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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reformationstag, 31.10.2007

Predigt zu Jesaja 62:6+7+10-12, verfasst von Friedrich Weber

Liebe Gemeinde,

vor wenigen Tagen wurde Saul Friedländer in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. In seinem Buch „Wenn die Erinnerung kommt" schreibt er von den seltsamen und erschütternden Wegen und Umwegen seines Lebens. Geboren als Kind deutsprachiger Prager Juden überlebte er im Schutz eines französischen katholischen Internates unter dem Namen Paul-Henri Ferland den Holocaust. Tief berührt vom Katholizismus, der ihm Fluchtpunkt und Trost gewesen war, begab er sich auf den Weg zur Priesterweihe. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn ein Pater der Jesuitenschule in St. Etienne half ihm, an die eigene Vergangenheit anzuknüpfen und trotz aller Brüche seine jüdische Identität wieder zu entdecken.
Wie schwer und oftmals verwirrend das gewesen sein muss beschreibt Friedländer in einer kleinen Szene. Eben das eigene Judentum entdeckend, war er zu Jom Kippur bei einer Pariser Familie eingeladen. Doch es war ihm unmöglich, während des Seder Fleisch zu essen. Zur Bestürzung seiner Gastgeber begründete er seine Zurückhaltung damit, dass doch Karfreitag sei...

Friedländer blieb nicht in Europa, sondern wanderte kurz nach dem 2. Weltkrieg, 14 Tage vor seinem Abitur nach Palästina aus, um für einen eigenen jüdischen Staat zu kämpfen. Der großen Katastrophe des europäischen Judentums nur knapp entronnen, prägte nun die Friedlosigkeit der Region im Nahen Osten sein Leben und dass seiner Kinder.
Für die - und andere -ringt er sich seine Erinnerungen ab, nicht als chronologische Autobiographie, sondern aufscheinend im Spiegel der Gegenwart. Spürbar fällt ihm dies Buch schwer. Saul Friedländer hat ihm ein Wort von Gustav Meyrink vorangestellt: „Allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung. Wissen und Erinnerung sind dasselbe." Dessen eingedenk sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Gottfried Honnefelder in seiner Begrüßung zur Preisverleihung: „Wenn Frieden ein Zustand ist, den wir den Brüchen und Spannungen, den Verdrängungen und Ausgrenzungen und ihren zerstörerischen, Tod bringenden Folgen abringen müssen, dann ist nicht das Vergessen und die Verdrängung der Weg zum Frieden, sondern das erinnernde Wissen."
Erinnern und wissen.

Prägt das nicht auch unseren Umgang mit unserem Glauben?
Erinnern und wissen macht Menschen urteils- und friedensfähiger.
Darum ist uns das Erinnern und Aktualisieren und Durchbuchstabieren als Handlungsoption gegeben. Der Reformationstag macht dies in besonderer Weise deutlich, denn wir begehen heute einen historischen Anlass, dessen Feier in unseren Gemeinden sehr zu Unrecht immer weiter in den Hintergrund gerückt ist. Es gilt aber den Reformationstag und seine Bedeutung für unsere Kirche und damit auch unser eigenes Leben festzuhalten: schließlich nagelte Martin Luther seine 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirchentür, um seine Zeitgenossen wach zu rütteln und zu zwingen, sich auf die Wurzeln ihres - unseres Glaubens zu besinnen!

Luther konnte damals nicht ahnen, welches gewaltige Echo diese berühmten Schläge in Europa haben würden und ganz sicher hat er keineswegs solch dramatischen Konsequenzen, wie es Kirchenspaltung, Bauern- und Konfessionskriege waren, provozieren wollen. Es ging dem Theologen nicht um Aufruhr und Widerstand, sondern um die Freiheit des Christenmenschen, um den Kern der guten Nachricht.
Luther tat mit seinem Thesenanschlag nichts anderes, als gehorsam und konsequent das Amt eines Mahners und Wächters über Gottes Wort aus auszuüben - gegen alle Versuche, es zu beugen und zu biegen.
Es ging ihm um das Festhalten und Erinnern dessen, was uns prägt und trägt und Zukunft schenkt - die Wertschätzung der Sakramente und der Heiligen Schrift, der Gemeinschaft in der christlichen Gemeinde, der Rechtfertigungslehre. Und es s ging ihm um das Wissen und Verstehen - dafür sprach und schreib und predigte er deutsch.

