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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Buß- und Bettag, 19.11.2014

Wascht euch ! In welche Kultur möchten wir Neuankömmlinge einladen ?
Predigt zu Jesaja 1:10.16-18, verfasst von Uwe Vetter

Gesang eg. 295 

„Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit"

 

Bitte setzen Sie sich. Für den Bibeltext, der zum Bußtag heute zu Buche steht, muss man sitzen. Und sich festhalten, an der Sitzbank, oder am Nebenmann. Was ich verlese, ist nicht von mir. Das sagt der Prophet Jesaja

(Jesaja, Kapitel 1, nach der Interlinearübersetzung)

 

(10)Höret das Wort des HERRN, ihr Anführer von Sodom !

Lauscht der Weisung (Thora) unseres Gottes, Leute von Gomorra (Am Amoráh) ! ... (16) Wascht euch! Läutert euch! ...

 (17) Lernt Guttun! Suchet Recht!

Weist den Unterdrücker zurecht!

Rechtet für die Waise! Streitet für die Witwe!

(18) Kommt nur, lasst uns rechten!< sagt der HERR.

Lasst uns für etwas eintreten und persönlich geradestehen!

 

1. Sodom und Gomorra - sagt Ihnen das etwas ? Genau, das waren die Städte mit dem legendär schlechten Ruf. SoGo, das war die übelste Adresse in der alten Welt, Fellini-Kulisse[1], ein Sündenbabel, in dem es drunter und drüber ging. Vor allem Fremde waren ihres Lebens dort nicht sicher. Einmal, so erzählt die Bibel (1.Mose19), hätten sich die Männer von Sodom vor dem Hause Lots versammelt und gebrüllt, Lot sollte seine Gäste rausgeben, damit man über sie herfalle (1.Mose 19: 4,5). Übergriffe auf Gäste, zu einer Zeit, als das Gastrecht heilig war!! Die Zustände in Sodom und Gomorra schrien dermaßen zum Himmel (1.Mose 19:13), dass der es eines Tages Feuer regnen ließ und die Städte von der Karte verschwanden. Und damit kommt der Buß- und Bettag uns, in unserer wohlverdienten Mittagspause:

Höret das Wort des HERRN, ihr Anführer von Sodom ! Lauscht der Weisung unseres Gottes, Leute von Gomorra (Am Amoráh) ! ... Wascht euch! Läutert euch! ... Lernt Guttun! Suchet Recht! Weist den Unterdrücker zurecht! Rechtet für die Waise! Streitet für die Witwe! Kommt nur, lasst uns rechten!< sagt der HERR.  Lasst uns für etwas eintreten und persönlich geradestehen! - Gilt das  uns ?

2. Kommen Sie, stehen wir ein für unsere Stadt: Düsseldorf ist nicht Sodom. - Zugegeben, es ist jetzt auch nicht sooo sittsam, artig und verschlafen wie ... sagen wir Neuss[2]. Aber selbst die Düsseldorfer Altstadt ist kein Gomorra.

Obwohl, einen Berührungspunkt gäb´es schon. In Sodom gab es Fremde, Neueinwanderer, wie Lot und seine Frau, und seine beiden Töchter. Die hatten sich dort niedergelassen, ein Haus gekauft, gingen ehrlicher Arbeit nach, zahlten Steuern und Sozialabgaben und machten keinen Lärm. Und waren doch irgendwie auf dem Kieker. Als sie einmal Gäste beherbergten, sammelte sich der Mob auf der Straße und randalierte. Gebt sie raus, die Fremden, dass wir über sie herfallen! skandierten die Einheimischen von Sodom. Die Lage eskalierte bis zur Lebensgefahr.

Aber nein, auch das ist kein Berührungspunkt. Unsere Neubürger kommen aus angesehenen Herkunftsländern, zahlen klaglos Düsseldorfer Mieten und sind selbst als Wochenend-Shoppingtouristen eine Bereicherung. Ohne sie wäre Düsseldorf ein Dorf mit Flughafen. - Wer weniger zum Stadtbild gehört, das sind die Kriegsflüchtlinge, die jüngst eingetroffen sind. Sie sind da[3], aber noch nicht sichtbar, weil sie sich noch nicht ins Stadtbild trauen. Außer Lebensgefahr sind sie, mit dem Nötigsten versorgt, aber noch versteckt, sprachlos, heimwehkrank, als Familien auseinander gerissen, ohne Plan, was werden soll. Sie „halten sich auf" wie im Wartesaal, zusammen auf engem Raum mit wildfremden Menschen ähnlichen Schicksals, Leute aller Schichten, aller Bildungsstände. Da sind vor dem >Islamischen Staat< geflohene einzelreisende Frauen, da sind in Sicherheit gebrachte junge Männer, da sind verwaiste Kinder, wie mit der Post aufgegeben, nur raus aus der Gefahr... Lot hat das Haus voller Gäste. Und kennt sie nicht.

Höret das Wort des HERRN, ihr Anführer von Sodom !

Lauscht der Weisung unseres Gottes, Leute von Gomorra! ... Lernt Guttun! ...

Rechtet für die Waise!

Streitet für die Witwe!

