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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

19. Sonntag nach Trinitatis, 26.10.2014

„Bundespartner Gottes“ – was wiegt mehr?"
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 34:4-10, verfasst von Ulrich Kappes

‚Die Predigt am 19.Sonntag nach Trinitatis hat mit dem 2. Buch Mose, Kap. 34 einen der größten Texte des Alten Testamentes vor sich', sagt einer der leitenden Theologen der Westfälischen Kirche, Jan - Dirk Döhling. I1I472 Die Marburger Theologin Ruth Poser schreibt über unseren Predigttext, er sei ein „Schlüsseltext zum Alten Testament". I2I 220

Versuchen wir, die Tür zu öffnen.

 

Zunächst ein paar Worte zu den vorausgehenden Kapiteln im 2. Mosebuch.

Mose hat auf dem Berg Sinai die beiden Tafeln der Zehn Gebote erhalten. Gott habe sie, so ist zu lesen, selbst und mit eigener Hand eingraviert. (32,16) Wie er mit der teuren Last den Berg herabsteigt, hörte er ein Singen und Musizieren. Das Volk Israels gab sich einem handfesten Götzenkult um das Standbild eines goldenen Kalbs hin. Das war auch insofern ein schlimmes Vergehen, weil Mose vor seinem Aufstieg einen feierlichen Bundesschluss zwischen Gott und Israel gefeiert hatte. (2. Mose 24, 4 -8) Warum kam es zu dieser Entgleisung? Zu lesen ist, dass das Volk sich nicht erklären konnte, warum Mose noch immer nach vierzig Tagen und Nächten lang auf dem Berg verblieben sei. Geriet es in Angst und tanzte gegen diese Angst um ein Bild aus Kraft und Stärke? In der nachfolgenden Zeit hält Mose ein schreckliches Gericht. Mit Hilfe der Söhne Aarons, der Leviten,  lässt er dreitausend Menschen töten. (2. Mose 33,28) Gott schickt seinerseits eine Strafe. Schließlich mussten sie allen Schmuck ablegen und einschmelzen. (2. Mose 33,5)   

Mose erhält nach dieser Katastrophe von Gott den Auftrag, erneut zwei neue Tafeln anzufertigen und mit ihnen auf den Berggipfel des Sinai hoch zu steigen. Begleiteten ihn das erste Mal noch siebzig Älteste und Aaron ( 2. Mose 24, 1 ff.) bis zu einem höher gelegenen Plateau und blieben dann zurück, so hatte er dieses Mal den Aufstieg allein zu bewältigen. Dem Volk war es ausdrücklich verboten, sich dem Berg zu nahen. Das Weiden von Schafen und Rindern in der Nähe des Berges war untersagt. Hier beginnt unser Predigttext.

 

Wir sehen Mose mit den schweren Steintafeln in seinen Armen. Er schleppt sich Stück für Stück, Meter um Meter nach oben. Die Steintafeln sollen erneut von Gott selbst beschriftet werden. Noch sind sie leer. Keine Weisung. Er hat nichts außer dem behauenen Stein.  Das schmerzt.

Es ist früh am Morgen. Er ist so einsam und allein, wie ein Mensch nur einsam und allein sein kann.

Die Gestalt des  Mose mit den leeren Tafeln prägt sich wie von selbst ein. - Steht das Bild dafür, dass ein Mensch, der Gott gehorsam ist und sich davon nicht abbringen lässt, diesem Mose gleicht und letztlich allein ist? I3I Er kann sich an keine Schulter lehnen, muss allein sich selbst und seinem Glauben treu bleiben: ‚Ich aber verrichte, was Gott geboten hat.'

Der Weg im Gehorsam Gott gegenüber ist kein Weg über eine grüne Wiese. Es ist der Aufstieg auf einen Berg. Man muss das Ziel vor Augen haben, sonst schwinden die Kräfte. Es gilt, zu sagen: Ich will das. Ich will das unbedingt.

 

Auf dem Gipfel des heiligen Berges offenbart sich Gott. „Da kam der HERR hernieder in einer Wolke."