Wir haben längst gelernt, dass ein solcher Thesenanschlag damals nicht viel mehr war als eine x-beliebige Verlautbarung am schwarzen Brett. Und trotzdem dröhnen uns die Hammerschläge vor 490 Jahren noch immer in den Ohren. Zeigt das nicht an, wie nötig sie waren?
Denn damals wie heute stand zu befürchten, dass die Menschen vergessen, was ihnen durch Jesus Christus verheißen ist. Damals wie heute fanden Menschen keine eigenen Wege mehr zu Gott oder trauten ihnen nicht und wurden so verführbar für einfache Wahrheiten und bequem konsumierbare Lösungen, die uns letztlich nur immer weiter von dem entfremden und entfernen, was Gott uns längst schon geschenkt und zugedacht hat.
Also erinnern! Und zurück zu den Wurzeln, zurück zu den alten Worten, zurück zu der alten Erfahrung, dass Kirche sich immer wieder verändern und reformieren muss, dass Christen immer wieder neu Glaubenswege durch ihre Welt und ihre Zeit suchen müssen.
Wie schwer das ist, zeigt Luthers mühsames Ringen um einen gnädigen Gott ebenso wie Friedländers chamäleonartiges Wandern durch religiöse Identitäten.
Weil das schwer ist, brauchen auch wir Anstöße wie diesen Tag heute, Anlässe, die uns mahnen, nicht zu vergessen, damit wir nicht verloren gehen.

Im Predigttext für diesen Tag heißt es bei Jesaja:
O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen.
Aufstörend, wie Luthers Hammerschläge gewesen sein müssen, wirken auch diese Worte. Sie machen rast- und ruhelos - und wollen das auch.
Jesaja schickt seinen Weheruf über Jerusalem aus und angesichts der ewigen Unruhe in der uralten Stadt, mag es einen schaudern, wie wahr diese Worte geworden sind - wie sehr ihre Wirklichkeit das Leben der Menschen bestimmen.
Aber auch fernab von Jerusalem hören wir seine Worte.
Und sagt er uns nicht:
Auch eure Städte und Dörfer, eure Kirchengemeinden (und seien sie manchmal noch so klein) auch ihr braucht Wächter, die nicht nachlassen, zu erinnern und an die Türen zu klopfen und gegen das Vergessen zu reden, damit Gottes Wort und seine Verheißung unter uns lebendig bleibt.

Erinnern und wissen: Reformationstag.
Seine Texte sind angefüllt mir Protest und Verheißung, denn es klingt der nahe Advent an, wenn Jesaja weiter sagt:
Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg!
Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!
Denn man wird sie nennen »Heiliges Volk«,»Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.
Ein Prophetenwort, das stört und Zukunft birgt - beides.
Und jeder Einzelne von uns, wird etwas anderes darin hören:
Den Trost, das uns das Heil nahe ist.
Die Zusage, dass es Gott und niemand sonst sein wird, der uns erlöst von allem, was schmerzt und scheucht und quält und entfremdet.
Die Hoffnung, dass Frieden sein wird - auch und gerade dort, wo er so schwer zu erringen ist.
Siehe, dein Heil kommt!
Lassen Sie uns die alten Worte immer neu durchbuchstabieren, damit sie uns und unseren Kirchen leben helfen!

Noch einmal Saul Friedländer: „Es sind die überlieferten, durch Jahrhunderte hindurch wiederholten Worte, die dem allgemeinen Symbol seine besondere Kraft verleihen, ... die die Verwurzelung in der Geschichte und in der Zeit zum Ausdruck bringen. Es sind die überlieferten Worte, die - da sie niemals völlig eindeutig sind, stets der Exegese und Erklärung offen stehen - die Türen öffnen... und es auch dem Einfachsten ... ermöglichen auf seine Weise...zu begreifen"
Amen.

Friedländer, S., Wenn die Erinnerung kommt, München 1998, S. 158.



Dr. Friedrich Weber
Landesbischof
Wolfenbüttel
E-Mail: marlene.rossmann.lka@lk-bs.de

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