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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Buß- und Bettag, 19.11.2014

„Gottesdienst“ und Mitmenschlichkeit
Predigt zu Jesaja 1:10-17, verfasst von Thomas Bautz

Hört das Wort Adonais (JHWHs), ihr Sodom-Fürsten! Horcht auf die Weisung unseres Gottes, du Gomorra-Volk: „Was soll mir eurer Opfer Fülle?" spricht Adonai (JHWH). „Satt habe ich die Widderbrände und das Mastochsenfett. Das Blut der Farren (männl. Hausrinder) und der Böcke gefällt mir nicht! Wenn ihr mein Antlitz sehen kommt, - Wer hat das von euch verlangt, das Zertreten meiner (Tempel-)Höfe? Bringt mir nicht länger Eitelgaben, Opferrauch, der mir ein Gräuel ist. Neumond(feier) und Sabbat, Ausrufen der Versammlung - ich ertrage nicht Frevel und Feier!

Eure Neumonde(feiern) und eure Feiertage haßt meine Seele. Sie sind mir zur Last; ich bin (zu) müde, sie zu ertragen. Und breitet ihr eure Hände aus (zum Gebet), schließe ich meine Augen vor euch. Und betet ihr noch so viel, höre ich nicht zu! Eure Hände sind voll Blutschuld. Wascht, reinigt euch! Schafft die Bosheit eurer Taten aus meinen Augen fort!

Hört auf zu schaden, lernt zu nützen! Trachtet nach Recht, helft dem Bedrückten! Schafft Recht der Waise, tretet für die Witwe ein!"

 

Liebe Gemeinde!

Als einen Affront müssen die Zeitgenossen des Propheten Jesaja den Vergleich zwischen ihnen und (Sodom,) Gomorra (cf. V. 9) empfinden. Da mag es nur ein schwacher Trost sein, dass ihnen nicht wie jenen die ganze Vernichtung droht: „Hätte uns JHWH Zebaoth nicht einen Rest gelassen, wären wir fast wie Sodom geworden, wären wir Gomorra gleich!"

Der Prophet beruft sich mit seiner „nachdrücklichen Bußpredigt" (O. Kaiser) auf die höchste denkbare Autorität: „Horcht auf die Weisung unseres Gottes, du Gomorra-Volk".

Es ist grundsätzlich Aufgabe der Propheten, von „Gott" her, in dessen Vollmacht und auf Ihn hin zu reden, d.h. Gesinnungsänderung, Umdenken und Umkehr bei den Angesprochenen zu bewirken oder zumindest anzustoßen. Dies setzt freilich voraus, dass sich diese irgendeines Vergehens oder gar mehrerer Untaten schuldig gemacht haben. Im Allgemeinen haben wir dabei einzelne Menschen oder Gruppen vor Augen, die Straftaten, Verbrechen begehen.

In der hebräischen Bibel hingegen wird häufig ein ganzes Volk angeklagt und für schuldig befunden. Angesichts der Bußpredigt Jesajas an das „Gomorra-Volk" ist mir das im Grunde erstmals überhaupt aufgefallen. Wie konnte ich über Jahrzehnte darüber hinweglesen?!

Nun ist uns Deutschen eine pauschale Schuldzuweisung keineswegs fremd. Einerseits für viele, besonders für die jüngeren Generationen, schon längst in die Ferne gerückt, andererseits moralisch und politisch doch immer wieder lebendig: Die Frage der „Kollektivschuld" wegen der unsagbaren, ungeheuerlichen Verbrechen im Nazi-Deutschland. Ein für viele Menschen sehr unangenehmes, bedrückendes, zum Teil auch Wut auslösendes Thema. Manch einer mag lieber weiterhin „Im Labyrinth des Schweigens", Anspielung auf das deutsche Filmdrama von 2014, verharren und die Gräueltaten verdrängen: Ermordung von über 6 Mio. Menschen, vor allem Juden, aber auch Alten, Gebrechlichen, Homosexuellen, Kommunisten, Regimegegnern,  darunter auch viele Deutsche!

Natürlich kommt die Frage einer Kollektivschuld auf: die Alliierten, die Siegermächte, konkret: die Soldaten, welche die Konzentrationslager und die noch übrig gebliebenen, ausgemergelten, dem Tod geweihten Menschen befreien, sehen sich mit unvorstellbaren Szenarien konfrontiert, die jemals in einer „Volksgemeinschaft" stattgefunden haben.

