam" in der hebräischen Bibel. Das ist nicht der einzelne Mann - wie die Tradition das falsch versteht - sondern die Gattung, die Menschheit. Und „Adama" heißt „Erde, Ackerboden". Schon im gleichen Klang von „Adam und Adama" drückt sich ihre Beziehung aus. Zum Menschsein gehört die Kultur des Landes, die mehr ist als nur  Gewinnen der Nahrung. Und so wird die Landschaft in ihrem Bild bestimmt durch die Kultur des Menschen.

Gott machte den Menschen. Der Erzähler sieht einen Unterschied: Himmel und Erde werden geschaffen. Den Menschen macht oder bildet Gott, wie ein Künstler sein Material formt oder bildet. „Jazar" ist das eigentliche Wort für das Erschaffen des Menschen und wird des Weiteren erst übertragen auf den Seinsanfang übriger Lebewesen. Wenn die Bibel vom Menschen spricht, dann meistens von ihm als dem Lebewesen in Beziehung zu Gott, von seiner besonderen Würde oder von seiner Bewahrung durch Gott. „Deine Hände haben mich kunstvoll gemacht und gebildet", sagt Ps. 119,73. Es ist schon ein Wunder: Aus dem hinfällig Stofflichen, dem Staub, entsteht Leben, irdisches, d.h. mit der Erde verbundenes Leben. Mit der Erde verbundenes Leben bleibt es.

Später wird in der Erzählung über den Menschen gesagt - freilich über den Menschen, der von Gott entfremdet ist -: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist." (3,19) Beides ist also irdisch, d.h. erdenhaft am Menschen: Seine Arbeit und seine Vergänglichkeit. Die Worte über die Erde und den Menschen haben einen zweifachen Klang. Von Rabbi Bunam, einem großen jüdischen Lehrer,we3rden Worte wiedergegeben: „Jeder von euch muss zwei Taschen haben. In der einen Tasche steckt ein Zettel, darauf steht: Ich bin Staub und Asche. Auf dem Zettel in der anderen Tasche aber steht: Um meinetwillen wurde die Welt geschaffen. Beide Sätze sind wahr. Wenn ich nur dem ersten glaube, werde ich todtraurig. Glaube ich nur dem zweiten, überhebe ich mich. Nur zusammen sind diese Sätze wahr und eine kostbare Mitgift fürs Leben.

Menschliche Arbeit wird als Teilhabe an Gottes Schöpferwerk betrachtet. Gottes Schöpfung „zu bebauen und zu bewahren" (Gen 2,15), ist der Sinn menschlichen Arbeitens. Dem Kirchenvater Hieronymus wird das Wort zugeschrieben: „Alle Werke der Gläubigen sind Gebet", und  Martin Luther hat ein Sprichwort vorgefundenen: „Wer treu arbeitet, der betet zweifach." Luther hält diese Aussagen für richtig und begründet das damit, „dass ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehrt und an sein Gebot denkt, damit er niemandem Unrecht tun, noch ihn bestehlen oder übervorteilen oder ihm etwas veruntreuen möge. Solche Gedanken und solch Glaube machen ohne Zweifel aus seinem Werk ein Gebet und ein Lobopfer dazu" (Eine einfältige Weise zu beten, für einen Freund [den Barbier Meister Peter Beskendorf], 1535, in: Insel-Ausgabe II, 269).

Den Lebensatem bläst Gott dem Menschen ein, d.h. seine Lebendigkeit verdankt der Mensch Gott. Denn Gott ist die Macht, die Leben gibt. Ein lebendiges Wesen, „näfäsch chaiah", wird der Mensch. Manchmal versuchen wir zu untergliedern: Leib, Geist und Seele. All das fügt nichts Neues hinzu: Die Lebendigkeit ist das Wesen des Menschen.

Ein Bild des von Gott gewollten Lebens entsteht vor unsern Augen: Einen Garten bepflanzt Gott. So wie der Mensch Gott das Leben verdankt, so verdankt er auch Gott seine Versorgung mit Lebensmitteln. In einen Fruchtgarten setzt Gott den Menschen. Der große Gärtner gibt, was der Mensch zum Leben braucht. Ob nun der Mensch für den Garten oder der Garten für den Menschen geschaffen ist, bleibt in der Schwebe. Jedenfalls - das muss der moderne Mensch wieder lernen - ist alles Lebendige auf einander angewiesen: Die fruchtbare Erde mit ihren Mikroorganismen auf die ordnende, kultivierende Hand des Menschen. Der Mensch auf die Erde und ihre Früchte von Pflanzen und Bäumen. Ebenso die Tiere auf das Land mit seinen Pflanzen, die Menschen auf die Tiere.

 

Im Weiteren wird erzählt, wie sie den Tieren Namen geben, diese gleichsam in die Menschenwelt eingeordnet werden, auch eine Funktion bekommen; aber nicht im Sinne von Zwängen der Massentierhaltung, sondern in diesem Sinn: Tiere sind Begleiter unseres Lebens.

