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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 18.11.2007

Predigt zu Jeremia 8:4-7, verfasst von Christian Stasch

Sag zu ihnen: So spricht der Herr: " Wenn jemand hinfällt, steht er dann nicht schnell wieder auf? Wenn jemand vom Weg abkommt, kehrt er nicht gleich wieder  um?
Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für immer? Sie halten so fest am Betrug und wollen  nicht umkehren.
Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan!
Sie laufen alle ihren Irrweg weiter - wie ein Pferd, dass in den Kampf stürmt.
Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen. "


Liebe Gemeinde !
Bei einem guten Kinofilm bleiben einem einzelne Szenen, einzelne Bilder ganz besonders haften. Die nimmt man mit. Die behält man in sich und denkt drüber nach.
Unser Predigttext ist wie so ein Kinofilm, mit vier griffigen einprägsamen Bildern.
Zwei Bilder aus dem menschlichen Bereich und zwei aus dem Tierreich..

Das erste Bild, das der Prophet Jeremia uns zeigt :
Ein Mensch fällt hin.
Platsch.
Kennen wir.
Ist uns auch schon passiert.
Jetzt im November - auf nassem Laub ausrutschen,
oder: an einer Bordsteinkante stolpern.
Ein Mensch fällt hin.
Und was tut er: Klar. Das Normale. Er steht wieder auf.
Oder?

Zweites .Bild: Ein Mensch verläuft sich. Verrennt sich.
Wo ist in Einbeck bitte schön das „Petersilienwasser"?
Hat jemand schon mal „Hören" gesehen?
Wo war doch gleich der „Kükenschnipp"?
Man kann sich verlaufen, auch in einer Kleinstadt.
Als meine Frau und ich im Jahr 2000 zum  ersten mal nach Einbeck kamen,
sonntags morgens,
mal unauffällig in die Kirche zum Gottesdienst gehen, dort wo bald eine Pfarrstelle frei wird.
Gucken kostet ja nichts.
Leider: Erst mal in Einbeck verfahren, Im Dschungel der Einbahnstraßen,
dann das Auto abgestellt,
Stiftskirche wird ja wohl die da sein, im Stiftsgarten.
Hinrennen, gerade noch geschafft, kurz vor 10,
in Schaukasten gucken: Oh, Katholische Kirche St.Josef.
Mhm, auch nicht schlecht, aber da wollten wir nicht hin.

Also. Ein Mensch verläuft sich.
Und - tut das Normale: versucht einen Richtungswechsel, eine Korrektur.
Läuft nicht blindlings weiter, in die falsche Richtung.
Oder?

Oder macht er es etwa  wie ein Pferd im Kampf,
ein Schlachtross,
(womit wir beim dritten Bild des Jeremia wären),
Scheuklappen links und rechts,
von Zurücklaufen keine Spur,
das hat man dem Schlachtross nämlich abtrainiert.
Es gibt nur eine Richtung:
Volle Kraft voraus,
auf in den Kampf,
komme was da wolle.

Was sollen diese Bilder - denkt sich das Jeremia-Publikum vielleicht.

Doch der bietet sein viertes Kino-Bild an:
Zugvögel: Storch und Taube,  Kranich und Schwalbe.
Zugvögel kennen nicht nur eine Richtung, in die sie immer weiter fliegen,
sondern die hören auf ihre innere Uhr,
auf ihren Instinkt,
die haben ein Gespür für gedeihliche Lebensbedingungen.
Die haben das Zurückkehren können in sich.
Das Umkehren können.

Jeremias Bilder sind drei Umkehr-Bilder und ein Weiter-so-Bild.
Der Mensch der hinfällt und umkehrt, nämlich aufsteht.
Der Mensch, der sich verläuft und umkehrt, nämlich in eine neue Richtung.
Der Zugvogel, der umkehrt und wieder zurückkommt.
Und dem gegenüber,
das Schlachtross,
dass nur eine einzige Richtung kennt und sonst gar nichts.
Und diese eingeschlagene Richtung auch nicht weiter überprüft.


2.
Für wen sind diese vier Bilder bestimmt? Für welches Kino-Publikum?
Jeremia zeigt die Bilder seinem Volk, dem Volk Israel.
Und er tut es fassungslos, kopfschüttelnd::
„Das, was normal wäre, das, was natürlich wäre, das tut ihr gerade nicht."  sagt Jeremia ihnen. „Ihr seid auf dem falschen Weg und wollt es nicht wahrhaben. Ihr merkt nicht, wann es Zeit ist, umzukehren wie die Vögel.  Für Gott, seine Gebote und für eure Mitmenschen habt ihr kein Auge mehr. Die Wahrheit tretet ihr mit Füßen, und ihr meint, dass alles in Ordnung sei. Wie mit Scheuklappen rennt ihr stur geradeaus. Niemandem tut seine Bosheit leid, niemand von euch spricht: "Was habe ich doch getan?"

Deutliche, kritische Worte.
Jeremia hat damals keinen Applaus bekommen
und keinen Filmpreis erhalten von den ersten Zuschauern und Zuhörern,
er hat Entrüstung geerntet.
„Dieser Miesmacher, Nörgler, Querulant!  Was fällt dem ein, alles schlecht zu reden."
Einmal warfen sie Jeremia sogar in eine Zisterne, einen tiefen gemauerten Speicher für´s Regenwasser.
Der kritische Jeremia - mundtot gemacht, Maulkorb statt Lorbeeren.
Kritische Stimmen kommen halt oft nicht gut an.


3.
Und wie ist das,  wenn dieser Film auch heute gezeigt wird, diese vier Bilder?
Hinfallen und liegen bleiben?
Irrweg und nicht umkehren?
Wie ein Schlachtross in die Schlacht laufen?
Statt umzukehren ein dumpfes: „Weiter so"?
Trifft das ins Schwarze?
Rüttelt es wach?