Es muss die bange Frage aufgeworfen werden: Wie ist „so etwas" möglich? Schließlich handelt es sich nicht um Kriegsverbrechen; das wäre schlimm genug. Nein! Hitler und seine Handlanger haben es geschafft, in der Tat peu à peu eine ganze Gesellschaft dazu zu bewegen, eine Solidargemeinschaft, eine Volksgemeinschaft zu bilden. Doch können Einzelne dabei noch ihren Interessen durchaus nachgehen.

Dabei stellt es auch kein Problem dar, auf manches zu verzichten. Auf dieser Grundlage eines wachsenden Gefühls des Zusammenhalts vermag die NS-Ideologie dann auch, die ohnehin bereits vorhandene Antipathie gegen das Judentum weiter auszubauen, so dass spätestens die Stigmatisierung der Juden durch den gelben, für alle weithin sichtbaren Davidsstern und die Reichskristallnacht ihre Ausgrenzung ohne nennenswerten Widerstand aus der deutschen Bevölkerung gelingen kann. Die ersten rollenden Züge, die Deportationen in die KZs, nimmt man dann nur noch zur Kenntnis. Es sei aber auch erwähnt, dass überlebende Juden bezeugen, wie manche deutsche Bürger in der Reichskristallnacht in ihren Häusern geweint haben.

Kollektivschuld? - Nein! Diese pauschale Schuldzuschreibung wird weder von den meisten Überlebenden, noch vom heutigen Judentum, auch nicht vom Staate Israel vertreten. Ich finde auch die etwas später eingeführten Begriffe wie „Kollektivhaftung", „Kollektivscham" und „Kollektivverantwortung" nicht sehr glücklich; da schwingen Schönrederei  (Euphemismus), Entschärfung des Problems, Verharmlosung mit. Nach dem Motto: Wenn alle verantwortlich sind, ist im Grunde kein Einzelner verantwortlich. Und lediglich von „Scham" zu sprechen, finde ich ausgesprochen schamlos!

Sie mögen sich fragen, warum ich Ihnen das zumute, über „die Vergangenheit" nachzudenken; „das bringt doch nichts", und wir können schließlich nichts dafür! In Ordnung! Aber ich kann Ihnen nur zum Teil zustimmen. Was damals passiert ist, geschieht nicht von ungefähr, und die Ursachenforschung darf nicht nur Historikern überlassen bleiben. Ich habe mehrere deutsche Geschichtsforscher, auch einen Rechtshistoriker, dazu soweit gelesen, dass ich meine, mir ein relativ ausgewogenes Urteil gebildet zu haben; die Bücher entstammen u.a. dem 21. Jh.!

Ich bin immer noch dankbar, dass uns ein Deutschlehrer am Gymnasium (damals in Berlin, Anfang der 1970er Jahre) für den Holocaust (die Shoa) sensibilisiert hat, indem er uns auch Filmmaterial aus den Konzentrationslagern zeigte. Mir wurde speiübel! Er war nicht nur als Lehrer dazu motiviert, uns aufzuklären, sondern (vorwiegend?) als Jude und als Vorsitzender der Liga für Menschenrechte, die mit Amnesty International kooperieren.

Seitdem hat „Auschwitz" mich immer wieder beschäftigt, mich nicht losgelassen, mich im Inneren aufgewühlt. Natürlich nicht ununterbrochen; manchmal habe ich jahrelang nicht mehr bewusst daran gedacht. Aber allein mein Beruf als Pfarrer - die Beschäftigung mit der Bibel, aber auch die Begegnung mit vielen unterschiedlich denkenden und empfindenden Menschen, vor allem ihre Meinungen zum Holocaust, ließ und lässt „Auschwitz" für mich gegenwärtig werden. Es gibt sozusagen kein Entrinnen, und jeder Versuch einer distanzierenden Reflexion oder gar Abstraktion erscheint mir wie eine abscheuliche Perversion. Nicht nur rückblickend ist der Nationalsozialismus - das Wort ist für sich genommen ein Euphemismus - ideologisch noch gegenwärtig. Ich denke an manche Gespräche und Begegnungen, die Gänsehaut bei mir hervorgebracht haben.

