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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

19. Sonntag nach Trinitatis, 26.10.2014

Mose: Der zweite Versuch
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 34:4ff, verfasst von Wolfgang Schmidt

Liebe Gemeinde!

 

Ich erinnere mich noch genau: wir waren spät zu Bett gegangenen und als der erste Wecker klingelte, waren wir alle noch müde. Draußen war es dunkel. Nur der schwache Schein einer zartern Mondsichel und ein klarer Sternenhimmel erhellten spärlich die Nacht. Trotzdem machten wir uns auf den Weg durch die Dunkelheit, folgten mit unserer Gruppe den erfahrenen Schritten des jungen Beduinen und stiegen mit ihm langsam den Berg hinan: Der Berg des Mose. Der Berg der Offenbarung. Der Berg des Bundesschlusses im Sinai! Was für ein Weg war das, den wir in den langsam herauf dämmernden Tag  nun den Berg hinaufstiegen! Der Rucksack drückte auf den Schultern, obwohl nun ein wenig Proviant darin war und warme Kleidung zum Wechseln, wenn wir denn schließlich zum Sonnenaufgang oben ankommen würden...

 

Wir gingen den Weg des Mose. Auch er steht am Morgen früh auf, wie die Bibel uns erzählt. Auch er hat Gepäck. Doch kein Proviant lastet auf seiner Schulter. Keine Kleidung zum Wechseln ist es, die ihn drückt. Was ihn drückt, ist die Last zweier steinerner Tafeln und die Last der Erinnerung, die sich damit verbindet. Es ist die Erinnerung an jene ersten Steintafeln, mit denen er nur kurze Zeit zuvor schon einmal von diesem Berg herabgestiegen ist. Es ist die Erinnerung an jenen denkwürdigen Moment, als er am Fuß des Berges sein Volk beim Feiern antraf, beim Tanzen um ein goldenes Kalb. Voller Zorn schleuderte er bei diesem Anblick die Steintafeln von sich, die Tafeln mit der Tora, mit den Zehn Geboten - und sie zerschmetterten an den Felsen! „Gott hatte sie selbst gemacht", wie man in der Bibel wörtlich lesen kann, „beschrieben von dem Finger Gottes". Unwiderbringlich waren sie zerstört, verloren! „Das goldene Kalb hat ihn überzeugt, dass bei diesem Volke und seinem tiefeingewurzelten Hange zu Götzendienst und Fetischismus himmlische Tafeln nicht angebracht seien", schrieb einmal der jüdische Bibelausleger Rabbiner Benno Jacob in seinem Kommentar zu dieser Stelle. „Es ist doch das dringendste Anliegen der Religion, dass nicht die Materie dem Geiste gleichgesetzt, vergöttlicht und angebetet werde." Was hätte es wohl für einen Kult gegeben um die zwei steinernen Tafeln, von denen die Überlieferung sagte, dass sie von Gottes Hand gefertigt und beschrieben wurden?

 

Die Faszination, die den sogenannten heiligen Gegenständen innewohnt, erleben wir in dieser Stadt täglich. Menschen, die sich im Eingangsbereich der Grabeskirche mit ihren Tüchern auf den sogenannten Salbungsstein werfen, als hafte an der Materie dieses Steines, der vermeintlich einmal den toten Körper Jesu getragen haben soll - als hafte an der Materie noch etwas von seinem Geist, von seiner Kraft, von seiner Gegenwart! Auf Schritt und Tritt treffen wir in dieser Stadt auf Gegenstände und Orte, die mit einem Kult bedacht werden, bei dem man sich fragt, ob da nicht Geist und Materie verwechselt werden, ob da nicht das Bedürfnis nach dem Greifbaren, das Ungreifbare in den Schatten stellt und den lebendigen Gott nicht gegen einen Götzen tauscht.

 

Als Moses zum zweiten Mal auf den Berg steigt, sind die Tafeln der Gebote jedenfalls entzaubert. Der Glanz des ersten Mals ist hinüber. Den Stein hat er selbst gehauen.  Das Volk hat den Götzen angebetet. Das Paradies ist nicht mehr. Die Steine aus Gottes eigener Hand sind zerbrochen. Das Volk hat gesündigt. Die Geschichte der ersten Liebe, die Geschichte von Gott und seinem Volk hat einen tiefen Kratzer bekommen. Das idealisierende Bild einer heilen, ungebrochenen Gott-Mensch-Beziehung wird durch die Ereignisse auf den Boden der Realität gestellt, die Realität einer gebrochenen Welt.

 

Und erst vor diesem Hintergrund leuchtet nun auf und strahlt nun hell, was da oben auf dem Berg, jetzt, in der zweiten Runde, zwischen Gott und Mose sich ereignet. Anders als die Übersetzung von Martin Luther, lesen die jüdischen Ausleger des Abschnitts  den hebräischen Text so, dass zunächst nicht Mose  das Subjekt des Redens ist, sondern die Stimme Gott gehört, und aus der Wolke zu ihm tönt. Er, Gott selbst, nennt seinen Namen, ruft seinen Namen aus und alles, was sich mit diesem Namen verbindet: „Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde....". Wie hell leuchten diese Worte vor dem Hintergrund jenes goldenen Kalbes, dass das Gottesvolk angebetet hat, und des Zorns, den es damit auf sich gezogen hat! Wie hell klingt der Name Gottes! Wie schön klingt der Name Gottes mit diesen Attributen!