Die Wolke ist ein grundlegendes und wichtiges Detail. Sie steht für die Verhüllung Gottes gegenüber dem Menschen Mose. Sie  ist Gottes Schutz für den Menschen.

Mose hört eine Stimme. Vielleicht ist es die Stimme von Gottes Engeln, I4I einer himmlischen Schar:

„Der Herr ist der Herr. Der Herr ist Gott: barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an den Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied."

Es folgt der Satz: „Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an."

Dem Lobpreis auf Gottes Herrlichkeit folgt die Anbetung durch den Menschen. Es ist eine inbrünstige Anbetung. Mose wird zum Vorbild biblischen Betens. Sein Bild ist in die jüdische Frömmigkeit eingegangen. Martin Luther sagte darüber:

„Ich gäbe zweihundert Goldgulden, wenn ich beten könnte wie die Juden. Sie haben es eben von dem gewaltigsten Beter, von ihrem Lehrer Mose gelernt, und ihn hat Gott selbst unterwiesen." I5I

Wir hörten, dass dieser Text ein Schlüsseltext des Alten Testamentes sei. Er ist für alle Zeit eine Anleitung zum Beten. Im Vordergrund des Gebetes stehen nicht menschliche Sorgen und Nöte und Befindlichkeiten, sondern die Anbetung Gottes.

 

Die Aufzählung der Eigenschaften Gottes im Lobpreis ist singulär im Alten Testament.

Schaut man sich diese, nach jüdischer Zählung dreizehn, Eigenschaftsworte genau an, so kann man sie mit dem Satz zusammenfassen: Gott ist Liebe und Gerechtigkeit. I6I

Wesentlich ist das „und": Liebe und Gerechtigkeit. Gott liebt und Gott straft. Das ist eine unbequeme Wahrheit. Hält man sie nicht fest, glaubt man nicht an den Gott der Schrift. Man muss freilich fragen, ob man mit einem Gottesgedanken leben kann, der  Gott sozusagen mit zwei Gesichtern schildert,  halb Liebe, halb Gerechtigkeit? - Ein genauer Blick in den Text klärt darüber auf, dass der Anteil der Worte, die für „Liebe" stehen, deutlich überwiegt.  Es ist vielmehr von der Liebe die Rede als von der strafenden Gerechtigkeit.

 „Vergib uns unsere Missetat und Sünde!", bittet Mose. Er spräche es nicht aus, wenn der „gerechte und strafende" Gott gleichwertig neben dem vergebenden, lieben Gott stünde. „Vergib  uns unsere Missetat!" ist die Bitte nach dem Tanz um das Goldene Kalb. Gott ist Barmherzigkeit. Das soll die Kontur unseres Gottesbildes sein.

 

Das Finale des Textes, seinen Schlusssatz und Höhepunkt, bilden die Worte Gottes „Siehe, ich will einen Bund schließen!" Eine Fülle von gewichtigen Sätzen folgt. Es ist und bleibt aber der Hauptsatz Gottes in dem Kapitel.

„Siehe, ich will einen Bund schließen!"  Das ist die unglaubliche Würdigung eines Volkes. Es ist seine Erwählung. Sie ist eine herausragende Auszeichnung und sie ist zugleich Verpflichtung und Auftrag. „Siehe, ich will einen Bund schließen!", heißt: ‚Ich will mit dir, gemeinsam mit dir, mein Werk in dieser Welt tun.'