Angesichts bestehender gesellschaftspolitischer Probleme wie grassierender Arbeitslosigkeit und einseitiger Ausländerpolitik, fallen Sprüche, die kaum noch die Möglichkeit eines Missverständnisses offen lassen: „Unter Adolf hätte es das nicht gegeben!" „Es war nicht alles schlecht, was Hitler tat." „Nur weil wir den Krieg verloren haben, trampelt man jetzt auf uns herum." Wenn ich darauf hinweise, unter welchen Vorzeichen Hitlers „Erfolge" stehen, wird ausweichend oder beschwichtigend, relativierend geantwortet. Das betrifft insbesondere die Haltung gegenüber der Existenz der Vernichtungslager und der Ermordung von ca. 6 Mio. Menschen. Man will es kaum wahrhaben; es wird weiterhin verdrängt; das Ausmaß der Shoa wird mitunter sogar geleugnet.

Liebe Gemeinde! - Meine Gesprächspartner waren und sind keine Verdächtigen aus der rechten Szene oder bekennende Rechtsradikale; es sind keine Extremisten, sondern ganz „normale", scheinbar friedliebende, aber auch mit sich selbst sehr zufriedene Bürger - soll ich etwa sagen: Genau wie damals in der sog. „Volksgemeinschaft" im NS-Staat? - Das wäre sicher anmaßend; das steht mir nicht zu; das würde auch nicht jeder Jude behaupten. Obschon Stimmen aus dem Judentum laut werden, die uns bekennen (müssen), dass in ihnen wieder alte Ängste neu geweckt werden. Das sollte uns schon gerade an einem Buß- und Bettag zu denken geben, zumal auch in Kirchengemeinden ab und zu ein gewisser Unmut spürbar wird, wenn man - und dann noch als Pfarrer - allzu lobend die Werte des Judentums hervorhebt.

Die Haltung der Großkirchen war übrigens auch alles andere als rühmlich; die Rolle eines aktiven Widerstands wurde m.E. im Nachhinein hochgespielt, damit das Versagen der Kirche insgesamt relativiert werden konnte. Die evangelische Kirche hat sich zum Teil gegen das Programm der Entnazifizierung gewandt. Das fördert die Geschichtsforschung zutage.

Historikern erscheint die „Stuttgarter Schulderklärung" (18./ 19. Okt. 1945) als zu abstrakt und moralisch ungenügend; in ihrem Wortlaut heißt es im ersten Absatz:

„Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."

Ich frage - durchaus beim Propheten Jesaja anknüpfend, wie können Menschen überhaupt „Gottesdienste" feiern und beten, wenn Blut an ihren Händen klebt (?). Denn darin kulminiert die massive Kultkritik des Propheten: Nicht etwa „Gottesdienste" (mit den damals mit ihnen verbundenen Opfern) als solche sind dem Herrn (JHWH) ein Gräuel, sondern der offene Widerspruch: Frevel(taten) einerseits und Feier andererseits. Daher sein vernichtendes Urteil:

„Eure Neumonde(feiern) und eure Feiertage haßt meine Seele. Sie sind mir zur Last; ich bin (zu) müde, sie zu ertragen. Und breitet ihr eure Hände aus (zum Gebet), schließe ich meine Augen vor euch. Und betet ihr noch so viel, höre ich nicht zu! Eure Hände sind voll Blutschuld. Wascht, reinigt euch! Schafft die Bosheit eurer Taten aus meinen Augen fort!"

In einem der Tagebücher des Philosophen, Menschenrechtlers und Pazifisten Günther Anders (Günther Siegmund Stern; 1902-1992) findet sich ein Eintrag vom März 1933, wie er von Berlin aus mit dem Zug über Köln nach Paris ins Exil flieht; in der Ecke des Abteils kauernd, „hinter dem Regenmantel versteckt, Schlaf simulierend", bleibt er unbemerkt von sieben SA-Männern, „fast pausenlos brüllend" - sie singen („vom Bahnhof Zoo bis Köln"):

„Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig! / Laßt die Messer rutschen in den Judenleib! / Blut muß fließen knüppelhageldick! / Wir scheißen auf die Freiheit und die Judenrepublik!/ Kommt einst die Stunde der Vergeltung, / sind wir zu jedem Massenmord bereit."