30 Jahre ist er mittlerweile her,  der „Deutsche Herbst". 1977.
Ich war damals 10 Jahre alt und es war so ziemlich das erste, was ich politisch mitbekam.
Die Rote Armee Fraktion entführte damals den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer, tötete  seine Begleiter, entführte ihn und später ein Charter-Flugzeug, alles um Gefangene aus Stuttgart-Stammheim freizupressen.
Vor 9 Jahren hat sich die RAF aufgelöst, und hat dazu ein achtseitiges Schreiben verfasst. Von Selbstkritik, von Reue, von Mitleid für die insgesamt 61 Todesopfer des ist darin keine Spur.

Wir denken an diesem Tag heute an Opfer von Kriegen und von Gewaltherrschaft.
Denken daran, dass in der NS-Zeit ein Grossteil der Deutschen wie ein Schlachtross mitgelaufen ist, kritisches Denken oder Nachfragen ausschaltete und sich verführen ließ, schnurstracks in Richtung Untergang.
Die normale Reaktion, wie sie uns Jeremia zeigt: Umkehren, wenn man sich festgerannt hat, funktionierte nicht mehr.
Und viel zu wenige waren da, die sagten: „Was haben wir da nur getan?"

Aus dem, was gewesen ist, wollen wir Heutigen unsere Lehren ziehen und uns dafür einsetzen, dass sich ähnliches nicht wiederholt.
Es gibt heute aber Kräfte am rechten Rand, die da nahtlos weitermachen wollen.
„Den Holocaust hat es so nie gegeben. Alles Lüge." Sagen sie.
Oder: „Ausländer raus. Deutschland den Deutschen."
Gut und couragiert, wenn in Städten wie Göttingen eindeutig Stellung bezogen wird gegen Neonazis und Menschen auf die Straße gehen.
Gut und couragiert, wenn der Chef eines großen Hotels in Dresden, des „Holiday Inn", auf eine Buchungsanfrage der sächsischen NPD-Abgeordneten wie folgt reagiert: „ Wir sind erstaunt, dass Sie ausgerechnet ein Hotel mit einem ausländisch klingendem Namen bevorzugen. Da Sie in unserem Hause nicht willkommen sind und ich es auch meinen Mitarbeitern nicht zumuten kann, Sie zu bedienen, haben wir hotel.de gebeten, die Buchung zu stornieren. Sollte dies aus vertraglichen Gründen nicht möglich sein, darf ich Sie darauf hinweisen, dass ich sämtliche in unserem Hause durch Sie getätigten Umsätze unmittelbar als Spende an die Dresdner Synagoge weiterleiten werde." (SZ 27./28.10.07)

Bei RAF und Neonazis sind wir uns vielleicht schnell einig:
Die Unfähigkeit, sich eigene Schuld einzugestehen
Die Unfähigkeit zur Umkehr,
korrekturresistent.


4.
Aber wir selbst, liebe Gemeinde?
Treffen sie uns persönlich, die Worte des Jeremia, seine lebensnahen Bilder?

Wie ist das mit dem Klimawandel und unserer Lust an Flugreisen und an immer mehr Elektrogeräten?
Wie ist das mit den unterbezahlten Kaffeepflückern in Brasilien uns unserem Kaffeedurst und unserem Wunsch, dafür möglichst wenig Geld ausgeben zu müssen?
Wie ist das mit dem viel beklagten Traditionsabbruch und unserer eigenen spirituellen Krise, damit, dass wir uns so schwer tun mit Stille, mit Beten, mit dem Hören auf Gott ? 
An den großen Themen heute sind wir mit beteiligt. Mit hinein verwickelt.

Und in unseren alltäglichen Lebensbezügen?
Unseren privaten Beziehungen?
Das Paar, das vor sich hinlebt, mit viel Eingefahrenem nach langen Ehe-Jahren, und wo einer wenig auf den anderen achtet ...
Das komplizierte Gefüge zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter ...
Die Geschwister, die sich nach dem Tod der Eltern in die Haare gekriegt haben ...
Persönliche Irrwege und Sackgassen sind uns nicht fremd.
Sie scheinen zu unserem Leben dazu zu gehören.

Schauen wir noch einmal auf Jeremia.
Die göttlichen Bilder, die Jeremia aufbietet,
gestehen uns sozusagen ein  „Recht auf Irrtum" zu,
ja sogar ein „Recht auf Schuldigwerden".
Es geht nicht um Perfektion.
Um die zaghafte Sorge: „Bloß keinen Fehler machen."
Wer immer Angst hat, Fehler zu begehen, der rührt bald gar keinen Finger mehr.
Man könnte ja was falsch machen.
Nein. Fehler machen, Irrtümer begehen,
in Sackgassen geraten - das ist Teil unseres Lebens.
Problematisch wird es erst dann,
wenn man in der Sackgasse drin bleibt.
den Blick nach links und rechts verweigert.
Wenn man sagt:
„Ich hab recht, und sonst niemand."
„Und umkehren können ja andere."

Die Bilder des Jeremia zeigen uns.
Irrwege kommen vor.
Und: Umkehren ist möglich.
Gott
mit offenen ausgebreiteten Armen,
freut sich
über jeden,
der umkehrt
zu ihm.

So wünsche ich uns
an diesem Volkstrauertag
die Fähigkeit zum kritischen Zurückblicken,
zum Lernen aus Fehlern,
und ich wünsche uns
ein getrostes nach vorn Blicken,
von Gott begleitet.

Amen.



Pastor Christian Stasch

E-Mail: christian.stasch@evlka.de

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