Die wahren Gefährten sind freilich die Menschen unter einander. Mit einem Jubelruf begrüßt der Mann seine Frau als ein Geschenk Gottes. (2,21)

 „Bebauen und bewahren" sollen sie den Garten. Die Welt, ein Garten Gottes, so haben Patienten Bethels den Garten Eden gemalt: Himmel und Gestirne, Land, Pflanzen und Tiere, Wasser. Im Schnittpunkt der Linien der Baum des Lebens, der Baum in der Mitte des Gartens, der Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten. Und unter dem Baum ein Tier wie alle Tiere, die Schlange.

Der Garten. Die Welt, wie sie sein sollte nach Gottes Willen. Der Bericht sagt etwas Tröstliches: So hat Gott die Welt haben wollen. Und etwas Kritisches: Daran gemessen, ist die Welt nicht mehr so: Tote Flüsse, tote Fische darin, tote Wälder, Vögel mit von Öl verklebtem Gefieder, Plastik im Meer und auf dem Land zum Schaden.

Der  Sündenfall des Menschen entfremdet ihn von Gott, wie der Kirchenvater Augustin im „Loblied auf die Osterkerze" über den Verlust des Paradieses sagt:

„Alles ist Dein und ist gut, weil du, der Gute es schufst.

Wir aber können nur sündigen: Wenn wir die Ordnung verletzen,

wenn wir statt Deiner das von Dir Geschaffene zu lieben begehren."

(Aurelius Augustinus: Der Gottesstaat, Übersetzung Carl Johann Perl; Band zwei (Buch VIII-XV), S. 440)

Der Mensch, der sich selbst an die Stelle Gottes setzt, hat die Schöpfung verwüstet. Aus den Mitgeschöpfen, den Tieren, hat er Produktionsfaktoren gemacht, den Boden ausgebeutet, Giftmüll angehäuft, Wasser und Luft vergiftet. Leider sind viele Menschen erst dann nachdenklich und lernbereit, wenn die Probleme die eigene Existenz bedrohen.

Den Garten Erde sollen wir nach Gottes Willen also „bebauen und bewahren", sagt der zweite Schöpfungsbericht. Choni, ein Weiser aus dem Judentum, sah einen Mann, der einen Johannisbaum pflanzte. „Wann wird das Bäumchen wohl Früchte tragen?" fragte er. „In 70 Jahren", lautete die Antwort. „Aber dann lebst du doch gar nicht mehr." Da antwortete der Mann: „Rabbi, auch ich habe solche Fruchtbäume schon vorgefunden. So pflanze ich jetzt für meine Kinder und Enkel. Wir können nur leben, wenn einer dem andern die Hand reicht. Ich bin nur ein einfacher Mann, aber ich kenne das Sprichwort: 'Gefährten oder Tod'".

Einander die Hand reichen und kleine Schritte wagen, um die geschundene und verwüstete Erde wieder fruchtbarer, lebenswert zu machen. Im Bebauen und Bewahren sind wir Gehilfen des großen Gärtners. Er will, dass die Erde ein Garten bleibt; er sucht Menschen, die der Erde treu sind um Gottes Willen.

 Die Verheißung seines Reiches gilt der ganzen Schöpfung: den Gotteskindern in der Gottesstadt, deren Herr das Böse und den Tod besiegt, aber auch der jetzt geschundenen Schöpfung, die wieder zum Paradies werden soll, wie der Prophet sieht.

Die Bibel ist eine große Erzählung, die über die Schöpfung des Menschen, über die Entfremdung von Gott, die Entfremdung vom Mitmenschen und die Entfremdung von seiner eigenen Bestimmung weit hinausreicht. Am Ende der biblischen Geschichte steht nicht Chaos und Tod des Menschen, sondern die Erlösung. Mensch und Natur werden von Vergänglichkeit und Verderbtheit erlöst. Die durch die Sünde des Menschen verderbte Schöpfung ist nun durch die neue Schöpfung überboten. Das Meer, Symbol des Chaos, hat aufgehört zu sein. An Stelle der bösen Stadt tritt die heilige ewige Gottesstadt. Sie bringt den Himmel auf die Erde. In ihr erlöst Gott von Tod und Schmerz. (Offb. 20, 1ff.) Die ursprüngliche Herrlichkeit der Schöpfung strahlt auf: Kristallklares Wasser, Fülle der Früchte für alle Zeit, heilende Blätter. Die Erlösung zeigt eine Heilung der verdorbenen und zerstörten Natur und lässt die neue Schöpfung Quelle der Heilung für den Menschen sein. (Offb. 21,1ff.)                                                                                                      Amen



Pfarrer i. R. Dr. Reinhard Gaede
Kirche zu Westerenger, Herford
E-Mail: reinhard-gaede@gmx.de

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