G. Anders: „Und ich war der Judenleib, der neben ihnen saß, und den sie nicht erkannten. - Vermutlich keiner der Singenden mehr unter den Lebenden. Aber die Genugtuung des Massenmordes haben sie vorher immerhin gehabt." (Tagebücher und Gedichte, 229)

Weniger schockierend, aber nichts desto weniger bedenklich ist ein Beispiel für die Mitschuld Einzelner, das der deutsche Historiker Norbert Frei (Jg. 1955) berichtet: Lehrerin „Marianne B." erhält 1943 die Weisung, ihren Dienst am Gymnasium in Auschwitz anzutreten. Über die Existenz des Konzentrationslagers, über die Größe der Wachmannschaft und ankommende Judentransporte wird sie vom Bürgermeister informiert. Fünfzig  Jahre später schreibt sie in ihren Erinnerungen: „Darüber mußte ich erst einmal in Ruhe nachdenken." (Frei, 2005, 156f)

Ihre schwangere Vorgängerin ist mit einem SS-Führer verheiratet; sie leben in der Nähe. Marianne B. erlebt, wie eine „Schar kleiner, verstörter" Schüler am Bahnhof die Ankunft eines Güterzuges beobachten: „Ich war tief traurig. Konnte man denn diesen grausamen Vorgang, den man Selektion nannte (Auswahl der für den Tod Bestimmten), nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit abwickeln ...?!!" (N. Frei, 2005, 157)

„Mit derselben verdrehten Moralität" (N. Frei) lernt die Lehrerin bald „Rudolf Höß ob seiner ‚entsetzlichen Lage‘ emphatisch zu bedauern"; „die Kinder des Lagerkommandanten gehörten zu ihren Schülern." Als ihr „hochelegante Damen" - von SS-Männern bewacht - begegnen, „zweifellos wunderschöne, wohlhabende und verwöhnte Rassejüdinnen", registrierte sie neben den „entwürdigenden und grausamen Umständen" vor allem deren „haßerfüllte Blicke": „‘SS-Braut‘ mögen sie gedacht haben, kam ich doch gerade aus der Richtung des Lagers."

„Warum hatten sie - bei ihrem offensichtlichen Reichtum - es nicht geschafft, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen? Schon seit 1934 gab es doch die Judengesetze." (N. Frei, 2005, 157)

Der ehemaligen Lehrerin darf man unverstellte Ehrlichkeit attestieren, wenn sie das noch 1999 zu Papier bringt. Allerdings wollte sie während der letzten Kriegsjahre damals nicht dem „Impuls, das Auschwitzer Verbrechen (...) weiterzuerzählen, das bedrängte Gewissen von der Last zu befreien", nachgeben, obwohl er „übermächtig" war. Doch war es für sie unzweifelhaft notwendig, Schweigen zu bewahren, weil sie an der Lage „aber auch gar nichts ändern konnte". - So weit, wenn es sich um das Gefühl der Ohnmacht handelt, kann man sie noch verstehen; aber die Lehrerin offenbart noch eindeutig eine andere Haltung:

„Irgend einmal mußte die Wahrheit ja herauskommen, irgendwann einmal die Missetaten gesühnt werden. Nur jetzt, während des Krieges - jetzt - wo alles auf dem Spiel stand, wo alles davon abhing, daß die Front und die Heimat durchhielten, durfte das Bild der Führung nicht beschmutzt, nicht der Kampfgeist geschwächt werden. Es ging ja um Deutschland! Nur jetzt nichts sagen! (...) Ein Weitererzählen hätte damals nur noch mehr Leute unglücklich gemacht, sie in größte Gefahr gebracht. Und hier konnte leider niemand helfen. Sehr peinlich, daß schon das Ausland davon zu wissen schien." (N. Frei, 2005, 158)

In diesem rückblickenden Nachdenken von Marianne B. über ihre Kenntnis von Auschwitz und ihren Umgang damit spiegelt sich weit mehr als die Wahrnehmung und Verarbeitung von  Erfahrung einer einzelnen „Zeitzeugin". „Im Grunde erscheinen ihre Ausführungen wie ein Schlüssel zu der Frage, was Auschwitz den Deutschen war: während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahrzehnten danach." (N. Frei, 2005, 158-159)

Wenn Sie dem zustimmen könnten, dass unser Leben - das Leben jedes einzelnen Menschen - ein ständiger Prozess der Veränderung, des Umdenkens und der Abkehr von dem, was uns und anderen schadet; was uns und andere zu Fall bringt; was Mitmenschen diskriminiert, was sie ausgrenzt, in die Ecke stellt. Abkehr bedeutet auch Umkehr zu dem, was sich bewährt hat; Umkehr (Buße) bedeutet, sich der wahrhaft nützenden Werte neu zu besinnen; sich erinnern daran, was „seit Menschengedenken" stets hilfreich gewesen ist - für das Individuum wie auch für die Gemeinschaft.