 

3. Unsere Diakonie ist dicht dran. Seit Jahren sind dort Mitarbeiterinnen erfahren in Erster Hilfe, Zuwendung und Betreuung von Flüchtlingen. Aber das Ausmaß der Not überrennt sie. Kommt zu Hilfe, schrieben sie, geht hin, ihr Christen der Stadt, bietet euch an Kontakt aufzunehmen. Da sind Menschen, die die Not uns zu Nächsten gemacht hat. Ob die Gäste dereinst wieder heimkehren oder bei uns bleiben, es gibt ein Gebot der Stunde. Seid den Verwaisten eine Nachbarschaft. Helft den Fremden in unsere Sprache. Lasst sie herein in unsere Stadt, ladet sie ein in unser Leben. Lasst sie sehen, wie wir leben, wie wir arbeiten. Lasst sie teilhaben an dem, was uns fordert, was uns lieb und was uns heilig ist. Kommt nur, lasst uns rechten, sagt der HERR.  Zeigt, wofür ihr steht. Steht ein für das, was ihr seid. Steht gerade für das, was ihr glaubt.

 

4. Liebe Buß- und Bettag-Gemeinde, was haben wir zu bieten? Soziale Hilfe, Sprachkurse, Kleiderspenden, Unterkünfte, eine Weihnachtsgeschenkeaktion - sowas können wir, das geht. Aber in was für eine Kultur könnten die Gäste Einblick nehmen? Kultur, im ursprünglichen Wortsinn: von Pflege des Heiligen? Wie ist das mit dem christlichen Abendland, wie ist das mit uns als Kirche, wie ist das mit uns als evangelische Christinnen und Christen ? Haben wir etwas zu zeigen, das den Fremden eine Heimat von Herz, Seele und Geist werden könnte ?

 

Sie haben unsere Buß-und Bettag-Karte gesehen[4]: Johanneskirche. Davor das kleine Gespenst. In einer Schüttelschneekugel. Andenkenkitsch, so ist es gemeint. - Oder ist Satire auf den Zustand mancher Leute Christentum? Gott - ein verkramtes Andenken. Der Heilige Geist - irgendsowas Spiritistisches. Die Kirche - eine bloße Stadtansicht. Der evangelische Glaube - ein Schneegestöber aus weißen Flocken diverser spiritueller Zutaten diverser Religionen, die sich jedes Mal neu gruppieren, wenn man´s schüttelt... Was davon ist Satire, und wieviel ist wahr? Wascht euch, läutert euch! wettert der alte Prophet Jesaja, in dem Zustand könnt ihr euch vor euren Gästen nicht sehen lassen. Bringt eure Kultur auf Vordermann, damit sie zum Zuhause taugt.

Es gibt Witzeklassiker, über die lacht keiner, weil niemand mehr die Pointe entdeckt. Ein fränkischer Religionslehrer bestellt die Eltern zum Sprechtag ein, um sich über mangelhafte Kenntnisse ihres Sohnes zu beschweren. ´Neulich ist der Junge wieder völlig blank gewesen, und da sei es immerhin darum gegangen, dass unser Herr Jesus gestorben ist`. Die Eltern winden sich eine Weile, dann sagt der Vater: ´Sie müssen schon entschuldigen, aber wir haben ja nicht einmal gewusst, dass er krank war`.

Wissen und Sprachfähigkeit der Christen, wenn´s um den eigenen Glauben geht, sind wartungsbedürftig. Praxis Pietatis, also das, was Menschen vom Christentum miterleben, wenn sie neben uns wohnen, oder uns besuchen, und mit uns am Tisch sitzen, und einen Abend über Gott und die Welt reden, Praxis Pietatis ist eine Rarität. In was für eine Kultur geraten Neuankömmlinge ? Ist es geistliche weiß-nichts-, glaub-nichts-, sag-nichts- und habe-nichts-Verlegenheitskultur? Erleben die Gäste hier Schneekugelchristentum und ohne-mich-Kirche? - Wer jetzt sagt: Was will der von mir? Für so etwas haben wir doch Zuständige und Experten! den erwischt Jesaja beim Rockzipfel. ´Am Amoráh`, Volk der Stadt, Bürgerinnen und Bürger, ihr seid Kulturträger. Jeder einzelne ist es, der den Unterschied macht, zum Guten. Kommt, sagt der HERR. Zeig Mir, wofür du stehst. Wofür du einstehst.

5. Ach ja, da wäre noch etwas: Die Leute von Sodom wussten nicht, wer die beiden Fremdlinge waren, im Hause Lots. Wissen Sie, wer die beiden Gäste bei den Lots waren? - Es waren wahrhaftig zwei Engel Gottes. - Zwei. Nicht mehr. Erwarten wir also nicht, dass alle Flüchtlinge Engel sind. Niemand wird ein besserer Mensch, bloß weil er Schlimmes erlebt hat. Und trotzdem sollten wir den Hinweis aus der Bibel ernst nehmen. Wer weiß das schon, vielleicht sind unter den Gästen wahrhaftig  ein paar, die der Himmel schickt.

Amén.



[1] „Die letzten Tage von Sodom"

[2] Angeblich steht im Neusser Stadtwappen „Wer schläft, sündigt nicht", auf Latein, damit es niemand versteht. Aber das ist sicher nur ein sardonisches rechtsrheinisches Gerücht.

[3] Zweitausend werden es zu Weihnachten 2014 in Düsseldorf sein.

[4] Der Einladungsflyer hat zur Bildunterschrift: Schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen ? http://www.johanneskirche.org/



Pfarrer Dr. Uwe Vetter
Düsseldorf
E-Mail: uwe.vetter@evdus.de

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