 

Wir kennen das: „Sich einen Namen machen" sagt man und meint, dass jemand Bekanntheit und Berühmtheit erlangt durch große und bedeutende Handlungen. Ghandi hat sich einen Namen gemacht durch sein gewaltfreies Handeln in Indien, Mutter Theresa hat sich einen Namen gemacht durch ihre tätige Nächstenliebe unter den Ärmsten der Welt. Auch ISIS hat sich in wenigen Wochen einen Namen gemacht: äußerste Brutalität, tödlichen Fanatismus und tiefste Menschenverachtung verbinden wir damit. Namen stehen für Realitäten, die wir damit verbinden. „Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde....". Das ist mein Name! Sagt Gott. Dafür steht mein Name!Diesem Namen mache ich alle Ehre!

 

Doch bis hierher, liebe Gemeinde, habe ich Ihnen nur erst die Hälfte des Namens zu Gehör gebracht. Und oft scheint es mir, als wäre es überhaupt dieser Teil des Namens, der uns, weil angenehmer, als einziger bekannt ist: Gottes Vergebung und Barmherzigkeit. Der „liebe Gott". Ja, schon! Gnade ist wahrhaftig das Markenzeichen unseres Gottes - um es etwas salopp zu sagen. Bis in die tausendste Generation bewährt er sie, wie es heißt. Aber damit einher geht zumindest ein tiefer Ernst. Damit einher geht Gerechtigkeit.  „Ungestraft lässt er niemand" - so hört Moses die Stimme des Ewigen weiter sagen. „Ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern" - nicht bis ins Tausendste zwar, aber doch „bis ins dritte und vierte Glied." - „Kein Mensch kann die Worte der Tora verstehen, bevor er darüber gestolpert ist", sagt der baylonische Talmud im Traktat Gittin. Wie recht hat er! „Ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied." Über diese Worte stolpere ich. Wie bringt man sie zusammen mit den Ausführungen über Gottes Gnade und Vergebungsbereitschaft?

 

Ist es vielleicht so, dass hier eine tiefe Lebenserfahrung ihren Niederschlag gefunden hat? Aus der systemischen Psychologie wissen wir, dass Schuld nicht allein eine Frage des Individuums darstellt. Schuldzusammenhänge ziehen sich oft in ihren Folgen über Generationen hin, bis sich mutige Glieder in dieser Kette in der Lage und bereit finden, die Schuld zu bearbeiten und die Heimsuchung über Generationen aufzubrechen. Wer einmal mit den Methoden der Familienaufstellung Berührung hatte, weiß Geschichten davon zu erzählen, wie Schuld sich über Generationen vererben mag  - oft völlig unbewusst  -  und Verfehlungen der Vorväterzeit sich unter den Urenkeln fortsetzen. Ein Beispiel nur ist Kindesmissbrauch. Wieviele derer, die Kinder sexuell missbrauchen, sind selbst schon als Kinder sexuell missbraucht worden! Spiegelt sich diese Erfahrung wieder in den Worten,  dass die Missetat der Väter an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied heimgesucht wird? Und ist die gleichzeitige Rede von Gott, gnädig und barmherzig, nicht der unausgesprochene Apell, das unausgesprochene Angebot an die Betroffenen, diese Kette der Verfehlung von Generation zu Generation zu durchbrechen, die Schuld - die eigene und die der Vorfahren - einzugestehen, zu bekennen, zu bearbeiten? Therapeutische Möglichkeiten bieten ja in unserer Zeit ungeahnte Möglichkeiten, dass einer Unterstützung findet auf diesem nicht einfachen Weg.

 

Vergebung und Gnade meint doch nichts anderes, als dass sich neue Wege zum Leben auftun, denen die ihre Verfehlung eingestehen, denen, die ihre Sünde bekennen, denen, die ihr Herz hinwenden zu Gott mit der Sehnsucht nach Erneuerung und der Bitte um Vergebung! Nicht umsonst bilden die im Text genannten Eigenschaften über Gottes Erbarmen als die „Dreizehn Attribute" Gottes den Kern aller Gebete um Sündenvergebung, die dem Yom Kippur seine Färbung geben - der größe Versöhnungstag im Judentum, den wir gerade vor drei Wochen hier in Israel sehr eindrücklich miterleben konnten.

 

Und damit kehre ich noch einmal zu Mose zurück, den dieser Name Gottes, wie er ihm aus der Wolke heraus offenbart wird, auf die Knie zwingt. Für sein halsstarriges Volk bittet er um einen solchen Neuanfang. „So gehe der Herr in unserer Mitte". Die Bitte erinnert mich an die Worte des Jeremia, in denen Gott dem „Hause Israel" und dem „Hause Juda" einen neuen Bund ankündigt, der so aussieht: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz schreiben und in ihren Sinn geben". Wie das Herz die Mitte des Menschen bezeichnet, so bittet Mose um Gottes Gegenwart in der Mitte seines Volkes. Nur von innen heraus, aus der Mitte heraus, gibt es eine Chance für die Zukunft und damit öffnet sich die Geschichte Gottes mit seinem Volk auf's Neue! Den Bund will er schließen. Und das Volk und alle Völker werden sich noch wundern, wie es heißt!



Propst Wolfgang Schmidt
Church of the Redeemer,Jerusalem,Israel

E-Mail: propst@redeemer-jerusalem.com

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