Die Propheten haben dabei ganz konkret das Eintreten für die Bedrückten, Elenden, Armen, Witwen und Waisen im Blick; das reicht so weit, dass man für ihre Rechte kämpfen soll.

Wer „Gott" - womöglich mit einem „Gottesdienst" - (unbedingt) dienen möchte, der möge den Benachteiligten in unserer Gesellschaft zur Seite stehen und für sie eintreten. Solche Dienste für die Schwächeren, dazu zähle ich allemal auch die Kranken und Gebrechlichen und Sterbenden, scheinen erschwert, weil wir viele Dienste durch Dienstleistungen im Prinzip ausgetauscht haben: Einrichtungen der Caritas, der Diakonie und städtische Institutionen wie auch inzwischen immer mehr private Häuser (Altenwohnheime, Pflegeheime, Krankenhäuser).

Dadurch nimmt das Engagement einzelner Menschen und sogar ganzer Familien spürbar ab. Sie fühlen sich weniger verantwortlich. Ein Arzt in einem großen Krankenhaus berichtet z.B., er habe immer wieder erlebt, dass viele Patienten kaum oder gar keinen Besuch bekommen, geschweige denn, dass ab und zu ein Blumenstrauß auf ihrem Nachttisch stünde. Schließlich hat er die Initiative dazu ergriffen. Ein Hoch auf diesen Mediziner - ein wahres Gegenbeispiel zu den sprichwörtlichen „Göttern in Weiß"!

Die gesunde Stärke einer Gesellschaft zeigt sich m.E. im Alltäglichen, im Miteinander in der Familie, am Arbeitsplatz, im Umgang mit Nachbarn, in der Bereitschaft, auch Fremden unser Ohr zu leihen. Nach meinem Eindruck stirbt die Gesprächskultur in Deutschland immer mehr ab; stattdessen widmen wir uns zum Teil mehr oder weniger gehaltvollen Talkshows.

Kindern und Jugendlichen wird häufig mit viel High Technology die digitale Welt und das schier unendliche Internet geboten, damit sie „kommunizieren" können; „facebook" u.a. lässt herzlichst, schmerzlichst grüßen! Aber führen Mama und Papa noch mit ihnen Gespräche, die mehr beinhalten als Belanglosigkeiten? Besteht eine Vertrauensebene, die den Jugendlichen ermöglicht, ihren Eltern ohne Misstrauen oder Vorbehalte zu begegnen? Ich bin selbst stolzer  Vater eines prächtigen neunjährigen Jungen und weiß, dass ich manchmal viel zu lange am PC arbeite und ihn dadurch vernachlässige. Auch hier ist Umdenken, Umkehr angesagt!

Ich freue mich immer zutiefst über und mit Menschen in unserer größtenteils sehr materiell eingestellten Gesellschaft, die nicht zuerst nach späteren Verdienstmöglichkeiten fragen, wenn es um ihre Berufswahl geht, sondern den Mut haben, ihre Gaben zu entdecken und an deren Entfaltung zu arbeiten. Wenn sie dabei Eltern haben oder sogar Lehrer, die verstehen, sie zu fordern und zu fördern, besteht die Chance, dass auch diesen Jugendlichen glückliche Menschen werden. Das scheint mir die beste Voraussetzung dafür zu sein, auch das Leben anderer Menschen im Blick zu haben und ihnen unter Umständen aufzuhelfen.

Wir müssen uns aber abkehren von der hierzulande noch herrschenden Fortschrittsideologie: „immer mehr, immer schneller - auf Teufel komm raus!" Ungebremster Wirtschaftswachstum ist eine gefährliche Wahnvorstellung. Das ist nicht allein meine Erkenntnis; sie ist Ergebnis jahrzehntelanger Forschung von ernstzunehmenden Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern: den Gürtel etwas enger schnallen; bescheidener werden, was den sog. Lebensstandart angeht.

