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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 18.11.2007

Predigt zu Jeremia 8:4-7, verfasst von Andrea Palm

Liebe Gemeinde!

Sehnsüchtig blickten die beiden Kinder in meinem Auto auf die Lichter des Rummelplatzes, als wir vom Kinderchor nach Hause fuhren. Sie erzählten einander von Rummelplatzerlebnissen und seufzten: Es ist halt so teuer. Bloß montags, am Familientag, kosten die Attraktionen nicht so viel. Aber wer hat schon am Montag Zeit? „Eigentlich", sagte Alisa, „müssten die sonntags Familientag machen!" „Ach Alisa," lachte ich, „das gute Geschäft am Sonntag lässt sich doch keiner entgehen!"

Eigentlich, dachte ich dann, hat sie ja recht. Eigentlich wäre es eine tolle Sache: An dem Tag, an dem alle Zeit haben,  geht die Familie auf den Rummelplatz, die Kinder dürfen nach Herzenslust Boxauto und Geisterbahn fahren und die Eltern haben kein schlechtes Gewissen wegen des Geldes.

Eigentlich könnten wir besser, friedlicher, lustiger, ehrlicher und verantwortungsvoller zusammenleben. Aber irgendwie scheint das nicht zu gehen...

Eigentlich dürfte ich diese Dreckschleuder nicht mehr fahren. Eigentlich sind diese Billigflüge ja gar nicht gut für die Umwelt. Eigentlich weiß man ja, dass unser Schulsystem nicht gerecht und auch nicht mehr zeitgemäß ist. Eigentlich.....eigentlich fällt uns genug ein, das sich ändern müsste. Es fällt uns sogar einiges ein, das wir selber ändern könnten. Wenn das nur nicht so mühsam, so unbequem, so ganz und gar undenkbar wäre!

Unser Predigttext heute steht im Buch des Propheten Jeremia. Ein Leben lang verkündigt Jeremia seinem Volk das Wort des Herrn. Ändert euer Leben, sagt er. Ändert es, oder es wird ein böses Ende nehmen. Beherzigt, was Gott euch sagt, oder ihr werdet in euer Unglück rennen.

Aber es ändert sich nichts.
Ich lese Jeremia 8,4-7

Sprich zu ihnen: So spricht der Herr:
Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde?
Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?
Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für?

Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.
Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden.
Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan!
Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in die Schlacht dahinstürmt.
Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen;
aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.

Manchmal müssen wir beim Bibellesen einen großen Sprung in die Vergangenheit machen, damit wir überhaupt verstehen, um was es geht. Diese Verse klingen erschreckend aktuell. Springen wir trotzdem zurück in die Zeit des Jeremia. Vielleicht können wir lernen aus der Vergangenheit und es doch besser machen!

Was ist es denn, was Gott so aufbringt gegen sein Volk?
Sie bereuen ihre Bosheit nicht. Sie sagen nicht die Wahrheit. Sie halten fest am falschen Gottesdienst.

Ihr seid etwas Besonderes, hat Gott zu seinem Volk gesagt. Ich liebe euch. Ich freue mich an euch, ihr seid mein Ein und Alles, meine Geliebte, mein Augapfel, meine Kinder. Wenn es um euch geht, dann gebe ich, der heilige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, mich meinen Gefühlen hin. Wenn es um euch geht, dann werde ich, der Ewige, schwach, verletzlich, empfindlich, parteiisch.

Ihr seid etwas Besonderes, hat Gott zu ihnen gesagt, und das soll man euch auch ansehen! Ihr seid meine Lieben und das sollt ihr auch ausstrahlen!
Und darum hat Gott seinem Volk Gebote gegeben. Einen Rahmen, in dem sie sich bewegen sollten. Und der sich knapp und klar zusammenfassen lässt: Achtet aufeinander, vor allem aber auf die Schwachen unter euch. Übernehmt Verantwortung füreinander. Seid ehrlich. Liebt Gott und liebt eure Nächsten.

Es ist so einfach, denkt Gott. Sie werden füreinander einstehen und sie werden mich an ihrer Seite wissen. Sie werden ein Licht sein unter den Völkern, ein strahlendes Vorbild für andere - die ersten, die so leben, wie ich mir die Menschen gewünscht habe.

Aber jetzt, ach was, schon lange ist er bitter enttäuscht. Denn sein geliebtes Volk ist eben nicht besser als alle anderen. Sein Traum vom Menschen, der weiß, was gut ist und der tut, was er weiß, erfüllt sich nicht. Natürlich besuchen die Menschen in Jerusalem Gottesdienste. Die einen gehen zu den Nachbarvölkern und feiern deren prachtvolle Kultfeiern mit. Die anderen gehen in den Tempel und bringen Opfer und singen Psalmen. Aber alle lassen sich in diesem Gottesdiensten beruhigen. Sie bringen ihre Opfer und kaufen die Gunst der Götter. Sie bezahlen ihre Tempelsteuer und kaufen beschwichtigende Predigten: Alles wird gut, sagen zufriedene Priester.

Und dann geht man wieder zurück in die Stadt in das Leben, in dem Verantwortung klein- und Eigennutz großgeschrieben wird. Gewinnsucht und Lüge prangert Jeremia an, Gewalt und Ehebruch, Rechtlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber denen, die Hilfe nötig hätten. Sie sind die wahren Gottheiten im Land. Wie lange werden sie ihre schützende Hand noch ausbreiten über ihre Gläubigen?