  

Am Ende - oder in der Mitte der Zeit - so heißt es nun beim Propheten Jesaja, wird Gott einen Knecht senden, der diesen Bund auf die Völkerwelt übertragen wird. „So spricht der Herr (zu seinem Gottesknecht): Zur Zeit der Huld habe ich dich erhört und am Tag des Heils dir geholfen; ich habe dich geschaffen und dich gemacht zum Bundesmittler für das Menschengeschlecht."  I7I  Dieser Gottesknecht wird nach dem Zeugnis des Markusevangeliums (Mark. 14,24)  und des 1. Korintherbriefes (1.Kor.11, 25) den Sinaibund Gottes über dem Abendmahlskelch erneuern: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut." Im heiligen Abendmahl treten Christinnen und Christen zum Sinaibund dazu und haben teil an ihm. „Christus hat den Zaun abgetragen, der dazwischen war", jubelt der Epheserbrief. (Epheser 2,14)

 

Das „Blut des Neuen Bundes" bedeutet eine grundlegende Erweiterung gegenüber dem Alten Bund. Das Problem ist: Ein Mensch hört, dass er Teilhaber an Gottes Wirken in der Welt ist, den Adel eines Bundespartners Gottes verliehen bekommt, sich aber dieser Berufung nicht gewachsen sieht. Er erfährt Tag für Tag an sich selbst, dass er im Bann und in der nicht enden wollenden Gefangenschaft des Goldenen Kalbes steht. Sein grundlegendes Dilemma ist, dass es diese hohe Berufung und in gleicher Weise das Versagen gibt.

Wie kann Paulus die Christinnen und Christen dennoch „Dienerinnen und Diener des Neuen Bundes" nennen? (2. Kor. 3,6)

Er ist wohl in die Schule von Mose gegangen, indem er mahnte, „zu vergessen, was dahinten ist". Ja, da ist das Goldene Kalb, aber da ist auch das Kreuz. Da ist die Macht der Angst und der Verlassenheit, aber da ist Er, der Gottesknecht, der aufhilft. Da ist der Trieb, mächtig und übermächtig, zu tun, was alle tun, der Nachahmungstrieb, aber größer ist die Macht des Gottesknechtes, der das zerstoßene Rohr aufrichtet und den glimmenden Docht am Leuchten erhält. Es gilt nicht nach hinten, sondern auf Christus zu blicken.

 

Die hinzukommende Barmherzigkeit im Neuen Bund liegt darin, dass Menschen „in Christus" sein können, was sie von sich aus nicht sind: Gottes Gehilfen in dieser Welt, Teilhaber und Beauftragte an seinem Werk, Mitarbeiter an dem Neuen, das Gott schaffen will. Sie leben nicht in Ambivalenz sich selbst gegenüber. Prägend für ihr Selbstverständnis ist, das das Blut des Neuen Bundes Vergebung bringt und nach der Vergebung „Kraft und Stärke dem Schwachen und Unvermögenden". So kann eine oder einer sprechen: „Ich bin Bundespartner des großen Gottes. Das ist es und das tue ich hier und jetzt. - Nichts wiegt mehr in meinem Leben.



Pastor em. Dr. Ulrich Kappes
Luckenwalde
E-Mail: ulrich.kappes@gmx.de

Bemerkung:
I1I Jan-Dirk Döhling, Aus dem Riss und in der Bresche, Pred.med. z. St., in: Pastoraltheologie, 103. Jahrgang, 2014/8. Göttingen 2014, 471-477, S. 472.
I2I Ruth Poser, Begabt zum Neuanfang, Pred.med. z. St., in: Predigtstudien 2013/2014, Zweiter Halbband, Freiburg im Breisga 2014, 220-223, S. 220.
I3I Benno Jacob, Das Buch Exodus, hrsg. im Auftrag des Leo Baeck Instituts von Shlomo Mayer, Stuttgart 1997, S. 966: „Es soll das Bild gemalt werden, wie Mose mit zwei steinernen Tafeln vor dem nachschauenden Volke den Sinai hinansteigt.“
I4I Nach B. Jacob, a. a. O, S.967.
I5I Zitiert nach B, Jacob, a. a. O., S.970.
I6I Nach Hermann Cohen, Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Frankfurt/Main, 1929 (Nachdruck), S. 109 zitiert nach J.-D. Döhling, a. a . O., S. 473.
I7I Nach Karl Barth, Kirchliche Dogmatik IV,1, Zürich 1960, S. 30. Mit Karl Barth wird die Übersetzung der Zürcher Bibel (ältere Fassung) verwendet.



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