Älteren Mitbürgern wie mir fällt schon lange auf, wie sich die „Kommunikation" verändert hat: Viele Menschen reden öffentlich über Privates, indem sie überall - auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Gebäuden - ihre Smart Phones (Handys) benutzen. Manche sind zu zweit oder in Gruppen unterwegs, sprechen aber nicht miteinander, sondern nur „mit ihrem Handy"! Für manche besteht „noch Hoffnung"; wenn ich sie anspreche und versuche, sie in eine Gespräch zu verwickeln, zeigen sie durchaus die Bereitschaft dazu.

Mit oder ohne Handy - warum sprechen wir in unserer Gesellschaft generell so wenig mit unseren Mitmenschen? Ich fahre viel mit dem Zug, habe stets einen spannenden Roman dabei, bin aber dankbar, wenn sich mit einem Fahrgast ein Gespräch ergibt. Meist beginnt es mit einer alltäglichen Bemerkung - etwa zu den häufigen Verspätungen bei der DB, oder zur Wetteränderung, oder zur hohen Temperatur im IC usw. Scheinbar urplötzlich spricht man sozusagen über Gott und die Welt, und manchmal entwickelt sich sogar ein mehr oder weniger tiefschürfendes Gespräch über Weltpolitik, Umweltverschmutzung oder Sprachen.

Natürlich bedarf es eines gewissen Feingefühls; man mag manchem als lästig erscheinen. Nicht jeder „eignet sich" als Gesprächspartner; nicht jedem bin ich ein guter Gesprächspartner. Doch glauben Sie's, oder glauben Sie's nicht: In der Regel sind die Menschen dankbar.

Liebe Gemeinde! Ich habe versucht, ausgehend von der Bußpredigt des Propheten Jesaja, mit Ihnen ein sehr ernstes, für manche vielleicht sogar anstößiges Thema rückblickend zu teilen - möge es Ihnen dennoch ein positiver Anstoß sein, damit Sie gegenwärtigen Tendenzen zum Rechtsradikalismus und anderen Menschen verachtenden, Gewalt verherrlichenden Strömen  trotzend, einen bewussten Gegenpol darstellen können.

Dann habe ich versucht, die Thematik des Buß- und Bettages auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse anhand von wenigen Beispielen zu beziehen. Sie dürften dabei bemerkt haben, dass die erforderlichen Veränderungen im Sinne eines Umdenkens und einer jeweils konkreten Umkehr gar nicht so schwierig sind. Ich hoffe, Sie darin ein wenig ermutigt und bestärkt zu haben.

Amen.



Pfarrer Thomas Bautz
Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

Bemerkung:
Hilfreiche Literatur
Otto Kaiser: Das Buch des Propheten Jesaja 1-12, ATD 17 (1981), 32-38; 38-49.
Willem A.M. Beuken: Jesaja 1-12, HThK.AT (2003), 62-69; 74-79.
Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 4 (1989), 186-202.
Friedrich Wilhelm Rothenspieler: Der Gedanke der Kollektivschuld in juristischer Sicht, Schriften zur Rechtstheorie 99 (1982), bes. 127-167 (zum Nürnberger Prozess).
Norbert Frei: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen (2005).
Heinz Nawratil: Der Kult mit der Schuld. Geschichte im Unterbewußtsein (2002).
Frank Bajohr/ Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten (2006).
Jürgen Steinle: Nationales Selbstverständnis nach dem Nationalsozialismus. Die Kriegsschuld-Debatte in West-Deutschland (1995), 92-98: Mißglücktes Schuldbekenntnis.
Günther Anders: Tagebücher und Gedichte (1985).
Reinhold Boschki/ Ekkehard Schuster: Zur Umkehr fähig. Mit Dorothee Sölle im Gespräch (1999).
Wunibald Müller: Schuld und Vergebung. Befreit leben (2005).
Lucian Farcas: Die soziale Dimension der Metanoia. Bekehrung aus der sozialen Sünde und Wandel der schuldhaften Strukturen (2002).

„Der Holocaust ist in mir“
Zentralrats-Präsident Dieter Graumann über Eltern, Erinnerung und Frankfurter Eintracht | Rhein-Zeitung, 27.01.2013 von Birgit Pielen



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