Nicht mehr lange, sagt Gott. Er wird es auch nicht tun. Denn ihn haben sie doch schon lange entlassen. Aber er versteht die Menschen in Jerusalem nicht. Jemand, der hinfällt, sieht doch zu, dass er wieder aufsteht. Jemand, der sich verirrt hat, will doch so schnell wie möglich wieder auf den richtigen Weg kommen. Warum kehren sie nicht um, die irre geleiteten Menschen? Warum sehen sie nicht, dass sie in ihr Verderben rennen? Warum denken sie nicht darüber nach, dass eine Gesellschaft auf die Dauer nur dann Bestand haben kann, wenn Frieden und Gerechtigkeit herrschen?

Es ist nicht mehr lange gut gegangen. Das Land Judäa wurde erobert, die Stadt zerstört, die Überlebenden wurden verschleppt. In den Weinbergen und Gärten wuchsen die Brennnesseln und da, wo zuvor schicke Partys und eindrucksvolle Kulte gefeiert worden waren, herrschte nun Totenstille. 

Aber Jeremia hat überlebt und seine Stimme spricht immer noch. Ob wir besser zuhören als seine Zeitgenossen?

Ich habe mich umgesehen bei euch, sagt er. Ihr habt schöne Kirchen. Ich freue mich, dass ihr immer noch Psalmen betet und von Gerechtigkeit und Liebe sprecht. Aber ich fürchte, ihr dient in Wirklichkeit anderen Göttern.

Euer Gesetz ist das Gesetz des Marktes. Geschäfte werden mit dem abgeschlossen, der am billigsten ist, auch wenn ihr euch denken könnt, dass er keine Gerechtigkeit kennt.
Euer Recht ist das Recht des Stärkeren. Wer keine Lobby hat und kein Geld, der hat es schwer, zu seinem Recht zu kommen.
Eure Sprache ist eine Sprache voller Lügen. Ihr habt schöne Worte erfunden für traurige Wahrheiten und ihr seid Meister im Weghören und im Verschleiern.
Ihr erkennt, dass eure Bequemlichkeit das Klima verändert hat und dies viel Elend und Schrecken zur Folge haben wird. Was tut ihr dagegen?
Opfer sollen bei euch diejenigen bringen, die sowieso nichts mehr zu verlieren haben. Gewalt ist offenbar an der Tagesordnung. Kinder und Alte werden vernachlässigt -

HALT, Jeremia, halt.

So einfach ist das nicht. Du kannst doch uns paar Fromme, die wir heute morgen in der Kirche sitzen nicht anklagen für alles, was in unserer Welt heute verkehrt ist! Meinst du, dass wir das alles gut finden? Wir leiden doch auch darunter! Wir hätten es gerne anders! Wir wollen Gott dienen und seine Gebote halten! Es ist bloß so schwierig und kompliziert! Wir sind doch selbst verwoben in diese Gesellschaft und können und wollen nicht abseits von ihr leben!

Das mag sein, gibt Jeremia zu. Er, der Prophet aus lang vergangener Zeit hat nicht die Aufgabe, uns zu sagen, wie wir leben sollen. Er soll Unruhe stiften. Totgeschwiegenes aussprechen. Lügen aufdecken. Er soll provozieren. Unverrückbare Wahrheiten durcheinander schmeißen.  Und uns an unsere Bestimmung erinnern.

Glaubt ihr, es ist für den Kranich, die Taube, die Schwalbe so einfach, ihren Weg zu finden? Wie viele Hindernisse und Schwierigkeiten muss ein Zugvogel bestehen, bis er am Ziel ankommt? Und doch kennt er seinen Weg, seine Zeiten, seine Bestimmung. Unsere Bestimmung ist es, nach Gottes Willen zu leben.

Gott hat für uns vorgesehen, dass wir gut, friedlich, fröhlich, ehrlich und verantwortungsvoll zusammenleben. Nicht „eigentlich", sondern wirklich! Gott hat für uns vorgesehen, dass wir zuerst den Menschen sehen. Die Kinder, die mit ihren Eltern einen lustigen Sonntagnachmittag haben wollen. Die Arbeitenden, die, überall in der Welt, gerechte Löhne brauchen. Die Überforderten, die jemanden brauchen, der ihnen zuhört, rät, unter die Arme greift. Die kleinen Migrantenkinder, die genauso neugierig sind wie alle anderen. Diejenigen, die das nächste Hochwasser, den nächsten Erdrutsch, den nächsten Wirbelsturm zu fürchten haben. Sind sie uns nicht näher als das Wochenende in Barcelona, als eingefahrene Strukturen und Handelsbeziehungen und Haushaltsposten?

Das ist es, sagt Jeremia. Eure Bestimmung ist es, Mensch zu sein. Miteinander und füreinander Mensch zu sein. Das Schwierigste und Einfachste, was es gibt, hat Gott für euch vorgesehen.

Übrigens: Umkehren kann man immer. Gott wartet auf euch.

Amen.



Pfarrerin Andrea Palm
Täferrot, Dekanat Schwäbisch Gmünd
E-Mail: aup.palm@t-online.de

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